Anneliese Leding

Der gefühlvolle Mann

Der gefühlvolle Mann,

„Du strahlst ja so. Ist es wegen Markus?“ Lena rekelte sich im Sessel und hauchte: „Ja. Er hat etwas in mir entfacht, was ich nicht beschreiben kann.“ Sie machte eine Pause. „Weißt du Katrin, er schreibt so gefühlvoll und schreibt mir Liebes-Gedichte.“ Katrin sah ihre Freundin an und erwiderte schmunzelnd: „Ich habe dir doch gleich gesagt: entweder es passt oder es passt nicht. Bei ihm habe ich das Gefühl, dass es der richtige Mann für dich ist. Gib deinem Herzen einen Stoß und triff dich mit ihm.“ Lena lachte: „Schon übermorgen! Wir werden zusammen essen gehen.“ Die Freundinnen verabschiedeten sich und Lena dachte nur noch an den kommenden Sonntag.

 

Endlich war es soweit, Lena traf sich mit Markus Fürst in einem Restaurant vor Ort. Er war etwas verlegen, was sich nach dem ersten Glas Wein änderte. Sie wusste schon viel über ihn. Er war geschieden und seine Kinder hatten den Kontakt zum Vater abgebrochen. Das kam Lena seltsam vor. Sprach sie ihn darauf an, erzählte er, dass seine Ex sie manipuliert habe. Sie hatte Markus über ein Partnerschaftsportal kennengelernt. Gleich zu Anfang hatte er sie mit Komplimenten überhäuft. Nach einem Monat Mail-Kontakt telefonierten sie jetzt täglich miteinander. Seine angenehme Stimme und die intensiven Gespräche sprachen die junge Frau an. Schon beim ihrem ersten Gespräch hatte er sie aufgefordert, seinen Namen bei Goggle einzugeben. Das tat sie auch. Alles war er ihr über seine Firma erzählt hatte, konnte sie dort nachlesen. Markus Fürst leitete mit seinem älteren Bruder Marius ein Familienunternehmen. Auch der Bruder war ein ansehnlicher Mann. Dieser hatte seine Frau vor vier Jahren durch einen Autounfall verloren.

 

Nach dem ersten Rendezvous mit Markus, telefonierte Lena mit ihrer besten Freundin Katrin. „Wie war der Abend mit deinem Verehrer?“ „Ach Katrin, wunderschön. Er sieht wirklich so gut aus wie auf den Fotos, die er mir von sich zugeschickt hat.“ „Wirst du ihn wiedersehen?“ Lena druckste ein wenig herum. „Ja, schon am Wochenende. Markus hat mich zu einem Grillabend zu sich nach Hause eingeladen. Sein Bruder mit Freundin und ein paar Freunde werden dabei sein.“ Die Freundin sagte: „Ich freue mich für dich. Pass gut auf dich auf.“

 

Lena hatte sich für den Abend besonders hübsch gemacht. Sie trug ein wadenlanges rotes Kleid, was ihrer Figur schmeichelte. Markus holte sie schon am Nachmittag ab. Die Villa der Fürst-Brüder beeindruckte Lena. Die überdachte Terrasse lud zum Verweilen ein. Markus zog sie mit in die große Landhausküche. Dort stand sein Bruder Marius am Herd und rührte in einem Suppentopf. Lachend drehte er sich um und begrüßte Lena sehr herzlich. Er war ihr auf Anhieb sympathisch. Als er Lenas erstauntes Gesicht sah, erklärte er: „Kochen entspannt mich. Ich hoffe, dass Ihnen nachher mein Essen schmeckt.“ Lena stand neben ihm und erwiderte lachend: „Wenn es so gut schmeckt, wie es riecht, bin ich zufrieden.“ Jetzt gesellte sich auch die Freundin von Marius hinzu. „Hi, ich bin Verena“ und reichte Lena die Hand. Die Frauen unterhielten sich. Lena erfuhr, dass die Freundin nicht bleiben konnte. Sie war Stewardess und für den Flug nach Südafrika eingeteilt.

 

