Wilhelm Wilts

Roter Teufel

ROTER TEUFEL

Inhalt:

Kurzbeschreibung (worum geht's?)
Orientierung (Ort des Geschehens)

ROTER TEUFEL

Einleitung / Rota Gevill
Baumhöhle
Schule und Jaden
Mallen
Nachsitzen
Übernatürlich
Zuhause
Treffen
Es vergeht ein Jahr...
Alles ändert sich...
Kerker
1. Besuch Johnas Goldan
2. Besuch Onkel Jaron
3. Besuch Jaden Grat
4. Besuch Jake Flanders
Das Tribunal
Verbannung
Weg zur Höhle
Jake, Bogen, Tunnel,..
Wildnis
Erster Kontakt
Dai
2. Besuch
Winter
Abschied und Auferstehung
Begegnung
Unheil in Kaven
Wieder zurück!
Träume und Wirklichkeit
Wiedersehen
Befreiung
Leben und Tod
Nachwort / Warum ich eine Geschichte schrieb!

 

 

 

 

Kurzbeschreibung (worum geht's?)

 

Rota Gevill, der Held dieser Geschichte, erlebt in einem Ort namens Kaven viel Ablehnung. Rota ist aufgrund seiner Andersartigkeit ein Außenseiter. Im ständigen Kampf sein Leben erträglicher und lebenswerter zu machen, muss er immer wieder Niederlagen und Verluste hinnehmen. Ausgerechnet das Beste was sich bisher in seinem Leben ereignete, die Freundschaft mit dem wohl beliebtesten Mädchen in Kaven, führt zu einer Situation mit katastrophalen Folgen...

 

Orientierung (Ort des Geschehens)

 

Kaven ist ein kleiner Ort auf einer ähnlich uns bekannten Welt. Die technologische Entwicklung kommt etwa dem späten Mittelalter unserer Welt nahe. Es gibt zwei rivalisierende Völker. Das Volk Krasiens und der Zusammenschluss der freien Gebiete und Städte auch einfach der Bund genannt. Die Krasianer sind ein wildes Volk. Der Bund ist im Gegensatz zu den Krasianern eine fortschrittliche zivilisierte Gemeinschaft, die sich gegen die Angriffe der Krasianer zu einer Gegenmacht vereinigt hat.

 

 

 

Die Geschichte wird nur aus dem Blinkwinkel von Rota Gevill erzählt.

 

 

ROTER TEUFEL

 

Einleitung / Rota Gevill

 

Meine Eltern starben vor acht Jahren an einem Virus namens Krass. Wir lebten damals in Tenna als wir uns mit diesem Virus infizierten. Ich war damals erst sechs Jahre alt und kann mich daher nur schwach an meine Eltern erinnern. Aber die wenigen Erinnerungen die ich noch an sie habe, sind schöne Erinnerungen und vermitteln mir ein Bild von fürsorglichen und liebevollen Eltern.

 

Der Krass-Virus ist vielleicht auch die größte Bedrohung auf unserer Welt, denn wer an diesen Virus erkrankt, der hat nur noch sehr geringe Chancen diese Krankheit zu überleben. Man sagt, dass nur ein oder maximal zwei von hundert Menschen diese Erkrankung, diesen Virus, überhaupt überleben. Der Virus verbreitete sich aus unerfindlichen Gründen bisher immer im Frühjahr und ebbte meistens in den heißen Sommertagen langsam wieder ab. Und sobald dieser Virus dann aktiv war, verbreitete er sich auch rasend schnell und es kam schon häufig vor, dass innerhalb kürzester Zeit sogar ganze Dörfer und Städte ausgerottet wurden. So alle neun oder zehn Jahre soll es immer wieder vorkommen, dass der Virus wieder aktiv wird und Angst, Schrecken und letzten Endes den Tod verbreitet. Es gab bisher nur wenige Menschen die dagegen immun waren und diesen Virus, dieses Krass, überlebten.

 

Ich aber überlebte damals diesen Virus unbeschadet. Seit dem lebe ich bei meinem Onkel und seiner Familie in einem kleinen Ort namens Kaven. Kaven ist genauso wie Tenna dem sogenannten Bund angeschlossen. Der Bund ist eine Vereinigung von Ländern, Regionen und großen Städten die sich gegen das wilde Volk Krasiens zusammengeschlossen haben. In Kaven gibt es rund dreitausend Einwohner und man lebt hier überwiegend von der Landwirtschaft und der Viehzucht. Daneben gibt es hier auch noch eine erfolgreich produzierende Porzellanmanufaktur, in der auch mein Onkel arbeitet.

 

Mein Onkel heißt Jaron und er ist eigentlich ein lieber und netter Mensch. Jedoch ist er auch nur zu denen nett und freundlich, die zu seinem privilegierten Kreis gehören. Und dazu gehören auch nur die, die ihm besonders nahe stehen oder von denen er sich vielleicht einen gewissen Nutzen verspricht. Seine Frau Petra und seine eigenen Kinder Justin und Sophia gehören natürlich zu diesem privilegierten Kreis. Sein Vorgesetzter Robert, der Bürgermeister Johnas Goldan, sein Nachbar Jim und all die anderen, die entweder reich oder begabt sind oder etwas Gewinnbringendes an sich haben, gehören ebenfalls zu den Privilegierten. Für diese Menschen ist mein Onkel stets da und immer hilfsbereit und dafür wird er auch geliebt und geschätzt. Verlierer, wie ich, sind für ihn eher ein Ärgernis und stehen ihm im Weg.

 

Mein Onkel ist mein Pate und er fühlte sich wohl deshalb auch gezwungen mich in seine Familie aufzunehmen. Diesen sozialen Akt der Nächstenliebe, den er mir gegenüber erbracht hatte, erwähnt er auch immer wieder gerne.  Wie dankbar ich doch sein müsste... Was wohl aus mir geworden wäre, wenn er mich nicht aufgenommen hätte.. Wie viel besser es ihnen doch gehen würde, wenn sie mich nicht aufgenommen hätten... und so weiter.. und so weiter. Ich hasste dieses Gerede und diese ständigen Vorwürfe, aber ich hatte mich im Laufe der Zeit auch daran gewöhnt und ignorierte diese mittlerweile einfach.

 

Sein Sohn Justin ist sechzehn Jahre alt und Justin hasst mich. Er hasst mich, weil er mich für alles Schlechte und Schiefgegangene in seinem Leben verantwortlich macht. Ich war schuld, wenn er nicht das bekam was er sich wünschte. Ich war schuld, wenn es Streit in der Familie gab.. oder ich war schuld daran, dass er einen dicken fetten Pickel auf seiner schönen Nase bekam... Warum ich immer schuld haben sollte, habe ich nie richtig verstanden und es interessiert mich auch schon lange nicht mehr. 

 

Sophia, die Tochter, ist die Prinzessin in der Familie und vom Leben verwöhnt. Ihre Wünsche werden ihr praktisch von den Lippen abgelesen. Sie ist vierzehn, beliebt und zugegeben wirklich hübsch. In ihrem Leben spiele ich jedoch nicht die geringste Rolle. Gegenüber ihren Freundinnen gab sie vor, sie hätte immer versucht mich in die Familie zu integrieren. Jedoch enttäuschte ich sie wohl immer wieder durch mein Verhalten, so dass sie eines Tages wohl beschloss dieses unmögliche Vorhaben aufzugeben. Seit dem existiere ich auch nicht mehr für sie.

 

Petra, die Ehefrau von meinem Onkel, ist mir in dieser Familie wohl noch die Liebste. Petra besitzt ein ruhiges, besonnenes und liebreizendes Wesen, die für die Probleme anderer immer ein offenes Ohr hat und stets um Harmonie bemüht ist. Andererseits gibt auch sie mir nie das Gefühl, wirklich zu dieser Familie zu gehören und ich vermute ihr wäre es auch wohl lieber gewesen, wenn ich niemals zu ihnen gekommen wäre.

 

Warum mich die meisten meiner Mitmenschen ablehnen liegt in erster Linie wohl an meinem Äußeren. Ich bin nicht dick oder extrem dünn oder habe absonderliche Gesichtszüge. Eigentlich kann ich sogar zufrieden mit meinem Äußeren sein, wäre da nicht....  meine Hautfarbe. Von Geburt an ist mein Gesicht komplett blutrot. Ein riesiges Feuermal bedeckt mein gesamtes Gesicht und endet in zackigen Spitzen vorne bis zur Höhe meiner Brust und hinten bis zu meinen Schulterblättern. Diese rote Hautfarbe in Kombination mit meinem schwarzen Haar verleiht meinem Aussehen wohl etwas Teuflisches. Für viele wirke ich wohl unheimlich und bösartig. Es gibt auch einige, die mich für die Ausgeburt der Hölle halten und mich meiden wie dieses Krass. Und dann gibt es auch so einige, die mich aufgrund dieser Andersartigkeit auch gerne ärgern und quälen und vielleicht sogar meinen, damit etwas Gutes für die Allgemeinheit zu tun.

 

Vor Jahren hatte ich noch alles getan um… dazuzugehören. Ich war verzweifelt und hatte damals auch grässliche und erbärmliche Dinge getan, für die ich mich heute noch schäme. Wenn man mir beispielsweise versprach mich als Mitglied in eine Gruppe oder Bande aufzunehmen, sobald ich eine bestimmte Person verprügelte, quälte oder jemandem etwas Bestimmtes wegnahm, dann hatte ich das damals auch gemacht. Immer wieder hatte man mich dazu benutzt niederträchtige und schlimme Dinge zu tun und ich habe in meiner Dummheit und Verzweiflung diese Dinge auch immer wieder getan. Sie hatten über mich gelacht und ihren Spaß gehabt. Mich akzeptiert...., hat man aber letztlich nie.

 

Roter Teufel werde ich aufgrund meines Aussehens und meiner Taten daher auch häufig gerne genannt, besonders von einem, sein Name ist Jaden und ein Mitschüler von mir.  Jaden ist ein machtbesessenes Großmaul und ein Sadist. Er genießt es andere zu quälen und er hat aufgrund seiner dreisten und respektlosen Art großen Einfluss auf die anderen Schüler von Kaven. Aber, und das musste man ihm lassen, er ist immer loyal zu seinen Leuten. Wenn seine Freunde Probleme haben, dann löst er diese für sie und dafür schätzen und mögen sie ihn. Dieser Charakterzug ist vermutlich auch das, was ihn so gefährlich für alle seine Opfer und besonders für mich macht. Denn Jaden liebt es besonders gerne mich zu demütigen und zu quälen. Es vergeht kein Tag, wo er sich nicht über meine Teufelsfratze lustig macht oder versucht mich auf jede erdenkliche Art und Weise zu erniedrigen. Er hat beispielsweise einen Heidenspaß daran meine Sachen zu verstecken oder mir irgendetwas Ekeliges oder Sachen von anderen Mitschülern in meine Schultasche zu stecken. Er macht gerne Fratzen hinter meinem Rücken... oder, wenn ihm sonst nichts mehr einfällt, spuckt oder schlägt er mich einfach.

 

Ich habe mich mittlerweile an das Alleinsein gewöhnt und es gibt immer etwas worauf ich mich trotzdem jeden Tag freue. Zum einen sind da unsere Nachbarn, eine sehr alte Frau, ihr Name ist Marla und ihr körperlich behinderter und leicht zurückgebliebener Sohn, Debbie. Ich bin des Öfteren bei ihnen und helfe ihnen immer gerne soweit es mir möglich ist. Doch auch die alte Marla und Debbie vertrauen mir nicht und ich bin ihnen auch wohl nicht ganz geheuer. Sie sind zwar immer froh, wenn ich ihnen geholfen habe, aber ich merke ihnen auch immer an, wie erleichtert sie wieder sind, wenn ich wieder gehe.

 

Marla und Debbie haben einen Hund mit dem Namen Zisko. Zisko ist ein Mischlingshund, der einem Hamilton Spürhund ähnlich sieht, mit kurzem hellbraunem Fell. Da Marla und Debbie sich kaum um den Hund kümmern können, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mich um diesen Hund zu kümmern. Und das ist ebenfalls etwas, was ich immer gerne mache und worauf ich mich auch immer freue. Dieser Hund, Zisko, stört sich jedenfalls nicht an meiner Erscheinung. Sobald er mich jedenfalls sieht, bellt er immer aufgeregt und wackelt freudig mit seinem Schwanz. Mit Zisko gehe ich dann auch häufig zu meiner selbst gebauten Baumhöhle in den Wald. Und diese Baumhöhle ist mein ganzer Stolz. Ich arbeite so gut wie täglich an diese Baumhöhle um diese zu verbessern und zu verschönern. Die Baumhöhle ist auch kaum zu entdecken und liegt gut versteckt und sehr weit oben in einem sehr großen Malvenbaum. Ich glaube, dass ich mit gutem Gewissen sagen kann, dass meine Hütte bisher auch noch von keinem Menschen entdeckt worden ist. Meine Baumhöhle ist, obwohl man das von außen nicht vermutet,  ziemlich geräumig. Sie hat zwei Räume. Einen Hauptraum, wo sich ein Liegeplatz, ein Tisch, ein kleiner Schrank und ein Stuhl befinden und einen kleinen Nebenraum, so eine Art Lagerraum. Die Baumhöhle gehört jedenfalls zu den wenigen Dingen in meinem Leben die mich erfreuen und woran ich Spaß habe.

 

Es war schon spät und ich lag hier unten in meiner Bettkammer und oben saß meine "geliebte" Adoptionsfamilie. Sie lachten, alberten herum und genossen, vielleicht bewusst oder unbewusst, die Zeit ohne meine Gegenwart, den Schandfleck der Familie...! Ich war unruhig und ich hatte Angst. Vielleicht Angst vor dem, was mich morgen wieder in der Schule erwarten könnte. Aber was sollte mich dort schon Unheilvolles erwarten? Ich wüsste nicht was da kommen könnte. An Jaden und die anderen Quälgeister hatte ich mich bereits schon längst gewöhnt. Das ich keine Freunde habe und mich die meisten immer mit seltsamen Blicken ansehen, wäre ebenfalls nichts Neues für mich und ist etwas, was ich bereits akzeptiert habe. Es gibt, naja bis auf vielleicht eine Ausnahme, sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrern, keinen der mich leiden kann oder mir das Gefühl gibt anerkannt zu sein. Es gibt zwar einige, die versuchen immerhin respektvoll mit mir umzugehen, aber wirklich leiden können sie mich auch nicht.

 

Wieso aber jetzt diese Unruhe und diese Angst? Ich versuchte schließlich zu schlafen. Erst sehr spät, nach Mitternacht, gelang es mir dann endlich in den Schlaf zu finden.

 

Baumhöhle

 

Nächster Tag. Ich wachte sehr früh mit einem unruhigen und mulmigen Gefühl auf. Ich döste und drehte mich noch eine Weile im Bett hin und her und beschloss dann endlich aufzustehen. Jaron, Petra, Justin und Sophie frühstückten immer gemeinsam nach dem zweiten Glockenschlag in der Frühe. Es gab mal eine Zeit, da hatte ich anfangs noch mit ihnen gefrühstückt. Aber wir alle merkten ziemlich schnell, dass es getrennt besser ging. Zum einen, fühlte ich mich immer als jemand, der in dieser Runde nicht dazugehörte und zum anderen gab es meistens auch nur Streit und Ärger zwischen uns, besonders zwischen Justin und mir. Irgendwann aber fing ich an früher aufzustehen und vor den anderen zu frühstücken und wir kamen stillschweigend zu der Erkenntnis, dass dies wohl keine so schlechte Idee war und wir dies bis jetzt auch so beibehielten.

 

Die Schule liegt etwa eine Stunde Fußmarsch vom Haus meines Onkels entfernt. Ich gehe diesen Weg eigentlich immer ganz gerne. Zum einen, weil kaum jemand um diese Zeit auf der Straße ist und zum anderen, weil sich auf dieser Strecke meine Baumhöhle befindet. Ich nehme mir dann fast immer eine halbe Stunde Zeit um dort noch ein paar Verbesserungen vorzunehmen oder, aufgrund der wunderbaren Aussicht die ich dort oben habe, das Treiben im Walde zu beobachten. Auch heute ging ich wieder zu meiner Hütte.

 

Versteckt in einem Baumloch gibt es eine Zugleine für das Herablassen der Strickleiter. Die Strickleiter führt dann etwa fünf Schritt nach oben zu meiner recht komfortablen Baumhöhle. Die Strickleiter nehme ich jedoch nur selten. Meistens nehme ich die andere Seite vom Baum, wo es möglich war, die Baumhöhle auch ohne Strickleiter kletternd zu erreichen. Das tolle an meiner Baumhöhle ist, dass diese Höhle, trotz der enormen Größe von stolzen drei Schritt Breite, zweieinhalb Schritt Tiefe und zwei Schritt Höhe, sowohl aus der Entfernung, als auch aus der Nähe, kaum zu entdecken ist.

 

Heute Morgen war es nebelig und man konnte kaum etwas sehen. Obwohl das Dach eigentlich schon gut abgedichtet war, entschied ich mich trotzdem noch ein paar Reparaturen am Dach vorzunehmen. Das Werkzeug, wie Hammer, Säge und so weiter hatte ich aus einer in der Nähe liegenden alten Scheune genommen. Gebaut hatte ich die Baumhöhle mit alten Brettern einer alten verfallenen Hütte die ebenfalls in der Nähe dieses Waldes lag. Darüber hatte ich es mit Pech abgedichtet und mit Ästen und Mooslappen bedeckt und gleichzeitig damit auch getarnt. Die Außenwände hatte ich entsprechend gearbeitet. Mein Baumhaus hatte eine kleine Tür und eine Art Fenster, nur ohne Glas. Jedoch hatte dieses Fenster oder besser gesagt der Ausguck, eine Fensterklappe, für kältere und windige Tage. Nach gut einer halben Stunde hörte ich mit meinen Verbesserungsarbeiten auf und setzte meinen Weg zur Schule fort.

 

Schule und Jaden

 

In der Schule Kaven's gehen ungefähr zweihundert Schüler. Ich bin in der dritten Klasse und würde womöglich noch drei weitere Jahre in diese Schule gehen müssen. Im Anschluss daran muss man sich für einen Beruf entschieden haben um dann weitere drei Jahre üblicherweise in die Berufslehre gehen. Wobei die meisten Schüler dann in den elterlichen Betrieb in die Lehre gehen. Nur die besonders talentierten Schüler, und das waren Ausnahmen, dürfen auf die Eliteschule nach Tenna gehen und werden dort individuell und mit großem Aufwand speziell ausgebildet.

 

Auf meinem Weg zur Schule sah ich David. David war ein stiller blasser und schlaksiger Mitschüler von mir. Er war ebenfalls ein Außenseiter. Ich hatte mal versucht mich mit ihm zu unterhalten. Aber er drehte sich damals schnell um und lief weg. Als er weit genug von mir weg war, rief er mir noch zu, dass er nichts mit mir zu tun haben will. Dann lief er noch schneller und brüllte lauthals immer wieder "Teufel! Teufel...!" Ich hatte danach nie wieder versucht mich mit ihm zu unterhalten. Seitdem ging er, wie auch jetzt, immer etwas schneller, um bloß nicht in meine Nähe zu kommen. Was für ein Vollidiot! Man hätte sich vielleicht ja, als sogenannte Loser und Außenseiter, zusammentun können.

 

Ich erreichte den Schulhof. Und da erwartete mich auch schon wieder mein spezieller Freund Jaden mit seinem Gefolge, dem dicken Gero, den immer sportlichen und toll aussehenden Pelle und dem starken Alvin.

 

"Hallohoo.. Teufelchen! Na, hast du dich bei deinem morgendlichen Tête-à-Tête mit dir selbst wieder so geärgert, dass du immer noch rot vor Wut und kurz vorm Platzen bist? Warte mal... Vielleicht kann ich Dir ja ein wenig von deinem Druck nehmen.." Jaden hielt nun die Luft an, presste sich dabei das Blut in den Kopf und lief mir wie ein wildgewordener Affe mit puterrotem Kopf hinterher. Pelle, Alwin und Gero und die meisten der umstehenden Schüler brachen in schallendes und grölendes Gelächter aus.

 

Mir selbst machte dieses Piesacken mittlerweile immer weniger etwas aus. Manchmal war ich sogar enttäuscht, wenn mir keiner nachstellte oder versuchte mich zu ärgern. Trotzdem tat ich aber immer so, als ob es mir etwas ausmachte und ich mich über diese Quälereien ärgerte. Wie auch jetzt... Ich setzte ein gequältes Gesicht auf und schrie Jaden an.. "Ich habe dir nichts getan! Was soll das? Hör auf!" Und brüllte dann noch lauter "HÖÖR ENDLICH AUF!" Dabei ballte ich meine Fäuste und täuschte eine Angriffshaltung vor. Dann drehte ich mich wieder wütend um und ging mit einem beleidigten Gesichtsausdruck weiter. Jaden und seine Leute waren dann meistens, wie jetzt auch, so bedient von mir, dass sie vor Lachen nicht weiter wussten und mich dann auch erst mal wieder in Ruhe ließen.

 

Warum ich immer so reagiere, weiß ich selbst nicht. Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht jemand, der schon zur Selbstzerstörung neigt. Nach diesem Vorfall ging ich geradewegs in den Klassenraum. In unserer Klasse waren wir fünfundzwanzig Schüler. Elf davon waren Mädchen und der Rest davon Jungs. Die Schüler saßen paarweise in vier Riegen und vier Reihen vor der Tafel und dem Lehrerpult. Zwei Jungs, natürlich ich und David und ein Mädchen namens Rana, hatten jeweils einen Tisch für sich allein.

 

Es ging wie immer ziemlich unruhig und wild zu, bevor die Stunde begann. Sobald die Stunde dann jedoch anfing und der Lehrer kam, nahm jeder brav seinen Platz ein und versuchte den Unterricht so gut es ging mitzumachen. Störenfriede erhielten hier nämlich schnell einen Verweis und verloren das Privileg für eine bestimmte Zeit am Unterricht  teilzunehmen. Dies wiederum verschlechterte die Chancen einen guten Abschluss zu erhalten. Und wer keinen oder einen schlechten Schulabschluss erhielt, hatte auch nur noch sehr geringe Chancen in Kaven oder auch anderswo ein einigermaßen lebenswertes Leben zu führen. Es soll sogar Fälle gegeben haben, wo Schulabgänger, aufgrund ihrer schlechten Leistungen, aus der Gemeinschaft verbannt und vertrieben worden waren.

 

Ich selbst bin ein mittelmäßiger Schüler. Ich beteilige mich nur selten am Unterricht, jedoch waren meine Klassenarbeiten überwiegend gut, so dass ich bisher einigermaßen gut über die Runden kam. Die Schulglocke läutete. Die Schüler unter anderem auch Jaden kamen in die Klasse. Da ich gleich vorne rechts sitze und ziemlich nah an der Klassentür, versucht Jaden mir meistens noch auf die Schnelle eins auszuwischen. Ich wusste natürlich, dass er das jedes Mal versuchte und manches Mal ließ ich ihn auch gewähren. Ich tat dann immer so, als ob ich ihn dann nicht sah und er mich dann ungehindert von hinten wegschubsen konnte. Diesmal hatte ich jedoch keine Lust dazu und drehte mich, kurz bevor er etwas machen konnte, ihm entgegen. Als Reaktion täuschte er einen Schubs an. Ich setzte ein besonders wütendes Gesicht auf und schrie ihn nun laut an.. "Hööör... auf!!" Jaden war zufrieden, lächelte und setzte sich in aller Ruhe hin.

 

Dummerweise war genau in dem Augenblick als ich Jaden angebrüllte, unser Lehrer Herr Klimp hereingekommen. Er blieb stehen und schaute mich mit einem gleichgültigen Blick an. "Schüler Rota, sie scheinen Energie im Überfluss zu haben, ich denke eine Stunde Nachsitzen im Anschluss ihrer heutigen Schulzeit könnte Ihnen helfen ihre überschüssige Energie abzubauen. Haben sie irgendwelche Einwendungen?" Ich akzeptierte und nickte Herrn Klimp schließlich zu. "Melden sie sich bitte am Ende diese Stunde bei mir". Ich drehte mich zu Jaden um und sah ihn höhnisch grinsen.

 

Herr Klimp ging schließlich zum Lehrerpult und begann seinen Unterricht. Wir hatten Geschichte und Entwicklung. Neben diesem Fachgebiet gibt es noch fünf weitere Fachgebiete die in der Schule von Kaven noch unterrichtet wurden. Da wäre das Fachgebiet Lesen, Schreiben und Aussprache, das Fachgebiet Heimat- und Auslandskunde, das Fachgebiet Rechnen und Geometrie, das Fachgebiet Natur, Forschung und Technologie sowie Fachgebiet Politik, Organisation und Aktuelles.

 

Mallen

 

Nach gut einer halben Stunde öffnete sich die Klassentür und Mallen Goldan kam herein. In unserer Schule gibt es fürs Zuspätkommen zwei Möglichkeiten der Bestrafung. Da wäre das Nachsitzen, was die milde Bestrafung ist, und zum anderen, und das ist die harte Bestrafung, der Schüler wird für eine bestimmte Zeit von der Schule ausgeschlossen. Der jeweilig unterrichtende Lehrer hat hier völlige Entscheidungsfreiheit. Mallen ging direkt auf unseren Lehrer Herrn Klimp zu und sagte "Guten Morgen! Herr Klimp, ich entschuldige mich für mein Zuspätkommen. Leider war es mir heute nicht möglich gewesen rechtzeitig zu ihrer Unterrichtsstunde zu erscheinen". Da Mallen bei ausschließlich allen Lehren beliebt ist, nickte Herr Klimp ihr zu und gab ihr mit einer Geste zu verstehen sich auf ihren Platz zu setzen. "Fräulein Goldan, sie kennen ja die Regeln dieser Schule. Melden Sie sich daher bitte im Anschluss dieser Stunde bezüglich der zusätzlichen Schulstunde bei mir".

 

Mallen, es mag sonderbar klingen, nimmt in meinem tristen Leben hier so eine Art Sonderstellung ein, denn Mallen ist anders als die Anderen. Von den anderen bin ich es gewohnt abschätzig angesehen und behandelt zu werden. Sie jedoch ist eine der wenigen, die mich stets mit Respekt begegnet. Zudem war sie zu mir, in den wenigen Momenten die es zwischen uns gab, auch immer aufrichtig und freundlich gewesen. Jedoch brauche ich mir wohl nichts darauf einzubilden, denn es gehört auch einfach zu ihrem Wesen stets alle respektvoll und nett zu behandeln, denn ich habe sie auch noch nie über jemanden lästern oder schlecht reden hören. Und fluchend und zickend und richtig wütend habe ich sie auch noch nie erlebt.

 

Mallen ist schon ungewöhnlich und für mich, wie vermutlich auch für viele andere, ein Rätsel. Hinzu kommt, dass Mallen auffallend hübsch ist. Sie hat hellblonde, lange und leicht gewellte Haare, die oft einfach und praktisch zu einem Zopf gebunden sind. Ihre Figur…, sie hat schlicht gesagt, einfach eine tolle Figur. Ihre Gesichtszüge sind klar und ebenmäßig. Sie hat wache, klare, blassblaue Augen. Und ihr Mund..., sie hat einen wunderschön geschwungenen Mund, mit stets leicht angehoben Mundwinkeln, die ihrer Ausstrahlung immer so etwas wie Heiterkeit und Unbekümmertheit verleihen.

 

Mallen wächst als einziges Kind bei ihrem Vater Johnas Goldan auf, denn ihre Mutter verstarb schon sehr früh bei ihrer Geburt. Johnas Goldan ist unser Bürgermeister und von daher ein angesehener und beliebter Mann in Kaven. Mallen wäre allein deshalb schon bei vielen beliebt gewesen, aber aufgrund ihrer Eigenarten wird sie von vielen vielleicht sogar geliebt. Es gibt jedoch auch so einige, insbesondere ein paar Mitschülerinnen, die ihr die Beliebtheit neiden und ihr wohl am liebsten die Augen auskratzten würden, wenn sie gekonnt hätten..

 

Mallen kümmert es nicht, was andere über sie denken. Sie bestimmte von Anfang an immer selbst, mit wem sie sich abgab und mit wem nicht. Da sie ihren Freundeskreis auch nur auf ganz Wenige beschränkt, gilt sie bei dem einen oder anderen sogar als arrogant und überheblich. Ich glaube jedoch, dass sie in der Auswahl ihrer Freunde sehr spezielle Ansprüche hat und sie nur zum Anschein ganz bestimmte, meistens eher unauffällige, Mitschüler auswählt, mit denen sie dann etwas unternimmt. Zu allen anderen, ob beliebt, begehrt oder was auch immer, ist sie zwar stets nett und freundlich, aber auch distanziert und unnahbar.

 

Zwischen mir und Mallen gab es in der ganzen Schulzeit die wir gemeinsam hatten, eigentlich keine einzige Begegnung die über eine banale Begrüßung hinausging. Es gab jedoch zwei Begegnungen, die waren für mich so außergewöhnlich, dass Mallen seit dem für mich etwas ganz Besonderes ist.

 

Eine von diesen beiden Begegnungen war gleich am ersten Schultag gewesen. Wie ich es gewohnt war fühlte ich mich an meinem ersten Schultag wie ein bunter Hund.., so gut wie jeder starrte mich an. Kinder wie auch zum Teil die Eltern, schauten mich mit offenen Mund an. Sie hatten nicht mal den Anstand wegzusehen, wenn sie sahen, dass ich ihr Anstarren bemerkt hatte. Ich selbst hatte mich an dieses Anstarren zwar gewöhnt.., obwohl weh tat es mir damals trotzdem immer...  Und dann erschien auch irgendwann Mallen mit ihren Eltern. Ich muss zugeben, auch ich war nicht anders als die anderen, denn ich starrte damals sie an. Sie hatte mich schon beim ersten Mal total verblüfft. Mallen war schon damals auffallend hübsch, aber das war nicht das gewesen, was mich wirklich zu diesem Anstarren veranlasst hatte. Nein, es war mehr die Art, wie sie sich gab, wie sie sich bewegte, wie sie sich die Dinge ansah und.. besonders wie sie sich mir gegenüber verhielt. Als sie schließlich bemerkte, dass ich sie anstarrte, starrte sie mich nicht, wie ich es gewohnt war, wie die anderen an. Nein, sie... zwinkerte mir verrückterweise zu und schaute mich dabei leicht amüsiert an. Der Blick war auch nicht herablassend.. Ich war total verdattert und schaute dann auch schnell woanders hin.. Aber ihr Zuzwinkern und ihre leichte und unbekümmerte Art und das in diesem Alter, das war für mich außergewöhnlich und sie war für mich von da an schon etwas ganz Besonderes.

 

Die zweite und weitere Begegnung die ich mit ihr hatte, war letztes Jahr im Wald, in der Nähe bei meiner Hütte. Es war Spätsommer und sehr heiß an diesem Tag. Ich hatte gerade das Dach von der Hütte mit Pech abgedichtet und wollte den Eimer mit Pech gerade wieder zurück zum Schuppen meines Onkels Jaron bringen. Dann sah ich sie. Sie war allein und ging still den Waldweg entlang. Ich blieb abrupt und wie erstarrt stehen. Hatte sie mich gesehen oder gehört? Es schien jedenfalls nicht so. Ich ging vorsichtig in Deckung, denn ich wollte nicht, dass jemand mich hier und schlimmer noch, mein Baumhaus entdeckte. Warum ist sie allein? Sie hat doch sonst immer jemanden bei sich oder ist in Begleitung... Ich hatte sie jedenfalls noch nie alleine gesehen. Ich wurde neugierig. Wo geht sie hin? Was will sie hier? Ich entschied mich ihr in sicherem Abstand zu folgen. Zumindest soweit ich sie sicher verfolgen konnte.

 

Nach gut sechshundert Schritt und zwei Abzweigungen hatte ich dann auch schon eine Vermutung wohin sie gehen würde. Es gab im Waldinneren eine kleine Lichtung mit einem kleinen Waldsee. Der Weg zu diesem Waldsee war schon ziemlich verwachsen. Jedoch kam man immer noch gut hindurch. Aber warum nahm sie diesen Weg und nicht den Weg von der anderen Seite des Waldes, der erstens für sie kürzer und zweitens besser passierbar für sie gewesen wäre. Und tatsächlich nach gut weiteren dreihundert Schritten erreichte sie den Waldsee. Obwohl dieser Ort wirklich schön war, kommt hier kaum noch jemand hier her. Das lag zum einen daran, dass es noch einen viel größeren See in Kaven gab und dieser mit seinem klaren Wasser und der guten Lage deshalb wohl bevorzugt wurde. Diesen Waldsee kannten nur die Wenigsten. Wozu dann auch wohl Mallen gehörte. Ich war zu neugierig und naja, ich wollte einfach noch nicht wieder zurück.

 

Mallen schlüpfte aus ihren Schuhen, lies die Träger ihres Kleides von den Schultern und somit ihr Kleid von ihrem schmalen Körper gleiten. Mir stockte der Atem. Ihr Körper hatte zwar noch nicht die Reife einer erwachsenen Frau, aber ich fand sie war auch so schon wunderschön. Nachdem sie sich dann auch noch ihr letztes Kleidungsstück entledigt hatte, sprang sie mit einem gekonnten Hechtsprung ins Wasser. Trotz meiner Benommenheit sagte mir mein Verstand, dass ich weggehen sollte. Aber ich blieb und schaute ihr noch weiter beim Baden zu. Als ich mich dann doch etwas widerwillig aufmachte um zurück zur Hütte zu gehen, drehte ich mich nochmal zu ihr um. Was ich dann sah, hatte mich in eine Art Schockstarre versetzt. Mallen sah mich direkt an. Wir waren zwar immer noch rund zweihundert Schritte voneinander entfernt, aber ich meinte, dass sie zweifellos und völlig reglos zu mir herüber schaute. Ich rührte mich kein bisschen. Dann nach einer gefühlten Ewigkeit neigte sie, als sei nichts gewesen, ihren Oberkörper langsam zum Rückenschwimmen nach hinten. Ich atmete erleichtert aus und machte mich dann so schnell und leise wie möglich davon. Hat sie mich nun gesehen? Hat sie mich erkannt? Sie muss mich doch gesehen und erkannt haben! Aber warum hat sie dann so getan als ob nichts gewesen wäre? Warum hat sie nicht geschrien? Meinen Namen geschrien oder sonst was gemacht? Sie jedenfalls hat sich mir gegenüber danach nie etwas anmerken lassen. Aber warum? Vielleicht aber hat sie mich auch nicht gesehen und sie hatte nur zufällig in meine Richtung geschaut. Ich möchte das glauben. Aber, ich glaubte nicht wirklich daran.

 

Das waren die zwei einzigen aber ziemlich sonderbaren Begegnungen die ich bisher mit Mallen hatte. Das nun aber Mallen mit mir eine Stunde nachsitzen musste, ließ meinen Mund ganz trocken und meine Hände schwitzig werden. Mallen und ich... mein Gott... die Schöne und das Biest. War das der Grund für meine ungewöhnliche Angst in letzter Zeit gewesen...?

 

Nachsitzen

 

Nach der letzten regulären Stunde war es dann soweit, dass Mallen und ich in unserem Klassenraum unsere zusätzliche Stunde ableisten durften. Herr Klimp kam herein und gab uns unsere Aufgaben, die wir in dieser Stunde erledigen sollten. Mallen saß zwei Reihen weiter hinter mir. Die Aufgaben waren aus meiner Sicht nicht schwierig und leicht zu schaffen. Nach gut einer dreiviertel Stunde völliger Stille zwischen mir und Mallen wurde ich mit meinen Aufgaben fertig. Mir wurde die Stille langsam unheimlich und ich war neugierig wie weit Mallen war und was sie hinter mir so machte.  Ich drehte mich also kurz um und sah, dass sie auch fertig war und mich nun nachdenklich, zurückgelehnt auf ihrem Stuhl, anstarrte.. "Was ist?" Fragte ich. "Naja, ich frage mich nur, warum du hier bist" antwortete sie gelassen. "Wieso? Hat dir inzwischen noch keiner erzählt, dass ich Jaden zu Beginn der ersten Stunde angeschrien habe?" Antwortete ich nun mit einer Gegenfrage. "Doch das weiss ich, aber ich wundere mich trotzdem warum du hier in der Schule immer so reagierst. Ich finde das passt irgendwie nicht zu dir und schon gar wie ich dich einschätzen würde." Worauf will sie hinaus? Wunderte ich mich.. "Wie würdest du mich denn einschätzen?" Fragte ich nun neugierig. "Also, wir gehen doch schon seit mehr als drei Jahren gemeinsam auf dieselbe Schule und sogar in derselben Klasse, ja?" "Richtig, und?" Entgegnete ich. "Ich bin neugierig und ich beobachte gerne, insbesondere Menschen, die sich ganz anders verhalten als die anderen oder wie ich sie eingeschätzt hätte. Naja, du jedenfalls bist entschieden anders als anderen." Nun war ich fassungslos und glaubte erst gar nicht was ich da gerade hörte.. Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Sie, Mallen, konnte das sein, dass sie mich beobachtet und sich für mich interessiert? "Mittlerweile glaube ich sogar, dass du nicht wirklich der bist den du vorgibst zu sein." Behauptete sie nun. "Wie? Und wer sollte ich nach deiner Meinung dann sein?" Fragte ich verwirrt. "Das weiß ich nicht.. Ich denke jedenfalls, dass du viel stärker bist, als du uns glauben machen willst. Ich weiß, dass du kaum oder vielleicht sogar gar keine Freunde hast. Also..., ich kenne jedenfalls keinen der dich wirklich mag.." Ich stöhnte innerlich. "Schön zu hören.. Danke!" Gab ich meinen ironischen Kommentar dazu ab. Mallen lächelte und redete einfach weiter ".. Du scheinst jedenfalls nur Ablehnung zu bekommen. Aber ich staune, wie jemand ohne die geringste Anerkennung immer wieder die Kraft findet..., weiter zu machen. Zur Schule zu gehen, seine alltäglichen Pflichten nachzugehen oder sogar in einem Wald eine riesige Baumhöhle baut, die man nur entdeckt, wenn man direkt mit der Nase darauf stößt." Ich war sprachlos. Sie hat also tatsächlich meine Baumhöhle entdeckt. Mallen rückte nun etwas näher zu mir. "Besonders interessant finde ich, dass du trotz deiner inneren Stärke, die du aus meiner Sicht hast, dich immer wieder von diesen Idioten schikanieren lässt. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass du die Schikane sogar begrüßt und dich gerne quälen lässt. Ich meine du bist nicht blöd oder sowas und ich denke du weißt sogar genau wie du dich wehren könntest damit dich diese Idioten zukünftig nicht mehr ärgern. Oder? Warum also lässt du immer zu, dass man dich immer wieder ärgert? Was willst du damit bezwecken?"

