Monika Litschko

So sieht meine Seele aus

So sieht meine Seele aus.

 

„Was malst du da, Linda?“, fragt eine Stimme, direkt hinter ihrem Rücken.
„Das ist meine Seele“, antwortet Linda dem fremden Wesen.
„Woher weißt du, wie deine Seele aussieht?“

„Ich weiß es einfach.“
„Aber was du malst, ist nur ein umgekehrtes S, mit vielen kleinen Strichen durch.“
„Das ist die Last, die ich trage“, antwortet Linda traurig. „Sie wollen mich nicht mehr, und sie sind froh, wenn ich endlich gehe. Ich habe es gehört. Und wer bist du?“
„Ich bin ein Türwächter“, antwortet das unsichtbare Wesen. „Und ich würde mich sehr freuen, wenn du dir wünschen würdest, mich zu sehen.“
„Ich wünsche mir, dass ich dich sehen kann“, flüstert Linda in den leeren Raum und dreht sich auf die andere Seite ihres Bettes.

„Wie siehst du denn aus!?“, ruft sie verwundert. Linda muss laut lachen. Vor ihr steht ein Mann mit schwarzen Haaren. Er trägt einen weißen Anzug, und in seiner Hand hält er einen Schlüssel. „Willst du zu einer Hochzeit?“
„So ungefähr“, antwortet der Mann und setzt sich zu ihr auf das Bett. „Warst du schon einmal auf einer Hochzeit, Linda?“
„Nein, sie nehmen mich nie mit, denn ich bin hässlich und krank.“
Der Türwächter streichelt ihre Hand. „Wer sagt das?“
Linda spricht ganz leise, so als hätte sie Angst vor ihnen. „Sie sagen es. Ich höre es immer und immer wieder. Manchmal gehen sie hier her, dann kann ich sie sehen und riechen. Aber sie fragen mich nie, ob ich mit ihnen gehen möchte. In meinen Träumen sehe ich Gesichter und höre Stimmen. Sie sehen mich an und sagen: „Das arme Ding, es wäre besser sie ginge von dieser Welt, das macht mich traurig.“

„Warum sagen sie so etwas? Hast du etwas getan, was du nicht hättest tun dürfen?“
„Ich weiß es nicht“, antwortet sie gequält. Linda muss weinen. „Ich weiß es wirklich nicht. Weil ich krank bin? Ich habe einen kaputten Rücken und kann schlecht sehen. Außerdem bekomme ich sehr schlecht Luft.“
Der Mann mit dem weißen Anzug schaut Linda nun ganz tief in die Augen. „Kannst du mich denn sehen?“, fragt er und bewegt dabei seine rechte Hand, direkt vor ihrer Nase hin und her.
„Ja, das ist merkwürdig,“, stottert sie. „Ich kann dich sehen. 
"
Wenn das so ist, steh auf und bewege dich“, fordert er sie auf.
„Dann ersticke ich und laufen kann ich auch nicht“, antwortet sie trotzig.
„Ach, was du nicht sagst. Du kannst nicht laufen, kaum sehen und Luft bekommst du auch schlecht. Mich kannst du aber sehen. Kommt dir das nicht sehr merkwürdig vor? Komisch, du stehst ja schon.“
Linda schaut ihn entsetzt an. Aber es stimmte, sie stand vor ihrem Bett. Bevor sie etwas sagen kann, ergreift der Türwächter wieder das Wort. „Möchtest du nicht wieder das Licht sehen, Linda? Oder herumtollen mit anderen Kindern? Möchtest du ganz gesund werden? Wenn du es wirklich willst, nicke einfach.“
Linda nickt. Es gab nichts, was sie sich Sehnlichster wünschte. Ja, sie wollte heraus aus der Einsamkeit, hinaus in das Licht.
„Dann werde ich dir jetzt sagen, wer ich bin. Also höre mir ganz genau zu,“ flüstert er liebevoll und in seinen Augen lodert ein helles Feuer. „Ich werde dir zeigen, wer du warst. Also sieh ganz genau hin. Schau in meine Augen und merke dir, was du siehst. Bist du bereit?“