Der Abend verlief harmonisch. Es wurde viel geredet, gelacht und getanzt. Markus hatte inzwischen einiges getrunken. Lena fiel auf, dass er leicht aggressiv wurde. Erst gegen zwei verließen die Gäste das Haus. Markus legte den Arm um Lena und nahm sie mit in sein Schlafzimmer. Wieder machte er ihr Komplimente, aber irgendetwas störte sie daran. Leicht schwankend kam er auf sie zu und wollte sie entkleiden. Da sie nicht sofort darauf einging, wurde er jähzornig. „Markus, ich werde das Gefühl nicht los, dass du nicht der gefühlvolle Mann bist, den du vorgibst“. Wütend schmiss er sie aufs Bett. Lena war so erschrocken, dass sie nicht gleich reagieren konnte. Sie entwand sich ihm und im nächsten Moment schlug er ihr ins Gesicht. Sie schrie laut auf und wollte das Zimmer verlassen. Er packte sie von hinten, um sie wieder ins Bett zu bekommen. Jetzt schrie sie laut und befreite sich aus der Umklammerung. Die Tür flog auf und Marius packte seinen Bruder und warf ihn aufs Bett. Entschlossen nahm er Lena an die Hand und zog sie ins Gästezimmer. Er schloss die Tür ab und nahm sie in seine Arme, um sie zu trösten. Die junge Frau zitterte am ganzen Körper und die Tränen liefen über ihr Gesicht. „Mich hat noch nie ein Mann geschlagen“, schluchzte sie. „Ich will sofort nach Hause.“ Marius hielt sie fest und sagte: „Es ist mitten in der Nacht. Bleib hier, ich werde dich morgen nach Hause bringen. Hab keine Angst, es wird dir nichts geschehen. Leg dich hin und versuch zu schlafen. Ich lege mich aufs Sofa.“ Vor lauter Erschöpfung schlief Lena doch noch ein. In der Früh hörte sie laute Stimmen. Leise stand sie auf und öffnete die Tür einen Spalt. Sie hörte wie Marius seinen Bruder anschrie: „Schämst du dich nicht? Ich habe geglaubt, dass du dich nach all deinen Therapien im Griff hast. Genügt es nicht, dass wegen der Brutalitäten deine Ehe in die Brüche gegangen ist?“ Kleinlaut erwiderte Markus: „Ich wollte es doch nicht. Bitte, Marius, sag ihr bloß nicht, dass du die gefühlvollen Mails und Gedichte für mich geschrieben hast.“ Zornig entgegnete der Bruder: „Diese Frau hat dich nicht verdient. Sie ist etwas ganz Besonderes. Glaubst du wirklich, dass Lena noch etwas mit dir zu tun haben will? Ich schäme mich für dich!“ Er ließ Markus stehen und kam nach oben. Lena hatte sich angezogen und war entsetzt darüber, was sie da zu hören bekam. „Komm Lena“, sagte er mit rauer Stimme. „Ich fahre dich nach Hause.“ Schweigsam packte sie ihre Tasche und ging mit ihm nach draußen. Markus lief den beiden nach. „Lena! Bitte verzeih mir! Bleib doch stehen!“ Diese würdigte ihn keines Blickes mehr. Schnell stieg sie in den Wagen von Marius. Ihr Gesicht war vom Weinen gerötet. Marius startete sein Auto und fuhr mit hohem Tempo vom Hof. „Ich weiß, dass es für all das keine Entschuldigung gibt, Lena. Es tut mir von Herzen leid.“ Entrüstet entgegnete sie: „Warum hast du für deinen Bruder die Mails und Gedichte geschrieben? Warum?“ Leise antwortete er: „Ich wollte ihm helfen. Hätte ich gewusst, dass er wieder zuschlägt, hätte ich es nicht getan.“ „Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen. Als Markus mir erzählt hat, dass sich seine Kinder von ihm abgewandt haben, hatte ich so ein komisches Gefühl.“ Marius begleitete Lena noch bis vor ihre Haustür und verabschiedete sich von ihr.

 

Gedankenverloren setzte er sich in sein Auto und fuhr zurück. Er erinnerte sich an den Tag, als Markus an ihn herantrat, für ihn an Lena zu schreiben. Zunächst hatte er das abgelehnt. Dann aber hatte er die Fotos von Lena gesehen und sich sofort in sie verliebt. Er wartete schon sehnlichst auf ihre Antwort. Seine Gedichte drückten die Gefühle für diese Frau aus. Als er sie gestern persönlich kennenlernte, wurde ihm schlagartig klar, dass er sich ein Leben mit ihr vorstellen konnte.

 

Mehrmals hatte Markus versucht, den Kontakt zu Lena herzustellen. Sah sie seine Nummer im Display, ging sie nicht ans Telefon. Die Briefe, die per Post von ihm kamen, riss sie durch und verbrannte sie im Kaminofen. Mit so einem Mann wollte sie nie wieder etwas zu tun haben.

Einige Wochen später stand Marius vor ihrer Haustür. „Bitte, Lena, lass mich rein und schick mich nicht fort. Ich muss mit dir reden.“ Sie öffnete ihm und bat ihn auf die Terrasse. „Markus ist tot. Er hat sich erschossen.“ Stille trat ein. Ungläubig starrte Lena Marius an. Sie stand auf und lehnte sich gegen die Fensterbank und blickte in den Garten. Leise fragte sie: „Wann ist das passiert?“ Marius erwiderte: „Vor zwei Wochen. Wir haben ihn schon beerdigt.“ „Was soll ich dazu sagen?“ Marius Fürst stand auf sah die junge Frau liebevoll an. „Lena, ich bin nicht nur deswegen hier.“ Da sie schwieg, fuhr er fort: „Ich habe mich schon in dich verliebt, als ich deine Fotos gesehen habe. All das, was ich geschrieben und gedichtet habe, galt nur dir.“ Er machte eine Pause. „Ich kann ja verstehen, dass du enttäuscht bist. Bitte, gib uns eine Chance.“ Lena sah ihm traurig in die Augen und erwiderte: „Lass mir Zeit. Ich muss das alles erst einmal verarbeiten.“ Marius nahm sie in den Arm und sagte zärtlich: „Ich gebe dir alle Zeit der Welt.“

 

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