 

Ich war baff und fragte mich was sie sonst noch alles wusste? Offensichtlich sah sie Dinge, die die meisten nicht unbedingt sahen oder, wie in meinem Fall, niemand sehen sollte. Ich wollte erst sagen dass ihr das erstens wohl nichts angeht und zweitens ich ihr das dann auch niemals sagen würde. Aber hier stellte Mallen diese Fragen und nicht irgend jemand anderes. Auch musste ich überrascht feststellen, dass ich mich tatsächlich gerne mit ihr unterhielt und ich mich nun auch gerne weiter mit ihr unterhalten wollte. Schließlich sagte ich so ruhig und unbekümmert ich noch konnte.. "Du stellst Fragen...! Aber.. okay.. meine ehrliche Antwort..., ich bin mir da selbst nicht sicher. Zum einen will ich sicherlich einfach nur in Ruhe gelassen werden. Ich gebe ihnen dann einfach das, was sie von mir wollen, also.., das ich mich aufrege und herumschreie. Meistens lassen sie mich dann auch schnell wieder in Ruhe. Manchmal denke ich jedoch, dass ich einfach nur dazu neige mich selbst, für das was und wie ich bin, zu bestrafen..,  Aber...., naja... vielleicht habe ich einfach doch nur Angst und ich bin wirklich so wie ich mich verhalte.." Irgendwie eine blöde Antwort, aber ich wusste mich in diesem Moment nicht klarer auszudrücken.

 

Mallen stand nun auf und kam auf mich zu. Ich schaute ihr ins Gesicht. Ihr Gesichtsausdruck war entspannt und irgendwie... leicht amüsiert. Ich staunte wieder wie schön sie ist. Ihre aufgeweckten und strahlenden Augen.. ihr Mund ..ihr Gang.. Mein Gott und sie ist doch erst dreizehn. So benimmt sich keine Dreizehnjährige! Mallen setzte sich nun mir gegenüber an den Tisch und schaute mich wieder an und sagte: "Irgendwie... nehme ich dir das nicht ab... aber vielleicht ist das auch einer der Gründe warum ich dich so interessant finde." "Und?... Willst du das nun herausfinden.. oder was?" Fragte ich. "Ja, könnte schon sein..." Entgegnete Mallen. "Und was ist, wenn es da nichts Besonderes gibt...? Wenn ich einfach nur jemand bin, der, aus welchen Gründen auch immer, ein rotes Gesicht hat und blöderweise damit wie ein Teufel aussieht... und ich aus meiner Situation letztlich nur das Beste machen will? Was dann?"  "Was soll schon sein..? Dann habe ich mich halt geirrt. Aber, ich habe zu mindestens jemanden kennen gelernt.., der versucht das Beste aus seiner Situation zu machen. Ist doch auch was, oder?" sagte sie und lächelte mir dabei zu.

 

Ich hatte Mallen schon oft lachen oder lächeln gesehen. Es entsprach ihrem Wesen und ihrer Frohnatur.. Aber es war schon etwas ganz anderes, wenn man von ihr ein Lächeln bekam. Das Lächeln war echt und es ließ mein Herz... Purzelbäume schlagen. Verflucht! Wenn ich nicht schon rot wäre, dann wäre ich nun auf jeden Fall rot geworden. Mir war spätestens jetzt klar, dass ich mich wohl in sie verliebt hatte. Aber das konnte und durfte nicht sein. Ich wäre ein Idiot, wenn ich glauben würde, das Mallen sich jemals in einem wie mich verlieben könnte. Sie sagte sie findet mich interessant und das war alles und nichts mehr. Also.., sei kein Narr und bleib ruhig. "Ich will mal so sagen..." fing ich nun an "..es fällt mir schwer, zu glauben, dass du dich wirklich für mich interessierst.., das wäre... etwas völlig.. ja.. Neues für mich. Ein Gedanke an den ich mich erst einmal gewöhnen müsste.."  ...und an den ich mich natürlich auch gerne gewöhnen würde.., dachte ich noch bei mir.

 

Dann hörten wir Schritte. Die Tür öffnete sich und der Lehrer Herr Klimp betrat das Klassenzimmer. "Die Stunde ist um. Ich hoffe sie haben Ihre Lektionen gelernt. Geben sie mir nun bitte Ihre Ausarbeitungen." Wir gaben ihm schließlich unsere Ausarbeitungen. "Sobald ich mir Ihre Arbeiten angesehen habe und Sie nichts mehr von mir hören sollten, ist die Sache für Sie beide erledigt. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag." Dann verließ unser Lehrer Herr Klimp wieder den Klassenraum und Mallen und ich waren wieder allein.

 

Mallen drehte sich wieder zu mir um. "Ich muss nach Hause! Wenn Du möchtest können wir uns ja mal treffen und unser Gespräch dann fortsetzen. Ich würde mir auch gern mal deine Baumhöhle von innen ansehen." Sie lächelte mir wieder zu. "Ohh..., ja.. ja natürlich, können wir das machen" antwortete ich wieder völlig verdattert und konnte das alles immer noch gar nicht fassen. "Wann?" Fragte Mallen nun und ergänzte noch.. "Also heute kann ich nicht. Ich bin schon mit Korda verabredet.., aber morgen, nach der Schule?" Oh Gott...! Reiß dich zusammen, sagte ich zu mir selbst. "Gut, morgen ist für mich in Ordnung. Wenn du willst können wir uns bei meiner Baumhöhle treffen... Die kennst du nun.. leider.. mittlerweile ja". Antwortete ich schließlich. Mallen lachte, wahrscheinlich wegen meiner Bemerkung -leider- "Ja, dann bis morgen, bei deiner Baumhöhle...! Bis denn Rota!" "Bis dann, Mallen!".

 

Übernatürlich

 

Auf dem Rückweg nach Hause dachte ich die ganze Zeit über das Gespräch mit Mallen nach. Ich war darüber immer noch ziemlich verwirrt. Was wollte Mallen von mir? Nie gab es jemanden der sich wirklich für mich interessierte oder der mit mir befreundet sein wollte und nun ausgerechnet... Mallen! Das vielleicht beliebteste Mädchen von ganz Kaven, was zu mindestens für den männlichen Teil von Kaven zutraf. Sie findet es interessant, dass ich mich aufgrund meiner Situation nicht unterkriegen lasse. Mir bleibt aber doch gar nichts anderes übrig als das Beste daraus zu machen. Würden denn andere sich anders verhalten? Jeder versucht doch irgendwie das Beste aus seiner Situation zu machen. Ich habe auch nie daran gedacht, dass ich etwas Besonderes sein könnte. Und wenn es etwas Besonderes an mir gab, dann war es nur dieses Feuermal, was mir ein monströses Aussehen verleiht. Aber vielleicht ist da wirklich doch etwas mehr... und Mallen hat vielleicht nicht ganz Unrecht damit, als sie andeutete, dass ich vielleicht nicht nur innerlich stark sein könnte, sondern ich mich möglicherweise auch körperlich meiner Haut wehren könnte. Tatsächlich war ich, wenn ich genauer darüber nachdachte, auch noch nie richtig an meine Leistungsgrenze gekommen. Alles was ich heben und bewegen wollte, hatte ich meistens auch ohne weiteres Nachdenken bewältigen können. Warum habe ich eigentlich nie ausprobiert wie stark ich wirklich bin und wo meine Grenzen sind. Jedes normale Kind versucht, ob spielerisch oder auf andere Weise, seine Grenzen auszuloten. Ich habe es nie versucht. Warum eigentlich nicht? Gut, ich hab aufgrund meines Aussehens keine Freunde oder Spielkameraden mit denen ich mich hätte messen können. Trotzdem? Aber.., was man noch nicht gemacht hat, kann man immer noch nachholen.. Ich werde gleich bei meiner Baumhöhle sein und dort kann ich ja testen wo meine Grenzen sind. Klimmzüge wäre vielleicht eine gute Möglichkeit...

 

Kurze Zeit später erreichte ich dann meine Baumhöhle. Ich kletterte meine Baumhöhle hinauf und fand auch schnell einen geeigneten Ast um daran Klimmzüge zu machen. Beim ersten Klimmzug merkte ich gleich, dass es für mich anstrengend wird und ich durchaus viel Mühe habe mich nur mit meiner Armkraft nach oben zu ziehen. Aber es gelang mir. Der zweite Klimmzug gelang mir ebenfalls, jedoch auch nur mit größter Mühe.. Ächzend schaffte ich auch noch den Dritten. Der vierte Klimmzug wurde zu einer echten Herausforderung und ich schaffte es nur mit äußerster Willenskraft. Trotzdem versuchte ich noch den fünften Klimmzug. Und dann passierte etwas Merkwürdiges. Auf halbem Weg, und an einem Punkt wo ich gerade aufgeben wollte, bemerkte ich auf einmal in meinen Armmuskeln eine kleine Leistungsreserve, die mich dann wieder etwas höher beförderte und ich mit einem lauten Stöhnen auch den fünften Klimmzug schaffte. Obwohl ich total erschöpft war, motivierte mich dies nun wieder auch den nächsten Klimmzug zu versuchen. Auch hier bemerkte ich wieder diese kleine Kraftreserve, die mich, trotz heftiger Schmerzen im Oberarm, auch diesen sechsten Klimmzug schaffen ließ. Ich versuchte es nun immer weiter und weiter.. Die Schmerzen ließen zwar nicht nach, jedoch schaffte ich alle Klimmzüge. Ich war nun beim dreiunddreißigsten Klimmzug und merkte, dass ich immer noch weiter machen konnte. Beim hundertsten Klimmzug hörte ich schließlich auf. Meine Arme schmerzten höllisch, aber mir war klar, ich hätte noch weiter und weiter machen können.

 

Scheinbar habe ich tatsächlich Kräfte in mir die ungewöhnlich sind. Ich bin  begeistert und finde es natürlich fantastisch diese Kräfte zu haben, die mir vielleicht noch ganz nützlich sein können. Aber wieso und woher habe ich diese Kräfte? Was kann ich sonst noch alles? Ich kletterte wieder von meiner Baumhöhle nach unten und ging zum nächstbesten Baum. Der Baum hatte einen Umfang von rund eineinhalb Schritt. Hatte ich die Kraft den Baum zu schütteln oder sogar umzukippen? Ich konnte es mir zwar nicht vorstellen und kam mir ein wenig lächerlich vor... aber ich wollte es jetzt einfach wissen. Ich stämmte mich nun mit aller Kraft die ich aufbringen konnte, mit meinen Händen und meinem Körper gegen den Baum. Es tat sich nichts. Ich versuchte mich mit noch mehr Kraft gegen den Baum zu drücken.. Nichts! Das einzige was passierte war, dass ich mich selbst vom Baum wegdrückte. Mir wurde klar, dass das so ja auch nichts werden konnte. Physikalische Gesetze! Ich schaute mich um. Weiter hinten lag ein umgefallener Malvenbaum. Zwischen Wurzel und Baumkrone stellte ich mich unter dem Stamm. In gebückter Haltung fasste ich den Stamm mit meinen Händen und versuchte den Baumstamm zu heben. Mit aller Kraft drückte ich. Ich dachte noch.. was für ein Blödsinn machst du da eigentlich.. doch dann als ich schon fast aufgeben wollte und mit noch mehr Kraft gegen den Baum drückte, bemerkte ich tatsächlich das sich der Baum etwas bewegte. Dies ermunterte mich noch stärker zu drücken. Ich bemerkte wie ich mich selbst tiefer in den Waldboden drückte, aber nur bis zu dem Punkt wo der Boden eine Festigkeit hatte, den Druck meiner Füße zu halten. Dann endlich schaffte ich es diesen Koloss von Baum, zu heben und neben mir wieder fallen zu lassen. Unglaublich! Mein Gott..! Wahnsinn..! Hatte ich das wirklich gerade geschafft? Meine Muskeln, Arme, Beine, Rücken brannten und schmerzten.. Aber das war mir in diesem Moment egal. Schmerzen kommen und gehen für gewöhnlich ja auch wieder...

 

Was mache ich nun mit dem Wissen, dass ich ungewöhnliche Kräfte habe? Setze ich diese ein um mich gegen Jaden und die anderen, die mich täglich schikanieren und ärgern, zu wehren? Was würde passieren? Sie würden vielleicht damit aufhören..., aber ob sie mich dann respektieren würden.., wage ich sehr zu bezweifeln. Ich denke sie würden eher vorsichtiger werden und wenn sich irgendwann dann eine günstige Gelegenheit bietet, dann würden sie diese Gelegenheit vielleicht auch nutzen um mich so richtig fertig machen. Nein..., das werde ich also nicht tun. Ich werde es geheim halten. Besser und vor allem aufregender ist es doch diese außergewöhnlichen Kräfte nur dann, wenn es wirklich notwendig ist einzusetzen. Das Überraschungsmoment wäre dann jedenfalls auf meiner Seite. Ich bin eigentlich jemand, der kaum lächelt, aber in diesem Moment musste ich dann doch.. ein wenig... lächeln.

 

Zuhause

 

Es war schon spät. Petra, Justin und Sophia hatten bestimmt schon zu Mittag gegessen. Ich glaube und hoffe nicht, dass sie auf mich gewartet haben. Denn wenn sie gewartet haben, werden sie mir dies bestimmt auch gerne wieder vorhalten. Wie lange sie doch auf mich gewartet hätten.., was sie nicht alles in dieser Zeit hätten machen können und, und, und. Egal, sollen sie doch! Diesen Tag können auch sie mir nicht mehr vermiesen.

 

Wie befürchtet, als ich dann Zuhause ankam, kam mir Justin auch gleich im Hauseingang entgegen. "Ohh.. da ist ja unser Rota! Kommt so mir nichts dir nichts, wie es ihm halt gerade gefällt nach Hause und möchte womöglich wie selbstverständlich nun sein Mittagessen vorgesetzt bekommen! Du egoistischer Taugenichts.., weißt du eigentlich wie lange wir wieder auf dich Nichtsnutz gewartet haben...?" Ich versuchte mich gerade zu erklären, wurde aber dann sofort kopfschüttelnd von Justin weggeschupst. Ich prallte gegen die Wand und verlor das Gleichgewicht und fiel schließlich zu Boden. "Du bist so ein..., aaach.. das hat sowieso keinen Sinn!" und ging dann wütend an mir vorbei in sein Zimmer. Wobei er daraufhin noch kräftig die Tür hinter sich zuschlug. Nun kam Petra aus der Küche und sah mich auf dem Boden liegen. "Wir haben lange auf dich gewartet. Kannst du dir nicht vorstellen, dass wir uns vielleicht auch Sorgen machen, wenn du nicht kommst?" Dabei schaute sie sogar wütend zu mir herunter. Sie, die sonst immer die Ruhe in Person ist und sich so gut wie nie über etwas ärgert oder aufregt. Ich schaute schließlich zu ihr hoch und sagte: "Der Lehrer hat mich eine Stunde nachsitzen lassen.., das war alles.. und mehr möchte ich auch nicht dazu sagen. Rechnet doch einfach in Zukunft immer damit, dass ich eine Stunde oder sogar noch später komme, dann braucht ihr Euch auch keine Sorgen um mich zu machen." "Werde nicht auch noch frech! Wir haben dich in unsere Familie aufgenommen und du dankst es uns immer wieder mit deinen ständigen Frechheiten... ". Ich schaute sie an und sie mich. Ich entschloss nichts darauf zu sagen. Sie atmete schließlich tief durch und seufzte.. "Komm erst mal hoch und setz dich in die Küche. Du solltest jetzt erst mal etwas essen." Ich ging dann schließlich in die Küche. Petra gab mir dann noch den Rest vom verbliebenen Essen. Es gab Gemüseeintopf, den ich dann auch komplett aufgegessen habe. Petra setzte sich jedoch nicht mehr zu mir. Sie entschuldigte sich, da sie noch mit ihrer Freundin verabredet war. Mir war es egal. Ich war froh, dass ich hier allein war und ungestört das tun konnte, was ich noch zu tun hatte.

 

Treffen

 

Am nächsten Tag nach der Schule war es dann soweit, dass ich zum ersten Mal mit Mallen verabredet war. Zuhause hatte ich Petra gesagt, dass ich heute nicht zum Mittagessen komme und erst gegen Abend da sein werde. In der Schule war heute ansonsten auch nichts weiter Nennenswertes passiert, bis auf die Tatsache, dass Jaden mich wie gewohnt beleidigte und demütigte. Als ich dann in meiner Baumhöhle angekommen war, dauerte es auch nicht mehr lange und Mallen erreichte meine Baumhöhle und rief nach mir. "Hallo Mallen, warte.. ich lass gleich die Strickleiter runter." Ich selbst nahm bevorzugt immer gerne den Kletterweg, aber ich hatte auch eine Strickleiter angefertigt um damit bequemer die Baumhöhle zu erreichen. Ich selbst aber hatte nur einmal diese Strickleiter benutzt und das, war auch nur deshalb um zu testen ob die Strickleiter überhaupt funktionierte. Als ich die Strickleiter jedoch gerade herunter lassen wollte, kam mir Mallen aber schon gleich auf halben Kletterweg entgegen. Mallen trug praktischerweise sogar eine Hose. Es war nicht ungewöhnlich in Kaven, das Frauen und Mädchen auch Hosen trugen, aber es kam nicht häufig vor. Ich selbst fand das Mädchen und Frauen allgemein in Hosen eher unvorteilhaft aussehen. Bei Mallen hingegen musste ich zugeben, das ihr die Hose sehr wohl stand. Als sie dann schließlich kletternd meine Baumhöhle erreichte, sah sie mich lächelnd und erwartungsvoll an. "Hallo Rota! Und... darf ich rein?" Fragte sie jetzt. Ich ging beiseite und öffnete die Klapptür zu meiner Baumhöhle. Mallen ging rein und schaute sich schließlich in meiner Baumhöhle um. Sie ging wortlos von einem Ausguck zum anderen, sah sich meine bescheidenen Möbel und meinen Liegeplatz genauer an, bis sie sich schließlich auf dem Hocker hinsetzte und mich wieder ansah. Ich selbst war wieder so von ihr fasziniert, dass ich ihrem Blick nicht lange standhalten konnte und ich mich schließlich wegdrehte. "Wahnsinn! Und das hast du alles allein gebaut? Schon allein die Größe..., irre! Von draußen gesehen wirkt alles viel kleiner und dann hier... doch so ... ja riesig.. Ich wusste, dass in dir sehr viel mehr steckt als du nach außen hin immer zeigst. Aber das hier.. Ich wette das Ding..., dein Baumhaus hier..., ist sogar absolut sturmfest. Nass wird man hier bestimmt auch nicht, oder?" "Nein, nass... wird man hier nicht." sagte ich nun nicht ganz ohne Stolz. Sie schaute mich zunächst schweigend an, bis sie dann doch wieder eine Frage stellte. "Wieso hast du diese Hütte eigentlich gebaut? Ich meine war es einfach nur..., weil du Lust hattest etwas zu bauen oder gab es hierfür einen besonderen Grund?" Ja, warum habe ich diese Hütte gebaut...? Ich überlegte, bis ich schließlich sagte: "Mir hat es auf jeden Fall Spaß gemacht etwas nur für mich zu bauen...., naja und ich denke..., weil ich mir hier ein Platz schaffen wollte, wo ich mich einfach wohl und irgendwie sicher fühlen kann." Sie nickte... "Kann ich mir gut vorstellen. So einen Ort wünschen sich, glaube ich, viele." sagte sie schließlich und fragte weiter: "Und..? Was hast du anzubieten?" "Wie? Was habe ich anzubieten?" Fragte ich nun verdutzt. "Ich meine.., ich bin doch dein Gast, oder? Und einem Gast bietet man doch für gewöhnlich etwas an.." Antwortete sie und schaute mich dabei ein wenig neckisch an. Ich musste grinsen. "Ich habe gesehen, dass du klettern kannst und ich glaube, dass du das vielleicht auch gerne machst... Was hältst du davon, wenn ich dir ein paar wirklich tolle Plätze zum Klettern zeige?" Sie schaute mich dankbar und lächelnd an. "Da bin ich dabei! Ich liebe Klettern!"  "Gut!." sagte ich "..dann können wir gleich bei diesem Baum anfangen. Wenn wir oben sind, ich sage dir..., die Aussicht ist wirklich eindrucksvoll... Aber was sage ich..! Du wirst es ja selbst sehen.. ". Wir kletterten dann diesen Baum bis fast zur Spitze hoch. Der Baum gehörte zu den höchsten Bäumen in diesem Wald und maß vielleicht gut über fünfzig Schritt. Mallen, erwies sich hierbei auch als wirklich geschickte Kletterin, obwohl ich von ihr auch nichts anderes erwartet hatte. Sie war stets in allem sehr gut.. und da gab es, soweit ich wusste, bisher auch nie eine Ausnahme.

 

Als wir schließlich oben angekommen waren, genoss sie diesen Augenblick und diese Aussicht. Dieses Glücksgefühl was sie offensichtlich verspürte, war echt und ich empfand zum ersten Mal ebenfalls einen Moment des Glücks, da ich zum ersten Mal in meinem Leben jemandem eine Freude machen konnte. Als wir wieder nach unten geklettert waren und wir uns wieder in meiner Hütte befanden, war es jedoch schon später geworden als wir angenommen hatten. "Ich würde immer wieder gern nach oben zur Spitze des Baums klettern.. Es war.. aufregend und die Aussicht ist dort atemberaubend schön." schwärmte Mallen immer wieder. "Ich werde dich nicht daran hindern.. aber, es gibt zum Klettern auch noch andere schöne Bäume in diesem Wald, die auch so ihren Reiz haben und wenn du Lust hast, könnte ich dir die auch noch gerne zeigen." "Möchte ich!" sagte sie sofort und grinste mich dabei verrückt an.

 

"Mallen.., " ich machte eine Pause.. und wurde nun ernster "..sag mal, warum gibst du dich eigentlich mit mir ab? Irgendwie verstehe ich das nicht. Jeder würde dich liebend gern zur Freundin haben und mit dir die Zeit verbringen.. und du, du verbringst nun deine Zeit mit mir. Mit mir, dem wohl unbeliebtesten und ungeheuerlichsten Typen in ganz Kaven?" Mallen lächelte mir nun zu und sagte: "Ich finde nicht, dass du ungeheuerlich bist. Ungewöhnlich bist du.. das könnte stimmen, ja.. aber wie ich dir schon gesagt habe.. du bist anders und es ist mit dir nicht langweilig. Ich finde es... irgendwie... spannend wie du bist und was du machst. Und die anderen.., Korda, Maja, Greta oder wen ich von meinen sogenannten Freundinnen auch nenne.. Entweder es dreht es sich bei ihnen nur um ihr blödes Aussehen oder es geht um Themen wer von den Jungs am Peinlichsten, am Blödesten, am Tollsten oder was auch immer ist.. Und die anderen Jungs.. naja, die kennst du selbst besser als ich."  "Mag sein das dies vielleicht auf unsere Klasse zutrifft, aber was ist mit den anderen...? Wie beispielsweise Jake Flanders?"

 

Jake geht in die Sechste und ist damit zwei Klassen über uns. Er ist für viele so eine Art Held. In vieler Hinsicht ist er jedenfalls ein Vorbild. Er gilt als aufrichtig, ehrlich und er besitzt Anstand. Hinzu kommt, dass er auch noch gut aussieht. Er ist zwar kein Schönling, aber er hat eine gewisse Ausstrahlung. Vor ein paar Jahren hatte er sich für einen Jungen eingesetzt, der verbannt werden sollte, weil er seine Mutter getötet haben soll. Der Junge war nicht gerade beliebt und galt auch als sehr schwierig. In dieser Sache hatte Jake jedenfalls viele gegen sich aufgebracht und musste dabei sogar so einiges erleiden. Jake hatte aber letztendlich beweisen können, dass der Junge wohl doch nicht der Mörder sein konnte. Soweit ich wusste hatte der Junge sich aber nie bei Jake bedankt, sondern hatte ihn im Gegenteil sogar später noch übel beleidigt. Warum Jake sich für ihn so eingesetzte, war für viele immer noch ein Rätsel. Aber wie er sich für ihn eingesetzt hatte, hatte ihm viel Respekt und Bewunderung eingebracht.

 

Mallen überlegte, bis sie schließlich sagte: "Okay, Jake ist eine Ausnahme. Aber er ist in der sechsten Klasse und hat bestimmt kein Interesse daran mit mir "kleines Kind" die Zeit zu verbringen!" Das sah ich zwar anders, denn ich hatte des Öfteren beobachtet wie Jake manchmal unauffällig und heimlich Mallen ansah. Und bei Mallen, wenn ich mich nicht getäuscht hatte, hatte ich ähnliches beobachtet, wie sie nämlich manchmal heimlich Jake beäugte. "Magst du Jake?" Fragte ich nun Mallen. "Ich kenne ihn leider zu wenig, aber er scheint ganz in Ordnung zu sein. Und was hältst du von ihm?"

 

Mir selbst hatte Jake auch schon einmal wegen seiner blöden Mitschüler geholfen, die mir eines Tages aufgelauert hatten und mich dann in einer Tonne den Hügel runterrollen wollten. Jake war allein und sie waren zu dritt. Jake blieb cool und fragte nur was ich denn getan hätte, dass man mir das hier antun wollte. Wahrheitsgemäß sagte ich natürlich, dass ich gar nichts getan hätte. Jake wurde von seinen Mitschülern respektiert und es bedurfte auch nicht vieler Worte von Jake und sie ließen mich schließlich in Ruhe. Als die Mitschüler von Jake dann weggegangen waren, bedankte ich mich bei ihm. "Idioten gibt's immer! Da kann man wohl nichts machen..., von daher... mach’s gut und pass auf dich auf!" Dann ging er weiter. Ich musste zugeben, ich mochte Jake.

 

"Er hat mir vor einiger Zeit mal aus der Patsche geholfen. Er und du seid bisher jedenfalls die Einzigen die mich nicht wie eine Missgeburt oder ein Ungeheuer behandelt haben. Von daher gehört Jake für mich zu einen der wenigen, zu dem ich nichts Schlechtes sagen kann." Beantwortete ich schließlich Mallens Frage. "Ich finde du siehst für eine Missgeburt aber recht passabel aus." "Mallen..! Ich sehe wie eine Ausgeburt der Hölle aus..!" "Ach hör auf, Rota! Du magst wegen deiner Gesichtsfarbe vielleicht eine teuflische Erscheinung haben und für viele vielleicht auch unheimlich wirken. Aber..., meiner Meinung nach.. kann auch ein Teufel durchaus gut aussehen und ich finde du siehst für mich zu mindestens... interessant aus." Mallen sagte dies mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern. Ich seufzte und erwiderte schließlich: "Wenn du's sagst.., dann sollte ich mich demnach wohl sogar glücklich schätzen.. oder was?" Sie nickte "Vielleicht kannst du das sogar und wer weiß was der liebe Gott mit dir sonst noch alles vorhat?" "Oder.. der Beelzebub!" Ergänzte ich leise.  Mallen lachte "Gut.. was soll‘s.. oder vielleicht auch der..".

 

"Es ist spät geworden..., Mallen, ich muss mich denke ich, langsam auf den Weg nach Hause machen." Mallen nickte. "Ich weiß, ich werde wahrscheinlich schon selber von meinem Vater zu Hause vermisst." Mir schwirrten nun viele Gedanken durch den Kopf. Alles hatte sich irgendwie verändert und war nicht mehr so wie sonst. Es war ein wunderschöner Tag für mich gewesen und ich hatte diesen Tag mit Mallen verbracht und ihr hat der Tag scheinbar ebenso gut gefallen. Hinzu kommt, das Mallen mich nicht abstoßend findet, sondern vielleicht tatsächlich sogar mag. Etwas völlig Neues für mich. Aber wie soll das hier weitergehen? Was ist morgen in der Schule? Wird sie mit mir reden, wie wir es hier getan haben? Für mich und vielleicht auch für viele anderen Schüler unserer Klasse, insbesondere Jaden und seine Leute, ein unvorstellbarer Gedanke. "Warte. Bevor du gehst, Mallen, wie wirst du dich morgen in der Schule mir gegenüber verhalten? Ich meine...." Mallen schaute mich verdutzt an. "Wieso? Ich werde mich natürlich in der Klasse neben dich setzen. Ich meine warum sollte ich noch bei der albernen Greta sitzen.., wo du mir doch nun viel lieber bist." Sie fing an zu lachen.. "Nein, keine Angst, wenn du willst, dann ist dies unser Geheimnis.... Vorausgesetzt ich darf wiederkommen." sagte Mallen. "Ich würde mich jedenfalls freuen wenn du wiederkommen würdest.." sagte ich. "Und wann wollen wir uns hier wieder treffen?" fragte sie nun. "Wann du möchtest". "Dann nächste Woche? Gleiche Zeit?" Ich nickte und sagte nur "Ja.. klar!".

 

Es vergeht ein Jahr...

 

Und so kam es, dass wir uns öfters und fast regelmäßig in meiner Baumhöhle trafen. Wir erkundeten neue Kletterbäume und nahmen weitere Verbesserungen an der Baumhöhle vor. Wir erweiterten die Hütte sogar um eine weitere Etage, die zwar wesentlich kleiner als die eigentliche Baumhöhle war, aber sich als recht nützlich erwies. Auch nahmen wir häufig Zisko mit, mit dem wir dann häufig den Wald durchstreiften und immer viel Spaß hatten. In der Schule gaben wir unsere Freundschaft nicht zu erkennen. Wir sprachen dort nicht miteinander und halfen uns gegenseitig auch nicht. Ich war wie bisher der Außenseiter in der Schule und ließ mich wie sonst auch von vielen, insbesondere natürlich von Jaden, schikanieren und ärgern. Es machte mir jedoch neuerdings noch weniger aus. An den Tagen wo ich mich nicht mit Mallen traf, hatte ich meine ungewöhnlichen Kräfte weiter erforscht und ausprobiert. Dabei habe ich auch Fortschritte gemacht. Ich wurde nicht unbedingt stärker, aber ich gewöhnte mich immer mehr an die Schmerzen sobald ich über meine natürliche Leistungsgrenze kam.  Die Schmerzen waren zwar genauso intensiv wie vorher, aber das Wissen, dass der Schmerz mir bekannt war und diese auch immer schneller nachließen, ließ mich nun wesentlich mehr an Schmerzen aushalten, als es vorher der Fall war. Bisher hatte ich meine Kräfte auch noch keinem zu erkennen gegeben, aber nach gut mehr als einem Jahr, nachdem Mallen und ich Freunde wurden, sollte es schließlich das erste Mal dazu kommen, dass ich diese Kräfte einsetzte.

 

Alles ändert sich...

 

Es ist ein Spätsommertag und ich war gerade bei meinen Nachbarn Marla und Debbie Gruden gewesen und hatte Zisko mitgenommen um dann wieder zu meiner Baumhöhle zu gehen. Heute wollte ich endlich die Eckbank fertigbauen, die ich vor gut einer Woche begonnen hatte. Die Baumhöhle war mittlerweile wirklich wohnlich geworden und ich konnte mir sogar vorstellen in der Not mal hier zu leben. Als ich dann jedoch die Baumhöhle erreichte, sah ich das etwas absolut nicht stimmte. Holz lag überall um meinen Baum herum. Wieso lag so viel Holz um meinen Baum? Mein Herz fing an schneller zu schlagen. Entsetzen packte mich und ich musste erkennen, dass es das Holz von meiner Baumhöhle war, das überall zerstreut um den Malvenbaum herumlag. Meine Baumhöhle, woran ich über mehr als vier Jahre lang gearbeitet hatte, mein ganzer Stolz, war völlig zerstört. Ich schrie "Neiiiin, nein, nein, nein ..neiiiiiin!" Immer wieder. Ich rannte um den Baum herum, ich schaute zum Baum hoch, dann wieder um mich herum.., dann wieder zum Baum hoch. Ich wollte es einfach nicht wahr haben. Schließlich ging ich zu Boden und schloss meine Augen. Schmerz. Nein, das durfte nicht sein... Ich fing an zu weinen. Dabei wollte ich nicht weinen. Weinen hilft einem nicht weiter.. Dann hörte ich Schritte und eine ironische Stimme die mir sehr bekannt vorkam.

 

"Buhuu, buhuu, heul, heul.. unser Roter Teufel hat keiiine Hütte mehr... ohhh ohhh daaas tut mir aber Leid.." Das war eindeutig die Stimme von Jaden. Mein Entsetzen und meine innerliche Leere schlugen sofort in wilde Wut um. Jaden! Dieses Mal war er zu weit gegangen! Ich drehte mich zu der Stimme um. Und dann sah ich sie. Jaden, Pelle, Gero und Alvin kamen langsam und betont lässig näher. Jeder von Ihnen hatte entweder einen schweren Schlagstock oder einen schweren Hammer in der Hand, mit denen sie mit großer Wahrscheinlichkeit kurz vorher meine Baumhöhle zerstört hatten. "Also ich muss schon sagen.. Rota.. als ich dich gestern mit Mallen hier gesehen hatte ..ich wäre fast vom Glauben abgefallen.. Die Schöne und das Biest! Ich dachte das gibt’s nur im Märchen. Jeder von uns träumt von so einer Schlampe wie Mallen. Und du? Ausgerechnet du, hast es mit ihr hier jeden Tag offenbar pausenlos getrieben. Das lieber Rota, konnten wir natürlich nicht weiter zulassen. Das ist dir doch klar... hmm.. Rota? Das verstehst du doch.... oder....? Du brauchst mich jetzt gar nicht so böse anzuschauen.. Rota." sagte Jaden in einem ironisch selbstgefälligen Ton.

 

Ich war außer mir vor Wut. "DU bist zu weit gegangen.." knurrte ich nur und stand auf und ging langsam auf Jaden zu. Jaden blieb unbeeindruckt. "Nein Rota, nein, nein, ich bin nicht zu weit gegangen ..du verstehst ja immer noch nicht.. DUUhuu dummer Freak bist viel zu weit gegangen. Und WIR wollen das einfach nicht mehr durchgehen lassen. Oder Leute?" Grinste Jaden und schlug dabei kühl und gelassen immer wieder seinen Hammer in seine linke Hand. Zisko, der die Gefahr instinktiv wohl spürte, die von den vier Eindringlingen ausging, knurrte unentwegt, bis er schließlich auf den größten und stärksten der Jungen, Alvin, zu rannte und ihn bedrohlich anknurrte und anbellte. Dann erhob Alvin plötzlich seine rechte Hand. Ich erkannte erst jetzt entsetzt, dass Alvin einen Hammer in der rechten Hand hielt.

 

"Neiiiin!" Schrie ich. Alvin schlug schnell und erbarmungslos zu. Er traf Zisko direkt mit dem Hammer auf den Kopf. Zisko gab noch ein kurzes und entsetzliches Jaulen von sich und lag dann nur noch reglos auf dem Waldweg.. "Uiiii, habt ihr das gesehen..." gab Alvin dann noch überrascht lachend von sich. Ich drehte mich von Jaden nun zu Alvin um. Ich sah in Alvins Augen. Augen die scheinbar meine Wut nun wahr nahmen und plötzlich nur noch Angst und Schrecken erkennen ließen. Schließlich schlug ich zu und ich schlug mit aller Wut und Kraft die ich in diesem Moment aufbringen konnte zu. Ich traf Alvin direkt mit meiner Faust in sein Gesicht. Es knackte und ich spürte, dass so mancher Knochen in seinem Gesicht brach. Alvin flog nach hinten, fiel und blieb dann reglos liegen. Meine Hand schmerzte entsetzlich, was ich jedoch in diesem Moment kaum registrierte. Ich wendete mich nun wieder Jaden zu und wollte mich nun auf ihn stürzen.. Jaden schaute mich verwirrt an.., so als wollte er das absolut nicht glauben, was er soeben tatsächlich gesehen hatte. Plötzlich hörte ich jedoch Pelle hinter mir. Dann... verspürte ich einen blitzartigen, dumpfen und entsetzlichen Schmerz an meinem Hinterkopf. Dann war nur noch Dunkelheit... und ich war... weg.