Linda nickt und schaut in seine Augen. Vor ihr läuft ein Film ab. Sie sieht eine Frau und einen Mann. Sie sind Eltern geworden, aber nicht glücklich. Die Frau weint und der Mann weint mit ihr. Eine alte Frau beugt sich über das Kind und sagt: „Das arme Ding, es wäre besser es ginge von dieser Welt.“ 
„Du liebtest sie“, kommentiert der Mann in Weiß das Geschehen. „Aus Liebe und um ihnen Kummer zu ersparen, bist du wieder gegangen. Da fügtest du dir die erste Kerbe in deinem Rückrad zu.“
Linda sieht noch mehr. Der Mann und die Frau sind so glücklich. Das Schicksal hatte es gut gemeint und ihnen noch einmal die Chance auf ein Kind geschenkt. Doch die Frau ist auch voller Sorge und angst, dass auch dieses Kind krank sein könnte.
„Deine Seele spürte diese Angst und beschloss wieder zu gehen“, erklärt der Türwächter. „So bekamst du deine zweite Kerbe. Das letzte Mal, als du zurückkamst, warst du bis zu deinem achten Geburtstag sehr tapfer. Aber deine Kraft reichte nicht zum Bleiben. So entstanden die letzten Kerben, die dir Seelenschmerzen bereiteten.“

Linda schaut ihn immer noch an. „Wenn ich nicht zu Hause in meinem Zimmer bin, wo bin ich dann?“
Der Mann sieht sie lange an, bevor er antwortet: „Du bist im Niemandsland. Deine verwundete Seele sollte sich hier erholen.“
„Meine Seele?“, flüstert sie atemlos. „Ich habe wirklich eine Seele?“
Der Türwächter lächelt. „Ja“, antwortet er. „Eine zerbrochene und verwundete Seele, die lernen und vergessen, musste hier im Niemandsland. Sonst durchlebt sie immer wieder die gleichen Qualen. Sie wird immer wieder krank zurückkehren, weil sie nie gelernt hat zu vergessen. Was du in deiner Dunkelheit gesehen hast, waren die schmerzenden Schatten deiner vergangenen Leben. Ich bin der Türwächter, der die verwundeten Seelen, zurück aus dem Niemandsland, in das Licht des Lebens holt. Du bist immer aus Liebe gegangen und nun kehre in Liebe zurück. Komm zu mir Linda und gib mir deine Hand.“

Linda geht zu ihm und ergreift die Hand des Türwächters. Eine Welle der Liebe breitet sich in ihr aus. Vergessen waren die Schmerzen der Vergangenheit. Hoffnung und Zuversicht erfüllten das Kind und ließen es strahlen.
„Soll ich die Tür nun für dich aufschließen? Bist du bereit?“
„Ja, ich bin bereit“, flüstert sie mit strahlenden Augen. „Bitte öffne mir die Tür.“

Der Mann, der einen weißen Anzug trägt, nimmt den Schlüssel, den er schon die ganze Zeit in seiner Hand hält, und öffnet die Tür. Sie schwingt auf und ein gleißendes Licht umhüllt ihre Körper. „Deine neue Familie ist wirklich nett, das kannst du mir glauben“, sagt er lachend. „Ich habe sie persönlich für dich ausgesucht. Nun mach dich auf den Weg. Deine Seele will viel Neues lernen.“

Sie, die einen neuen Namen tragen wird, bettet sich ein in den Schoß der Mutter, und die Liebe, die sie umfängt, lässt sie das Niemandsland vergessen.

Er, der die Türen des Niemandslandes bewacht, lässt eine neue schmerzende Seele eintreten. Traurig wirft er einen letzten, mitleidvollen Blick in ihre Augen. Dann verschließt er die Tür, für eine lange, lange Zeit.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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