 

Kerker

 

Es war stockduster als ich langsam wieder zu mir kam. Mir war kalt und mein Kopf fühlte sich an, als wäre er kurz vorm Platzen.. Diese Schmerzen! Was war passiert? Und dann dämmerte es mir plötzlich wieder.. Zisko! Meine Baumhöhle! NEIN! Ich erinnerte mich nun wieder an alles. Ich biss die Zähne zusammen, so als ob ich diese Schmerzen damit verdrängen könnte. Ich hatte Alvin in meiner Wut erschlagen. Es war nicht so, dass ich diese Tat wirklich bereute, denn Alvin war für mich ein Sadist und er hatte es letztendlich einfach nur verdient. Aber möglicherweise hatte ich nun auch etwas von meinen Fähigkeiten verraten, so das Jaden und die anderen nun gewarnt sein könnten. Egal.. Wo bin ich überhaupt? Ich bin nicht zu Hause. Es war so dunkel hier, dass ich kaum etwas sehen konnte. Ich stellte erst jetzt fest, dass ich auf etwas Hartem lag, eine Liege ohne Matratze und Decke. Es roch nach Pisse und Dreck. Dann erkannte ich trotz der Dunkelheit Gitterstäbe. Mir wurde nun klar wo ich war. Ich war im Kerker der Zitadelle von Kaven.

 

Ich schloss die Augen und fiel wieder in einen unruhigen Schlaf. Irgendwann später wurde ich wieder wach und hörte Schritte. Dann hörte ich das Geräusch einer Klappe, durch die etwas geschoben wurde. Ich vermutete, dass dies wohl meine Kerkers Mahlzeit war. Ich hatte Hunger und ich versuchte schließlich aufzustehen. Mein Kopf dröhnte und mir ging es nur schlecht. Ich fasste an meinem Kopf. Er fühlte sich feucht an. Ich vermutete, dass es mein Blut war, was sich so nass anfühlte. Dem war auch so, als ich meine nassen Finger zum Mund führte und Blut schmeckte. Man hatte sich noch nicht mal die Mühe gemacht meinen Kopf zu verbinden. Es gelang mir trotzdem aufzustehen und mich zur Kerkertür zu schleppen. Als ich dann dort ankam, stand dort tatsächlich eine Schale auf dem Boden. Ich nahm die Schale in meine Hände. Was auch immer in der Schale war, es roch nach nichts und die Suppe oder was auch immer das sein sollte war kalt. Mich ekelte davor. Trotzdem versuchte ich den Inhalt der Schale so schnell wie möglich runter zu schlucken. Der Inhalt war tatsächlich essbar aber ohne irgendeinen erkennbaren Geschmack. Die Suppe war sämig, fleischlos und ohne irgendwelches Gemüse.

 

Warum esse ich überhaupt noch, fragte ich mich nun selbst. Alles woran ich Freude hatte, hatte ich nun verloren. Meine Baumhöhle, woran ich tagtäglich mit Freude und mit Stolz daran gearbeitet hatte. Zisko, mein treuer und vielleicht einziger Freund den ich hatte und natürlich Mallen. Sie, die mir eine richtige Freundin wurde, von dem ich eigentlich nie zu hoffen gewagt hatte. Mallen, die mich mit ihrem Lächeln, ihrer Erscheinung und ihrer Art wie sie sich gab immer wieder aufs Neue verzauberte. Vermutlich wird ganz Kaven nun sogar von unserer Freundschaft wissen und mehr darin sehen wollen als es letztendlich der Fall war. Mallen wird niemals mehr frei und allein mit mir, einem Mörder, sein dürfen.

 

Und was wird man mit mir nun machen? In der Regel macht man mit einem Mörder kurzen Prozess. Man hängt ihn für gewöhnlich. Aber ich bin erst kürzlich fünfzehn geworden und somit kann und darf ich nach dem Gesetz noch nicht gehängt werden. Mit Sicherheit dürfte ich aber mit einer Verbannung rechnen. Was für gewöhnlich auch einem Todesurteil gleichkommt. Ohne den Schutz des Bundes der freien Länder, wozu Kaven gehört, ist das Überleben schwierig und sehr gefährlich. In der Wildnis, wohin man verbannt wird, soll es nur Gesetzlose geben und Anarchie, das Gesetz des Stärkeren, herrschen,. Gefährliche Tiere, wie giftige Schlangen, Wölfe, Bären, erschweren das Leben in der Wildnis obendrein. Und dann gibt es auch noch die Krasianer. Krasien ist ein barbarisches Volk mit grausamen Gesetzen und einer abergläubischen Kultur. Man erzählt sich, dass die Krasianer auch nur starke und gesunde Kinder akzeptieren. Kinder die missgebildet oder häufig krank werden, sollen angeblich von der Gemeinschaft ausgeschlossen und sich selbst überlassen werden. Es sollen dort auch regelmäßig Opferrituale abgehalten werden, um in Notzeiten die Götter milde zu stimmen. Einer wie ich, wäre für die Krasianer auch wohl das geborene Opfer und somit wäre Krasien auch keine Lösung für mich.

 

Die Verbannung wäre somit eine ziemlich schwere Strafe. Schlimmstenfalls müsste ich aber auch damit rechnen, dass man mich zum Teufel jagt. Das Urteil "Zum Teufel jagen" wurde bisher nur bei Erwachsenen verhängt und auch nur bei denen, die eine besonders schwere und schlimme Tat verübt hatten. Bei dieser Art der Verbannung dürfen sich die Bürger, die dem Verurteilten gegenüber einen Groll hegen, rächen und ihn wortwörtlich zum Teufel jagen. Die Bürger die sich hieran beteiligen, werden auch Jäger genannt. Die Jäger erhalten einen von der Stadt bereitgestellten Stock. In der Regel handelt es sich um einen Weidenstock von gut einem Schritt Länge und der Dicke eines erwachsenen Daumens. Andere Mittel und Waffen sind für diese Strafmaßnahme nicht zugelassen, da wohl die Gefahr zu hoch ist den Verurteilten zu schnell zu töten und es sich dann wohl nicht mehr um eine Vertreibung handeln könnte. Hinzu kommt, dass der Verurteilte diese Art der Vertreibung auch noch splitternackt über sich ergehen lassen muss. Die Chancen, dass der Verurteilte dieses Urteil überlebt, sind bestenfalls unwahrscheinlich zu nennen. Die meisten die diese Art der Bestrafung über sich ergehen lassen mussten, schafften es nicht mal bis zur Grenze von Kaven und die, die schnell und stark genug waren und es in die Wildnis geschafft hatten, fand man meistens kurze Zeit später tot und erbärmlich ausgemergelt irgendwo an der Grenze Kavens wieder.

 

Dass man mich zum Teufel jagen könnte, konnte ich mir aufgrund meiner Beliebtheit in Kaven ebenso gut vorstellen.

 

Warum also kämpfte ich weiter um mein Leben? Rache? Vermutlich, denn ich möchte wissen, wer und wie weit der oder die gehen werden, um mich zu malträtieren. Und sollte ich das tatsächlich überleben, würde ich mich auch an diesen Leuten rächen wollen. Vielleicht war das sogar meine Bestimmung und der Grund warum ich so bin wie ich bin. Aber würde ich überhaupt so weit kommen? Die Chancen die Verbannung oder erst recht das "zum Teufel jagen" zu überleben sind sehr gering und eher ausgeschlossen. Ich habe Angst. Aber ich habe und das ist meine Hoffnung, auch meine.... erst kürzlich entdeckten außergewöhnlichen Kräfte.

 

1. Besuch Johnas Goldan

 

Johnas Goldan war der erste der mir in meinem Kerker einen Besuch abstattete. Ich wusste nicht genau wieviel Zeit vergangen war, aber den Mahlzeiten nach zu urteilen musste es mindestens der zweite Tag in meiner Haft gewesen sein. Er blieb vor der Kerkertür stehen und rief meinen Namen. Ich kam zur Kerkertür und erkannte durch das kleine Guckloch in der Kerkertür, das es unser Bürgermeister Johnas Goldan und damit auch Mallens Vater war. "Rota Gevill, ich bin der Bürgermeister von Kaven, Johnas Goldan, und ich habe die Aufgabe dir zu erklären warum du hier bist und was dich in nächster Zeit erwarten wird. Du wirst beschuldigt Alvin von Hagenen vorsätzlich getötet zu haben. Weiter wirst du beschuldigt Mallen Goldan, meine Tochter, heimtückisch in deine Hütte gelockt zu haben und du sie dann versucht hast sie dort für deine Gelüste zu missbrauchen. Das sind schwere Anschuldigungen und dafür wirst du dich vorm Kavener Tribunal verantworten müssen. Überleg dir daher gut, was du zu deiner Verteidigung sagen wirst." Johnas Goldal sagte dies kühl, distanziert und ohne jegliche Emotionen. "Kennst du das Prozedere eines Tribunals?"

 

Ich wusste wie so ein Prozess abläuft. Wir hatten so einen Prozess auch schon in einer unserer Schulstunde nachgespielt. Nach Feststellung ob die förmlichen Voraussetzungen für die Abhaltung eines Tribunals erfüllt waren, werden dem Richter vom Bürgermeister die Anklagepunkte des Angeklagten genannt. Es werden die Zeugen gehört, die diese Anklagepunkte bestätigen. Dann darf der Angeklagte sich hierzu äußern und Gegenzeugen nennen. Der Bürgermeister ruft dann die Gegenzeugen zum Verhör auf. Nach dem Verhör der Gegenzeugen berät sich der Rat von Kaven, der zu mindestens achtzig Prozent anwesend sein muss, und teilt dem Richter dessen Entscheidung mit. Der Richter akzeptiert in der Regel die Entscheidung. Tut er es nicht, muss er sein eigenes Urteil begründen. Das Urteil des Richters, dass im Gegensatz zum Rat steht, wird rechtsgültig, wenn entweder der Bürgermeister zustimmt oder mindestens ein Viertel des Rates.

 

"Ich kenne den Ablauf" sagte ich schließlich. "Dann weißt du, dass du nun die Chance hast mir Gegenzeugen zu nennen." "Sie wissen vermutlich genauso wie ich, dass ich nur eine Gegenzeugin nennen kann" "Nein, nicht das ich wüsste.." erwiderte er kurz und knapp. "Es ist ihre Tochter Mallen." Johnas Goldan schloss kurz die Augen und schaute mich nun mit eindringlichem Blick seltsam an. "Hör mir mal gut zu..." Der Bürgermeister sagte dies leise und kam nun ganz dicht an die Kerkertür "..Nichts wird Mallen sagen. Sie hat mir alles ganz genau erzählt, wie es dazu kam und wie du sie reingelegt hast um sie für deine perversen Gelüste zu missbrauchen.. Verstehst du..? Ich werde höchstpersönlich, als Zeuge an ihrer statt, dem Tribunal mitteilen, wie du versucht hast meine Tochter in deine Höhle der Sünden zu locken, um sie dort zu schänden... Hast du das verstanden, du verdammte Ausgeburt der Hölle!" Er spuckte noch durch das Guckloch ohne mich jedoch zu treffen. Dann ging er.. Ich glaubte ihm kein Wort und sagte darauf auch nichts mehr.

 

2. Besuch Onkel Jaron

 

Es verging wieder einige Mahlzeiten, bevor mein nächster Besuch kam. Mir ging es mittlerweile etwas besser. Meine Kopfschmerzen waren fast weg und die Schmerzen an Rippen, Rücken und Schulter waren erheblich besser geworden. Nur die Kälte und der Gestank in dieser Zelle machten mich noch zu schaffen. Für meine Notdurft wurde mir ein Eimer zur Verfügung gestellt, der nur dann wohl entsorgt wurde, sobald dieser randvoll war. Ich hörte Stimmen und Schritte bevor ich dann die Stimme meines Onkels Jaron vernahm. Er klopfte an die Kerkertür und sagte dann leise "Rota, ich bin‘s, dein Onkel.." Ich ging zur Tür und sagte nur "Ja... was... was willst du?". "Ich weiß selbst eigentlich nicht genau was ich hier will..., vielleicht möchte ich das alles nur verstehen. Warum du uns das angetan hast.., und warum du so bist wie du bist.. Ich meine wir haben alles für dich getan. Wir haben dich in unsere Familie aufgenommen, dir einen Platz in unserer Familie in unserem Leben gegeben. Wir haben dich ernährt..,  unsere Zeit für dich geopfert, dir eine Ausbildung ermöglicht.. und, und, und... Und was machst du? Du trittst alles mit Füssen, ziehst uns in den Dreck und bereitest uns nur Sorgen.. und jetzt das! Mein Freund Johnas Goldan.. wie soll ich ihm jetzt noch unter die Augen treten können. Oder Robert..., der Vater von Jaden. Du hast Jaden's besten Freund ermordet! Den besten Freund von Robert Grat seinen Sohn! Verstehst du überhaupt, was das nun für ein schlechtes Bild auf mich wirft. Ist Dir das alles egal?!!!" Schrie er mich nun an. Ich ging von der Tür weg und legte mich wieder langsam auf meine harte Kerkerliege. Onkel Jaron beruhigte sich ein wenig und sprach nun beherrschter weiter:  "...aber vielleicht musste es auch einfach so kommen und es war einfach nur dein Schicksal so zu enden... Aber warum? Warum? Ich verstehe das nicht..". Mir wurde schlecht und ich wollte diesen selbstgefälligen Holzkopf nur noch loswerden.. Schließlich konnte ich nicht mehr an mich halten und beantwortete seine Frage; "Weil du Holzkopf es einfach nur verdient hast! Deswegen habe ich das alles gemacht!." und fügte dann noch schreiend hinzu.. "..und der Leibhaftige selbst hat mich geschickt um dich IDIOT dafür zu STRAFEN!!!!!" Mein Onkel war entsetzt und brüllte nun ebenfalls... "Das wirst du bereuen... hörst du mich? Das wirst du bereuen...!" Dann ging auch er weg. Ich legte mich wieder auf die Kerkerliege und fühlte mich nun etwas besser.

 

3. Besuch Jaden Grat

 

Nach zwei weiteren Tagesmahlzeiten kam dann Jaden zu Besuch.. Jaden war wieder ganz Jaden.. "Hallöchen Rota..! Na wie geht's? Wirst du hier gut versorgt? Ich hoffe du bekommst auch alles was du brauchst. Du musst nämlich wissen, dass ich mir schreckliche Sorgen um dich mache. Was ist, wenn du nun verbannt wirst? Nein, nein, nein, ich mag mir das gar nicht ohne dich hier vorstellen. Du hast mich immer so gut unterhalten.. und wenn du dann immer in dieser Wildnis... oh neiin.! Das darf einfach nicht passieren! Aber weißt du was ich nun häufig hier in Kaven höre...? Nein, weißt du's nicht? Dann werde ich es dir sagen. Viele möchten gerne, das man dich zum Teufel jagt.. Oh ohh.. Weißt du was das bedeutet? Dieses zum Teufel jagen? ... Nein... weißt du's nicht? Also ich will dir das mal so erklären....  Sie werden dich gaaanz nackig machen und dann werden alle Bürger, mit so'm Stock, dir mal kräftig die Leviten lesen und dir ganz genau zeigen wo du hingehörst. Verstehst du?... Zeigen wo du hingehörst... haha.. wo du hingehörst.. Der Prozess soll dir glaube ich auch wohl schon morgen gemacht werden..... Kann ich dir noch irgendwie etwas Gutes tun? Ach.. ich Blödi.. da fällt mir noch was ein.. ähm Mallen.. deine kleine Schlampe... hat mir noch eine Nachricht für dich mitgegeben... Soll ich dir sagen was sie gesagt hat..? Möchtest du das gerne wissen....? Komm näher, damit ich sie dir geben kann". Jaden wird garantiert keine Nachricht von Mallen für mich haben, aber ich kam trotzdem näher, so nah, dass ich direkt vorm Guckloch der Kerkertür stand. Er rotzte mich schließlich direkt und voll ins Gesicht. "Rota! ... wir werden dich sowas von zum Teufel jagen... hörst du? Wir werden Dir deine verdammte Teufelshaut über die Ohren ziehen... du Missgeburt der Hölle.. hörst du mich?" Ich wischte mir seinen Rotz vom Gesicht und sagte dazu nichts. Lachend und johlend verließ Jaden daraufhin den Kerker.

 

4. Besuch Jake Flanders

 

Ich schlief noch, als Jake an meine Kerkertür klopfte und mich wach rief. Ich erkannte die Stimme, obwohl ich ihn selbst kaum kannte.. „Jake?“ Das kann doch nicht sein.., was hat er mir denn zu sagen? Ich gehe zur Tür und erkannte durch das Guckloch, das es tatsächlich Jake war, der mich hier im Kerker besuchte. "Jake? Bist du das? Was... was in Gottes Namen.. willst du denn hier?" Fragte ich so ziemlich verdattert. Jake nahm langsam seinen rechten Zeigefinger zum Mund und spitzte die Lippen dabei. Dann nickte er in Richtung des Raumes wo sich vermutlich die Kerkerwachstube befand. "Wie geht’s dir?" "Naja, ich denke besser als ich wahrscheinlich aussehe.. Aber warum bist du hier?" Wollte ich wieder wissen. "Das verdankst du Mallen..." sagte er leise und setzte fort "Mallen hat mir ihre Sichtweise erzählt und mir gesagt was sich zwischen euch beiden wohl wirklich abgespielt hat. Ich glaube ihr. Und das Jaden und seine Leute... ein Haufen von Sadisten sind, weiß ich auch so. Mallen wäre gern selbst gekommen. Sie wird jedoch von ihrem Vater streng kontrolliert. Offiziell ist sie krank und darf das Haus auch erstmal nicht mehr verlassen. Ich habe sie noch nie so erlebt. Sie ist ziemlich am Boden zerstört. Jeder der die Wahrheit nicht kennt, denkt, dass du daran schuld bist, dass es ihr so schlecht geht." "Warte.. mal.." sagte ich "Wie konntest du überhaupt mit ihr reden, wenn sie nicht mehr zur Schule geht und auch sonst nicht das Haus verlässt?" Wollte ich nun wissen. Jake war diese Frage unangenehm, das konnte ich an seinem Gesichtsausdruck erkennen. "Ich weiß das klingt bescheuert.. aber als ich davon hörte was du Mallen angetan haben sollst, konnte ich mir das alles nicht so recht vorstellen und wenn ich etwas nicht glaube, dann will ich wissen was wirklich passiert ist."

 

"Ja und was hast du dann gemacht.. du bist doch nicht nachts in ihr Zimmer eingebrochen und hast Mallen zur Rede gestellt.. oder was?" Fragte ich nun ungläubig. "So oder ähnlich.. Ist doch völlig egal jetzt.. Tatsache ist, du wirst des Totschlags und der versuchten Vergewaltigung an der Tochter des Bürgermeisters angeklagt und keiner, bis auf Mallen und ich, sind auf deiner Seite. Mallen wird nicht als Zeugin aufgerufen werden, weil sie offiziell nicht vernehmungsfähig ist und was mich betrifft..., als Unbeteiligter wird man mich ebenfalls nicht erhören und auch gar nicht anhören wollen. Viele wollen deinen Tod oder dich zum Teufel jagen. Was ich damit sagen will ist, dass du mit dem Schlimmsten rechnen musst und du wohl auch zum Teufel gejagt werden wirst.... Mallen hat mir übrigens auch noch gesagt, dass ihr das alles schrecklich Leid tut und das sie alles tun wird um dir zu helfen. Sie sagt, dass du das aber alles überstehen kannst und die Kraft dazu hast sogar dieses "zum Teufel jagen" zu überleben.. Wenn es einer schaffen kann, dann bist du das. Das hat sie mir ausdrücklich gesagt, dass ich dir das sagen soll. Und nun hör mir ganz genau zu. Wenn es dazu kommt, dass man dich zum Teufel jagt, dann rennst du auch wie der Teufel! Ich habe diese Verurteilung schon zweimal gesehen und glaube mir... nur wer stehen bleibt, hinfällt und nicht wieder aufsteht hat keine Chance das zu überleben. Such dir einen Weg worauf du barfuß schnell laufen kannst, aber zögere nicht.., renne wie der Teufel und solltest du fallen, und du wirst fallen.., STEHE SOFORT WIEDER AUF!.. Schlage um dich und renne weiter. Und wenn du es dann tatsächlich schaffen solltest bis zur Außengrenze zu kommen, dann renne zum Backenfluss. Rennen....! Nicht gehen! Denn du musst auch hier damit rechnen aufgelauert zu werden. Es ist zwar nicht erlaubt, aber es gibt immer wieder einige, die das mit den Regeln nicht so ganz ernst nehmen. Kennst du die drei Bäume die kreisförmig um einen großen Felsen stehen?" Ich schüttelte meinen Kopf. "Nein, ich war nie in der Wildnis gewesen." "Aber du kennst den Fluss?" Ich nickte. "Du gehst den Fluss runter und wirst diesen Platz nach gut einer Stunde erreichen. Hier habe ich dir Kleider, eine dicke Decke, was zu Essen und eine Karte bereitgelegt. Diese Sachen liegen versteckt in einem Busch nahe am Fluss. Wenn du dich etwas erholt hast, gehst du zu dieser Höhle, die ich Dir auf der Karte aufgezeichnet habe. Ich werde Dir dort noch weitere Sachen bereitlegen, die du zum Überleben in dieser Wildnis benötigen wirst."

 

Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich nickte und sagte nur "Danke! Jake..." Jake schaute mir nochmal eindringlich in die Augen und sagte nochmal... "Renn..., renn wie der Teufel! Hörst du? Ich wünsch Dir Glück!" Dann ging auch er weg.

 

Das Tribunal

 

Am nächsten Tag wurde ich dann vom Gefängniswärter und zwei Gesetzeshütern aus meinem Kerker geholt und zum großen Tribunal-Saal geführt. Als ich dann den großen Saal betrat herrschte für einen kurzen Moment absolute Stille, worauf dann ein Tumult von Beschimpfungen über mich hereinbrach. Man forderte Gerechtigkeit, man beschimpfte mich als Satan, Teufel, Ausgeburt der Hölle, Schänder und Perversling. Viele forderten lautstark, dass man mich zum Teufel jagen, oder mich sogar gleich hängen sollte. Ich sah meinen Onkel bei den Ratsmitgliedern. Er stimmte jedoch nicht wie es einige Ratsmitglieder taten in diesen Tumult mit ein. Petra, Justin und Sophia entdeckte ich schließlich ebenfalls im Saal. Wobei hier nur Justin mitbrüllte. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt und es herrschte ein wildes Getöse und Gebrüll. Ich wurde schließlich zur Anklagebank, die sich in der Mitte des Saales mit Sitzrichtung zum Richtertisch befand, geführt.

 

Am Richtertisch saßen der Richter selbst und der Bürgermeister, wobei der Richter selbst noch nicht anwesend war. Das Tribunal war ein kreisrunder Saal mit mehr als zweihundert Plätzen. Der Rat mit seinen elf Mitgliedern befand sich in einer Reihe hinter dem Tisch des Richters. Die übrigen Zuschauerplätze waren in sechs Sitzgruppen am Rand des kreisrunden Tribunal-Saals verteilt. Hier saßen sowohl Zeugen, Geschädigte, Angehörige und einflussreiche Leute, die als Tribunalbeobachter das Geschehen verfolgen durften.

 

Nach gut einer Minute anhaltenden Lärms und Unruhe, betrat dann auch endlich der Richter den Saal. Es wurde sofort merklich stiller im Saal. Der Richter, war ein großer, korpulenter, alter Mann mit schlohweißen Haaren und einem langen Kinnbart, der vom benachbarten Ort namens Falden kam. Insbesondere durch seine eisblauen Augen wirkte er sehr respekt- und würdevoll. Er ging zu seinem Platz, schaute mich an, nickte den Ratsmitgliedern zu und begrüßte schließlich den Bürgermeister. Dann setzte er sich hin und schaute in die Menge. Der Tribunalbeauftragte rief dann: "Erheben Sie sich!" Alle folgten dem Aufruf. Der Richter nahm nun den Holzhammer in die Hand und sagte: "Ich stelle fest, das alle Mitglieder des Rates, der Bürgermeister von Kaven und der Angeklagte Rota Gevill hier im Saal, des nun stattfindenden Tribunals anwesend sind. Kraft meines mir verliehenen Amtes eröffne ich hiermit das Tribunal gegen den Angeklagten Rota Gevill." Dann schlug er den Hammer auf den Richtertisch und setzte sich. "Bürgermeister, wenn ich Sie bitten dürfte, nennen Sie die Anklagepunkte gegen den Angeklagten Rota Gevill!"

 

"Sehr verehrter Richter.." Johnas Goldan stand nun auf und stellte sich neben mir vor den Richtertisch. "Rota Gevill wird beschuldigt, den uns in guter Erinnerung bekannten Alvin von Hagenen, vor achtzehn Tagen vorsätzlich und aufgrund niedriger Beweggründe getötet zu haben. Folgendes soll sich zugetragen haben. Unser Zeuge Jaden Grat hatte tags zuvor zufällig entdeckt, dass der Angeklagte Rota Gevill und meine Tochter Mallen Goldan zusammen auf dem Weg in den Wald gingen. Da der Angeklagte allgemein als Einzelgänger und Außenseiter gilt, fand unser Zeuge Jaden Grat dies sehr merkwürdig und verdächtig. Er entschied der Sache näher auf den Grund zu gehen und den beiden unbemerkt zu folgen. Jaden Grat folgte ihnen, bis der Angeklagte und meine Tochter im Wald eine versteckte Baumhöhle erreichten. Der Zeuge Jaden Grat teilte mir mit, dass er auf dem Weg zu dieser Hütte teilweise dem Gespräch der beiden lauschen konnte und er vernommen hat, dass der Angeklagte meiner Tochter Mallen in dieser Hütte etwas ganz Besonderes zeigen wollte."

 

Ich konnte mir diese Lügen nun nicht länger anhören und stand entsetzt auf und rief "Lüge!... Das ist nicht wahr!!" Der Richter stand nun ebenfalls auf und hämmerte mit seinem Hammer mehrmals auf den Tisch.. "ANGEKLAGTER !! Sollten sie sich nicht sofort wieder hinsetzen... werde ich sie wegen Missachtung dieses Tribunals ...ohne weitere Anhörung verurteilen und Sie zum Teufel jagen lassen! Haben Sie mich verstanden. Sie werden noch zu gegebener Zeit zu Wort kommen um sich zu erklären!" Er machte eine Pause, schaute mich eindringlich an und setzte weiter fort:  "Das ist die erste und letzte Warnung die ich Ihnen gebe. Haben Sie mich verstanden Angeklagter?". Ich nickte schließlich und setzte mich wieder.. Was soll‘s, denke ich, es kommt wie es kommt und was man nicht ändern kann, muss man wohl oder übel akzeptieren..

 

"Fahren Sie bitte fort, Bürgermeister!" Sagte der Richter schließlich und setzte sich ebenfalls wieder. Der Bürgermeister wendete sich nun wieder den Zuschauern des Tribunals zu.. "Ich wiederhole nochmal. Unser Zeuge, Jaden Grat, hat vernommen, dass der Angeklagte meiner Tochter etwas ganz Besonderes zeigen wollte. Als dann der Angeklagte und meine Tochter Mallen in dieser Baumhöhle verschwanden, war zunächst erstmal nichts weiter geschehen, bis der Zeuge dann plötzlich die laute Stimme meiner Tochter vernommen hat.. Es sollen dabei folgende Worte gefallen sein: Rota..! Ich dachte du wolltest mir etwas Besonderes zeigen.. He was soll das! Lass mich los.. du tust mir weh! Spinnst du? Dann soll es sich wie ein Kampf zwischen dem Angeklagten und meiner Tochter angehört haben. Gerade wollte dann unser Zeuge Jaden Grat meiner Tochter zur Hilfe eilen, als dann aber auch schon meine Tochter flüchtend aus dieser Baumhöhle geklettert kam und geradewegs und so schnell sie konnte wieder nach Hause lief.

 

Jaden Grat hat dann gleich am nächsten Tag mit seinen Freunden beschlossen, den Angeklagten aufzuhalten und diesen Ort der Schändung zu zerstören. Es haben sich letztlich Jaden Grat, Gero Hasbers, Pelle Kladier und Alvin van Hagenen auf dem Weg gemacht um diese Hütte zu zerstören..,damit es nie wieder.. zu so einer Schandtat kommen kann. Als sie dann die Hütte vollständig niedergerissen hatten, kam der Angeklagte und ging wutschnaubend auf den ersten und somit auf das Opfer Alvin van Hagenen zu. Rota Gevill schlug mit der Faust direkt und mit voller Wucht in das Gesicht von Alvin van Hagenen. Er traf ihn direkt auf die Nase, die daraufhin brach und die Knochensplitter das Gehirn von Alvin dermaßen verletzten, dass dieser auf der Stelle verstarb. Daraufhin lief der Hund, von Marla und Debbie Gruden, sein Name ist Zisko, bellend auf den Angeklagten Rota Gevill zu. Der Angeklagte nahm den Hammer von Alvin van Hagenen in die Hand und erschlug erbarmungslos und jähzornig wie er war, Zisko, den Hund, der ihm vertrauensvoll von den Gruden's in Obhut gegeben worden war, zu Tode. Erst dann konnte Pelle Kladier mit einem Schlag von hinten den tosenden Angeklagten, Rota Gevill, unschädlich machen."

 

Johnas Goldan machte eine Pause. Es herrschte absolute Stille im Saal. Er schaute mich kurz aber mit hasserfülltem Gesicht an und sagte dann: "Meine Tochter Mallen geht es seit dem sehr schlecht. Sie ist seit dem nicht mehr sie selbst und ist innerlich zerstört. Meine Tochter ist daher bedauerlicherweise nicht vernehmungsfähig. Daher möchte ich an ihrer statt als Zeuge hier vor dieses Tribunal treten und das Gesagte so bestätigen, wie es soeben vorgetragen wurde. Rota Gevill hat meine Tochter in diese Baumhütte gelockt um dann seine Gelüste an ihr zu befriedigen." Der Richter schaute irritiert und fragte "Herr Bürgermeister, darf ich sie so verstehen, dass sie nun direkt zur Zeugenvernehmung gewechselt sind und sie selbst sich als Vertreter ihrer Tochter Mallen als Zeuge ausgesagt haben?" "Das ist richtig, Euer Ehren! Und ich würde gerne mit dem nächsten Zeugen fortfahren.." Der Richter nickte.. "Fahren Sie fort..." Als nächste Zeugen wurden Gero Hasbers, dann Pelle Kladier vom Bürgermeister vernommen. Sinngemäß bestätigten sie die vorhergehenden Ausführungen des Bürgermeisters. Als letzter Zeuge wurde Jaden Grat vernommen. Auch Jaden bestätigte, dass sich alles so zugetragen hat, wie es der Bürgermeister bereits gesagt hatte, jedoch mit noch mehr Einzelheiten, was sich in meiner Hütte zwischen mir und Mallen zugetragen haben soll. Ich soll unter anderem gefordert haben, dass Mallen sich ausziehen soll, dass sie sich nicht so zieren soll...und, und, und..

 

Egal wie es letzten Endes ausgehen wird..., sollte ich das überleben, Jaden, dafür wirst du noch büßen! Es kommt der Tag an dem du noch bereuen wirst, so etwas gesagt zu haben. Wart's nur ab.. ich werde dich irgendwann erwischen...

 

Nach einer kurzen Pause wurde ich dann vom Richter aufgefordert meine Sichtweise darzulegen und meine Zeugen zu benennen. Ich erzählte dem Richter schließlich alles so, wie es sich aus meiner Sicht wirklich zu getragen hatte. Ich schilderte ihm, dass Mallen meine Hütte schon vor mehr als einem Jahr entdeckte und ich ihr dann meine Hütte gezeigt hatte. Wir uns angefreundet hatten und sie mir dann später sogar geholfen hatte die Hütte zu verbessern und auszubauen. Als ich dies erzählte wurde ich beschimpft und ausgelacht. Viele riefen „Lügner..“ oder „Mallen würde sich niemals mit einem Teufel wie dir abgeben..“ und andere schauten sich auch nur an und lachten einfach über diese Absurdität... Mir wurde klar, dass meine Erklärungen hoffnungslos und unglaubwürdig waren. Vor allem, weil ich keinen einzigen Zeugen nennen konnte. Trotzdem erzählte ich diesem Tribunal alles so, wie es sich aus meiner Ansicht zugetragen hatte. Letztendlich fragte der Richter mich noch ob ich zu meiner Aussage Zeugen benennen könnte. Ich antwortete schließlich "Die einzige Zeugin die ich nennen kann, ist die Tochter vom Bürgermeister, Mallen Goldan, die jedoch nicht bei diesem Tribunal anwesend ist oder wohl nicht anwesend sein soll!"

 

Der Richter schüttelte schließlich den Kopf und sagte dann "Ich denke damit dürfte alles gesagt sein... Bürgermeister, möchten Sie abschließend noch zu diesem Fall etwas sagen?" Der Bürgermeister drehte sich zu den Zuschauern, setzte sich wieder und sagte dann "Nein, ich denke wir haben alles gehört... Der Rat soll sich zur Urteilsfindung zurückziehen!" Der Richter: "Sehr verehrte Ratsmitglieder, Sie haben den Bürgermeister gehört. Sie sind dazu angehalten gegen den Angeklagten ein gerechtes Urteil zu finden und mir, als Richter dieses Tribunals ihre Entscheidung für das endgültige Urteil vorzuschlagen." Alle Ratsmitglieder verließen anschließend dann den Tribunalsaal und versammelten sich geschlossen in einem Nebenraum.

 

Nach gut einer halben Stunde war es dann soweit und der Rat kam wieder aus seiner Beratung in den Tribunalsaal. Mein Onkel verzog keine Miene und ließ auch nicht erkennen, was für ein Urteil aus dieser Besprechung ich nun zu erwarten hätte. Der Richter stand nun auf und fragte "Verehrter Rat, sind sie zu einer Entscheidung gekommen?" Der Sprecher des Rates trat nun hervor und antwortete "Verehrter Richter! Wir haben eine Entscheidung getroffen. Die Entscheidung wurde einvernehmlich gefällt. Unser Urteilsvorschlag lautet wie folgt: Der Angeklagte Rota Gevill wird in beiden Anklagepunkten, des versuchten sexuellen Missbrauchs an Mallen Goldan und des Totschlags an Alvin von Hagenen für schuldig befunden.."

 

Als diese Worte ausgesprochen wurden, fingen die Zuschauer augenblicklich an zu jubeln und zu grölen. Der Richter stand auf und hämmert wieder wie wild mit seinem Hammer auf den Richtertisch "RUHE! RUHE!" Die Zuschauer beruhigten sich und es wurde wieder still. Der Richter blieb noch etwas stehen und schaute sich dann ermahnend nochmal um, bis er sich wieder setzte und dem Ratssprecher zunickte. Der Sprecher des Rates fuhr fort.. "Aufgrund der schwere dieser Taten, die sich der Angeklagte schuldig gemacht hat, hat der Rat entschieden, Ihnen Herr Richter, folgenden Urteilsvorschlag zu unterbreiten: Der Angeklagte soll Morgen um zehn Uhr aus Kaven verbannt und... zum Teufel gejagt werden!" Es folgen wieder Schreie des Jubels und der Zustimmung...

 

Der Richter stand nun wieder auf und schaute auf mich herab...."Angeklagter! Erheben Sie sich!" sagte er laut und betont deutlich. Ich stand nun auf. "Kraft meines Amtes stimme ich dem Urteilsvorschlag des Rates in Gänze zu und verurteile Sie, Rota Gevill, der Verbannung. Die Verbannung wird morgen um zehn Uhr mit der Verschärfung vollzogen, dass man sie, Rota Gevill, dann zum Teufel jagen wird." Dann schlug er mit seinem Hammer ein letztes Mal auf seinen Tisch und sagte "Hiermit schließe ich das Tribunal gegen Rota Gevill".

 

Alles erschien mir plötzlich so unwirklich. Ich sah dass sich viele der Zuschauer freuten, die anderen mich lauthals beschimpften. Ich sah Debbie und Marla wie sie auf mich zeigten und irgendwelche Beschimpfungen von sich gaben. Dann sah ich Petra und unsere Blicke trafen sich. Sie zuckte mit den Schultern und machte ein Gesicht das wohl ausdrücken sollte, dass man da wohl nichts mehr machen könnte. Nach der Devise.. was soll‘s.. haste halt Pech gehabt.. mach' es nächstes Mal besser.. Sophies Gesichtsausruck war genervt und ihr schien das alles nur peinlich zu sein und Justin grinste wie ein Honigkuchenpferd.

 

Etwas später kamen schließlich der Gefängniswärter und zwei Gesetzeshüter und führten mich wieder zu meinem Kerker. Jedoch nicht so sanft, wie sie mich hergebracht hatten. Sie beschimpften und schubsten mich ständig. Auf halbem Weg schafften sie es schließlich auch und brachten mich zu Fall, worauf sie mich dann schnell mit Tritten wieder auf die Füße jagten. Als wir dann den Kerker erreichten, wurde ich vom Kerkermeister aufgefordert mich jetzt schon auszuziehen, um morgen nicht unnötig Zeit zu verlieren. Das fand er dann so lustig, dass er mich beim Ausziehen anfing auch noch anzupinkeln. Nachdem sie die Kerkertür geschlossen und weggegangen waren, schleppte ich mich zu meiner Liege. Mir war kalt und ich hatte große Angst vor dem morgigen Tag. Ich konnte letzten Endes nicht anders und fing an zu weinen. Nachdem ich mich dann irgendwann ausgeheult hatte, beschloss ich mit dem Geheule aufzuhören und fing an zu überlegen wie ich den morgigen Tag wohl überstehen könnte..

 

Verbannung

 

Nach einer langen Nacht ohne Schlaf holte man mich dann irgendwann splitternackt aus meinem Kerker. Es war ein diesiger und nasskalter Tag. Ich zitterte am ganzen Leib und mein Herz raste gnadenlos. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich wollte nicht hier sein, ich wollte das hier alles nicht... Als ich dann vor dem Rathausplatz auf eine abgesperrte Bühne geführt wurde, wurden meine Beine weich und ich hatte solche Angst, dass ich fürchtete mich überhaupt nicht von der Stelle bewegen zu können. So viele waren hier.. mein Gott! Fast ganz Kaven hatte sich am Rathausplatz versammelt um sich dieses Ereignis anzuschauen oder sogar daran teilzunehmen. Als man mich schließlich sah, kam es wieder zu tumultartigen Zuständen. Ein großer Teil des Mob's rief rhythmisch immer wieder: "...den Teufel zum Teufel jagen... den Teufel zum Teufel jagen.." Bei diesen Leuten handelte es sich bei den meisten wohl um die sogenannten Jäger, da viele dabei auch wild mit ihren Weidenruten rumfuchtelten. Viele beschimpften mich.. "Mörder!.. Verschwinde!.. Du Ausgeburt der Hölle! SATAN.. GEH ZURÜCK WO DU HINGEHÖRST.. " Viele bewarfen mich mit faulem Obst und Dreck.. Ich erkannte sogar einige von der Schule wieder, die als Jäger sogar daran teilnahmen. Die Bühne, auf der ich mich befand, war gut einen Schritt hoch und hatte eine Treppe, die zu einer Art Gasse führte. Die Gasse war mit Hilfe von zwei, jeweils rund zweihundert Schritt langen, Zäunen abgegrenzt.  Rechts und links hinter den Zäunen verteilten sich die Jäger mit ihren Weidenruten und dahinter die Zuschauer. Die Gasse, die ich dann wohl in Spießrutenlaufmanier durchlaufen musste, war etwa gut zwei Schritt breit. Auch war diese Gasse mit vielen spitzen Steinen und Dornenzweigen beschmissen worden, um es mir mit meinen nackten Füssen auch ja nicht zu einfach zu machen. Ganz vorne an der linken Seite der Gasse standen sogar Marla und Debbie Gruden, jeweils mit einer Weidenrute bewaffnet. Warum wollten die beiden mir das antun? Glaubten sie wirklich ich hätte Zisko jemals etwas zu Leide tun können? Justin entdeckte ich nun ebenfalls mit einer Weidenrute. Petra, Sophie, Onkel Jaron, auch sie waren da um sich dieses Spektakel anzusehen.

 

Ihr Irren! Wut ergriff mich und das war in diesem Moment auch gut so.. Ich vergaß meine Angst und sah wieder etwas klarer. Ich überlegte nun endlich wieder, wie ich diesem Wahnsinn entkommen konnte. Ich werde Euch den Spaß verderben! Irgendwann, werdet ihr das, was ihr mir hier antun wollt, nochmal bereuen. Büßen werdet ihr dafür..., das will ich euch und auch mir selbst versprechen!

 

Der Bürgermeister kam nun auf die Bühne. "Liebe Bürger von Kaven!" Es wurde nun ganz still auf dem Rathausplatz und alle hörten dem Bürgermeister gebannt zu. "Das gestrige Tribunal hat Rota Gevill aufgrund seiner Gräueltaten dazu verurteilt, dass man ihn heute um zehn Uhr an diesem Morgen zum Teufel jagen wird. Wir sind daher gewillt und daran gehalten, das Urteil auch so zu vollziehen. Ich bitte daher alle Jäger sich nun in Stellung zu bringen..." Der Bürgermeister schaute nun auf die Turmuhr. Es war nun genau eine Minute vor zehn Uhr. "Ich sehe, wir sind pünktlich... Ich bitte nun den Verurteilten in Position zu bringen!" Man beförderte mich nun zum Rand der Bühne, wo sich die Treppe befand, die zur Gasse des Spießrutenlaufs führte.

 

Wenn ich diesen Weg durch die Gasse nehme, werden das meine Füße aufgrund der herumliegenden spitzen Steine, Scherben und dem Dornengestrüpp nicht lange mitmachen können.. Ich werde zu langsam sein und das könnte meinen Tod bedeuten. Was also konnte ich machen? Rechts und links standen die Jäger in Position und es waren einfach zu viele, als das ich links oder rechts hätte ausbrechen könnte. Ich schloss die Augen. Es kommt wie es kommt und bei meiner Seele ich werde mein Bestes geben.

 

Dann ertönte die Glocke der großen Turmuhr. "JAGD IHN ZUM TEUFEL!!" Brüllte der Bürgermeister. Ich wurde nach vorne gestoßen und mit weiteren rüden Tritten die Treppe hinunter getreten. Und dann passierte das, was ich eigentlich vermeiden wollte. Ich stolperte schon gleich beim Start die Treppe hinunter und fiel zu Boden. Es wurde mit einem Male unsäglich laut. Dann spürte ich im nächsten Moment brennende und beißende Schmerzen... Schläge auf Rücken, Beine, Kopf und Gesicht. Ich schützte mich, in dem ich mich schnell hinhockte und versuche meine Arme schützend über meinen Kopf zu legen... ich musste aber aufstehen. Der Mob schrie immerzu "VERSCHWINDE!!!.. SAAATAAAAN!!... HAUST DU WOHL AB!!!.. GEH ZUM TEUFEL!!..... HIER HAST DU WAS DU VERDIENST..." Ohhhhhh... ich muss aufstehen.. ich muss hier weg..  aufstehen.. ich muss aufstehen!! Dann endlich schaffte ich es hoch zu kommen. Wieder erwischten mich Stockschläge in meinem Gesicht. Ich fing an mich in geduckter Haltung nach vorne entlang der Gasse zu bewegen. Meine Hände und Arme hielt ich dabei immer noch schützend über meinen Kopf. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich bei jedem Schlag vor Schmerzen aufschrie. Ich versuchte schneller zu laufen. Dann erfasste mich ein tiefer und schneidender Schmerz an meinem rechten Fuß. Ein dicker spitzer Stein verletzte meinen Fuß so sehr, dass ich das Gleichgewicht wieder verlor und wieder hinfiel. Wieder erfasste mich eine Welle von Stockschlägen auf meinen ganzen Körper. Dann ein bohrender und stechender Schmerz in meinem Hintern. Ich drehte mich um und sah ein kleines Kind, das mit seiner Weidenrute versuchte mir in meinem Hintern zu bohren. Man lachte und feuerte das Kind an weiter zu machen.. Ich schaffte es wieder aufzustehen und wollte nur noch weg hier.. Dann traf mich aber ein Stockhieb derart auf die Nase, dass ich vor Schmerz erstarrte und ich letztlich wieder schützend zu Boden ging. Schmerzen konnte ich aushalten, das wusste ich. Schmerzen kommen und gehen wieder. Ignoriere deine Schmerzen! Das war meine einzige Chance die ich hatte. Ich biss die Zähne zusammen. Mein ganzer Körper war nun fest angespannt. Ich habe keine Schmerzen.., ich habe keine Schmerzen.. sagte ich nun immer wieder zu mir selbst und dann… fing ich an zu schreien. Ich schrie so laut, dass ich nur noch meine Schreie und meine Wut wahrnahm. Der Mob um mich herum war zum Teil wie erstarrt und viele sahen mich nun erschrocken und fast.. ängstlich an.

 

Ich stand auf und sprang nun schreiend dort, wo die wenigsten Jäger standen, über den rechten Zaun. Die Jäger, die dort standen, waren so überrascht, dass sie erst gar nicht darauf reagierten und nur wie paralysiert da standen und mich blöd anguckten. Bis die ersten sich jedoch aus ihrer Erstarrung lösen konnten, war ich aber schon an ihnen vorbei. "JAGD IHN!  HINTERHER!!" riefen sie wieder. Zwei erwachsene Männer kreuzten nun meinen Weg und wollten meine Flucht, die so gar nicht eingeplant war, verhindern. Ich lief schreiend und direkt auf den rechten Mann zu. Ich ballte meine Faust und schlug ihm mit ganzer Wut und Kraft in sein Gesicht. Ich verspürte dabei starke Schmerzen.. aber ich nahm diese Schmerzen auf und leitete diese in noch mehr Wut und Energie um. Der Mann fiel schließlich einfach um, was ich jedoch selbst nicht mehr realisierte. Ich schrie und rannte weiter, wie der Teufel. Viele wichen mir aus oder standen nur da und waren noch völlig aus der Fassung, was da gerade passierte. Dann merkte ich, dass plötzlich jemand von links heran gerannt kam und sich mir im vollen Lauf in den Weg warf. Ich hatte keine Chance und wurde schließlich von meinen Beinen gerissen. Ich rollte mich jedoch schnell ab und war schnell wieder auf meinen Beinen. Jedoch kam dann überraschend Robert Grat, der Vater von Jaden, von der linken Seite und schlug mir mit seiner Faust und voller Wucht unerwartet in mein Gesicht und besonders auf meine ohnehin angeschlagene Nase. Ich taumelte nach hinten, hielt mich aber noch auf meinen Beinen. Ich drehte mich nun zu ihm um, fletschte die Zähne, setzte mein Wutgeschrei weiter fort und griff ihn sofort an. Ich täuschte einen linken Faustschlag an und schlug ihn mit der rechten Faust und mit ganzer Kraft auf sein linkes Ohr. Er wankte und fiel schließlich vornüber auf den Boden. Ich ließ ihn liegen und konzentrierte mich wieder auf meine Flucht.

 

Der Weg war nun frei. Ich rannte und rannte. Nach gut fünfhundert Schritt schaute ich mich das erste Mal wieder um und stellte fest, dass nur noch einige meiner Verfolger mich mit ihren Weidenruten verfolgten und auch schon mehr als hundert Schritt entfernt waren. Hoffnung keimte in mir auf. Nur noch ungefähr fünfhundert Schritt trennten mich bis zur Außengrenze. Die Außengrenze von Kaven wurde durch eine  gut eineinhalb Schritt hohe und fünfzehntausend Schritt lange Steinmauer vor dem Außengebiet der Wildnis geschützt. An der Mauer waren im Abstand von gut dreihundert Schritt regelmäßig Wachtürme aufgestellt. Das Tor würde für mich vermutlich heute geöffnet sein, da man mich schließlich aus Kaven heraus jagen wollte. Aber was wird mich am Tor erwarten? Mein Geschrei, welches mir einen guten Dienst erwiesen hatte, hatte ich inzwischen eingestellt. Meine Schmerzen, besonders die Schmerzen an meinem rechten verletzten Fuß meldeten sich langsam aber umso heftiger zurück. Ich versuchte die Schmerzen weiter zu ignorieren und lief wieder etwas schneller. Ich lief auf der Straße, die zum Außentor von Kaven führte. Aber die Chance, dass ich dort vielleicht am Tor von anderen Jägern erwartet wurde, die mich vielleicht dort auflauerten, war zu groß. Ich wollte es nicht darauf ankommen lassen und änderte nun meinen Plan. Ich verließ den üblichen Weg zum Tor und rannte nun rechts die Straße runter und quer über ein Ackerfeld. Nach einer Weile erreichte ich schließlich die Außenmauer.

 

Ich kletterte die Außenmauer hoch. Hinter der Mauer gab es jedoch einen Wassergraben von gut zwei Schritt Breite. Ich hangelte mich an der Außenmauer runter und ließ mich in den Wassergraben fallen. Der Graben war nicht tief und ich konnte mich einigermaßen schnell auf die andere Seite rüber schleppen. Dann hörte ich Stimmen. "Hier ist er!" "Wir haben ihn..!" Von links wie auch von rechts rannten Jaden, Pelle, Gero und noch vier andere auf mich zu. Um wirklich sicher zu gehen, dass ich nicht ungeschoren davon komme, haben sie mich tatsächlich aufgelauert und wollen mir nun wohl den Rest geben. "Na, wen haben wir denn da wieder? Der Rota, unser kleines Teufelchen..! Ich muss schon sagen.. ich hätte wirklich nicht gedacht, dass du so weit kommst. Wie hast du das nur geschafft...? Naja, egal... dafür sind wir ja hier. Oder Leute?" Jaden, wie auch die anderen waren mit Knüppel und Schlagstöcken bewaffnet. Jaden kam nun näher.. "Ohh je, Ohh je, Ohh jeee.. Rota.. du weißt..., das können wir nicht durchgehen lassen..". Dann plötzlich holte er mit seinem Knüppel aus und versuchte mit voller Wucht auf mein Gesicht einzuschlagen. Ich konnte den Schlag jedoch gerade noch rechtzeitig mit meinem Arm abwehren. Verlor dabei jedoch das Gleichgewicht und fiel rückwärts wieder in den Wassergraben. Alle mussten nun lachen und standen nun im Halbkreis versammelt vor mir. Ich war müde und mein Körper fing an zu rebellieren aber es blieb mir nichts anderes übrig als jetzt anzugreifen. Ich hatte es so satt immer wieder gequält.. geschlagen... getreten oder ausgelacht zu werden. Ich fing wieder, so laut es nur ging, zu schreien an.. und griff schließlich an. Auf allen Vieren krabbelte ich aus dem Wasser und hielt direkt auf Jaden zu. Jaden war aufgrund meines Schreiens für einen kurzen Moment aus der Fassung, fing sich jedoch schnell wieder und schlug erneut mit seinem Knüppel auf mich ein. Die anderen folgten jetzt ebenfalls Jaden's Beispiel und schlugen nun ihrerseits auch mit ihren Knüppeln auf mich ein. Eine ganze Ladung von Schlägen prasselte nun auf mich nieder. Ich spürte jedoch aufgrund meiner rasenden Wut kaum noch etwas. Ich konzentrierte mich nur noch auf Jaden und versuchte sein Bein irgendwie zu fassen zu bekommen. Dann endlich gelang es mir sein Bein mit meinen Händen zu erwischen und festzuhalten. Ich hielt nun mit aller Kraft, die ich aufbieten konnte, Jadens Bein fest. Schob seine Hose hoch und biss dann mit aller Wut und Kraft in seine Wade.. Jaden fing sofort wie wild vor Schmerzen an zu schreien. Alle anderen hielten für einen kurzen Moment inne und schlugen schließlich kurz darauf noch heftiger mit ihren Knüppel auf mich ein. Ich wiederum biss nun ebenfalls noch kräftiger zu. Jaden gierte nur noch. Er beugte sich nun über mich und trommelte wie wild mit seinen Fäusten auf meinem Kopf herum. Dann schließlich biss ich ein Stück von seiner Wade ab. Ein gluturales Geheul und Geschrei ertönte nun von Jaden.. Jetzt war die Gelegenheit da, endlich aufzustehen. Ich stand auf, spuckte Jaden sein Stück Wade ins Gesicht und griff dann Pelle an. Pelle sah mich erschrocken und ängstlich an. Ich schrie weiter, packte mit meinen Händen seinen Kopf und drückte mit meinen Daumen seine beiden Augäpfel ein. Nun war es Pelle, der wie ein Wilder vor Schmerzen herumschrie. Die Schläge ließen nun nach. Die anderen schauten schockiert und konnten wohl nicht fassen was hier soeben passierte. Ich drehte mich um und wollte mir nun den dicken Gero vornehmen. Als er meine Absicht erkannte, ließ er seinen Knüppel fallen und lief daraufhin einfach weg. Ich drehte mich nun zu den anderen und sah, dass auch sie wegrannten. Ich wendete mich nun wieder Jaden zu. Er heulte und schrie immer noch vor Schmerzen. Ich beugte mich zu ihm herüber und packte ihn an die Gurgel. Er würgte.. Ich kam ganz nah an ihm heran und sagte "Das..  Jaden...  das war noch längst nicht alles.. das versprech ich dir!" Ich schlug ihn schließlich nieder und nahm mir noch schnell seine Schuhe, Hose und seine Jacke und setzte meine Flucht fort.

 

Weg zur Höhle

 

Ich rannte noch gut zehn Minuten pausenlos weiter, bis ich entschied eine kurze Pause zu machen um mir Jadens Sachen anzuziehen. Ich zitterte stark und alles tat mir weh. An meinem Körper gab es kaum noch eine Stelle, die unversehrt war. An vielen Stellen war meine Haut aufgeplatzt. Das Atmen fiel mir schwer und ich konnte auch nur noch durch den Mund atmen. Ich befürchtete, dass meine Nase, ich wagte sie noch nicht mal anzufassen, vermutlich gebrochen war. Mein größtes Problem war jedoch mein rechter Fuß, wo eine gut daumeslang hässlich gezackte offene Wunde klaffte, die immer noch sehr stark blutete. Der bohrende pochende Schmerz nahm stetig zu. Schließlich riss ich ein Stück von der Hose ab und wickelte mir diesen Fetzen um die Wunde. Als ich mir jedoch die Schuhe von Jaden anziehen wollte, merkte ich, dass ich dummerweise nicht mehr in Jaden‘s rechten Schuh passte. Ich fluchte und entschied mich den Fetzen wieder abzunehmen und so zu kürzen, dass ich in den Schuh kam. Als ich dann endlich fertig wurde, war ich aber mit dem Ergebnis zufrieden. Mein Fuß lag nun, dank des Verbandes, so fest im Schuh, dass die offene Wunde aufgrund der Kompression vorerst verschlossen war. Ich war nun wieder bereit weiter zu gehen und setzte meinen Weg humpelnd fort.

 

Irgendwann erreichte ich schließlich den Backenfluss und ich ging wie Jake es mir beschrieben hatte abwärts den Fluss entlang. Das Fortbewegen fiel mir immer schwerer. Mir wurde immer kälter, ich zitterte am ganzen Leib und jede Bewegung verursachte mir Schmerzen. Aber nach gut einer weiteren Stunde erreichte ich endlich den von Jake beschriebenen Felsen, mit den riesigen rings umstehenden Laubbäumen. Hier sollte nun unter irgendeinem Busch, nahe des Flusses, ein Paket mit Kleidung, Decke und Essen liegen.. Ich humpelte nun näher zum Fluss um danach zu suchen. Es dauerte etwas, aber dann fand ich schließlich unter einem großen Busch, ein in brauner Decke zusammengerolltes Paket. Jake, Jake, Jake... mein Lieber.. dafür werde ich dir wohl ewig dankbar sein.

 

Ich löste das Seil und entrollte schließlich die Decke. Jake hatte tatsächlich an alles gedacht. Darin waren ein gutes Paar Lederstiefel, Socken, Unterbekleidung, Hemd, Hose, Mantel sowie ein gutes Messer, ein großes getrocknetes Stück Schinken, ein Wasserschlauch, sogar Verbandsmaterial, Wundsalbe und die besagte Karte. Alles was ich benötige war dabei. Danke Jake..! Danke!! Aber was mache ich jetzt? Ich war zu schwach um weiter zu gehen. Einfach hier zu bleiben und mich auszuruhen schien mir zu gefährlich zu sein. Aber was war nicht alles schon gefährlich... Zitternd zog ich mich nun aus.. trug auf den schlimmsten Stellen die Wundsalbe auf und verband diese Verletzungen so gut es ging. Danach zog ich die frische Kleidung von Jake an und um mich vor der Kälte so gut es ging zu schützen, zog ich Jaden‘s Jacke und darüber auch noch den Mantel von Jake an. Schließlich nahm ich die restlichen Sachen von Jake, kroch damit unter einem dichten Busch und wickelte mich dazu noch mit der dicken Decke ein. Obwohl ich keinen Hunger hatte, schnitt ich mir trotzdem noch einen guten Bissen vom Schinken ab und steckte es mir in den Mund. Dann wollte ich nur noch schlafen und obwohl ich fror und mir alles wehtat, schlief ich irgendwann dann auch ein.

 

Es war stockduster, als ich das erste Mal wieder erwachte. Meine frische Kleidung war durchgeschwitzt. Ich fieberte.. und gleichzeitig war mir kalt. Ich hatte Durst.. Ich nahm schließlich den Wasserschlauch und nahm drei, vier Schluck Wasser.. Dann wickelte ich mich wieder in die Decke ein und schlief nach einer Weile wieder ein. Als ich das nächstemal wieder wach wurde, war es schon wieder heller Tag. Es nieselte leicht. Ich schaute mich um. Es kam mir alles so unwirklich vor. Wo und was machte ich hier? Waren meine ersten Gedanken.. War das alles wirklich passiert? Das musste es wohl.., denn ich war hier, also musste das auch alles passiert sein.. Ich wollte aufstehen, was jedoch aufgrund der Schmerzen misslang. Schließlich nahm ich noch ein paar Schluck Wasser und aß noch etwas von dem Schinken und beschloss noch einmal einzuschlafen um dann aber meinen Weg zu dieser Höhle von der Jake sprach fortzusetzen. Nichtsdestotrotz konnte ich lange Zeit aufgrund der Schmerzen die ich hatte nicht einschlafen. Daher döste ich lange nur vor mich hin und hoffte das es langsam besser wurde.. Letztendlich schlief ich aber irgendwann doch wieder ein und wachte immer wieder Mal kurz auf um dann etwas zu trinken, zu essen oder meine Notdurft zu verrichten.

 

Früh am nächsten Morgen, beschloss ich jedoch endlich aufzustehen und meinen Weg zur Höhle weiter fortzusetzen. Nach Jakes Beschreibungen auf der Karte, muss ich den Backenfluss solange flussabwärts gehen, bis ich einen Wald erreiche. Im Wald soll es dann ein Weg geben der rechts ab zu einem steilen Weg hinauf zu einem kleinen Gebirge führt. Am Ende dieses Weges angekommen soll es dann eine Abzweigung geben, wo ich den linken steinigen Weg bergauf nehmen muss. Nach gut vierzig bis fünfzig Minuten soll ich schließlich eine grasbewachsene grüne Ebene erreichen, mit ein paar umstehenden Bäumen darauf. Und auf dieser Ebene soll es auf der rechten Seite des Gebirges, versteckt hinter einem Busch, einen Felsspalt von gut zwei Schritt Höhe und einen halben Schritt Breite geben, wo sich letztendlich die Höhle befindet.

 

Ich richtete mich nun endlich auf. Mein rechter Fuß schmerzte dabei so sehr, dass ich am liebsten vor Schmerzen laut aufgeheult hätte, als ich diesen belastete. Ich hatte Schwierigkeiten mich aufrecht zu halten und drohte mehrmals zu fallen. Aber letztlich konnte ich mich doch halten und setzte schließlich meinen Weg, diese Höhle zu erreichen, fort. Auf meinem Weg versuchte ich mich von meinen Schmerzen abzulenken und fing an mich über dies und jenes Gedanken zu machen.

 

Was wird nun in Kaven los sein? Wird man mich nun auch hier in der Wildnis verfolgen und sich an mir rächen wollen? Ich hatte auf der Flucht letzten Endes vier Menschen schwer verletzt, wenn nicht den einen oder anderen sogar getötet. Den ersten Mann, den ich in meiner Raserei niedergeschlagen hatte, könnte ich vielleicht wirklich sogar getötet haben. Als ich ihn mit meiner Faust in sein Gesicht traf, konnte ich richtig spüren wie seine Knochen in seinem Gesicht brachen. Jaden‘s Vater könnte ich, auch wenn ich ihn nicht so stark getroffen hatte, ebenfalls so schwer verletzt haben, dass auch er vielleicht nicht mehr leben könnte. Er fiel schließlich ebenfalls mit nur diesem einen Schlag einfach zu Boden.

 

Jaden wird für eine lange Zeit oder sogar für immer humpeln. Und Pelle, wird nun zu mindestens auf einen Auge blind sein, wenn nicht sogar auf beiden Augen und damit sogar total blind sein. Als ich meine Daumen in seine Augen drückte, konnte ich richtig spüren, wie ich sein linkes Auge dabei zerdrückte. Mir tut es jedoch nicht Leid, was ich getan habe und ich empfinde auch kein bisschen Reue. Aber ist das normal? Bin ich noch normal? Oder bin ich wirklich das besagte Monster was viele in mir sehen wollen? Nein, das kann nicht sein und das bin ich auch nicht! Sie haben mich aufgrund ihrer Lügen zu Unrecht verurteilt. Sie wollten mich töten und ich habe mich schließlich nur gewehrt und um mein Leben gekämpft. Was könnte daran falsch sein? Nichts. Gar nichts.

 

Und Mallen? Wird sie wieder ganz normal heute in der Schule gehen.., so als ob nichts gewesen wäre? Vermutlich nicht. Wenn sie heute tatsächlich wieder in die Schule gegangen ist, wird sie vermutlich die Attraktion überhaupt sein und womöglich sogar von vielen angegafft werden. Aber Mallen ist auch jemand, dem das wahrscheinlich nicht viel ausmacht. Vielleicht sind das sogar Momente für sie, die sie als herausfordernd empfindet. Andererseits hatte Jake im Kerker aber auch erzählt, das Mallen das Ganze ziemlich mitgenommen hat und es ihr wohl wirklich nicht gut geht damit. Mallen.. verzweifelt? Sie, die Schwierigkeiten für gewöhnlich liebt und sich diesen immer herausfordernd gestellt hat. Kann es sein, dass sie wirklich so um mich besorgt ist..., dass sie nun tatsächlich sogar verzweifelt ist?

 

Und warum hilft Jake mir? Er sagte, dass er mit Mallen gesprochen hat und er somit weiß was wirklich passiert. Er glaubt mir. Gut.., aber dass er sich so einen Plan ausgedacht hat und in die Tat umgesetzt hat, ist schon erstaunlich. Vor allem, weil wir uns kaum kennen. Es wird ihm viel Zeit und Mühe gekostet haben, mir diese Sachen wie Decke, Kleidung etc. zu diesem Ort am Fluss zu bringen. Allein schon der Weg zu dieser besagten Höhle, hin und wieder zurück, nimmt gut einen Tag, von mindestens zehn Stunden, in Anspruch. Woher nimmt Jake nur diese Zeit? Jeder in Kaven hat für gewöhnlich viele Pflichten zu erfüllen, da ist es oft schwierig für sich Zeit zu haben und erst recht, wenn es um so eine Zeitspanne geht. Jake's Eltern müssen viel Vertrauen in Jake haben, dass sie ihn so gewähren lassen, wie es ihm scheinbar beliebt. Und überhaupt.., warum kennt Jake sich so gut hier in der Wildnis aus?

 

Nach mehreren Stunden erreichte ich endlich den besagten Wald. Ein kleiner Trampelpfad führte direkt in diesen dichten, von riesigen Tannenbäumen, bewachsenen Wald. Wer diesen Pfad wohl benutzt? Dem Bund waren sechzehn Städte angeschlossen. Die Städte waren mit einem gut durchdachten und abgesicherten Wegenetz miteinander verbunden. Es gab aber auch nicht abgesicherte Wege, die von erfahrenen Abgesandten oder Kurieren genutzt wurden. Vielleicht war dieser Weg so einer mal gewesen. Dieser Weg könnte aber auch von den in der Wildnis lebenden Ausgestoßenen oder den Krasianern entstanden sein und vielleicht auch noch benutzt werden. Ich habe selbst noch nie Menschen gesehen, die in der Wildnis leben. Man sagt in Kaven, dass diese Ausgestoßenen überwiegend Mörder, Räuber und niederträchtige Menschen sein sollen und der Bund alles daran tut diese Aussätzigen zu verfolgen und zu dezimieren. Fragt sich, wie sich die Vertriebenen untereinander verhalten. Gibt es auch Ausgestoßene die solidarisch zusammenhalten und vereint um ihr Dasein kämpfen? Wenn ja, würden sie mich als Ihresgleichen anerkennen und mich in ihre Gemeinschaft aufnehmen? Ich von meiner Seite aus, würde es auf einen Versuch gerne ankommen lassen.

 

Der Trampelpfad im Wald war schwer zu durchlaufen. Immer wieder versperrten umgekippte, riesige Nadelbäume diesen Weg. Ich hatte große Mühe mit meinen Verletzungen diese Hindernisse zu überwinden und ich stand häufig kurz davor aufzugeben. Jedoch plagten mich auch die vielen Mücken und die sorgten auch dafür, dass ich letztlich immer weiter ging. Irgendwann erreichte ich schließlich eine der Abzweigungen. Mein Weg zur Höhle ist der nach rechts führende Weg, der zu einem steilen Weg bergauf führt. Ich biss die Zähne zusammen und folgte diesen Weg, der mich am Ende des Weges letztlich zu einem noch steileren Weg nach links zur besagten oberen Gebirgsebene führen sollte.

 

Als es anfing dunkel zu werden, erreichte ich endlich mein Ziel. Ich konnte kaum noch Luft bekommen und ich war so erschöpft, dass ich mich nur noch hinlegen und schlafen wollte. Der Spalt in diesem Berg war schwer zu finden. Es gab auf dieser Ebene viele Büsche, wo sich möglicherweise dahinter eine Höhle hätte befinden können. Aber ich fand diesen Spalt zu der besagten Höhle glücklicherweise schnell. In der Höhle war es kalt und stockduster. Ich kroch auf dem Boden und fand eine einigermaßen bequeme Stelle. Ich entrollte meine Decke, nahm noch ein paar Schluck Wasser und aß noch ein gutes Stück vom Schinken. Dann legte ich mich endlich hin und schlief auch sofort ein.

 

Jake, Bogen, Tunnel,..

 

Irgendwann in der Nacht hörte ich immer wieder jemanden meinen Namen rufen. Die Stimme kam mir bekannt vor. Dann fasste mich plötzlich jemand an und rüttelte mich schließlich wach. Stand da tatsächlich Jake vor mir? Er hielt eine Lampe, mit einer brennenden Kerze darin, in seiner Hand. Ich schüttelte mich etwas, um etwas klarer zu werden.. "Jake?.. träume ich oder bist du das wirklich?" "Du träumst nicht! Rota! Ich bin's wirklich. Manchmal glaube ich selber nicht was ich so mache.." Er schaute mich nun genauer an... "Mannomann, die haben dich ja ganz schön zugerichtet, man erkennt dich ja kaum wieder..." Jake verzog dabei das Gesicht "...und deine Nase..., die ist ja völlig schief.., scheint irgendwie.... gebrochen zu sein.... " Jake beugte sich nun über mich "Rota, deine Nase muss gerichtet werden!" Jake wollte nun mit seiner Hand nach meiner Nase greifen. Ich hielt sofort abwehrend meine Hand hoch. "Hey... beruhig dich. Besser jetzt als nie.. Du hast so viel durchgemacht und jetzt stellst du dich so an?" Ich legte meine Hand wieder beiseite und schloss meine Augen. "Okay... tu was du nicht lassen kannst!" Er nahm meine Nase nun zwischen Daumen und Zeigefinger und zählte runter.. "sechs, fünf, vier, drei..." Bei drei drückte er mit einem kräftigen Ruck meine Nase vermutlich wieder in die richtige Position. Ich nahm ein unangenehmes Knirschen in meiner Nase wahr. Tränen schossen mir vor Schmerzen in die Augen und Blut floss aus meinen beiden Nasenlöchern. Ich brüllte vor Schmerzen auf. "Okay... das war‘s.. auch schon! Deine Nase scheint..., glaube ich, wieder einigermaßen gerade zu sein.." Jake gab mir noch ein Stück Stoff für meine blutende Nase und setzte sich nun neben mir hin. "Unglaublich! Das du diese Vertreibung überlebt hast. Als ich gesehen habe, wie viele in Kaven sich an dieser Jagd beteiligt haben, hatte ich schon nicht mehr an dich geglaubt... und erst recht nicht, als die Jagd begonnen hatte, wo du die Treppe runter gestoßen wurdest... und du dann gleich schon am Anfang gefallen bist und dann erst gar nicht mehr auf die Beine gekommen bist. Alle schlugen wie wild mit ihren Weidenstöcken auf dich ein.. Ich hatte dich da bereits schon abgeschrieben. Aber dann..., wie du auf einmal lauthals angefangen hast zu schreien, dass einem das Blut in den Adern gefror und viele nur noch wie erstarrt dastanden. Unglaublich! Und du dann einfach rechts durch den ganzen Mob durchgerannt bist.... Mannomann.., das war einfach.. Wahnsinn..! Einfach unglaublich! Für mich warst du da ein...  ja... ein richtiger Held. Später hörte ich auch noch, das Jaden dich an der Grenzmauer aufgelauert hat und dich dort wohl noch ziemlich verprügelt haben soll. Du dann aber letztendlich flüchten konntest. Jaden sagte, dass er unglücklich gefallen ist und du ihm dann ein Stück von der.. Wade.. herausgebissen hast? Und Pelle, der gerade zur Hilfe eilen wollte, ihn sollst du dann mit brutaler Gewalt seine beiden Augen so eingedrückt haben, dass er vermutlich nie wieder etwas sehen kann. Hat sich das wirklich alles so zugetragen?"

 

"Nein.. nicht ganz so..." antwortete ich noch ziemlich müde und erschöpft.. "Es stimmt, Jaden hat mich an der Grenzmauer erwischt und mich dort auch ziemlich zugerichtet. Aber er war nicht alleine. Soweit ich mich erinnern kann, waren Jaden, Gero, Pelle und noch vier andere dabei gewesen. Die wollten mich nicht nur verjagen, die wollten mich massakrieren… Ich habe mich letztlich nur gewehrt." Jake nickte mir zu. "Ähnliches habe ich mir schon gedacht." Ich richtete mich nun auf und lehnte mich gegen die Felswand. Jake schaute mich nun eindringlich an und fragte: "Rota.., du bist erst fünfzehn und erschlägst zwei erwachsene Männer mit nur jeweils einem Faustschlag...? Sind diese... naja ungewöhnlichen Kräfte aus der Situation geboren.. oder steckt da mehr hinter? Allein schon diese ganzen Prügel und deine ganzen Verletzungen..., dass du das so wegsteckst und es sogar geschafft hast in diesem Zustand die Höhle zu erreichen.. Ich finde das schon allein ziemlich außergewöhnlich..." Ich überlegte ob ich Jake nun von meinen Kräften erzählen soll.. Ich war mir noch unsicher und entschied mich schließlich es ihm vielleicht später einmal zu sagen.. Ich entgegnete nun seinem Blick und zuckte mit den Schultern "Ich weiß es nicht. Ich bin selbst überrascht, was in letzter Zeit alles so passiert ist. Vielleicht ist es auch so, dass man in extremen Situation auch einfach nur extrem reagiert und man über sich hinauswächst.." Ich machte eine kurze Pause und erkannte ein wenig Skepsis in Jakes Gesicht.

 

Ich wollte nicht mehr darüber reden und wich schließlich aus und fragte nun.. "Weißt du eigentlich Genaueres über den Zustand von Jadens Vater und diesen anderen Mann, den ich auf der Flucht niedergeschlagen habe?" Jake lehnte sich zurück und antwortete schließlich: "Jadens Vater lebt noch, aber er ist soweit ich weiß, noch immer ohne Bewusstsein. Steve Fanning, den anderen den du niedergeschlagen hast, war wohl sofort tot. Viele glauben zwar, dass du die Wildnis wohl nicht lange überleben wirst. Trotzdem überlegt der Rat, ob er einen Suchtrupp nach dir losschickt, um dich für diese Taten büßen zu lassen.." "Wie wahrscheinlich ist es denn, dass man mich hier findet?" Wollte ich nun wissen. "Meine Einschätzung... eher unwahrscheinlich. Aber ich denke du solltest trotzdem damit rechnen, dass dieser Fall doch eintreten könnte und du solltest für so einen Fall immer vorbereitet sein"

 

Ich wechselte das Thema und fragte nun: "Was machst du überhaupt um diese Zeit hier? Ich weiß nicht genau wie spät es ist.. aber ich vermute es ist so um Mitternacht.." Jake nahm nun die Lampe und stellte sie nun zwischen uns. "Ich habe dir ja gesagt, dass ich dir noch ein paar Sachen hierher bringen wollte. Und da ich tagsüber kaum Zeit habe, habe ich mich heute Nacht halt aufgemacht um dir diese Sachen zu bringen. Ich denke, diese Sachen wirst du wohl auch gut gebrauchen können.."

 

Dann ging Jake aus der Höhle und kam kurz darauf mit einem Jagdbogen, einem Köcher mit Pfeilen und einem gefüllten großen Sack wieder. "Kannst du damit umgehen?" Dabei zeigte er mir den großen Bogen und den Köcher mit Pfeilen. "Ich weiß nur wie man das Ding benutzt.., aber selber geschossen habe ich noch nie damit" erwiderte ich. "Du wirst es dann aber wohl lernen müssen, wenn du hier überleben möchtest... Zeit zum Üben hast du nun ja zur Genüge...“ Jake beugte sich nun über den Sack und griff mit seiner Hand rein.. „So, was habe ich dir sonst noch so Schönes mitgebracht? Einmal noch drei weitere Decken, damit du hier nicht erfrierst. Ich würde dir empfehlen, dass du aus trockenem Gestrüpp, Gras und Blättern dir ein weiches Unterbett machst und darüber eine von diesen Decken legst. Mit dem leeren Sack kannst du dir vielleicht ein Kopfkissen machen. Weiter habe ich dir noch zusätzliche Kleidung zum Wechseln mitgebracht. Einen Kochtopf, ein weiteres scharfes Messer, eine Nadel und Garn dazu. Und hier.." Jake zeigte mir einen kleinen gefüllten Sack. "..Salz zum Pökeln. Hast du schon mal ein Tier geschlachtet und das Fleisch durch Pökeln oder Räuchern haltbar gemacht?" Ich hatte schon öfters dabei zugesehen und konnte mir durchaus vorstellen das hinzubekommen, von daher nickte ich Jake zu. "Gut, dann habe ich dir noch für eine Übergangszeit noch ein Stück geräucherten Schinken, ein Sack Getreide, ein großes Glas Marmelade und eine Dose Kräutertee mitgebracht. Ach ja.. und Kerzen und ein Feuerstein habe ich dir auch mitgebracht. Na was sagst du jetzt?"

 

Ich wusste erst nicht was ich sagen sollte, schließlich sagte ich nur "Jake! Ich verdanke dir damit mein Leben und ich kann dir gar nicht genug danken für das, was du alles für mich getan hast. Danke Jake!" Ich wollte aufstehen und ihn umarmen. Er hielt mich aber zurück "Bleib sitzen Rota! Schone lieber deine Kräfte. Es kommen vielleicht auch nochmal andere Tage, wo ich vielleicht mal deine Hilfe benötige und du es mir dann immer noch vergelten kannst, man weiß ja schließlich nie was kommt.." "Jake.. sag mal, von wem hast du die Sachen denn überhaupt und wie um Himmels Willen willst du wieder zurück nach Kaven kommen? Die lassen dich doch nicht einfach, wenn du wieder zurückkehrst, so mir nichts dir nichts wieder durchs Tor gehen?" Jake setzte sich wieder im Schneidersitz zu mir hin und räuspert sich, bevor er schließlich antwortete.. "Die Sachen kommen teils von mir und teils von Mallen. Meine Eltern sagen nichts und vertrauen mir. Sie akzeptieren meine Entscheidungen, obwohl sie Angst haben, dass ich mich damit in Schwierigkeiten bringen könnte. Sie versuchen auch immer wieder mich zu überreden keine Risiken einzugehen und meine Entscheidungen zu überdenken. Aber letztendlich akzeptieren sie das was ich tue. Mallen geht es übrigens wieder etwas besser, seit sie gehört hat, dass du flüchten konntest und womöglich noch lebst. Sie wollte mir noch viel mehr für dich mitgeben, aber meine Tragemöglichkeiten sind begrenzt und ich konnte daher nur das mitnehmen, was ich hierher mitgenommen habe. Mallen wäre selber gerne mitgekommen, aber das wäre viel zu gefährlich für sie und dann auch für mich und letztlich auf für dich gewesen. Außerdem wird sie immer noch ziemlich von ihrem Vater überwacht. Ich habe aber gehört, dass sie schon bald wieder zur Schule gehen soll." Ich überlegte.. "Hat Mallen schon gesagt wie sie mit den Lügen ihres Vaters umgeht?" "Mallen hasst ihren Vater für die Lügen und für das was er dir damit angetan hat. Aber auf der anderen Seite reicht dieser Hass nicht dazu aus, dem zu widersprechen was ihr Vater an ihrer statt ausgesagt hat. Sie würde ihn damit verraten und riskieren, dass ihr eigener Vater des Meineides angeklagt und womöglich zu Tode verurteilt werden könnte." Zu gönnen wäre es ihm ja.. dachte ich nur, aber ich konnte Mallens Haltung verstehen.

 

"Und wie kommst du wieder zurück nach Kaven?" "Naja, eigentlich so, wie ich gekommen bin.." Er machte eine kurze Pause "Es gibt einen geheimen Tunnel..!" sagte er schließlich. "Du weißt ja wo die alte Kirche in Kaven ist..," Ich nickte  "..dort gibt es doch den Brunnen, der aber trocken ist und kein Wasser mehr enthält. In dem Brunnen gibt es eine Leiter, die zum Grund des Brunnens führt und genau dort gibt es ein Loch, wo man gerade soeben noch durchkommt. Dieses Loch führt zu einem Kriechtunnel, der wiederum führt zur Außengrenze und rund fünfzig Schritt weiter in die Wildnis. Den Tunnel hat mir mein Vater gezeigt. Mein Vater hatte diesen Tunnel früher einmal durch Zufall entdeckt. Damals führte der Tunnel jedoch nur bis kurz vor der Außenmauer. Er hat ihn dann weiter unter der Mauer bis zum Ausgang in die Wildnis ausgebaut. Damals hatte er einen guten Freund, der verbannt wurde, damit geholfen in der Wildnis zu überleben. Genauso wie ich dir jetzt helfe..". "Und wo endet dieser Tunnel?" Fragte ich nun interessiert. "Wenn du von der alten Kirche südöstlich geradeaus über die Mauer fünfzig Schritt in die Wildnis gehst. Dort ist ein Abhang von gut zwei Schritt Höhe. Und in diesem Abhang befindet sich der Eingang. Der Eingang ist übrigens durch mehrere große Steine versperrt, die man vorher beiseite räumen muss. Hat man diese Steine beiseite geräumt und sich auf die andere Seite begeben, sollte man den Eingang auch wieder mit diesen Steinen versperren und somit den Eingang auch gleichzeitig wieder tarnen." "Wer weiß noch von diesem Tunnel?" "Soweit ich weiß, meine Eltern, Mallen, ich und nun auch du. Mein Vaters Freund wusste davon. Er lebt aber nicht mehr." "Mallen, weiß es auch?" fragte ich nun. "Ja, ... sie hat mir die gleiche Frage gestellt wie du..." Jake stand nun auf.

 

"Rota, ich muss langsam wieder zurück. Ich werde versuchen in vielleicht zwei oder drei Wochen wieder zu kommen um zu sehen wie du so zurechtkommst.." Ich nickte und sagte dann "Danke nochmal für alles was du für mich getan hast...! Jake.. aber ich muss dir noch eine Frage stellen.. Warum? Warum tust du das alles für mich? Ich meine, wir kennen uns kaum..." Jake atmete ein und seufzte schließlich.. "Ich glaube dir und Mallen! Du bist zu Unrecht verurteilt worden.. und wenn ich die Möglichkeit habe zu helfen, dann helfe ich.. Aber, das ist nicht der wahre Grund und ich will ehrlich sein. Ich tue es hauptsächlich für Mallen. Mallen ist für mich etwas ganz Besonderes und ich... ähh.. ich mag Mallen und ich will alles tun um ihr zu helfen. Aber ich glaube ich bin nicht der Einzige der so über Mallen denkt.. oder?" Also doch..., etwas anderes hätte mich letztendlich auch überrascht. Ich nickte Jake zu und sagte "Ja, Mallen ist.. tatsächlich etwas ganz Besonderes..." Jake kam nun auf mich zu und legte seine Hand auf meine Schulter "Rota, ich weiß, dass sie etwas für dich empfindet und du ihr wohl sehr am Herzen liegst. Ich werde trotzdem um sie kämpfen. Aber eins kann ich dir versprechen, sollte sie sich für dich letztlich entscheiden, werde ich ihre Entscheidung akzeptieren." Starke Worte.. Ich war gerührt. "Jake, und ich werde Mallens Entscheidungen immer respektieren, dass verspreche ich dir." Jake nahm meine Hand in seine und drückte sie einmal fest "Halte durch... ja...? Es wird hier nicht einfach für dich werden... Aber ich denke, wenn einer das schaffen kann, dann bist du das." Ich nickte ihm zu. Er stand schließlich auf und ging wieder zurück nach Kaven.

 

Wildnis

 

Am nächsten Tag wachte ich früh auf. Es war kalt und feucht in der Höhle. Dank der vier Decken, die mir nun zur Verfügung standen, konnte ich jedoch einigermaßen warm und gut schlafen. Aber mein ganzer Körper schmerzte und war aufgrund der gestrigen Wanderung und des harten unebenen Bodens in der Höhle total verspannt. Daher wollte ich am liebsten gar nicht aufstehen und lieber liegen bleiben. Da ich jedoch fürchtete, dann später gar nicht mehr aufstehen zu können, überwand ich meinen inneren Schweinehund und stand letztlich doch auf. Meine Verletzungen schmerzten immer noch höllisch und jede Bewegung fiel mir schwer.

 

Als erstes schaute ich mir nun die Höhle genauer an. Die Höhle, so stellte ich fest, war ideal für mich. Räumlich hatte die Höhle die Form eines umgekehrten Trichters. Sie war von allen Seiten windgeschützt. An der Höhlendecke gab es auf der rechten Seite einen Spalt, der sich bis zum Eingang der Höhle erstreckte. Durch diesen Spalt lief wohl auch das Regenwasser hindurch. Dieses Wasser sammelte sich in einer Lache und lief dann weiter zur rechten Seite der Höhle ab, wo es schließlich in einer felsigen Undurchdringlichkeit verschwand.  Dadurch, dass die Höhle nach oben offen war, war es wohl auch möglich, in der Höhle Feuer zu machen, da der Rauch nach oben abziehen konnte. Ein weiterer Vorteil war, dass ich nicht weit laufen musste, um mir Trinkwasser zu holen. Die Höhle war klein, aber groß genug, um als einzelne Person hier einigermaßen komfortabel leben zu können. Die Höhle wird mich vor Regen, Wind, gefährlichen Tieren und vielleicht auch vor anderen ungebetenen Gästen schützen. Ein echter Gewinn also, der mir mehr Hoffnung gab. Ich raffte mich schließlich auf und aß noch etwas vom Schinken und kostete auch noch ein wenig von der Marmelade. Die Marmelade hätte ich am liebsten ganz vernascht..., konnte mich aber noch beherrschen. Nach der kleinen Mahlzeit beschloss ich mich etwas zu bewegen und Feuerholz zu sammeln um es dann in der Höhle zum Trocknen zu legen. Ich hoffte, dass es mir vielleicht sogar am Abend gelang ein kleines Feuer zu machen und etwas warmen Kräutertee zu trinken. Weiter beschloss ich auch noch mein Schlafplatz für die nächsten Nächte herzurichten.

 

Nach gut zwei Stunden hatte ich genügend Feuerholz gesammelt und in meine Höhle abgelegt. Meinen Schlafplatz verlegte ich weiter in die Höhle hinein, dort wo es eine relativ ebene Fläche gibt. Aus mehreren dicken Ästen konstruierte ich den Rahmen für die Liegefläche und füllte die erste Schicht mit vielen dünnen Zweigen, die ich engmaschig kreuz und quer auf diese Fläche verteilte. Darüber legte ich dann Heu und Gras, welches hier auf dieser Gebirgsebene in Hülle und Fülle gab. Anschließend legte ich darüber eine der Decken. Das Ergebnis war für mich so einladend, dass ich mich gleich für mehr als eine Stunde in meinem neuen „Bett“ zur Probe hinlegte.

 

Ich freute mich schon auf die Nacht, da ich endlich mal wieder in einem bequemen Bett schlafen konnte. Trotz dieser Freude fiel ich jedoch schnell wieder in eine gedrückte Stimmung. Ich war es zwar gewohnt immer viel allein zu sein, aber so alleine wie ich mich hier jetzt fühlte, war es dann doch noch um einiges deprimierender. Unweigerlich musste ich an die Zeit denken, wo Mallen und ich immer wieder Verbesserungen am Baumhaus vorgenommen hatten und wir häufig mit Zisko den Wald durchstreiften. Ich vermisste Mallens Lachen und ihre verrückte Ideen, die sie immer hatte. Ich vermisste selbst die Schule und mein Zuhause bei meinem Onkel. Mir fehlte nun tatsächlich mein altes, vermeintlich verhasstes Leben. Sogar Jadens ständige Schikane fehlte mir. Ich fühlte mich irgendwie..... verloren und ohne jeglichen Halt.

 

Onkel Jaron pflegte immer zu sagen: Ordnung ist das erste Gesetz des Himmels. Und wer Ordnung hält, verliert sich auch nicht. Onkel Jaron war für mich nie ein Vorbild gewesen, aber er hatte sein Leben im Griff. Familie, Beruf, Hobby, Ratsmitgliedschaft alles erforderte seine Zeit und seine Aufmerksamkeit. Onkel Jaron managte dies immer nahezu perfekt. Zielsetzung, Struktur, klare Regeln und Prinzipien waren ihm dabei nützliche Helfer. Vielleicht brauchte ich auch nur Struktur und Ordnung, um wieder einen Halt zu finden. Noch besser wäre es vielleicht, meinem Leben hier einen Sinn zu geben. Ich entschied daher meine Tage, hier, mit alltägliche Aufgaben zu füllen und mir Ziele zu setzen. Was will ich hier erreichen? Das wäre womöglich auch schon eine wichtige Frage, die ich für mich hier beantworten sollte. Wichtig für das Leben in der Wildnis ist auch die Fähigkeit sich selbst versorgen zu können. Fürs erste nahm ich mir daher vor, jeden Tag mindestens drei Stunden mit Pfeil und Bogen zu üben. Weitere alltägliche Aufgaben waren Holz zu sammeln, die Gegend zu erkunden und mich um Nahrung zu kümmern. Ich stand schließlich auf und nahm mir den Bogen und die Pfeile und suchte mir einen guten Platz für die Schießübungen.

 

Das Bogenschießen machte mir Spaß und ich entwickelte einen gewissen Ehrgeiz immer besser zu werden. Ich musste aber schnell feststellen, dass es schwieriger war, als ich dachte. Ich versuchte anfangs ein Ziel mit einem Abstand von etwa dreißig Schritten Entfernung zu treffen. Verkürzte den Abstand jedoch schnell auf nur fünf Schritten. Erst als ich mit einer gewissen Sicherheit das Ziel immer wieder traf, erhöhte ich den Abstand um einen weiteren Schritt. Am Ende meiner ersten Trainingseinheit traf ich zuverlässig mein Ziel auf gut acht Schritt Entfernung. Mein Arm schmerzte, aber ich fühlte mich ermutigt und freute mich schon auf den nächsten Tag meiner Schießübungen.

 

Wie ich es geplant hatte, machte ich danach noch eine Wanderung, um die Gegend hier näher zu erkunden. Zur Sicherheit nahm ich mein Messer und meine neue Waffe, den Bogen und den Köcher mit Pfeilen mit. Dazu schnürte ich mir auch noch den Sack auf den Rücken um gegebenenfalls etwas Brauchbares, wie z.B. trockenes Feuerholz oder Gestrüpp, was ich unterwegs finden könnte mitzunehmen.

 

Das Wetter war gut. Es war zwar bewölkt, aber trocken und nicht kalt. Meine Schmerzen am Fuß behinderten mich beim Gehen immer noch, aber ich hatte das Gefühl, dass es langsam besser wurde. Auf meiner Wanderung fiel mir auf, dass die Gegend hier sehr abwechslungsreich war. Wälder, Wiesen aber auch karge Gebirgslandschaften wechselten sich ständig ab. Es gab viele Tiere zu sehen und zu hören. Zu hören waren vor allem Sing- und Raubvögel. Ich entdeckte Bergziegen, Rehe, Hasen und schließlich eine für mich unbekannte relativ große Schlange. Und diese Schlange war so greifbar nahe, dass ich entschied diese zu töten und mit in die Höhle zu nehmen, um sie dann heute am Abend am Feuer zu essen. Ich hatte noch nie Schlange gegessen. Auch wusste ich nicht, wie man eine Schlange eigentlich zubereitet. Aber, das waren Dinge die ich hier lernen musste. Ich suchte mir schnell einen Stock der sich am Ende gabelte. Es dauerte auch nicht lange, dann hatte ich einen gefunden und ich schnitt ihn mit meinem Messer zurecht. Mit der gegabelten Seite des Stocks drückte ich dann den Kopf der Schlange zu Boden, nahm mein Messer und schnitt der Schlange damit schnell den Kopf ab. Ich hatte nun mein erstes Tier in der Wildnis getötet! Danach schlitzte ich noch den Leib der Schlange auf um die Innereien aus der Schlange zu entfernen. Nachdem ich das getan hatte, beschloss ich wieder zur Höhle zurückzukehren.

 

Als ich dann später wieder in der Höhle war, enthäutete ich die Schlange und schnitt das Fleisch in mehrere kleine Stücke. Nun war die Zeit gekommen um mein erstes Feuer hier zu entfachen. Ich hatte schon befürchtet, dass es nicht einfach sein würde ohne Feuerwolle ein Feuer zu machen, aber dass ich so lange brauchen würde, hatte ich mir auch nicht vorstellen können. Erst spät in der Nacht gelang es mir mit dem Feuerstein in dem trockenen Heu, so einen Feuerfunken zu schlagen, dass das Heu endlich Feuer fing und ich dann durch Zugabe von dünnem Trockenholz ein richtiges Feuer zu entfachen. Als das Feuer sicher brannte, widmete ich mich wieder dem Fleisch der Schlange zu. Ich hatte einen riesigen Hunger und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich streute noch ein wenig Salz auf das Fleisch und hielt es dann mit einem Stock ins Feuer. Das Fleisch der Schlange schmeckte mir nicht sonderlich. Es war aber besser als ich erwartet hatte und ich war froh, dass ich endlich überhaupt was im Magen bekam. Im Nachhinein machte ich mir in dem Topf noch einen Kräutertee. Während ich den Kräutertee trank, dachte ich über meinen ersten Tag hier, in meinem neuen Zuhause, nach.

 

Ich habe hier eine echte Überlebenschance und ich konnte mir nun gut vorstellen über einen längeren Zeitraum hier zu leben. Aber für immer hier, alleine, leben? Nein.., das wollte ich dann doch nicht. Was also möchte ich hier erst mal erreichen? Zum einen, möchte ich erstmal, dass meine Verletzungen wieder verheilen und dass ich wieder gesund werde. Ob ich will oder nicht, ich muss auch lernen hier in der Wildnis zu überleben. Jedenfalls habe ich hier alles um für eine gewisse Zeit hier leben zu können. Weiter kann ich auch die Zeit dazu nutzen um festzustellen wo und wie die Ausgestoßenen hier leben und ob ich mich ihnen anschließen kann oder ich mich vor ihnen in Acht nehmen muss. Und letztlich gilt es auch noch meine Versprechen einzuhalten. Ich habe mir und insbesondere Jaden versprochen ihn für seine Taten noch büßen zu lassen. Und dieses Versprechen wollte ich unbedingt noch einhalten.. Hierzu wird mir bestimmt noch der geheime Tunnel, von dem Jake erzählte, hilfreich sein.

 

In den nächsten Tagen passierte nicht viel. Ich gewöhnte mich langsam an meinem neuen Zuhause. Ich übte jeden Tag, wie ich es mir vorgenommen hatte, mit dem Bogen zu schießen. Hierbei machte ich auch gute Fortschritte. Ich traf mittlerweile nun auf fünfzehn Schritt Entfernung ziemlich sicher das Ziel. Ich kümmerte mich um Brennholz, machte jeden Tag einen Ausflug, um die Gegend weiter zu erkunden und um etwas Essbares wie Beeren und Wildpflanzen und Kräuter zu finden und natürlich um zu jagen. Meine Erfolgsquote war jedoch noch ziemlich bescheiden. Einen nicht mehr ganz so gesunden alten Hasen konnte ich bisher nur erledigen. Ich war aber zuversichtlich, dass ich mich hier noch steigern konnte. Tiere, die für mich gefährlich werden konnten, hatten sich mir bisher nicht gezeigt. Ich hatte wohl Bären und Wölfe gesehen, aber die schienen keine Notiz von mir nehmen zu wollen und ließen mich bisher auch immer in Ruhe. Meine Verletzungen, insbesondere mein Fuß, hatten sich nicht entzündet und heilten sehr gut. Mittlerweile war ich auch schon fast schmerzfrei und konnte mich wieder normal bewegen. Meine Höhle verbesserte ich unentwegt. Das Feuermachen gelang mir mit jedem Tag besser und ich bekam den Dreh hierfür langsam raus. Jedoch fühlte ich mich einsam und ich sehnte mich nach etwas Geselligkeit. Jake sagte er würde so in zwei, drei Wochen wieder kommen wollen.. Mir fiel es mittlerweile schwer die Tage hier festzuhalten und so entschied ich mich für jeden vergangenen Tag einen Strich an die Höhlenwand zu machen. Demnach dürfte es vielleicht nur noch eine Woche dauern, bis Jake wieder kommt. Da es mir nun auch wieder etwas besser ging, könnte ich vielleicht auch mal wieder nach Kaven gehen und mich mit Mallen treffen. Natürlich dann nur nachts, wenn die meisten in Kaven noch schliefen. Warum eigentlich nicht? Man kann es ja zu mindestens auf einen Versuch ankommen lassen. Aber vorher sollte ich besser nochmal mit Jake darüber sprechen. Er könnte dies dann ja mit Mallen dann vorher besprechen, wo und wann man sich dann treffen könnte.

 

Zuvor hatte ich aber jedoch noch meine erste Begegnung mit den Ausgestoßenen hier in der Wildnis.

 

Erster Kontakt

 

Es war später Nachmittag und ich war gerade wieder auf dem Weg zur Höhle. An diesem Nachmittag hatte ich lediglich ein paar Beeren gefunden. Da ich aber noch etwas von Jakes Schinken übrig hatte, musste ich zu mindestens heute nicht hungern. Als ich gerade darüber nachdachte, dass ich morgen undbedingt wieder Beute machen muss, hörte ich in der Ferne plötzlich Stimmen. Ich warf mich sofort zu Boden. Mein Herz fing wie wild an zu schlagen. Das waren Menschenstimmen. Ich kroch schnell hinter einem größeren Felsen und versuchte die Stimmen ausfindig zu machen. Dann sah ich sie. Soweit ich erkennen konnte handelte es sich um drei Personen. Einen dürren älteren Mann mit langen weißen Haaren und einem zotteligen langen Bart. Dieser alte Mann führte ein kleines Kind an der Leine und sie stiegen gerade behäbig einen Hügel hoch. Die Leine war um den Hals des Kindes geschnürt. Hinter dem kleinen Kind lief ein großer schlaksiger Mann hinterher. Der Mann hatte strähnig lange Haare und er schien auf jeden Fall jünger zu sein als der andere. Der Mann hatte ein Knüppel in der Hand und schien darauf aufzupassen, dass das Kind wohl nicht flüchten konnte. Alle drei machten einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck. Die beiden Männer waren in ziemlich zerschlissenen Lumpen gekleidet. Das Kind trug lediglich ein Fell von irgendeinem Tier, das ihr wie ein Poncho und mit einem Lederband um den Leib geschnürt war. Was haben diese beiden Männer vor, wo wollen sie hin und warum führen sie ein kleines Kind wie einen Gefangenen an der Leine herum? Diese Fragen wollte ich nachgehen und ich entschied mich daher ihnen mit einem gewissen Abstand zu folgen.

 

Als ich mich ihnen dann genähert hatte, erkannte ich, dass es sich bei dem Kind wohl um ein etwa sechsjähriges oder etwas älteres Mädchen handelte. Das Mädchen sah irgendwie fremdartig aus. Ihre Haut war dunkel und ihr kohlenrabenschwarzes glattes Haar war zu einem ungewöhnlichen Zopf geflochten. Das Mädchen sah zäh und irgendwie abgehärtet aus. Auch wirkte sie, wenn man ihre scheinbar missliche Lage bedachte, ungewöhnlich ruhig. Sie wurde des Öfteren immer wieder von dem Jüngeren geschupst, beschimpft und dazu angehalten schneller zu gehen. Und der Ältere ließ auch keine Zweifel daran, dass dieses kleine Mädchen ihre Gefangene war. Er zerrte ständig und unbarmherzig an der Leine, wenn sie kurz mal nicht Schritt halten konnte. Warum halten diese beiden Männer ein kleines Mädchen als Gefangene? Was haben sie mit ihr vor? Mir tat die Kleine jedenfalls Leid und auf der anderen Seite bewunderte ich sie gleichzeitig für ihre Tapferkeit, diese Tortur ohne Jammern und Gezeter über sich ergehen zu lassen. Ich haderte mit mir ob ich eingreifen und dieses Mädchen helfen sollte oder es vielleicht auch besser wäre abzuwarten und sie weiter zu verfolgen um mehr zu erfahren. Beispielsweise, wohin sie gehen und was sie letztendlich mit dem Mädchen und überhaupt vorhatten.

 

Ich entschied mich für Letzteres und wollte sie weiter beobachten und mehr erfahren. Helfen konnte ich vielleicht dann ja immer noch. Ich hielt mich dann immer gut auf zweihundert Schritt entfernt um meine Anwesenheit so gut es geht vor diesen Ausgestoßenen zu verbergen.  Irgendwann erreichten die drei eine Waldgrenze und da es langsam dunkel wurde fürchtete ich nun, dass ich sie aus den Augen verlieren könnte. Als ich mich gerade aufmachen wollte um näher an sie heran zu kommen, sah ich gerade noch rechtzeitig, dass sie Halt gemacht hatten und der Jüngere von den beiden anfing Feuerholz zu sammeln. Ich tauchte sofort wieder hinter mein Versteck. Es schien so, dass sie sich entschieden hatten Rast zu machen oder vielleicht sogar an diesen Platz übernachten zu wollen.

 

Ich suchte mir einen besseren Platz um diese drei aus sicherer Entfernung weiter beobachten zu können und nebenbei auch entspannter liegen zu können. Mir wurde langsam kalt. Ich hatte zwar eine Decke dabei, die ich mir heute Morgen noch zu einer Wurst zusammengerollt und um meinen Körper gelegt hatte. Da ich aber fürchtete von dem Jüngeren beispielsweise beim Holzsammeln entdeckt zu werden, entschied ich mich aber noch dagegen meine Decke zu nehmen. Dann plötzlich fing das Mädchen lauthals zu flehen und zu weinen an. Warum? Der Jüngere ging auf einmal mit dem Knüppel auf das Mädchen zu. In der anderen Hand hielt er ein großes Messer. Was hatten die vor? Die wollten doch nicht... Dann schlug er mit dem Knüppel auf das Mädchen ein. Ich konnte nun nicht mehr an mir halten, sprang auf und schrie: "Halt! Sofort aufhören!!" Ich riss mir meinen Bogen vom Rücken und legte ein Pfeil auf die Sehne und rannte dann auf sie zu. Die beiden wirkten erschrocken und glotzten mich nun mit offenem Mund an. Der Jüngere löste sich jedoch schnell aus seiner Schreckensstarre und griff nun seinerseits an und lief jetzt direkt auf mich zu. Ich fing, wie ich es sonst auch schon erfolgreich getan hatte, wieder an zu schreien und spannte dabei meinen Bogen. Nun sah der Jüngere mit seinem Knüppel meinen Bogen und dann starrte er mich an. Er hielt an und schien nun irgendwie verwirrt. Wir waren nur noch zwanzig Schritte voneinander entfernt. Ich wusste nicht ob er nur in diesem Moment schwachsinnig wirkte oder er es vielleicht auch war. Er war nun ein leichtes Ziel für mich. Ich ließ die Sehne los und der Pfeil schoss direkt auf diesen Idioten zu. Der Pfeil traf ihn mitten in die Brust. Ich zog nun mein Messer aus der Scheide und rannte weiter auf ihn zu. Der Mann guckte immer noch völlig verwirrt, so als ob er es immer noch nicht glauben konnte, was sich hier gerade abspielte. Ich stach ihm schließlich mit dem Messer direkt ins Herz und rannte dann, ohne weiter auf ihn zu achten, geradewegs auf den alten Mann zu.

 

Der alte Mann war jedoch bereits bei dem Mädchen und hielt ein abgewetztes Messer an ihrem Hals und schaute mich mit einem schmierigen Grinsen an.  "Da hol mich doch der Teufel! Gott hämmere mich.. Oder bist du sogar der Teufel persönlich? Willst dieses Ding dieses krasianische Balg wohl haben.. ? Ist es das was du willst? Ja? Willst es anscheinend lebendig haben..  hm? Oder was soll das hier werden? ..... Komm nur... Satan.. noch ein Schritt näher und ich werde dir zeigen, was ich aus diesem Stück Fleisch so alles an Blut herausholen kann. Hm.. hast duuuu daaaaas verstanden?"

 

Das Mädchen war also eine Krasianerin. Das erklärte Einiges. "Was hattet ihr mit ihr vor?" Fragte ich ihn nun. "Was kümmert dich, was wir mit diesem Balg vorhatten? Wir sind Menschen und wir haben Hunger! Die töten und essen und wir müssen ebenfalls töten um zu überleben.. was ist daran falsch?" Das Mädchen war noch bei Bewusstsein, aber es blutete stark. Dann plötzlich drehte sie sich blitzartig unter dem Messer und rollte sich zur Seite weg. Der Mann wollte sie noch festhalten, aber das war nun zu spät für ihn. Ich stürmte auf ihn los und rammte ihm, bevor er mich mit seinem Messer gefährlich werden konnte, mein Messer direkt in seinem Hals. Er würgte und schaute mich dabei noch entsetzt an. Ich zog das Messer heraus und stieß es ihm nun in seine rechte Schläfe. Sein ganzer Körper zuckte nochmal wild auf und dann war's vorbei. Er kippte nach hinten und bewegte sich nicht mehr.

 

Dai

 

Ich entfernte mich nun auf ein paar Schritte und musste erstmal verdauen was hier soeben alles geschah. Das Mädchen schaute mich ängstlich an. Ich hob beide Hände um ihr zu signalisieren, dass sie keine Angst vor mir zu haben brauchte. "Ruhig! Du brauchst jetzt keine Angst mehr zu haben. Dir tut keiner mehr was.. Okay? Alles.. in Ordnung... " sagte ich noch und setzte mich erschöpft auf dem Boden. Ich schaute sie an und erkannte an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie mir anscheinend glaubte. Was nun? War ich nun für sie verantwortlich? Werde ich sie mitnehmen müssen? "Verstehst du mich? Verstehst du meine Sprache?" Fragte ich nun. Das Mädchen schüttelte den Kopf und ihr liefen nun Tränen übers Gesicht. Ihr stilles Weinen drückte Verzweiflung aber auch gleichzeitig Tapferkeit aus. Sie wirkte in diesem Moment vielleicht schwach, gleichzeitig strahlte sie aber auch irgendwie innere Stärke aus. Ich stand nun wieder auf und ging langsam auf das Mädchen zu und hockte mich schließlich nah zu ihr hin. Ich zeigte auf ihren verletzten Kopf und gab ihr zu verstehen, dass ich mir das gerne näher anschauen wollte. Sie schreckte erst zurück und ich hatte schon Angst, dass sie schon weglaufen wollte. Sie blieb aber und schien nun meine Absicht zu verstehen. Sie nickte, schloss ihre Augen und hielt mir ihren verletzten Kopf hin. Ihre Kopfverletzung sah übel aus und blutete immer noch, aber, soweit ich erkennen konnte, schien es letztlich nur eine Platzwunde zu sein und kein Bruch an der Schädeldecke. "Es sieht schlimmer aus, als es ist..." sagte ich nur. Sie mag vielleicht meine Sprache nicht verstehen, jedoch erkannte sie wohl an meinem Gesichtsausdruck und an meinem Tonfall, dass die Verletzung nicht so schlimm war.

 

Sie hörte nun auf zu weinen und schaute mir jetzt direkt in die Augen. Da es für mich eher ungewohnt war und auch etwas unangenehm, dass man mir so in die Augen schaute, hielt ich ihren Blickkontakt nicht lange stand und wendete mein Blick von ihr ab. Als ich sie kurze Zeit später dann doch wieder anschaute, lächelte das Mädchen. Diesem Lächeln konnte ich nicht widerstehen und musste nun ebenfalls etwas lächeln. Dann auf einmal stand sie auf und umarmte mich und sagte immer wieder "biädo, biädo..." Was auch immer "biädo" heißen mochte, meine Augen füllten sich entgegen meinem Willen nun auch noch mit Tränen. Für mich war diese Umarmung ja etwas völlig Neues und Fremdes, womit ich Probleme hatte erstmal umzugehen. Trotzdem ließ ich sie gewähren, da es mir andererseits auch irgendwie gefiel und mein Herz rührte. Dann löste ich mich aber von ihr. "Wir werden hier nicht bleiben!" Schon allein das Wort "wir" kam mir irgendwie unwirklich vor. Daran werde ich mich vielleicht wohl erst noch gewöhnen müssen. Ich stand auf und zeigte auf die beiden toten Männer und schüttelte mit dem Kopf, als ich eine Geste des Schlafens machte. Dann zeigte ich in die Richtung wo sich meine Höhle befand. "Wir suchen uns ein anderen Schlafplatz.., ja?" Sie nickte, stand nun ebenfalls auf und ging zu dem toten alten Mann und nahm sich wie selbstverständlich seiner Habseligkeiten an. Ich tat das gleiche und ging zu dem anderen, jüngeren Mann und holte mir meinen Pfeil wieder. Dabei nahm ich ihm auch noch sein Messer, ein Seil, seine Hose und seinen kaputten Mantel ab. Außerdem nahmen wir ihre Schlaffelle, ihre Feuersteine, Wasserschläuche und ihre Trinkgefäße mit. Etwas Essbares hatten sie leider nicht dabei gehabt. Obwohl....? Nein!

 

Es war mittlerweile auch schon langsam dunkel geworden. Ich nickte ihr zu und wir machten uns schließlich auf, um einen anderen Schlaflatz zu finden. Nachdem wir dann ein paar Schritte gelaufen waren, fiel mir ein, dass ich noch gar nicht wusste wie mein neuer Schützling nun eigentlich hieß. "Wie heißt du?" Fragte ich schließlich. Das Mädchen schaute mich fragend an. Ich tippte mit meinem Zeigefinger auf mich und sagte "Rota! Mein Name ist Rota!" Dann zeigte ich auf sie "Dein Name?" Sie schaute noch kurz etwas verwirrt. Aber dann konnte ich Verständnis in ihrem Gesicht erkennen. Sie zeigte nun ihrerseits mit ihrem Finger auf sich und sagte "mat tomine... Dai! ..Dai!" Ich runzelte die Stirn "Dein Name ist Dai..? Dai?" Sie lächelte, nickte und zeigte mit ihrem Finger auf mich und dann auf sich und sagte "to tomine Rota ... mat tomine .. Dai!" Wie niedlich das klang, wenn sie sprach.. dachte ich nur. Es wird mir vermutlich nicht schwer fallen dieses Mädchen zu mögen. "Ich glaube wir werden uns gut verstehen, Dai! Was meinst du?" Sie lächelte und schaute mir dabei wieder so eindringlich in die Augen. Ich erwiderte ihr Lächeln und verspürte zum ersten Mal in dieser Wildnis so etwas wie Glück.

 

Nach gut einer Stunde fanden wir schließlich einen geeigneten Platz zum Schlafen. Wir aßen noch die Beeren auf, die ich am Nachmittag noch gefunden hatte und machten dann unsere Schlafplätze für die bevorstehende Nacht fertig. Es gab noch so vieles zwischen uns zu bereden und was wir voneinander wissen wollten. Ich spürte, dass sie gerne gewusst hätte wohin wir gehen. Was sie dann dort zu erwarten hatte? Wer ich war....? Und umgekehrt hätte ich gerne gewusst, ob sie noch Familie hatte und wie es dazu kam, dass sie von diesen beiden Ausgestoßenen gefangen genommen wurde. Aber wir waren beide zu müde und erschöpft um noch krampfhaft uns zu unterhalten. Kein Feuer, kaum Worte, nur Gesten und Dunkelheit. Dai hatte ihr Schlafplatz wie selbstverständlich ganz neben meinem gemacht. Ich hatte nichts dagegen und eigentlich war es mir sogar ganz recht. Die Nacht war kalt, aber trocken. Als wir dann beide unter den Schlaffellen lagen wünschte ich ihr noch eine gute Nacht. Sie sagte dann leise sowas wie "hon zoone". Ich wiederholte dann was sie sagte, in der Hoffnung das "hon zoone" sowas wie gute Nacht heißen würde. Sie kicherte und sagte nochmal "hon zoone". "Genau... hon zoone.. schlaf gut!" Dann schliefen wir ein.

 

Am nächsten Morgen wachte ich bei Tagesanbruch auf. Dai lag ganz dicht an mich geschmiegt bei mir und schlief noch. Ich mochte kaum aufstehen, da ich sie ungern wecken wollte und es mir einfach auch gefiel, wie sie so eng an mich gekuschelt friedlich schlief. Ich stand trotzdem auf und schaute mich etwas um. Wir waren nahe am Fluss und meiner Einschätzung nach, nur noch rund drei Stunden von der Höhle entfernt. Dai wachte nun ebenfalls auf. Sie gähnte und streckte sich. Dann stand sie auf und kam nun auf mich zu. "Guten Morgen, Dai... Gut geschlafen?" Mir war klar, dass sie mich natürlich nicht verstand. Aber das waren die ersten Sätze, an die sie sich schon mal gewöhnen konnte. Sie guckte mich nun fragend an "Guden Mogen?" Wiederholte sie fragend. "Gu t en Mo rr gen... das ist einfach nur so ein... morgendlicher Gruß" sagte ich. Das wird noch ziemlich anstrengend werden, dachte ich, aber... was soll‘s.., wir haben viel Zeit.. und eins nach dem anderen und Schritt für Schritt... Ich schnappte mir einen kleinen Stock. "Pass auf..." Ich kratze mit dem Stock auf der Erde vier Bilder. Ein nächtliches Bild mit Mond und Sterne, ein morgendliches Bild, wo die Sonne aufgeht, ein Bild des Tages und ein abendliches Bild, wo die Sonne wieder untergeht. Ich zeigte mit dem Stock auf die einzelnen Objekte und benannte sie in meiner Sprache. „Das ist die Sonne... das ist der Mond.“ Sie verstand es und wiederholte die Wörter. Dann erklärte ich ihr die einzelnen Bilder. "Das, Dai, ist das morgendliche Bild… Der Morgen." Ich tat gerade so als würde ich aufstehen, gähnen und mich strecken und sagte dann "Das ist der gute Morgen!" Sie schien zu begreifen und wiederholte nachdenklich "de gute Morgen.." Als ich ihr schließlich die restlichen Bilder auch noch erklärt hatte, kratzte ich mit dem Stock noch meine Höhle auf die Erde, dazu noch den Weg den wir noch zu gehen hatten und mich und sie als Strichmännchen auf diesen Weg. Auch dies schien sie zu verstehen. Sie zeigte als nächstes wieder auf die Höhle und fragte nun "are matane?" Dann zeigte sie auf mich und auf sich und dann zeigte sie wahllos in andere Richtungen.. Sie nahm nun meinen kleinen Stock und malte ebenfalls ein paar Strichmännchen.. bei der Höhle.. Jetzt verstand ich. Ich schüttelte den Kopf und sagte "Nein, nein, wir sind alleine dort." Jetzt nahm ich wieder den Stock und strich die Strichmännchen weg und kratzte nur zwei Strichmännchen hin "..und diese zwei,…" erklärte ich ihr mit Gesten und Worten gleichzeitig, sind du und ich. "Verstanden?" Sie schien beruhigt, nickte und sagte tatsächlich "Vestandn!" Dann entschied ich mich dazu, mehr von ihr zu erfahren. Ich nahm den Stock in die Hand und kratzte nun ein Bild von einer Familie auf den Boden. Mutter, Vater und Kind. Dann zeigte ich auf das Kind und sagte "Das bist du ..Dai." Dann zeigte ich auf die Eltern und fragte "Wo ist deine Mutter? Wo ist dein Vater?" Dai schaute mich nun traurig an und schüttelte den Kopf und wischte mit ihren Händen die Eltern weg. Ich nickte. "Gibt es denn sonst keinen?" Ich kratzte mehrere andere Personen und dann ein Pfeil von dem kleinen Mädchen, also Dai, zu diesen Personen hin. Sie schüttelte wieder mit dem Kopf und sagte "Nein." Dann wischte sie den Pfeil weg. Ich stand schließlich auf "Dann, Dai, sind wir wohl beide allein.. Komm lass uns gehen." Wir packten die Sachen und machten uns nun auf den Weg zurück zur Höhle.

 

Als wir den Fluss erreichten, füllten wir die Wasserschläuche auf. Da Dai ziemlich schmutzig war, habe ich sie noch dazu gedrängt sich zu waschen. Dai wollte nicht und zeigte mit ihrem Finger auf mich und rümpfte mit der Nase und zeigte dann zum Fluss. Damit schien sie wohl anzudeuten, dass ich selbst ein Bad nötig hatte. Damit hatte sie natürlich recht. Ich hatte mich schon lange nicht mehr richtig gewaschen. Ich nickte ihr zu "Okay, dann müssen wir uns beide eben waschen." Ich zog mich aus und nahm noch die schmutzigen Sachen mit, die wir den Ausgestoßenen abgenommen hatten. Dai tat es mir gleich. Es war schon so kalt gewesen, aber das Wasser fühlte sich eisig an. Dai zitterte wie Espenlaub und mir ging es nicht anders. Dai fing an zu lachen und ich fand die Situation auch irgendwie zu komisch und musste nun ebenfalls lachen. Ich schaffte es aber letztendlich mich und sogar die mitgenommenen Kleider zu waschen. Das Wasser war zwar richtig kalt gewesen, aber wir fühlten uns danach wesentlich frischer und motivierter weiter zu gehen.

 

Nach ein paar weiteren Stunden erreichten wir schließlich meine Höhle. Dai war von der Höhle begeistert und sie freute sich auf die erste Nacht hier zu schlafen. Wir waren ziemlich hungrig und aßen den restlichen Schinken auf und noch etwas von der Marmelade. Dai hätte am liebsten natürlich das ganze Marmeladenglas leer gemacht, aber das konnte ich gerade noch verhindern.

 

Da wir nun kaum noch etwas zu essen hatten, beschloss ich nun mit Dai auf die Jagd zu gehen. "Dai wir werden gleich noch auf die Jagd gehen müssen." Ich zeigte dabei auf Pfeil und Bogen und machte dann eine Geste als ob ich etwas essen würde. Sie verstand mich und schien sich darauf zu freuen. Dann fiel mir auf, dass sie ja immer noch nur mit dem einen Fell bekleidet war und somit eigentlich ziemlich frieren müsste. Ich ging zu meinem Schlafplatz und nahm mir ein Hemd von meinen Ersatzkleidern. Ich zeigte auf das Hemd und dann auf Dai. "Magst du das anziehen?" Dai zog sich das Fell sofort aus und zog sich das Hemd an. Es war, wie zu erwarten, viel zu groß. Das Hemd reichte ihr bis kurz über die Knie, aber das war vielleicht auch ganz gut so, denn man konnte daraus mit einem Stück Seil um die Taille so eine Art längeres Unterkleid machen. Das Fell legte ich ihr noch über das Hemd und band ihr dann auch gleich mit dem Stück Seil, von den Ausgestoßenen, das Hemd und das Fell eng um die Taille. Die Ärmel krempelte ich ihr danach noch auf Höhe ihrer Hände hoch. Gar nicht so schlecht. Dai schien es ebenfalls sehr zu gefallen und bewegte sich nun leicht tänzerisch hin und her durch die Höhle. Was aber konnte ich für ihre bloßen Füße und Beine tun? Dann fiel mir ein, dass ich ja noch die Stiefel von Jaden hatte. Mir war klar, das die natürlich zu groß waren, aber vielleicht ließ sich noch was daraus machen.. Ich holte die Stiefel und zeigte diese dann Dai. Dai bekam große Augen und fragte "Anziehen?" Ich nickte ihr zu "Probier sie an!" Sie nahm sie und zog sie an. Ich schnürte ihr noch die Stiefel. Dann lief sie damit ein paar Schritte. Es sah komisch aus und die Stiefel waren wie schon gedacht einfach viel zu groß und klobig. Ich könnte die Stiefel, die wir von dem alten Mann genommen hatten, mit dem Messer versuchen kleiner zu schneiden, aber dann würden sie mit Sicherheit nicht mehr warm halten. Jake würde aber ja nun hoffentlich auch bald kommen und er würde bestimmt eine Möglichkeit finden, Kleider für Dai zu besorgen. Von daher mussten diese Stiefel erstmal ausreichen. Letztendlich löste sich das Problem, als Dai Jadens Hose anzog und ich die Überlänge der Hose so um die Füße wickelte, dass sie nun die Stiefel damit gut ausfüllte und die Füße bequem in den Stiefel lagen. Mit Bändern schnürte ich ihr noch die Hose noch etwas enger um ihre Beine, damit ihr die weite Hose nicht beim Gehen behinderte. Dai dankte es mir, in dem sie mich fest umarmte und dann immer wieder "biädo" sagte und vor mir her stolzierte.

 

Die Jagd verlief erfolgreich. Ich erlegte gleich bei der ersten Gelegenheit mit einem Pfeilschuss einen größeren Falken. Dai verhielt sich bei der Jagd vorbildlich. Sie war absolut ruhig und hielt immer einen gewissen Abstand zu mir. Ich vermutete, dass es nicht ihre erste Jagd gewesen war, wo sie dabei war. Als ich den Falken getroffen hatte, rannte sie dann geradewegs auf das sterbende Tier zu und drehte dem Falken mit einem gekonnten Griff den Kopf um und brachte mir dann die Beute. "Nun müssen wir nur noch hoffen, dass wir das Feuer anbekommen, was meinst du Dai?" Ich lächelte ihr zu. Dai runzelte die Stirn, nach der Devise.. ich versteh dich zwar jetzt nicht, aber ich freue mich auch aufs Essen.

 

Die Tage vergingen und mit jedem Tag gewöhnten wir uns mehr aneinander. Jeden Tag übten wir das Bogenschießen. Dai war hier zwar noch ungeübt, aber sie machte mit jedem Tag große Fortschritte. Wir suchten täglich Feuerholz und machten immer einen Jagdausflug. Jeder hatte seine bestimmte Zeit für sich und machte das, wozu er dann Lust hatte. Dai versuchte sich an das Schnitzen von Figuren. Wobei es ihr nach einer kurzen Zeit gelang sogar eine Menschenfigur zu schnitzen. Mit dieser Figur, die sie Fedann nannte, spielte sie dann auch immer, wenn es mal nichts anderes zu tun gab. Ich selber versuchte für Dai einen Bogen zu machen. Musste aber frustriert feststellen, dass der Bogen niemals so gut sein wird, wie meiner. Mir fehlten einfach die Materialien und das Wissen einen wirklich guten Bogen zu machen.

 

2. Besuch

 

Es vergingen insgesamt sechs Tage, nachdem ich Dai befreit hatte, bis Jake wieder spät nachts in der Höhle erschien und mich dann aufweckte. "Wer ist die… denn?" Flüsterte er und zeigte dabei auf Dai, die sich wieder bei mir eng eingekuschelt hatte. Jake war völlig überrascht. "Hallo Jake" nuschelte ich noch schlaftrunken. "Ja.... ähm Jake, das ist Dai." Da nun Dai ebenfalls wach geworden war, ergänzte ich noch ".. Dai..., das ist Jake". Nachdem ich Jake die ganze Geschichte mit Dai erzählt hatte, schüttelte Jake den Kopf "Unglaublich! Rota! Du verblüffst mich immer wieder aufs Neue." Dann schaute er auf Dai herunter und musterte sie eindringlich "Ja... fein... Hallo Dai! Freut mich dich kennen zu lernen." Dai, das spürte man, mochte Jake auf Anhieb. Sie lächelte ihn an und wiederholte "Freu... mich." Jake lächelte nun ebenfalls. "Du gefällst mir! Komm lass dich umarmen.." Er breitete die Arme aus. Dai verstand ihn offensichtlich und beantwortete das Angebot mit einer herzlichen Umarmung. Jake schien nun solch eine Reaktion nicht unbedingt erwartet zu haben und wirkte doch ein wenig überrascht. Aber es war unverkennbar, dass auch er Dai sofort ins Herz geschlossen hatte. Nachdem Dai und Jake sich aus ihrer kurzen aber herzlichen Umarmung gelöst hatten, begrüßte ich Jake auch nochmal kurz.

 

Jake setzte sich nun im Schneidersitz zu uns hin. "Wie ich sehe, scheint ihr Beiden sonst hier gut zurecht zu kommen.. oder?" Ich nickte "Ja und das haben wir letztendlich nur dir zu verdanken, Jake." Jake sagte nichts weiter hierzu und wurde nun ernst "Rota, so wie es aussieht, ist Mallen nicht mehr in Kaven.." Mir stockte der Atem "Wie meinst du das, sie ist nicht mehr in Kaven?" "Als ich mich vor drei Tagen mit ihr treffen wollte, um mit ihr über den zweiten Besuch zu dir, zu sprechen, war sie einfach nicht erschienen. Tja, und gestern ist in der Schule tatsächlich bekannt geworden, das Mallen nicht mehr in der Schule von Kaven unterrichtet werden wird. Mallen wurde nach Tenna gebracht. Sie wird fortan nun in dieser Eliteschule unterrichtet werden und dort dann wohl eine spezielle Förderung erhalten."

 

Ich war sprachlos. Mallen..., nicht mehr da? Für wie lange? War es ihre Entscheidung gewesen? Das waren Fragen die mir gleich durch den Kopf gingen. Jake schaute mich nun an und sagte: "Ich war genauso entsetzt wie du jetzt, Rota. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es Mallen's eigene Entscheidung war und das es überhaupt ihre freiwillige Entscheidung gewesen ist...., denn das..., sieht ihr nicht im Geringsten ähnlich. Sie hätte mir mit Sicherheit gesagt, dass sie sowas vorgehabt hätte… Eigentlich kommt nur einer in Frage, der das veranlasst haben könnte und das ist ihr eigener Vater." "Weißt du wie lange sie weg sein wird?" Fragte ich nun. "Nein, ich weiß nur, dass so eine Ausbildung mindestens fünf Jahre oder auch länger dauern kann. Ob sie dann mal zwischendurch oder überhaupt mal wiederkommt, kann ich nicht sagen."

 

Ich wollte es nicht wahrhaben. "Aber ihr Zuhause ist doch Kaven.. ich meine selbst ihr Vater, der sie doch trotzdem liebt, wird sie doch wiedersehen wollen.." sagte ich mehr zu mir selbst als zu Jake, "Mag sein, aber er hat die Möglichkeit als Bürgermeister auch oft nach Tenna zu fahren, um sie dann dort zu besuchen.. Er hofft wohl, dass Mallen das Ganze über die Zeit vergessen wird... und das alles wieder so wird, wie es mal zwischen ihm und ihr gewesen war."

 

Dai sagte die ganze Zeit nichts und hörte uns nur gebannt zu. Jake seufzte und sagte "So wie es aussieht, denke ich, werden wir sie vorerst wohl so schnell auch nicht wiedersehen. Tenna ist mehr als zwei Tagesmärsche entfernt, und diese Reise nimmt man nicht nur einfach ebenso auf sich, um mal eben jemanden zu besuchen.." Vielleicht wird Mallen das nicht können, aber ich könnte es.., dachte ich bei mir. Ich fühlte mich niedergeschlagen und mir fiel es schwer zu akzeptieren, dass ich Mallen nun so schnell nicht oder vielleicht sogar nie wiedersehen könnte. Aber Jake hatte damit wohl Recht und ich stimmte ihm schließlich zu.

 

Um nicht noch mehr in Trübsal zu verfallen, wechselte ich das Thema. "Was gibt's sonst für Neuigkeiten?" Fragte ich schließlich. Jake räuspere sich ein wenig. "Ja.. was gibt's Neues… Jaden's Vater ist aus seiner Bewusstlosigkeit wieder aufgewacht und setzt nun alles daran, dass man nach dir sucht und falls du leben solltest, du für deine Taten bestraft wirst. Aber es gibt auch Widerstände. Das Gesetz selbst, denn es gibt wohl keine rechtliche Handhabe nach dem Vollzug des Urteils einer Vertreibung, den Verurteilten wieder zu verfolgen. Man darf zwar einen Verbannten straffrei töten, wenn man zufällig einen begegnen sollte, jedoch aufsuchen und verfolgen darf man den Vertriebenen wohl nicht. Trotzdem solltest du achtsam sein, denn wie du selbst weißt, wenn Robert Grat sich was im Kopf gesetzt hat, wird es in der Regel auch so gemacht.. Übrigens hat Jadens Vater deinen Onkel Jaron wohl nach alledem gefeuert." Ich zuckte die Schultern. Schämte mich gleichzeitig aber dafür. Denn, obwohl mein Onkel mir immer nur gezeigt hatte, dass ich nur eine Belastung für ihn war, hatte er sich letztlich immer pflichtbewusst um mich gekümmert und meiner angenommen. Es tat mir nun doch etwas Leid um ihn und hoffte, dass er bald wieder eine andere Arbeit finden wird.

 

Jaden ist übrigens nun auch wieder in der Schule. Er humpelt stark und man munkelt, dass er wohl auch für den Rest seines Lebens humpeln wird. Er ist unberechenbar geworden und wird von immer mehr Schülern gefürchtet. Auch tönt er ständig herum, dass er noch nach dir suchen will und dich letztlich auch finden wird. Und er hofft, dass du dann noch lebst, damit er sich dann genüsslich für das, was du ihm angetan hast, rächen kann." Mich ließ das kalt. "Soll er doch kommen... Ich habe selbst noch eine Rechnung mit ihm offen... und dann werden wir ja sehen..."

 

Jake nahm nun einen kräftigen Schluck aus dem Wasserschlauch und erzählte weiter "Pelle übrigens, wird wohl doch noch auf einem Auge sehen können. Zwar nur einwenig aber er soll damit wohl einigermaßen zurechtkommen. Er hat sich wie Jaden ebenfalls verändert und spricht, so erzählt man sich, auch nur noch von Rache an dir. Demnach solltest du in Zukunft wohl immer auf der Hut sein, wenn du oder ihr beide eure Ausflüge macht" Ich nickte und schaute dabei auf Dai "Wir werden beide aufpassen müssen".

 

Jake hatte mir auch diesmal wieder so Einiges mitgebracht. Dazu gehörten Lebensmittel wie Salz, Zucker, Mehl, Schmalz, Marmelade und sogar ein paar Eier. Weiter hatte er mir auch noch ein paar Ersatzpfeile und eine alte Axt mitgebracht. Ich bedankte mich und obwohl ich schon ein schlechtes Gewissen hatte, fragte ich ihm trotzdem noch, ob er noch Kleidung und einen Bogen für Dai besorgen könnte. "Jake, du brauchst die Sachen, falls du sie besorgen kannst, dann ja auch nicht ganz hierher bringen. Wir können uns ja auch kurz vor diesem Geheimtunnel vor Kaven treffen und wir nehmen diese Sachen dann von dort mit. "Jake nickte. "Ich besuche dich eigentlich immer gerne mal und nun.." er schaute zu Dai und blinzelte ihr zu "..wo du hier auch noch eine so tolle Mitbewohnerin hast, würde ich es wirklich vermissen euch noch weniger zu besuchen. Aber du hast recht.. für mich und auch für euch ist es bestimmt sicherer, wenn ich meine Ausflüge auf ein absolutes Minimum beschränke.. Von daher würde ich vorschlagen, wir treffen uns in dem Geheimtunnel nächste Woche eine Stunde nach Mitternacht. Sollte ich nicht um diese Zeit da sein, werde ich wohl verhindert sein. Die Sachen die ihr benötigt, werden aber dann trotzdem dort liegen und du oder ihr beide könnt sie dann mitnehmen. Machen wir das so?" Ich stimmte zu und bedankte mich nochmal für alles. Dann stand Jake auf und verabschiedete sich. Dai umarmte Jake nochmal herzlich. Erstaunlicherweise wollte Dai, Jake, gar nicht mehr loslassen und fing sogar an zu weinen. Jake versuchte sie noch zu trösten. Aber ohne Erfolg. "Es tut mir Leid... aber ich muss nun wieder zurück. Wir sehen uns wieder!" Dann ging Jake. Dai rannte Jake noch hinterher und versuchte ihn nochmal festzuhalten. Jake umarmte Dai nochmal und gab ihr noch einen Abschiedskuss auf die Stirn und sagte ihr noch, dass er sich freut, wenn sie sich wieder sehen. Schließlich ließ Dai, Jake, dann gehen und kam traurig wieder zu mir zurück.

 

Winter

 

Wir trafen uns schließlich nächste Woche am besagten Treffpunkt und zur abgemachten Zeit. Dai bekam die passende Kleidung und einen eigenen Bogen. Dieses Treffen und auch die anderen Treffen mit Jake verliefen die nächsten Tage und Wochen reibungslos. Dai und ich harmonierten gut zusammen. Dai war wissbegierig und lernte schnell, insbesondere meine Sprache. Und als wir beim letzten Treffen von Jake sogar ein paar alte Bücher bekommen hatten, versuchte ich seitdem Dai sogar das Lesen und Schreiben beizubringen. Dai liebte es Geschichten vorgelesen zu bekommen und bettelte jeden Abend vorm Einschlafen, dass ich ihr weiter aus diesen Büchern vorlas.

 

Unsere täglichen Aufgaben, wie das tägliche Üben mit Pfeil und Bogen, das Sammeln von Feuerholz und an unseren Jagdausflügen bereiteten uns immer Freude. Von Dai lernte ich viel übers Spurenlesen und wie man sich seiner Beute unbemerkt nähert. Jedoch erzählte sie nur wenig über ihr Leben bei den Krasianern. Das Wenige, was ich von ihr erfuhr, war das sie ihre Eltern früh verloren hatte. Sie wurde dann von ihrer Mutters Schwester aufgenommen. Aber auch die Schwester und ihr Mann verstarben unglücklicherweise an einer sonderbaren Krankheit. Danach wollte niemand mehr Dai bei sich aufnehmen, da viele nun fürchteten, dass auf Dai ein böser Fluch lastete. Sie war seit dem nur noch auf sich alleine gestellt und wurde immer wieder aus der Gemeinschaft vertrieben, sobald sie sich dieser wieder genähert hatte. Bis sie schließlich eines Tages von diesen beiden Männern abseits von ihrem Volk aufgegriffen und mitgenommen wurde.

 

Obwohl wir bisher kaum Kontakt mit anderen Menschen, bis auf Dai's „Kannibalen“ hatten, tarnten wir trotzdem unsere Höhle und sicherten unsere Habseligkeiten so gut es ging vor eventuell ungebetenen Gästen. Unsere Habseligkeiten versteckten wir immer, sobald wir die Höhle verließen, in einer Grube, die ich mit Hilfe der Axt und meinen Händen ausgehoben hatte. Die Grube verdeckten wir anschließend jedes Mal mit einem durch Äste und Sträucher getarnte und gebundene Konstruktion.

 

Die Wochen vergingen und es wurde allmählich kälter und es dauerte auch nicht mehr lange bis es schließlich anfing zu schneien. Ich liebte bisher immer den Schnee und die klare und kühle Luft, die der Winter mit sich brachte. Aber hier in der Wildnis, wo wir auf uns allein gestellt waren, fing ich an den Wintereinbruch zu fürchten. Werden wir auf unseren täglichen Jagdausflügen noch genug Beute machen? Werden wir in dieser Zeit genug trockenes Feuerholz finden? Werden unsere Fußabdrücke im Schnee uns und unsere Höhle verraten? Das waren Fragen die mir nun Sorgen machten. Hinzu kommt, dass Jake uns in dieser Zeit nicht mehr besuchen kann, da der Schnee seine Spuren sichtbar macht und damit ihn und auch uns verraten könnten.

 

Dai hingegen hatte ihren Spaß mit dem ersten Schnee. Sie rannte umher, bewarf mich mit Schneebällen, versuchte einen Schneemann zu bauen und malte mit ihren Fußabdrücken Figuren und Bilder auf die erste Schneedecke. Nachdem aber der Schnee vermehrt immer mehr zunahm, verlor auch Dai irgendwann den Spaß am Schnee.

 

Wir trockneten bisher immer unser Anzündholz unter unseren Schlafstätten. Da dies aufgrund der Feuchtigkeit und Kälte nun wesentlich länger dauerte als sonst, konnten wir deshalb auch immer seltener Feuer machen. Unweigerlich dauerte es auch nicht mehr lange und Dai bekam schließlich eine Erkältung. Die Erkältung begann bei ihr mit Halsschmerzen über die sie sich eine Weile lang beklagte. Daraufhin bekam sie einen Schnupfen, der dann später zu einem hartnäckigen und schlimmen Husten überging. Unsere Essensvorräte gingen ebenfalls langsam zuneige und es wurde langsam wieder Zeit auf die Jagd zu gehen.

 

Es war an einem Morgen, als ich beschloss wieder auf die Jagd zu gehen. Dai hustete jedoch so sehr, dass ich es nicht wagen wollte mit ihr auf die Jagd zu gehen. Dai lag immer noch in Decken eingewickelt auf meinem Schlafplatz. Ich hockte mich zu ihr hin. "Hör zu! Dai. Wir brauchen wieder etwas zu essen.. Daher muss ich auf die Jagd. Allein! Du bist zu krank um mit mir zu kommen. Deshalb ist es besser wenn du heute hier in der Höhle bleibst.. hörst du.. Dai!". Dai hustete und schaute mich mit ihren großen Augen nun ängstlich an. "Nein! Ich kommen auf Jagd ..mit dir. Ich schnell aufstehen ...jetzt!" Dai machte nun Anstalten aufzustehen. "Dai.. du bist krank und musst dich erholen. Du musst hierbleiben! Ich mach dir ein Feuer.. ja.. und du trinkst Kräutertee und wirst wieder gesund" Ich hielt sie fest und hinderte sie dabei aufzustehen. Dai fing nun an zu weinen. "Ich will nicht alleine hier.. ich haben Angst hier. Rota.. lass mich nicht hier... nicht alleine. Nein!" Nun klammerte sie sich an mich. "Dai! Du bist krank und musst dich erholen. Es geht nicht anders... ich komme so schnell es geht wieder.. ja?" Dai weinte nun noch heftiger und hustete dabei so stark, dass ich kurz davor war in Panik zu geraten. Ich wusste nicht ob sie meine aufkommende innere Panik spürte, aber sie hörte mit einem Mal auf zu weinen und unterdrückte auch ihr Husten. Sie umklammerte mich nochmal ganz fest und ließ mich dann los. "Ich bin stark.. ich bleiben hier.. Rota! Du kommst wieder.. ja?" Ich nickte. "Ja... Ich komme wieder.. und mit etwas Glück gibt’s heute Abend wieder etwas zu essen und wir werden es uns dann so richtig gemütlich machen. Wir legen uns wieder schön ans Feuer und ich werde dir dann weiter aus dem Buch vorlesen... okay?" Sie drückte mich nochmal und ich gab ihr noch einen Kuss auf ihre Wange. Dann machte ich mich auf die Jagd.

 

Die letzten Tage auf unseren Jagdausflügen, waren immer weniger vom Erfolg gekrönt und wir waren schließlich gezwungen immer weiter hinaus zu gehen um Beute zu machen. Auch diesmal musste ich wieder sehr weit hinausgehen um etwas Jagdbares zu finden, aber ich hatte Glück und wurde fündig. Eine Rotte von vier Wildschweinen durchkreuzte tatsächlich meinen Jagdausflug. Dank meines täglichen Trainings war ich mittlerweile auch zu einem sicheren Schützen geworden und ich traf das größte der Tiere, einen Eber, beim ersten Schuss. Und dann tat ich etwas, was ich vielleicht für den Rest meines Lebens noch bedauern werde. Ich stieß einen Jubelschrei aus. Als die übrigen Wildschweine flüchteten, näherte ich mich meiner Beute. Das Wildschwein atmete noch schwach und ich zog mein Messer um das Tier nicht länger leiden zu lassen. Und dann sah ich sie.

 

Eine Gruppe von vielleicht fünf Männern kam direkt auf mich zugelaufen. Waren dies Abgesandte von Kaven? Sie waren noch gut dreihundert Schritt entfernt. Aber es war eindeutig, dass sie mich entdeckt hatten. Aufmerksam geworden, durch mein blöden Jubelschrei. Ich war so entsetzt, dass ich mich anfangs nicht rühren konnte. Nein! Nein! Nein! Das durfte nicht sein. Und dann musste ich plötzlich an die Schneespuren denken. Sie führten ja direkt zur Höhle! Sie führten zu Dai... Ich musste Dai in Sicherheit bringen. Dann erst lief ich los. Ich rannte wie der Teufel und so schnell ich konnte Richtung Höhle. Auf der Flucht zur Höhle schossen mir diverse Gedanken und Befürchtungen durch den Kopf. Die Spuren werden den Ort unserer Höhle verraten. Wohin werden wir dann überhaupt noch gehen können? Was gab es für andere Möglichkeiten? Aber je mehr ich darüber nachdachte, gab es keinen Ort wohin wir sonst gehen könnten. Letztlich gab es nur eine Alternative. Ich musste mich ihnen entgegenstellen. Keiner durfte die Höhle erreichen. Die Höhle war schließlich alles was wir hatten und was wir nicht einfach so aufgeben konnten. Schließlich blieb ich stehen. Ich hatte mittlerweile auch einen guten Vorsprung herausgelaufen. Gut.. Sollen sie kommen… Ich werde auf meine Kräfte vertrauen müssen und versuchen sie irgendwie aufzuhalten.

 

Ich versteckte mich schließlich hinter einer riesigen Wurzel eines umgestürzten Baumes. Spannte einen Pfeil in meinen Bogen und wartete. Mein Herz pochte. Dann hörte ich sie. Sie schnauften und atmeten schwer "...Wo ist er hin?" Sie wurden nun langsamer. Nun gut.. jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Ich verließ meine Deckung und sah sie vor mir. Es waren vier und sie schienen tatsächlich aus Kaven zu kommen. Ich konnte sie nicht alle genau erkennen, aber sie kamen mir alle bekannt vor. Sie waren noch gut dreißig Schritt entfernt. Dann entdeckte mich der erste. "Da! Da ist er!" Ich zielte auf diesen Mann und schoss meinen Pfeil ab. Mein Pfeil fand sein Ziel und traf diesen Mann direkt in seinem Hals. Alle schauten nun entsetzt auf ihren getroffenen Kameraden. "Taggert! Er hat Taggert getroffen! Dieser Teufel!". Ich legte schnell noch einen zweiten Pfeil nach. Aber sie reagierten sofort und gingen schnell in Deckung. "Dafür wirst du büßen.. Rota Gevill! Junge.. du bist nun sowas von erledigt!" Ich sagte nichts und rannte einfach weiter. Jedoch nicht mehr Richtung Höhle sondern jetzt in eine andere Richtung. Ich wusste dass es hier in der Nähe ein anderes Versteck gab. Das Versteckt nutzte ich des Öfteren auf der Jagd. Sie mochten noch zu Dritt oder vielleicht auch zu viert sein, aber dafür war ich schneller und ich kannte mich hier aus. Das hier war mein Gebiet. Plötzlich kam mir aber eine andere und vielleicht sogar bessere Idee. Sie verfolgten mit Sicherheit die ganze Zeit meine Spur! Vielleicht war das meine Chance! Werden sie auch merken, dass die Spur langsam einen kreisförmigen Verlauf nehmen wird? Ich rannte nun noch schneller. Meine Lunge schmerzte und meine Muskeln brannten. Aber ich wusste auch, dass ich diese Schmerzen sehr lange aushalten konnte. Nach gut einer Stunde war es dann soweit und ich näherte mich ihnen… jetzt von hinten. Sie waren nur noch zu dritt. Ich meinte, ich hätte insgesamt fünf gesehen. War der Fünfte bereits als Informant auf dem Weg nach Kaven zurück?

 

Sie verhielten sich vorsichtig. Zwei von ihnen liefen mit aufgelegtem Pfeil im Bogen rechts und links flankierend neben meiner Spur. Der Dritte, ich glaubte es war der Vater von Pelle, lief kampfbereit mit einer geladenen Armbrust in den Händen meiner Spur folgend voraus. Sie hatten jedoch nur ihre Blicke nach vorne gerichtet. Auch liefen sie in größeren Abständen voneinander entfernt. Ein fataler Fehler und ein Glücksfall für mich.. Ich legte nun wieder ein Pfeil in meinen Bogen und schlich mich auf gut zehn Schritt auf den letzten der dreien heran. Dann zielte ich und ließ die Sehne los. Der Pfeil flog und blieb im Rücken des Verfolgers stecken. Der Verfolger schrie auf und drehte sich dabei noch um. Er sah mich mit aufgerissenen Augen an und fiel dann auf die Knie. Ich machte schnell wieder kehrt und rannte so schnell es ging wieder weg. Sie fluchten mir noch hinterher und auch zwei Pfeile flogen noch an mir vorbei, aber ich konnte auch hier wieder entkommen. Irgendwann hörten sie auf mich zu verfolgen und kehrten vermutlich zu ihrem verwundeten dritten Mann zurück. Mir kam nun ein neuer Gedanke.. Ich musste immer das tun, womit sie am wenigsten rechneten. Ich rannte ihnen daher mit angelegtem Pfeil im Bogen wieder hinterher. Dann sah ich sie. Ich rannte nun schreiend auf die beiden zu. Sie waren überrascht und versuchten in Panik ihre Pfeile aufzulegen. Ich zielte auf die Brust von Pelles Vater und schoss meinen Pfeil ab. Mein Pfeil traf. Pelles Vater brüllte auf vor Schmerzen. Ich zog mein Messer und rannte nun auf den letzten der Verfolger zu. Er sah mein Messer und warf sich mir schließlich entgegen. Er hielt mit seinen beiden Händen meine Messerhand fest. Er war stark und schaffte es mein Arm umzudrehen. Ich konzentrierte nun meine ganze Kraft in meinem rechten Arm, schaffte es mein Arm wieder umzudrehen und drückte mit aller Kraft das Messer nun in seine Richtung. Er wirkte nun noch überraschter und seine Augen verrieten seine Angst. "Du Teufel!" Ich drückte nochmal mit aller Kraft zu und das Messer bohrte sich schließlich langsam in seine Brust. Er schrie vor Schmerzen. Dann ließ er jedoch meine Hand los und ließ sich gleichzeitig nach hinten fallen. Ich stürzte hinterher und stach dann mehrmals mit meinem Messer zu. "Tut mir Leid.. aber ihr hättet nicht wieder kommen sollen" sagte ich noch zu ihm und beendete mit einem letzten und tödlichen Stich sein Leben. Anschließend stand ich auf und ging nun zu Pelles Vater.

 

Pelles Vater atmete noch schwach, als ich mich ihm näherte. Ich hockte mich zu ihm. Er wollte scheinbar noch was sagen, sackte dann aber zusammen und auch der Vierte von den Verfolgern war nun tot. Ich selbst ließ mich nun ebenfalls vor Erschöpfung in den Schnee fallen.

 

Sie werden wiederkommen, denke ich, egal ob der Fünfte von ihnen nach Kaven zurückkehrt oder nicht. Sie werden wiederkommen und nach mir suchen. Ich werde daher die Leichen verstecken müssen, aber das muss erst mal warten. Eins nach dem anderen. Ich musste mich noch um unser Essen kümmern, denn das schien mir aus meiner Sicht erst mal notwendiger als alles andere zu sein. Es wird  spät werden, wenn ich wieder zurück in der Höhle bin. Dai wird Angst bekommen, daher werde ich mich beeilen müssen.

 

Bevor ich aber ging, versteckte ich noch ein paar brauchbare Sachen von den Verfolgern. Dazu gehörten die Armbrust mit den Bolzen, die Pfeile und Bögen, Messer und ein paar gute Kleidungsstücke. Ich beschloss mir diese Sachen vielleicht im Frühjahr zu holen, wenn der Schnee geschmolzen war und keine verräterischen Spuren mehr hinterließ.

 

Anschließend ging ich eiligst wieder zurück zu dem Ort, wo ich das Wildschwein getötet hatte. Als ich schließlich dort ankam und das Wildschwein immer noch unversehrt dort lag, schaute ich noch nach ob es Spuren vom fünften Verfolger gab. Ich fand diese Spuren. Nach den Spuren zu urteilen blieb der Fünfte tatsächlich zurück und hatte vermutlich auf die anderen dort gewartet. Später irgendwann hatte er sich dann wohl aufgemacht und war dann wohl wieder zurück Richtung Kaven gegangen. Ich überlegte noch kurz ob ich ihn folgen und versuchen sollte einzuholen um ihn dann unschädlich zu machen. Ich war aber zu erschöpft und Dai hatte ich versprochen heute Abend wieder zu kommen. Hinzu kam, dass es wieder anfing zu schneien und vermutlich auch noch die ganze Nacht weiter schneite. Gut möglich, dass die Spuren dann durch den ganzen Schneefall, später nicht mehr sichtbar sein werden. Trotzdem werden wir nun erst recht jetzt auf der Hut sein müssen. Feuer werden wir wegen dem verräterischen Rauch nicht mehr am helligten Tag machen dürfen und wenn wir auf die Jagd gehen, sollten wir auch darauf achten nur so wenig wie möglich an Spuren zu hinterlassen.

 

Ich konstruierte mir schließlich noch aus zwei stabilen Stöckern eine Schlepptrage für das getötete Wildschwein und machte mich dann endlich mit dem Wildschwein auf den Weg wieder zurück zur Höhle.

 

Als ich die Höhle erreichte, war es schon ziemlich dunkel geworden. Dai lief mir gleich entgegen. Sie weinte, hustete und freute sich gleichzeitig. "Rota! Oh Rota! Ich... lange gewartet.. ich dachte..  oh Rota..". Ich nahm sie in die Arme. "Dai.., es tut mir so Leid.., ich wurde aufgehalten.. Aber es ist alles gut.." Dann sah sie meine Beute und guckte mich nun erleichtert und freudig an. Ich nickte ihr nicht ohne Stolz zu. "Komm Dai..! Wir haben heute Abend noch so Einiges zu tun." Ich erzählte Dai noch an diesem Abend was alles an diesem Tag passierte und das wir nun ganz besonders aufpassen müssten. Dai sagte, dass sie keine Angst hätte, da sie ja mich, den wohl stärksten "Tokatee" der Welt hatte, wie sie in ihrer Sprache ausdrückte. Ich fühlte mich geehrt, obwohl ich die Bedeutung des Worts "Tokatee" nicht kannte.

 

Die Nacht und auch am nächsten Tag hatte es die ganze Zeit geschneit. Meine Spuren waren mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen. Trotzdem war ich beunruhigt. Ein erfahrener Spurenleser ist vielleicht doch noch in der Lage die verbliebenen Spuren zu lesen und unser Versteck, unsere Höhle, zu finden. Wir konnten jedoch nicht viel machen, außer warten und hoffen das keiner kam. Ich schaute alle paar Minuten aus der Höhle. Ich packte das Notwendigste zusammen um bei einer möglichen Flucht das Nötigste dabei zu haben. Alles was wir sonst nicht gerade in der Höhle benötigten, versteckte ich in unsere getarnte Grube. Mittlerweile hatte es auch schon so viel geschneit, dass der Höhleneingang drohte zuzuschneien. Auch die Höhlendecke, die auf der rechten Seite durch einen Spalt offen war, drohte ebenfalls durch den ganzen Schneefall nun zu verstopfen. Da es uns jedoch nicht möglich war die Höhlendecke von hier aus vom Schnee zu befreien, hielt ich den Höhleneingang zu mindestens bis zur Höhe meines Kopfes vom Schnee frei. Somit hatte ich immer noch die Möglichkeit zu sehen was draußen vor sich ging und andererseits drohten wir hier in der Höhle auch nicht zu ersticken. Dai hustete nicht mehr so stark und ihr schien es mittlerweile auch wieder etwas besser zu gehen. Da ich nun inzwischen nur noch vor dem Höhleneingang stand und Wache hielt, spürte Dai wohl meine Unruhe. Sie stellte sich zu mir, nahm meine Hand und drückte sie. Ich zwinkerte ihr zu. Sie lächelte. "Ich will nur sicher sein, dass auch niemand kommt. Dai! Das ist alles. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch keiner kommen wird. Wer sollte sich auch schon bei diesem Unwetter aufmachen...?" Dai schaute mir nun in die Augen und tickte mich mit ihrem Finger an. "Rota..? Ich.. Hunger. Soll ich schneiden uns beiden Stück vom.. ähm Wildschwan...". Und dann sah ich plötzlich etwas. Etwas kleines und schwarzes kam plötzlich von rechts auf unsere Höhle zugerannt. Dann fing dieses kleine Wesen an zu bellen... Ein Hund!? Und dann kam noch ein zweiter weißer Hund bellend hinterher. Oh nein...! Ich hörte Stimmen. Panik ergriff mich jetzt. Ich sah Dai an. Dai sah meine Panik und bekam nun ebenfalls Angst... "Sind das die..?". Ich stürze mich nun auf meine Sachen, die ich für eine eventuelle Flucht vorbereitet hatte. "Dai! Nimm deine Sachen.. und dann raus hier! Beeil dich!" Dai zögerte nicht lange und nahm ihrerseits nun ihre Sachen auf, die ich für sie bereitgestellt hatte. Dann blieb ich kurz stehen und drehte mich zu Dai um. "Dai! Wir schaffen das.. ja?" Dai nickte.."Ja! Wir schaffen das.. nun.. raus hier!" Sagte sie und schob mich dann weiter.. Unglaublich dieses Mädchen, dachte ich in diesem Moment nur noch und robbte mich aus dem zugeschneiten Höhleneingang.

 

Die Hunde rannten bellend und geradewegs auf uns zu. Ich nahm schnell meinen Bogen vom Rücken und wollte ein Pfeil einspannen. Stellte nun aber fest, dass es dafür schon zu spät war. Der schwarze Hund war schon zu nah. Er sprang auf mich zu und biss sich an meinem linken Arm fest, dass ich ihm abwehrend entgegenstreckt hatte. Da ich jedoch ein Hemd, ein Pullover und sogar zwei Mäntel anhatte, war der Schmerz auszuhalten. Ich griff nun nach meinem Messer und stach mit einem kräftigen Hieb, dem Hund das Messer in die Seite. Der Hund heulte auf und ließ mich endlich los. Jetzt kam auch der zweite weiße Hund auf mich zugerannt und biss sich nun an meinem rechten Unterarm fest. Ich stürzte mich nun instinktiv auf dem Boden und rollte mich im Schnee.. Der Hund ließ los... Dann hörte ich wieder ein Hund aufheulen. Ich drehte mich um und sah Dai mit ihrem Messer in der Hand. Der weiße Hund lag regungslos im Schnee. Sie hatte tatsächlich den Hund getötet. Der andere schwarze Hund der mich als erstes angegriffen hatte knurrt uns noch an, lief dann aber weg und brach kurze Zeit später zusammen. Ich schaute nun wieder in der Richtung, woher die Hunde kamen und dann sah ich unsere Verfolger. Vier, fünf... nein sechs Männer liefen in Schneeschuhen auf uns zu. Allesamt bewaffnet mit Armbrüsten. Es folgte ein Gebrüll von Stimmen. "Da ist er!" "Wir haben den Teufel!" "Er ist nicht allein!" "Er hat Gini und Tara getötet!".

 

Sie waren nur noch gut fünfzig Schritt von uns entfernt und damit schon viel zu nah. Es blieb uns nichts anderes übrig, als in unsere Höhle zurückzukehren und uns dort zu verschanzen. "Dai! Zurück in die Höhle!" Dai, reagierte sofort, sie drehte sich um und rannte wieder zurück in unsere Höhle. Als wir beide wieder in der Höhle waren, nahmen wir unsere Bögen, luden diese jeweils mit einem Pfeil und spannten die Bögen.

 

Die Verfolger liefen direkt auf unseren Eingang zu. "Warte.. lass sie kommen Dai... " Und dann waren sie nah genug an uns herangekommen.. "Dai ..du nimmst den Linken.." Wir zielten und ließen gleichzeitig die Sehnen unserer Bögen los. Beide Pfeile trafen ihr Ziel. Mein Pfeil traf den rechten Verfolger in den Bauch. Er schrie auf und sackte dann zusammen. Dai traf den anderen Verfolger direkt in den Hals. Er würgte kurz und fiel ebenfalls zu Boden. Wir legten schnell neue Pfeile auf. Die Übrigen waren nun gewarnt und verteilten sich nun auf die linke und auf rechte Seite des Höhleneingangs. "Das werdet ihr büßen" brüllte einer. Mir kamen diese Stimmen zum Teil bekannt vor.. Kannte jedoch keinen dieser Verfolger persönlich. "Warum jagd ihr mich immer noch? Ihr habt mich verurteilt und mich zum Teufel gejagt.. Warum reicht Euch das nicht?!" Rief ich nun wütend hinterher.. "Ihr wollt mein Leben? Mich töten...! Dann kommt her.. aber wundert euch nicht.. wenn ich was dagegen habe!"

 

Dann war's still. Vermutlich hatten sie sich schon ganz dicht am Höhleneingang herangeschlichen und warteten nur noch auf einen günstigen Moment um anzugreifen. Wir müssen ihnen zuvor kommen... Aber wie? Dann hatte ich eine Idee.. Ich zog meinen Mantel aus, füllte ihn mit dem Heu aus unseren Schlafplätzen und legte in der Mitte noch einen Stein hinein. Dai schaute mich fragend an.. "Dai, ich werfe das Bündel gleich aus der Höhle. Wenn ich das gemacht habe.. hoffe ich, dass sie ihre Pfeile verschießen. Und wenn sie das getan haben... dann gehen wir raus!" Dai nickte mir zu und gab mir zu verstehen, dass ich jetzt loslegen sollte. Tapferes Mädchen!

 

Dann warf ich das Bündel aus der Höhle und um die Täuschung noch zu verstärken schrie ich dabei so laut ich konnte. Es flogen tatsächlich mehrere Pfeile. Ich rannte nun mit angespanntem Bogen hinaus ins Freie. Dai tat das Gleiche auf ihrer linken Seite. Ich sah unsere Verfolger. Ich erfasste den Erstbesten und das war der, der am nahesten vor mir stand. Er starrte mich mit offenem Mund an und versuchte noch einen seiner Bolzen zu einzuspannen. Er erkannte nun aber, dass dies dafür zu wohl zu spät war und wollte sich nun auf dem Boden werfen. Mein Pfeil traf ihn tief in den Rücken. Er schrie auf. Dann hörte ich einen weiteren Schrei. Dai hatte ebenfalls einen Verfolger tödlich in die Brust getroffen. Dabei sah ich mit Schrecken, dass der Mann der hinter dem Mann stand, den Dai soeben getroffen hatte, seinen Bolzen noch nicht verschossen hatte und nun mit seiner Armbrust auf Dai zielte. "ZURÜCK!" Schrie ich Dai noch zu. Dann löste sich der Bolzen von der Armbrust. Zong Der Bolzen traf Dai mitten in die Brust.. "NEIIIIN!!" Dai sah mich nun mit ängstlich, schmerzverzerrten Augen an und stolperte dann nach hinten wieder zurück in den Höhleneingang.

 

Ich wollte zu ihr. Rief mir aber ins Gedächtnis, das ich dafür noch keine Zeit hatte und ich vorher noch die zwei übrig gebliebenen Verfolger unschädlich machen musste. Wutentbrannt rannte ich nun auf den Schützen zu, der mit seiner Armbrust Dai vielleicht sogar tödlich getroffen hatte. Mit Angst in den Augen sah er mich nun auf sich zukommen. Er warf seine Armbrust weg und versuchte nun verzweifelt sein Messer aus seiner Tasche zu ziehen. Mit Gebrüll warf ich mich aber nun auf ihm und stach ihn mehrmals mit meinem Messer in seinem Leib. Er wehrte sich mit Fäusten, bis ich mit einem letzten Stich in seine Gurgel, sein Leben letztendlich beendete.

 

Ich drehte mich nun dem letzten Verfolger zu. Er stand mit geladener Armbrust nur wenige Schritt vor mir und befreite seinen gespannten Bolzen mit einem Klicken von der Armbrust. Zong Ich warf mich im letzten Moment noch zur Seite. Spürte dann aber einen brennenden Schmerz in meiner Seite. Der Bolzen ragte seitlich aus meinem Bauch heraus. Ich ignorierte diesen Schmerz und konzentrierte mich nun auf diesen letzten verbliebenen Verfolger. Er sah mich und warf nun seine Armbrust mir entgegen. Dann griff er nach seinem Messer und kam langsam auf mich zu. "Jetzt ... geht's dir an den Kragen! Ausgeburt der Hölle!" Ich war zu wütend um darauf etwas zu erwidern. Ich stürzte mich mit all meiner Kraft sofort auf ihm. Bei meinem Angriff holte er mit seinem Messer aus. Bevor er zustechen konnte, konnte ich jedoch seine Messerhand ergreifen und hielt sie mit meiner linken Hand fest und schlug mit aller Kraft und Wucht mit meiner rechten Faust ihm dabei auf die linke Seite seines Schädels. Er wankte, fiel aber nicht. Dann durchdrang mich ein stechender und reißender Schmerz wieder auf meiner rechten Seite. Der Verfolger hatte mir, mit seinem Knie, den Bolzen weiter in die Seite gerammt. Ich stöhnte auf und wich einen weiteren Knieschläge aus. Anschließend drehte ich mit all meiner Kraft seine Messerhand um und schlug ihm mehrmals mit der rechten Faust immer wieder auf seinen Schädel ein. Ich brüllte ich ihm ins Gesicht. "STIIIRRB !!!!" Sein Gesichtsausdruck ließen nun Überraschung und Entsetzen erkennen. Dann irgendwann verlor sein Körper immer mehr an Halz und er fiel schließlich in den Schnee. Ich nahm nun mein Messer und beendete dann endgültig das Leben des letzten Verfolgers.

 

Tränen trübten meine Sicht und ich hatte große Angst vor dem, was ich nun fürchtete gleich zu sehen und vielleicht wohl auch niemals akzeptieren würde. Ich stapfte zurück in die Höhle. Dai hatte sich inzwischen zu ihrem Schlafplatz geschleppt und sie hielt ihre selbstgeschnitzte Figur Fedann in ihren Händen. Sie betrachtete ihre Puppe... so als wollte sie Abschied von ihr nehmen. Sie atmete schwer und der Bolzen ragte immer noch unumstößlich aus ihrer Brust. Ich beugte mich jetzt zu ihr herüber. Blut lief aus ihrem rechten Mundwinkel. Sie sah mich jetzt und riss ihre Augen auf. "Ich.. ich will bleiben ...hier ... bei dir Rota.." Dai spuckte dabei Blut. Sie keuchte und atmete schwer. Ich hatte erst Angst in so einem Moment keine Gefühle zeigen zu können und wusste auch nicht was ich in so einem Moment machen sollte. Dann aber liefen mir doch Tränen die Wangen herunter und es dauerte nicht lange und ich konnte nicht mehr an mir halten. Aus den anfänglichen Tränen entlud sich bei mir ein ungehemmtes Weinen. Ich versuchte mich wieder zu fassen..   "Schschscht... Dai... Ich bleibe bei dir.. Dai... ich bleibe immer bei dir. Hörst du Dai. Ich bleibe immer bei dir.." Dai weinte nun ebenfalls. Sie hob den Kopf. So als ob sie nun aufstehen wollte.. "Tut.. tut so ..weh.." Dann jedoch sackte sie in sich zusammen. "Nein... nein.. nicht Dai.. Bleib bei mir.... Bleib bei mir... DAI!..." Dai rührte sich aber nicht mehr...

 

Abschied und Auferstehung

 

Ich blieb dann noch lange bei ihr... und während ich bei ihr blieb, schwörte ich ihr wie auch mir selbst, dass ich es all denen heimzahlen werde, die dafür verantwortlich waren. Wieso können sie mich nicht in Ruhe lassen? Was hatte ich getan, dass immer wieder alles zerstört wurde, was ich zu lieben und schätzen gelernt hatte? Bevor ich aber meinen Schwur überhaupt in die Tat umsetzen konnte, musste ich erst mal dieses hier überleben.

 

Der Pfeil steckte immer noch in meiner Bauchseite und es blieb mir nichts anderes übrig, als nun selbst den Pfeil aus mir herauszuziehen. Ich schaute mir nun die Verletzung genauer an. Der Pfeil steckte zwar tief, aber nur an der äußersten Seite meiner linken Bauchseite. Die Organe könnten vielleicht unverletzt geblieben sein und womöglich war es auch nur eine Fleischwunde. Die Verletzung brannte und jede Bewegung die ich machte verursachte schreckliche Schmerzen, die mich jedes Mal erstarren ließen. Mittlerweile fing ich auch leicht an zu zittern und zu schwitzen. Aber, ich hatte gelernt Schmerzen auszuhalten.. und ich werde auch diese Schmerzen aushalten. Ich musste den Pfeil herausziehen. Je früher umso besser.. Da dieser Pfeil wahrscheinlich Wiederhaken hatte, wird es schwer werden den Pfeil von vorne herauszuziehen. Kann sein, dass es besser war den Pfeil durchzustoßen, den Schaft vom Pfeil zu trennen und dann die verbliebene Pfeilspitze nach hinten herauszuziehen. Sobald ich jedoch den Pfeil anfasste, verlor ich wegen der Schmerzen schnell den Mut mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Aber wenn ich überleben wollte, dann blieb mir keine andere Wahl und ich musste es machen...

 

Ich schnappte mir einen handgroßen Stein und atmete noch einmal tief durch. Beim Ausatmen schlug ich dann mit voller Kraft auf den Schaft des Pfeils. Ich brüllte und krümmte mich auf den Boden vor Schmerzen. Die Pfeilspitze durchdrang den restlichen Weg durch mein Fleisch und meine Hautschicht. Die Pfeilspitze ragte nun nach hinten aus meiner linken hinteren Taille. Das Schlimmste hatte ich wohl nun hinter mir... Ich nahm nun mein Messer und schnitt den Schaft des Pfeiles ab. Als ich dann soweit war, biss ich die Zähne zusammen, umfasste mit einem festen Griff die Pfeilspitze und zog mit einem schnellen Ruck den Pfeil heraus. Sowohl aus der Eintritts- als auch aus der Austrittswunde blutete es nun stark. Ich schleppte mich zu meinen Habseligkeiten und holte mir Verbandsmaterial und die Wundsalbe. So gut es ging legte ich mir einen Druckverband auf die offenen Wunden an. Danach war ich so erschöpft und zitterte so stark, dass ich mir nur noch meine Decken holte und mich schließlich nur noch in meinem Schlafplatz hinlegte.

 

In meinem Schlafplatz liegend, kamen mir dann auch schon wieder schmerzliche Gedanken. Nie wieder wird Dai hier bei mir sein.., nie wieder werde ich ihr was vorlesen können.., nie wieder wird sie mit ihrem Lächeln und ihrer liebenswerten Art mein Leben erfreuen. Sie fehlte mir... und ich werde sie wohl für immer vermissen.. Ich konnte nun nicht anders und fing wieder an zu weinen, bis ich irgendwann in einem unruhigen und fiebrigen Schlaf fiel.

 

Es dauerte vier Tage bis das Fieber langsam nachließ und ich aus meinem fiebrigen Dämmerzustand wieder zu Bewusstsein kam. Es war sehr kalt. Der Höhleneingang war fast zugeschneit. Dai lag noch immer reglos in ihrem Schlafplatz. Ich kroch zu ihr und sagte leise "Dai?" Ich erwartete nicht wirklich eine Antwort, denn ich wusste sie war tot.. aber irgendwie konnte und wollte ich es wohl noch immer nicht wahr haben. Ich fühlte mich schwach und hatte starken Durst. Der Wasserschlauch lag neben meinem Schlafplatz. Ich hatte ihn wohl irgendwann in meinem Fieberwahn geholt und daraus getrunken, denn er war mehr als halb leer getrunken. Ich nahm nun mehrere kleine Schlucke daraus. Obwohl ich mich schwach fühlte entschied ich mich trotzdem aufzustehen und mir etwas zu essen zu holen. Ich hatte stark an Gewicht verloren und brauchte nun viel Kraft und Energie um das, was ich noch vorhatte, noch in die Tat umzusetzen. Mit wackeligen Beinen und völlig entkräftet schleppte ich mich zum Höhlenausgang und bahnte mir durch den ganzen Schnee, der inzwischen wieder gefallen war, einen Weg nach draußen. Es hatte seit dem Kampf mit den Verfolgern wieder sehr viel geschneit. Tote und alle Kampfspuren waren vom vielen Schnee der gefallen war, nichts mehr zu sehen. Ich stapfte nun zu der Stelle wo ich eine Grube ausgehoben und unsere Habseligkeiten sowie Lebensmittelvorräte versteckt hatte. Ich entfernte den Schnee darauf und zog dann das Tarnverdeck beiseite. Ich holte mir ein gefrorenes Stück vom verbliebenen Wildschwein und dazu noch etwas Salz und Marmelade. In der Höhle gelang es mir mit viel Mühe ein Feuer zu entfachen und schnitt anschließend das Fleisch klein und briet es in der Pfanne. Schließlich würzte ich es mit dem Salz und aß es mit der Marmelade auf. Danach legte ich mich wieder hin und versuchte wieder einzuschlafen..

 

Nach drei weiteren Tagen fühlte ich mich wieder soweit, dass ich entschied das Grab für Dai auszuheben. Der Boden war gefroren und es dauerte mehr als vier Stunden bis ich mit dem Grab für Dai fertig war. Ich legte Dai so behutsam ich konnte in dieses Grab. Ich weinte und konnte nicht aufhören zu weinen. Ich blieb noch eine Weile bei ihr und konnte mich nicht von ihr lösen. Irgendwann stand ich aber auf und küsste sie zum Abschied auf ihre Stirn. Dann legte ich noch ihre selbstgeschnitzte Puppe Fedann zu ihr und ihre Lieblingsdecke über sie. Sie sah so friedlich aus. Schließlich fing ich an das Grab wieder mit Erde zu füllen. Ich wagte jedoch nicht ihren Kopf mit Sand zu bedecken. Ich hörte schließlich auf und stieg dann doch nochmal ein letztes Mal zu ihr herunter. Ich entblöße das letzte Mal ihr stilles und lebloses Gesicht. "Dai... ich werde immer bei dir sein.. hörst du.. immer" Dann küsste ich sie zum letzten Mal, stieg aus dem Grab und beerdigte sie.

 

Wie es auch bisher immer so war, verheilten meine Wunden sehr schnell und ich fühlte mich mit jedem Tag besser und kräftiger. Irgendwann unternahm ich wieder kurze Ausflüge zum Jagen und Holz sammeln. Die Jagdausflüge waren meistens auch immer erfolgreich, jedoch hatte ich jegliche Freude daran verloren. Meine Gedanken kreisten nur noch darum, wann, wie und an wen ich mich, für das was man mir angetan hatte, rächen will. Da jedoch immer noch viel Schnee lag und es auch immer wieder schneite, war ich gezwungen mein Rachefeldzug auf den Tag zu verschieben, wo mich meine Spuren nicht mehr durch den Schnee verrieten. Alles erschien mir nun trostlos und irgendwie sinnlos. Ich verspürte keine Freude mehr an irgendetwas. Ich hatte auch keine Freude mehr ans Bogenschießen, keine Freude mehr daran meine Höhle besser auszustatten. Meine einzigen Gedanken kursierten nur noch um Rache. Jaden.. Johnas Goldan und auch Pelle und Gero sollten noch dafür büßen, was sie mir angetan hatten. Es dauerte noch drei weitere quälende Wochen bis es langsam endlich wärmer wurde und es anfing zu tauen und weitere drei Tage bis der Schnee komplett geschmolzen war. Schließlich machte ich mich dann, als ich soweit war, am frühen Abend auf den Weg nach Kaven.

 

Begegnung

 

Nach gut zwei Stunden erreichte ich den Backenfluss. Unter anderen Umständen hätte ich die herrliche Abendluft und die Abendwanderung genossen. Meine Gedanken aber kreisten jedoch die ganze Zeit nur darum, wie ich mich in dieser Nacht für das Geschehene rächen konnte. Erst als ich plötzlich vor mir Stimmen hörte, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Erschreckt schaute ich nun nach vorne, in der Richtung, in der ich die Stimmen vermutete. Und tatsächlich, da stand eine Gruppe von Menschen vor mir, deren Konturen ich im nächtlichen Mondschein erkennen konnte. Instinktiv wollte ich gerade weglaufen, bis schließlich jemand rief: "Warte! Wir wollen dir nichts tun. Wir wollen nur mit dir reden..". Ich blieb stehen. Die Stimme klang ruhig und vertrauensvoll und schien nach dem Klang zu urteilen einem älteren Mann zu gehören. Auch waren sie noch zu weit von mir entfernt, als das sie mir gefährlich werden konnten. Daher blieb ich stehen. Wer könnte das sein? Bürger Kavens bestimmt nicht. Somit konnten es sich hier eigentlich nur um Vertriebene handeln. "Was wollt ihr von mir?" Rief ich zurück. Ein Mann trat nun aus der Gruppe hervor und kam etwas näher. "Wir wollen dir nichts Böses. Wir wollen nur mit dir reden." Reden wollen sie.. aha.. vielleicht.., vielleicht aber haben sie auch nur ein wenig Hunger und suchen etwas Essbares, wie mich beispielsweise. "Ich habe bereits Erfahrungen mit Euresgleichen gemacht und die waren.. gelinde gesagt.. nicht gerade vertrauenserweckend!" und rief noch hinterher: "Was wollt ihr denn mit mir bereden?" Es folgte eine kurze Pause, bis er dann sagte "Auch unter uns Vertriebenen gibt es solche und solche. Wir haben ebenfalls unsere schlechten Erfahrungen mit so manchen Ausgestoßenen gemacht. Wir sind aber nicht so!" Er kam nun wieder ein paar Schritte näher. "Hör zu, wir haben dich schon seit längerem beobachtet und wissen mittlerweile so einiges über dich."  "Und was wisst ihr über mich?" Wollte ich nun wissen. "Wir haben dich häufig auf deinen Jagdausflügen gesehen und wir haben mitbekommen, dass du eine Krasianerin bei dir aufgenommen hast und du sie auch gut behandelt hast. Wir wissen auch, dass es wohl einen Kampf zwischen dir und einigen Männern, womöglich mit Bürgern aus Kaven, gegeben hat und du oder ihr beide es sogar geschafft habt eure Gegner zu besiegen. Schließlich wissen wir natürlich auch von deinem großen Verlust den du offensichtlich erlitten hast. Sie schien ein wirklich tapferes Mädchen gewesen sein......  und wir hätten sie auch gerne in unsere Gruppe aufgenommen. Verstehst du jetzt worauf wir hinaus wollen?"

 

Ich war fassungslos. Die haben mich die ganze Zeit beobachtet! Ich hatte nie etwas bemerkt, gesehen oder geahnt. Und jetzt..., jetzt bietet dieser Mann mir an, dass ich mich ihnen womöglich anschließen kann? Warum? Ich habe jetzt ganz andere Pläne.. "Warum? Und warum jetzt? " fragte ich nun. Der Mann kam nun wieder etwas näher. "Wie wäre es, wenn wir diese und andere Fragen gemeinsam in einer gemütlichen Runde am Feuer besprechen?" Obwohl ich wenig Lust dazu verspürte und ich unbedingt meinen Plan auch in die Tat umsetzen wollte sagte ich, vielleicht aus reiner Neugierde, zu... "Okay was soll‘s... Gut.. einverstanden... ich denke dafür habe ich noch etwas Zeit." Der Mann schien nun erleichtert. "Gut, sehr vernünftig" Er kam nun auf mich zu. Er war, so konnte ich nun erkennen, von kräftiger Statur und er trug, einen selbstgemachten Mantel aus diversen zusammengenähten Fellen. Als er schließlich vor mir stand, streckte er mir seine Hand entgegen. "Ich bin Eldar Wordan. Freut mich dich endlich kennenzulernen!" Ich nahm seine Einladung an und ergriff seine entgegengestreckte Hand "Ich bin Rota." Erwiderte ich nur.

 

Er führte mich dann zu seinen Leuten. Sie waren insgesamt zu viert. Eine erwachsene Frau und drei erwachsene Männer. "Das ist Jolanda.." stellte Eldar nun die Frau vor. Die Frau die nun ein Schritt vortrat war groß, stämmig und schaute mich grimmig und widerwillig an. Sie sagte kein einziges Wort und nickte mir nur kurz zu. Ich nickte ihr ebenfalls nur kurz zu. Jolanda gehörte anscheinend nicht zu denjenigen die mich gerne in ihre Gruppe aufnimmt. "Die anderen beiden hier, sind Kaspar..." Eldar zeigte auf einen kleinen, stämmigen kahlköpfigen Mann mit einem schwarzen Bart. "...und Tokar". Kaspar kam jetzt auf mich zu und streckte mir seine Hand entgegen. Ich ergriff seine Hand. Sein Griff war sehr fest aber ich konnte genug Kraft aufbringen um diesen festen Handgriff entsprechend zu begegnen. Er schaute mir nun eindringlich in die Augen. "Teufel! Ich hoffe nicht, dass du der bist nach dem du aussiehst! Auf der anderen Seite..., wäre es natürlich gut für uns, dich dann auf unserer Seite zu haben.." Er lachte dabei und die anderen, bis auf die Frau, fielen in sein Lachen ein.

 

Dann kam Tokar auf mich zu. Tokar sah aus wie ein Krasianer und vermutlich war er es auch. Er hatte diese typisch langen schwarzen Haare, die nach krasianischer Art auf den Kopf zu einem Knäuel gebunden waren. Seine Kleidung bestand ausschließlich aus Leder, die perfekt und mit hoher Kunst seinen Körper kleideten. Er sah wie der geborene Krieger aus und er trug ebenfalls, wie ich, einen Bogen auf den Rücken. Tokar legte seine Faust an die Stirn und nickte mir respektvoll zu. "Tokar ist Krasianer.." sagte Eldar nun. ".. Wir haben ihn vor gut zwei Jahren bei uns aufgenommen, nachdem wir ihn aus.., sagen wir mal, einer heiklen Lage befreit haben. Wir haben diese Entscheidung nie bereut.. Ganz im Gegenteil!" Eldar klopfte dabei Tokar kurz auf die Schulter und schaute mich dabei an "Und bei dir habe ich.. ein ähnliches Gefühl."

 

Sie wollten mich tatsächlich in ihre Gruppe aufnehmen. Auf der einen Seite freute ich mich natürlich über dieses Angebot. Es war schon immer mein Wunsch gewesen... irgendwo und zu irgendwem dazuzugehören und in einer Gemeinschaft gebraucht zu werden. Auf der anderen Seite hatte ich jedoch diese... Wut, diesen Drang nach Genugtuung es denjenigen heimzuzahlen die mein Leben so verabscheuten und mir das genommen hatten, was ich lieb gewonnen hatte. Konnte diese Gruppe mir dabei helfen? Wollte ich das überhaupt? Was war, wenn jemand oder sogar mehrere wegen meiner Angelegenheit dabei getötet wurden? Wollte ich das? Nein, das wollte ich nicht.

 

"Du hast sicherlich eine Menge Fragen und wir ebenso an dich. Wie wäre es, wenn wir uns nun setzen und alles in Ruhe besprechen?" Fragte nun Eldar. Ich wollte eigentlich wieder weiter und nicht hier sitzen und reden.. Trotzdem nickte ich und setzte mich wie die anderen. Tokar und Kaspar entfachten nun ein Feuer. Die Geschwindigkeit in der sie das aber machten war einfach atemberaubend. Sie mochten vielleicht Ausgestoßene sein, aber diese Menschen hier hatten gelernt zu überleben und sich ihre Daseinsberechtigung zurück erkämpft. Das sah man jeden einzelnen von ihnen an.

 

Eldar schaute mich nun wieder an und sprach schließlich weiter.  "Wir sind mittlerweile vierzehn. Neun Männer und fünf Frauen. Und wir wollen uns vergrößern und stärker werden. Es gibt viele Gefahren für uns hier in der Wildnis. Wir müssen uns um Nahrung kümmern, wir müssen dem Wetter trotzen, wir müssen uns den Krasianern und den Milizen des Bundes erwehren. Häufig kommt es auch vor, dass wir uns auch vor anderen Ausgestoßenen, die sich zu räuberischen Banden zusammengeschlossen haben, zur Wehr setzen müssen. Krankheiten und Unfälle machen uns darüber hinaus zu schaffen. Damit wir uns diesen Gefahren erwehren können, brauchen wir eine starke Gemeinschaft. Wir nehmen daher besonders auch nur die auf, die der Gemeinschaft von Nutzen sind und die Fähigkeit besitzen sich einer Gemeinschaft zu fügen und unterzuordnen. Dafür erhält derjenige die Sicherheit und den Schutz in der Gemeinschaft. Wir haben dich beobachtet und es gab zugegeben viele Vorbehalte die gegen dich sprachen. Vielen von uns war besonders deine Erscheinung... naja, sagen wir.. unheimlich. Aber letztendlich hast du die meisten von uns mit deinem Verhalten davon überzeugt, dass wir dich in unsere Gemeinschaft aufnehmen wollen." Eldar schaute mich nun an. "Also.. wie denkst du darüber?"

 

Ich wäre sicherlich gern in diese Gemeinschaft eingetreten. Aber ich hatte mir und Dai Rache geschworen und diesen Schwur wollte ich nicht einfach so aufgeben... "Ich danke Euch für Euer Angebot, aber ich habe vorher noch etwas zu erledigen. Ich habe es mir geschworen...." Eldar runzelte die Stirn und fragte in ruhigen Ton "Was willst du denn machen? Willst du dich für das rächen, was man dir angetan hat? Ist es das was du willst? Jemand hat dir Unrecht getan und nun willst du Genugtuung oder sowas ähnliches? Du magst vielleicht bisher so manchen Kampf überlebt haben, aber in meinen Augen bist du immer noch ein Kind und weißt gar nicht auf was du dich da wirklich einlässt.. Ich werde dir sagen was du damit erreichst... Nichts! Gar nichts! Du magst bestenfalls deine Rache bekommen und, was ich sehr bezweifle, vielleicht sogar dein Leben behalten. Aber wirst du dich danach wirklich besser fühlen? Ich glaube nicht! Vielleicht wirst du für einen kurzen Moment eine Befriedigung empfinden, aber mehr nicht. Dann aber wird man sich wiederum für das rächen wollen, was du angerichtet hast. Du wirst dich dann immer verstecken müssen..., immer auf der Hut sein müssen und nie wirklich Ruhe finden. Was ist wenn du bei deiner Rache Unschuldige mit hineinziehst und sie dabei getötet werden oder du vermeintlich Schuldige tötest und diese in Wahrheit aber unschuldig sind? Könntest du dir das dann verzeihen?" Er machte eine Pause. Ich wollte gerade etwas erwidern, als er die Hand hob. "Warte..., lass mich dies bitte noch sagen...  Wir haben alle unsere eigene Geschichte und glaube mir, jeder von uns hatte seine Gründe, dass er oder sie aus der Gemeinschaft des Bundes oder im Falle Tokars aus der Gemeinschaft der Krasianer verstoßen wurde. Jolanda, beispielsweise, wurde deshalb ausgestoßen weil sie ihren Mann getötet hat. Dass sie das in Notwehr tat, weil er sie wieder mal wegen einer Kleinigkeit fast zu Tode geschlagen hatte, wurde in ihrem Fall nicht berücksichtigt, weil die einzige Zeugin, die Schwester des Gatten, diese Tatsache geleugnet hat. Jolanda hätte genauso wie du einen Grund dazu gehabt sich zu rächen. Sie hat es aber nicht getan. Denn man sollte sich vielleicht auch immer die Frage stellen, bevor man sich an den Personen rächt, warum diese Personen so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben. In Jolanda's Fall hat die Schwester deshalb geschwiegen, weil sie sicherlich zum einen die Schwester ihres Mannes war und ihren Bruder liebte. Zum anderen hasste sie aber auch Jolanda. Jolanda hatte ihre Schwester oftmals ungerecht behandelt und dies wurde ihr erst später klar, als sie sich diese Frage ehrlich stellte. Es war demnach verständlich gewesen, dass die Schwester sie verleugnet hat und Jolanda, da gelandet ist, wo sie nun ist. Nämlich hier..., hier bei uns. Vielleicht hat man dir wirklich übel mitgespielt... Aber manchmal, wenn man wirklich ehrlich zu sich selbst ist, gibt es vielleicht auch Gründe für die man selbst verantwortlich ist, warum man da ist wo man nun mal ist. Und du bist in diesem Moment nun mal auch hier, hier bei uns und stehst vermutlich wieder vor einer wichtigen Entscheidung die dein zukünftiges Leben vielleicht wesentlich beeinflussen könnte. Es liegt nun an dir, was du letztlich daraus machst."

 

Ich dachte über die Worte von Eldar nach. Jedoch konnte ich keine Schuld in meinem Tun und in meinen Taten erkennen. Ich hatte mich letztendlich immer nur gewehrt und versucht zu überleben. Auch hatte ich aus meiner Sicht nicht angefangen etwas Unrechtes zu tun oder hatte jemanden etwas angetan, bevor er mir etwas angetan hat. Jaden hingegen aber liebte es mich zu ärgern und mich zu quälen. Er fühlte sich vermutlich überlegener und stärker, nur weil ich anders war als die anderen. Und dieses Gefühl der Überlegenheit verflog und schlug in Hass um als er mich mit Mallen sah. Mallen, das mit Abstand wohl hübscheste und beliebteste Mädchen von Kaven. Und wie Jaden erging es vielen anderen womöglich ähnlich. Konnte ich aber aufgrund meiner Andersartigkeit dafür verantwortlich sein, dass Jaden deshalb meine Baumhöhle zerstörte und vor Gericht gelogen und so die Spirale der Gewalt in Gang gesetzt hatte? Ich hatte mir meine Andersartigkeit nicht aussuchen können und konnte somit auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Jetzt habe ich jedoch die Wahl mich dieser Gruppe anzuschließen oder mich zu rächen. Ich hatte aber mir, Dai und meinen Feinden diese Rache geschworen und ich wollte immer noch dass keiner ungestraft davon kam. Vielleicht mochte ich mich mit meiner Entscheidung nun schuldig machen.. aber dies einfach versuchen zu vergessen...? Nein... das kann und wollte ich auch nicht.

 

"Ich habe es geschworen... Von daher.. ich kann mich euch jetzt nicht anschließen. Ich wünschte ich könnte es... aber da ist für mich einfach zu viel passiert, was ich nicht vergessen kann und auch nicht will." Sagte ich schließlich. Sie schauten mich nun alle an und bis auf Jolanda stand ihnen die Enttäuschung in den Gesichtern geschrieben. "Dir ist klar, dass dieses Angebot nur jetzt gilt?" Fragte Eldar. "...denn wenn du diese Entscheidung wählst, dann wirst du auch nie in unsere Gemeinschaft passen. Bedenke das bitte." Ich stand auf, schloss die Augen kurz. Es kommt, wie's kommt. Und genau wie's kommt ist es richtig, wird gesagt. So soll es dann auch kommen... wie es kommt... Dann sagte ich schließlich: "Ich wünschte wirklich es wäre anders.. aber ich kann nicht anders. Ich danke euch trotzdem für euer Angebot und wünsche euch alles Gute." Dann ging ich wieder weiter.

 

Unheil in Kaven

 

Ich drehte mich nicht mehr zu ihnen um und sie machten auch keine Anstalten mehr mich umzustimmen oder mich aufzuhalten. Mir fiel diese Entscheidung schwer... Ich wollte immer dazugehören... und hier ergab sich für mich zum ersten Mal in meinem Leben diese Chance in eine Gemeinschaft dazuzugehören. Und jetzt? Jetzt machte ich mich wieder auf um anderen Menschen Gewalt anzutun, die mir aus meiner Sicht Unrecht getan hatten. Auf meinem Weg nach Kaven ließen mich aber die Worte von Eldar an mein Vorhaben immer mehr zweifeln.

 

Wen traf für das Geschehene wirklich Schuld und was ist wirklich gerecht? Gero ist dumm und lediglich ein Mitläufer. Er wurde von Jaden benutzt und beherrscht. Kann ich Gero dafür verantwortlich machen, weil er schwach ist und letztendlich nur das macht, was man von ihm verlangt? Pelle hingegen hat die Stärke eigene Entscheidungen zu treffen. Er hatte jedoch, denke ich, für seine Taten auch schon ziemlich büßen müssen. Sein Vater war wegen mir nicht mehr am Leben und ich hatte ihm sein rechtes Augenlicht genommen. Auch konnte er wohl, nach Jakes Angaben, auf dem verbliebenen Auge nur noch wenig sehen. Er wird für immer auf Hilfe angewiesen sein. Und Johnas Goldan... der Bürgermeister und damit auch ein sehr beliebter Mann in Kaven, er wollte Mallen schließlich auch nur vor mich beschützen. Ich, der für die meisten in Kaven wohl sowas wie ein Ungeheuer bin. Er misstraute mir und hatte letztlich vielleicht nur Angst um Mallen. Um zu verhindern, dass ihr vermutlich etwas zustieß, war ihm jedes Mittel recht und dazu gehörte eben mich zu verleugnen und damit das Problem von Kaven endlich zu beseitigen. Aber auch er hat womöglich bereits für seine Lügen büßen müssen. Mallen, seine einzige Tochter, sein ganzer Stolz, hat sich wahrscheinlich von ihm abgewandt und hasste ihn für das was er getan hatte.

 

Blieb nur noch Jaden. Bei Jaden hatte ich immer noch das hartnäckige Gefühl, mich für das, was er getan hatte, zu rächen. Er hasst mich. und ich wollte, dass er für seine Taten zumindestens noch Reue zeigen sollte. Eldar's Worte hatten mich daher nun tatsächlich beeinflusst. Ich werde mich daher nur noch auf Jaden konzentrieren. Er soll bereuen, was er getan hat. Es dauerte noch mehr als weitere zwei Stunden bis ich endlich in Kaven angekommen war.

 

Es war noch stockdunkel und es würde noch drei weitere Stunden dauern, bis der Tag anbrach und die Sonne wieder aufgehen würde. Ich ging zu dem Abhang, wo sich der Eingang zum Tunnel befand. Der Tunneleingang war jedoch nicht mehr wie sonst mit Steinen getarnt. Irgendwas stimmte hier nicht. War der Tunnel entdeckt worden oder schlimmer noch, war Jake aufgeflogen? Jake war seit dem ersten Schneefall auch nie mehr zur Höhle gekommen. Das musste zwar nichts bedeuten, denn Jake hatte selbst gesagt, dass er erst wieder kommen wollte, wenn kein Schnee mehr liegen würde.

 

Ich nahm mein Bogen und legte einen Pfeil auf und ging nichtsdestotrotz in den Tunnel. Ich ging vorsichtig und blieb immer wieder kurz stehen und horchte nach etwas Verdächtigem. Aber nichts regte sich und ich kam schließlich ungehindert durch den Tunnel zum Brunnen. Es stellte sich nun die Frage, ob der Brunnen oben bewacht wurde. Sollte ich nun die Leiter vom Brunnen benutzen, wäre ich wohl auf dieser völlig ungeschützt. Man müsste nur oben auf mich warten oder man könnte sogar gleich mich von oben mit ein paar Pfeilen von der Leiter schießen. Ich horchte, aber es war nichts Verräterisches zu hören. Mir blieb letztlich nichts anderes übrig als es zu wagen und mittels Leiter hinauf durch den Brunnenschaft nach oben zu steigen. Als ich jedoch oben angekommen war, blieb entgegen meinen Befürchtungen auch hier alles ruhig. Seltsam.. Ich atmete nun erleichtert aus und machte mich nun in aller Stille auf den Weg nach Jaden's Zuhause.

 

Jaden hatte keine Geschwister und er wohnte, soweit ich wusste, mit seinen Eltern in einem großen Haus etwas abseits im wohlhabenden Viertel von Kaven. Obwohl ich so gut wie nie dort war, wusste ich von den Beschreibungen meines Onkels welches Haus es nur sein konnte. Mein Onkel beschrieb das Haus der Grat's als das prächtigste und größte Gebäude von Kaven. Mein Onkel schwärmte von diesem Haus und das er irgendwann einmal ein ähnliches Haus haben würde. Doch nun scheint er, mehr denn je, von diesem Traum entfernt zu sein.

 

Nun stand ich aber hier vor dem noch scheinbar friedlichen Haus der Grat's. Alles war, bis auf die Geräusche des Windes, still und friedlich ruhig. Mein Herz klopfte heftig und mir kam diese Situation ziemlich skurril vor. Gleich werde ich diese friedliche Stille stören und womöglich Terror in die Familie Grat bringen. Ich ging zur großen Eingangstür und versuchte die Tür zu öffnen, die jedoch erwartungsgemäß verschlossen war. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Ich schaute mir die Fenster an. Alle Fenster bis auf das rechte vordere Fenster waren mit Fensterklappen verschlossen. Ich ging zu dem offenen Fenster. Das Fenster war jedoch für meine Größe zu hoch, um das ich etwas dadurch hätte etwas sehen können, geschweige denn durch dieses Fenster im Haus der Grat's zu gelangen. Glücklicherweise entdeckte ich nicht weit davon ab, am Nebengebäude eine kleine Leiter. Ich schnappte mir die Leiter, stellte diese unterm Fenster und kletterte diese schließlich hinauf. Hinter das Fenster befand sich das Schlafzimmer von Jadens Eltern und beide schienen auch in ihrem Bett zu liegen und tief und fest zu schlafen. Was jetzt? Mein Herz raste und meine Nerven waren zum zerreißen gespannt. Ich stieg erst mal ein paar Stufen die Leiter wieder runter. Atmete nochmal tief durch. Was will ich eigentlich? Ich hatte mich doch entschieden, dass ich Jaden für seine Taten zur Rechenschaft ziehen will. Nun war ich hier.. Also.. Was willst du jetzt? Dann schließlich ging ich die Leiter wieder nach oben. Vorsichtig nahm ich meinen Bogen und meinen Köcher mit Pfeilen ab und legte diese vorsichtig und so leise es ging durch das offene Fenster auf den Boden im Zimmer der Grat's. Dann kroch ich selbst durch das Fenster. Die Eltern von Jaden schliefen scheinbar immer noch fest und hatten von meiner Ankunft noch nichts mitbekommen. Ich legte mir den Köcher wieder über den Rücken. Den Bogen nahm ich in die Hand und spannte vorsichtig einen Pfeil an die Sehne des Bogens. Dank des offenen Fensters konnte ich zu mindestens noch die Zimmertür und die Möbel die im Zimmer standen erkennen.  Jadens Vater lag laut schnarchend auf dem Rücken und die Mutter schlief eng an ihm geschmiegt auf der Seite im Bett. Beide friedlich in trauter Zweisamkeit. Kaum vorstellbar, dass diese Beiden einen Sadisten als Sohn hatten. Vorsichtig ging ich nun Richtung Zimmertür. Ich wusste nicht was es letztlich gewesen war, was mich verraten hatte, denn plötzlich wurde es ganz still im Schlafzimmer der Grat's. Geräusche, ein kurzes Murmeln... dann die Stimme von Jadens Vater, Robert Grat "Jaden? Was.. was willst du...?  Jaden...?".

 

Mist! Fluchte ich innerlich. "Ich bin nicht Jaden.." sagte ich so ruhig und selbstsicher ich konnte. Dann wachte auch die Mutter auf.. "Robert! Wer ist das? Was geht hier vor?" Schrie sie entsetzt auf. "Wer bist du und was willst du von uns?" Fragte nun Robert, Jadens Vater. Dabei sprang er schnell aus dem Bett. "Stehen bleiben!" Schrie ich.. und spannte den Pfeil im Bogen und zielte nun auf Robert. Robert blieb stehen.. "Eine klitzekleine Bewegung noch und ich schieß dir ein Pfeil in deinen fetten Bauch.. Hast du mich verstanden?" Drohte ich nun. Panik ergriff mich. Das war so nicht geplant. Was sollte ich nun mit diesen beiden machen? "Bist du... bist du nicht der, der meinen Sohn ins Bein gebissen hat.....? Du bist Rota Gevill!.... Verdammt! Was willst du hier?! Hast du nicht schon genug angerichtet?" Jadens Mutter unterdrückte einen Schrei und fing nun hysterisch an zu weinen.. "...der rote Teufel...? der... Sohn Satan's..! Nein...! Oh Gott nein...!" Ich ging zwei Schritte zurück um ein wenig Abstand von den Beiden zu bekommen. "Von euch will ich nichts! Ich will nur mit eurem.. "lieben" Sohn sprechen..... Sagt mal, habt ihr hier keine Petroleumlampe oder sowas..? Man kann ja kaum was sehen." "Wir haben hier eine auf unseren Tisch stehen.. warte.." antwortete Jadens Vater und drehte sich langsam zur rechten Wand, wo scheinbar ein kleiner Tisch stand. Dann plötzlich drehte er sich blitzschnell wieder um und warf den Tisch mit voller Wucht in meine Richtung. Ich erkannte dies zu spät und der Tisch traf mich voll auf meinem Oberkörper. Ich verlor dabei meinen Bogen aus der Hand. Der Pfeil löste sich und schoss ins Leere. Jadens Vater stürzte sich auf mich. Er war stark und ich konnte ihm erst mal nichts entgegensetzen. Er warf mich mit ganzer Wucht zu Boden und schlug mit der Faust auf meinen Kopf. Er traf mein Ohr, das sich sofort taub anfühlte. "...DU SATAN! ICH WERD DICH LEHREN ... UNS ZU BEDROHEN!!". Ich hob nun meine Hände um meinen Kopf zu schützen. Er jedoch schlug mich dann mit seinen Fäusten in den Magen. Ich konnte nun keine Luft mehr bekommen und ich krümmte mich vor Schmerzen. Dann griff er nach meinen Hals und drückte mit aller Gewalt zu. Ich war geschockt und wusste nicht wie mir geschah. War das jetzt mein Ende? Schmerzen! Ich kann Schmerzen ertragen! Schmerzen kommen und gehen wieder! Konzentriere dich! Ich packte nun mit aller Gewalt die Handgelenke von Jadens Vater.. "Grrrrrnngggg..." Drückte mit aller Gewalt die würgenden Hände von meinem Hals weg.. "Du Teufel!... das.. das.. gibt‘s doch ...niiicht..."   Jadens Vater versuchte vergeblich nochmal kräftiger zuzudrücken... Dann drehte ich mich schnell zur Seite weg und zog mit der rechten Hand mein Messer. Robert warf sich wieder auf mich. Dann stach ich zu.. zwei, drei, vier Mal und immer wieder.. Jadens Vater brüllte vor Schmerzen.. "Robert! Nein .. nicht... bitte NIICHT!!!" schrie Jadens Mutter. Bis ich ihn schließlich mit einem letzten tödlichen Stich in sein Herz sein Leben beendete. Jadens Vater brach schließlich zusammen und lag nun tot über mich. Ich schob ihn nun keuchend und atemlos beiseite. "Du Mörder!!!! Was hast du getan?... Du... du Satan! Du Ausgeburt der Hölle!" Schrie sie mich immer wieder an und eilte zu ihrem toten Mann. "Was habe ich getan?" Stellte ich nun entsetzt mir selbst diese Frage. Bin ich ein Mörder? "Mein Gott! Was habe ich getan..?" Die Mutter von Jaden weinte und schrie.. "Ich werde dir sagen was du getan hast! Du Monster hast einen geliebten Menschen, meinen geliebten Mann getötet. Das hast du getan! Du Teufel.. du verdammte Ausgeburt der Hölle!... Ich hasse dich...! Ich verfluche dich..!" Dann weinte sie wieder bitterlich.

 

Ich hatte genug und mit einem Mal schämte ich mich für das was ich getan hatte. Meine Rachegelüste waren nun wie weggeblasen.... Ich stand auf und wollte gerade durch die Zimmertür gehen um mich auf den Rückweg machen. Dann jedoch erschien Licht und... Jaden.. kam herein. "Mama, was ist los... was ist..." Jaden blieb nun wie erstarrt stehen und schien nicht zu glauben was er hier gerade sah. Mit offenem Mund, einer Lampe in der rechten Hand haltend und im Nachtanzug bot er einen nahezu lächerlichen Anblick.  "Du...?" Und dann starrte er auf den Boden  "VATER!!! NEIN! " Schrie er und rannte humpelnd zu seiner Mutter und zu seinem nun toten Vater.. "Was.. was ... ist los? Vater! Was hat er dir angetan?" Er bot einen so mitleiderregenden Anblick.. Ich musste schlucken. "WAS HAST DU GETAN? DU VERDAMMTE MISSGEBURT!" Dann stand er auf... "Dafür wirst du büßen.." und stürzte sich auf mich. Ich hatte keine Lust mehr mich zu wehren und weiteres Unheil anzurichten und ließ zu, dass er mit seinen Fäusten auf mich eindrosch. Schmerzen... Schmerzen kommen und gehen wieder.. ! Er traf mich überall. Ich ging zu Boden und er trat mich mit seinen Füßen weiter. Er warf den Tisch auf mich, der daraufhin  zerbrach. Jaden nahm dann den abgebrochenen Tischbein in die Hand und prügelte mit Geschrei und üblen Beschimpfungen weiter auf mich ein.. Irgendwann hörte er auf, bückte sich über mich und nahm mich im Würgegriff.. "Nun, mein Lieber, wirst du für deine Taten büßen...!!!" Dann drückte er fest zu.  Ich fing an zu würgen. "Wusstest du eigentlich Rota, dass Jake... dein schwuler Freund, aufgeflogen ist.. Hmm.. wusstest du das? Man hat ihn gehängt... oh ja.. und nun ist er mausetot. Du hättest ihn sehen sollen.. Er hat geflennt..., geflennt wie ein Baby.."  Jake tot? Er war also tatsächlich aufgeflogen. Nein! Ich war schockiert. Das hättest du vielleicht besser jetzt nicht sagen sollen, Jaden, ich glaube das war ein Fehler.., Jaden! Jake verdanke ich schließlich  mein Leben..

 

Jadens Mutter stand nun plötzlich mit meinem Bogen und einem aufgelegten Pfeil vor mir und spannte langsam den Bogen. "Jaden..., halt ihn jetzt gut fest!...". Sagte sie mit einer bedrohlich ruhigen Stimme. Gerade in dem Moment, wo Jadens Mutter die Sehne vom Bogen losließ, packte ich Jaden an den Kopf und zog ihn mit aller Kraft die ich noch aufbringen konnte vor mir und seiner Mutter. Der Pfeil traf nun nicht, wie gezielt, in meine Brust. Jadens Mutter riss die Augen entsetzt auf.. und schrie.. "NEIIIIN..!!" Der Pfeil traf Jaden direkt in den Hinterkopf. Jaden kreischte und sein ganzer Körper zuckte dabei wild hin und her. Dann.. irgendwann hörte er auf zu schreien. Sein Körper hörte auf zu zucken und rührte sich schließlich nicht mehr.

 

Jadens Mutter hatte ihren eigenen Sohn getötet. Ich stieß Jaden beiseite, stand schwankend auf und ging langsam zu Jadens Mutter. Als ich schließlich vor ihr stand nahm ich ihr meinen Bogen aus der Hand. Sie starrte mit Entsetzen und einem völlig irren Blick ins Leere. Vermutlich befand sie sich gerade in einem Zustand des Schocks. Ich beachtete sie nicht weiter, hob noch meinen Köcher mit den verbliebenen Pfeilen auf, legte diesen um meinen Rücken und machte mich dann wieder auf, um aus dem Haus der Grat's zu kommen.

 

Als ich dann wieder draußen war und das Haus der Grat's verließ, sah ich, dass in der Nachbarschaft die Schreie und der Lärm im Haus der Grat's nicht unbemerkt geblieben war. In fast jedem der umstehenden Häuser schien Licht aus den geöffneten Fenstern. Leute standen vor ihren Eingangstüren, Stimmen waren zu hören.... "Was ist da los?... Stadtwache!... Überfall bei den Grat's.... ...Hat jemand was gesehen..?" und schließlich ... "Da...! da ist dieser Rote Teufel! Der Rote Teufel..! Rota der Teufel war im Haus der Grat's!!" Mir war das Getöse nun ziemlich gleichgültig. Alles was mir wichtig war, was ich schätzten und lieben gelernt hatte, hat man mir genommen. Vielleicht zu Recht, vielleicht auch nicht. Egal! Ich wollte das alles jetzt nicht mehr. Ich wollte nur noch in Ruhe gelassen werden. Wer mich aufhalten will, der soll nur kommen. Ich nahm einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn bereit zum Schuss an die Sehne meines Bogens. Dann machte ich mich auf dem Rückweg zur Höhle.

 

Auf halbem Weg zum Tunneleingang stieß ich aber noch auf drei alarmierte Soldaten von der Stadtwache Kavens. Alle drei waren mit Armbrüsten bewaffnet. Als sie mich dann erkannten blieben sie abrupt stehen. In ihren Gesichtern konnte ich Angst erkennen. Der Größte von ihnen, vermutlich auch der Befehlshabende, schrie: "Worauf wartet ihr Holzköpfe denn! Schiiießt! Verdammt SCHIIIIEßT!!" Ungelenk nahmen sie ihre Armbrüste in Schießstellung. Ich wunderte mich. Sie waren mehr als fünfzig Schritt von mir entfernt. Es dürfte sehr schwierig werden, mich aus dieser Entfernung zu treffen. Ich ging langsam weiter auf die drei Soldaten zu. Dann... Zong, Zong... Zong. Die Pfeile flogen.. und alle Pfeile flogen an mir vorbei. Davon flog tatsächlich ein Pfeil sogar nur knapp über meinen Kopf vorbei. Nun rannte ich auf dieses Trio zu, spannte dabei den Bogen, zielte.. und als ich dann nah genug heran gekommen war, ließ ich die Sehne los. Mein Pfeil flog und traf den Soldaten, der soeben den Befehl gab auf mich zu schießen, in die Brust. Er fing vor Schmerzen an zu schreien. "AHHH.. verdammt! Dieser Teufel!.. schiiiiießt... schiieß.." Ich sah jetzt, dass die anderen beiden Soldaten noch sehr jung waren, vielleicht nur drei oder vier Jahre älter als ich. Sie boten einen erbärmlichen Anblick. Beide fummelten wild an ihren Armbrüsten herum und versuchten diese mit jeweils einem Bolzen zu nachzuladen.

 

Ich legte in aller Ruhe einen neuen Pfeil auf und schoss den links stehenden Soldaten absichtlich nur in die Schulter. Er schrie vor Schmerzen "AHHH.. er hat mich getroffen... ohhhh mein Gott.. dieser Teufel.. er hat mich getroffen...." Er machte ein paar Schritte rückwärts, drehte sich um und rannte schließlich weg. Der verbliebene Soldat hatte es endlich geschafft seinen neuen Bolzen in seine Armbrust zu laden. Er zielte nun auf mich. Aber auch ich hatte inzwischen wieder einen neuen Pfeil im Bogen gespannt und zielte ebenfalls auf ihn. "Los schieß schon.." sagte ich im ruhigen Ton. "Worauf wartest du..? Ich habe nichts mehr zu verlieren. Also..?" Der junge Soldat schwitzte und zitterte. "Wenn.. wenn ich schieße wirst du mich ebenfalls töten.." Protestierte er ängstlich. "Könnte sein.., muss aber nicht sein. Kommt sicherlich auch darauf an, ob du mich triffst... Aber..., ich will dir ein Vorschlag nachen... Du legst einfach deine Waffe auf den Boden und gehst mir aus dem Weg und ich gehe... dann meinen Weg. Was hältst..." Dann machte es..Zong! Er hatte tatsächlich sein Bolzen abgeschossen, während ich noch sprach. Ich konnte aber noch schnell einen Schritt zur Seite machen. Der Bolzen traf mich nur leicht an meinem Oberarm. Es schmerzte, aber es war wohl nur ein Kratzer. Ich schoss ebenfalls nun meinen Pfeil ab und dieser traf tödlich. Danach zog ich noch kaltschnäuzig meine Pfeile aus den Leibern der beiden Soldaten und ging dann weiter, wieder zurück zu meiner Höhle.

 

Wieder zurück!

 

Der Rückweg zu meiner Höhle verlief ohne besondere Vorkommnisse. Keiner hielt mich auf oder verfolgte mich. Das einzig Bemerkenswerte war, dass es auf dem Rückweg an diesem frühen Morgen immer kälter wurde und es wieder begonnen hatte zu schneien. Ich störte mich nicht daran und war tief in Gedanken versunken. Ich wollte Rache und ich bekam meine Rache. Jedoch fühlte ich keine Genugtuung, keine Befriedigung oder etwas Ähnliches. Es fühlte sich nicht so an, wie ich es mir vielleicht auch erhofft hatte. Viele mussten wegen mir sterben. Konnte ich aber so viele Tote tatsächlich auch rechtfertigen, nur weil es mich gab? Jake, mein einziger Freund, aber besten Freund den man überhaupt haben konnte, musste sterben weil er mir helfen wollte. Jake, der mir aufopfernd und nur weil er es für richtig hielt, immer wieder geholfen und so mein Leben gerettet hat. Er hatte die Begabung die Dinge aus mehreren Blinkwinkeln zu betrachten. Er schaffte sich immer eine eigene Meinung und ein eigenes Bild die Dinge so zu sehen wie sie waren. Das er dann auch noch den Mut und die Kraft hatte, sich gegen alle Widerstände aufzulehnen, weil er aus seiner Sicht das Richtige tun wollte, dass machte ihn für mich noch bemerkenswerter. Er war ein wirklicher Held. Ich konnte nicht weinen, ich fühlte nur unendliche Trauer und eine Niedergeschlagenheit die mich erdrückte. Als ich schließlich die Höhle erreichte schnappte ich mir sämtliche Decken die ich noch finden konnte, deckte mich in meinem Schlafplatz damit ein und legte mich schlafen und wollte nie wieder aufwachen.

 

Träume und Wirklichkeit

 

Entgegen meinem Willen wachte ich aber natürlich immer wieder auf. Aber letztlich aufgestanden war ich nur dann, wenn ich meine Notdurft verrichten musste oder ich so einen Durst bekam, dass ich einfach Schnee in meinem Mund genommen habe und diesen einfach schmelzen ließ und schließlich runterschluckte. Ich verspürte keine Lust mehr irgendetwas zu machen, wie Feuerholz zu sammeln, auf die Jagd zu gehen oder den Höhleneingang vom Schnee zu befreien. Alles war für mich irgendwie sinnlos geworden und ich wollte nur noch schlafen. Es wurde hell, es wurde wieder dunkel, es wurde wieder hell und es wurde wieder dunkel.... Inzwischen hatte es nun so viel geschneit, dass wieder so viel Schnee lag wie ein paar Wochen zuvor. Ich fror immer mehr und ich wurde schwächer. Ich stand immer seltener auf und die Zeiten wo ich schlief oder döste wurden länger. Meine Träume waren meistens wirr, doch es gab auch schöne Träume. Träume wo ich mit Dai auf der Jagd ging oder sie sich über meine Kochkünste beschwerte oder wo wir gemeinsam abends zusammen in meinem Schlafplatz lagen und Geschichten aus einem der wenigen Bücher, die wir von Jake erhielten, lasen.. Ich hatte auch Träume wo ich Mallen wiedersah. Wir streiften gemeinsam mit Zisko durch die Wälder und kletterten die höchsten Bäume mit den schönsten Aussichten hinauf. Wir hatten viel Spaß und ich hatte in diesen Träumen sogar gelacht. Mit der Zeit schienen die Träume auch immer intensiver zu werden und mir fiel es immer schwerer die Träume von der Realität zu unterscheiden.

 

Es war so kalt und ich hörte Mallen irgendwann immer wieder mit Angst und Besorgnis nach mir rufen. Warum hat sie denn Angst um mich? Hell, es wurde mit einem Mal heller. Dann hörte ich sie wieder laut nach mir rufen. Mallen schien, nach der Lautstärke zu urteilen, nun auch ganz nah zu sein. Ich konnte mich in dem Traum in dem ich mich befand nicht rühren. Ich wollte ihr zurufen, dass ich hier war und das sie keine Angst zu haben brauchte, dass alles gut war. Aber nichts war gut. Ich konnte nichts sagen, ich konnte mich nicht bewegen, ich war völlig erstarrt. Wahrscheinlich lag es an der Kälte. Ich musste irgendwie zu einem Eisblock oder sowas gefroren sein... Seltsamer Traum. Dann plötzlich hörte ich Mallen erleichtert meinen Namen rufen "Rota! Endlich...!" aber dann klang sie wieder besorgt und sie rief "Mein Gott.. Rota! Was... was ist mit dir passiert...". Dann sah ich Mallen vor meinen Augen. Ihr Gesicht zeigte Angst und Besorgnis.. aber in dem Moment wo ich es schaffte meine Augen zu öffnen, verschwand der angstvolle Ausdruck aus ihrem Gesicht und ein vertrautes Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Sie schien irgendwie verändert.. sie wirkte... älter.. ja, älter.... und... schöner als jemals zu vor. Dann schloss ich die Augen jedoch wieder und ich verlor diesen Traum und fiel wieder in einem dieser anderen wirren Träume, dorthin wo es vielleicht auch nicht so kalt war... Ich kehrte jedoch auch immer wieder... zu diesem seltsamen Traum zurück. Einmal sah ich Mallen mit Holzgestrüpp in den Armen kommen.. Ich wollte ihr sagen, dass ich hier bin und das mir so kalt ist.. Konnte jedoch immer noch kein Wort herausbringen. Ein anderes Mal war sie ganz dicht bei mir und es fühlte sich so an, als ob sie meine Füße und Waden massierte. Sie tat mir weh, aber... es fühlte sich danach dort etwas besser und wärmer an. Ein anderes Mal hörte ich sie auf einmal laut jubeln?! "..JA... ja.... JAAH... ENDLICH! ES BRENNT! Verflucht nochmal! Es brennt! Endlich!.." Ich dachte ebenfalls... Feuer, ja... das ist gut... Feuer ist schön warm.. Wieder später spürte ich wieder ihre Hände an meinem Kopf.. Sie fühlte sich so warm an.. Sie hob meinen Kopf zu sich auf ihren Schoß und gab mir etwas an den Mund. "Rota, du musst etwas essen. Mach dein Mund auf... bitte.. mach dein Mund auf..." Ich machte natürlich... was sie sagte und schluckte, was auch immer es war, herunter.. Ist das alles ein Traum oder passierte das gerade wirklich. Es fühlte sich so echt an. Dann... war ich wieder woanders... Mallen sang und redete ständig vor sich hin.. und dann hörte ich sie sagen.. "...wie du riechst...! Das müssen wir ändern.. und du hilfst mir dabei.. ja? Rota..? Wach auf.. bitte.. wach auf.." Irgendwann sah ich Mallen wieder. Zog sie mich gerade aus? Dann wieder etwas später lag ich völlig nackt vor ihr und sie schien mich mit einem heißen Lappen.. zu waschen und mich dann überall durchzukneten und zu massieren. Dann... war ich wieder woanders.... und wieder später............  …wieder in der Höhle! Ich sah Mallen, sie saß gerade hockend vor dem Feuer und legte Holz nach. Als sie genug nachgelegt hatte, stand sie auf und schaute zu mir herüber.. "Rota.. bist du.." Ich wollte was sagen... aber ich war noch zu schwach. Ich schloss daher nur kurz die Augen und öffnete sie wieder. Sie atmete nun erleichtert aus, schloss für einen Moment ihre Augen und dann kam sie mit einem strahlenden Lächeln zu mir gelaufen und umarmte mich. "Rota! Endlich! Du bist wieder wach! Ich hatte solche Angst... Was... was ist passiert? Oh Rota.. bin ich froh das du wieder da bist!" Ich versuchte etwas sagen. War aber dafür noch zu schwach. Das einzige was ich herausbrachte war ein unverständliches Gestöhne. Mallen umarmte mich wieder und schüttelte dann mit dem Kopf. "Ist schon gut... du musst jetzt nichts sagen!  Du erholst dich erstmal und wir reden dann morgen... ja? Ich.., ich bin selber viel zu erschöpft um noch irgendetwas zu machen oder zu sagen.." Sie stand nun wieder auf und dann tat sie etwas.. wovon ich in meinen kühnsten Träumen nicht gewagt hätte zu träumen.. Sie zog sich ihre Kleidung aus und legte sich schließlich zu mir unter die Decke. Mir stockte der Atem und mir schien mit einem Mal wieder alles unwirklich zu werden. "Du musst wissen..., " sagte sie flüsternd "..das Beste was man bei einer Unterkühlung machen kann, ist der Austausch von Körperwärme.. Das habe ich von meinem Studium in Heilkunde gelernt. Also.." Sie schmiegte sich wie selbstverständlich ganz nah hinter mir an meinem Rücken und legte ihren linken Arm um meine Hüfte. Ich spürte nun ihre Haare und ihre warme und weiche Haut an meinem Körper. Ich roch ihren.. süßen... Duft. Mein ganzer Körper begann nun wieder lebendig zu werden. War ich im Himmel oder passierte das gerade wirklich.. Es war jedenfalls die mit Abstand aufregendste und schönste Nacht die ich in meinem Leben bisher je erleben durfte.

 

Wiedersehen

 

Obwohl ich eine lange Zeit nicht schlafen konnte, weil ich diese vielleicht nur kurze Zeit mit Mallen einfach nur bis zur letzten Minute genießen wollte, schlief ich doch irgendwann ein. Am nächsten Morgen erwachte ich und fragte mich wieder, ob ich das alles nicht doch nur geträumt hatte.. Aber dann spürte ich Mallens warmen weichen schönen Körper an meiner Haut. Sie lag immer noch, genauso wie gestern, eng angeschmiegt hinter mir an meiner Seite. Das fühlte sich zu real an, als das es nur ein Traum sein konnte. Mallen schlief noch immer tief und fest. Mir gingen nun viele Fragen durch den Kopf. Wie lange lag ich hier schon? Ich fühlte mich so schwach und ausgemergelt.. Es musste daher schon eine sehr lange Zeit gewesen sein... Warum habe ich es nur soweit kommen lassen? Und jetzt ist Mallen hier... hier bei mir..!  Das ändert vieles... Aber warum ist sie überhaupt hier und warum gerade jetzt? Ich drehte mich nun langsam mit Schmerzen zu ihr um. Sie wurde nun ebenfalls wach. Mein Herz klopfte heftig. Dann wurde mir plötzlich bewusst, dass auch ich ja völlig nackt war. Sie hatte mich wohl, als ich mich teilweise im bewusstlosen Zustand befand gewaschen und meine Muskeln massiert. Obwohl ich mich körperlich schwach und leer fühlte, konnte ich mich nicht dagegen wehren und ich wurde erregt. Ich glaube nicht, dass sie meine Erregung spürte und wenn, dann ließ sich jedenfalls nichts anmerken. Sie schaute mich nun an und lächelte.. "Hallo Rota.." sagte sie nur. "Hallo Mallen!" Wir hatten uns so lange nicht mehr gesehen, hatten vielleicht beide auch die Hoffnung schon aufgegeben uns je wieder zu sehen und nun lagen wir plötzlich beide zusammen nackt unter einer Decke. "Wie geht's dir jetzt?" fragte sie nun. "Dank deiner Behandlung... bin ich wieder hier.. und der Rest von mir... wird denke ich auch noch kommen.." antwortete ich schwach. "Was ist mit dir passiert?" Fragte sie nun. "Das... ist eine lange Geschichte und auf vieles bin ich nicht gerade stolz... Aber sag du mir erst mal, wie es kommt das du hier bist und wie du überhaupt hier hergefunden hast?" Mallen lehnte sich zurück und fing an zu erzählen.

 

"Vor drei Tagen hatte ich in Tenna erstmals davon erfahren was in Kaven sich unglaublicher Weise ereignet haben soll. In Tenna war es übrigens das Gesprächsthema überhaupt! Man erzählt sich, dass ein mordlustiger und teuflischer Junge, den man zum Teufel gejagt hatte, entgegen jeglicher Erwartung in der Wildnis überlebt haben soll. Der Trupp Soldaten die diesen Jungen, man nennt ihn den roten Teufel, entdeckt hatten, sollen bis auf einen nicht wieder zurückgekehrt sein. Man nimmt an, dass diese Soldaten wohl auf sonderliche Weise von diesen Jungen getötet wurden. In Kaven beschloss man daher, dass man einen Trupp von sechs oder sieben erfahrenen Soldaten mit Spürhunden nach diesem roten Teufel suchen lässt um diesen Jungen dann festzunehmen und zurück nach Kaven zu bringen und ihn dann für diese Taten erneut zu verurteilen. Dieser Trupp kehrte aber nie wieder nach Kaven zurück. Unglaublicher Weise soll dieser Junge, der rote Teufel, etwa eine Woche später, dann nachts nach Kaven gegangen sein und soll dort ein regelrechtes Blutbad angerichtet haben. Er terrorisierte angeblich dort eine Familie namens Grat und tötete den Vater und den Sohn. Die Mutter soll nun total verstört sein und befindet sich in einem Schockzustand. Zwei weitere Wachsoldaten sollen ebenfalls noch von diesen Jungen getötet worden sein.

 

Ich war natürlich froh, dass du noch lebst. Aber… hat sich das alles wirklich so ereignet? Ich kann das irgendwie nicht glauben, dass du das alles getan hast und überhaupt... warum?"

 

Ich wollte eigentlich ungern darüber sprechen und fühlte mich noch zu schwach dafür, aber ich wollte auch das Mallen mich versteht. "Es ist wahr und hat sich so ereignet, wie du es mir gerade erzählt hast. "Antwortete ich schließlich. "Aber wieso bist du nach Kaven gegangen und hast diese ganzen Menschen getötet? Aus Rache? " Ich schaute sie nun in die Augen und nickte. "Ja, letztlich war es wohl nur Rache gewesen." Schließlich erzählte ich ihr, mit schwacher Stimme, meine ganze Geschichte. Ich erzählte ihr von den Lügen im Tribunal, wie Jake mir geholfen hatte. Ich erzählte ihr wie ich auf Dai stieß, sie befreite und wie gut wir uns verstanden hatten. Und schließlich erzählte ich ihr auch wie Dai getötet wurde und ich schließlich das tat, was ich getan habe. Mallen legte nun zärtlich ihre Hand auf meine Wange und schaute mich nachdenklich und traurig an. Mein Herz schlug jetzt schneller und ich musste schlucken.  

 

"Es tut mir sehr Leid, was sie dir und deiner kleinen Freundin Dai angetan haben. Du hast damit sicherlich genug Gründe gehabt, dass du das getan hast, was du aus deiner Sicht tun musstest. Ich wünschte ich wäre damals bei Euch gewesen und hätte Euch irgendwie helfen können...." Es herrschte nun eine für mich etwas beklemmende Stille zwischen uns und wir waren uns so nah.. Ich hätte sie in diesem Moment am liebsten geküsst, aber dann redete Mallen doch wieder weiter. "Ich wollte eigentlich schon viel früher zu dir, aber mir fehlte letztendlich immer der Mut dazu. Aber der Grund warum ich jetzt tatsächlich hier bin, ist Jake. Denn ich hörte in Tenna auch, dass Jake Tage zuvor wohl nachts in der Wildnis gefasst und festgenommen wurde. Er wird verdächtigt dir geholfen zu haben und sitzt nun, wie du damals auch, im Kerker von Kaven und wartet auf seine Verurteilung. Da Jake mir damals noch genau beschrieben hatte, als du vertrieben wurdest, wo diese Höhle liegt und ich dich finden kann, habe ich mich noch am selben Tag nachts allein auf den Weg zu dir aufgemacht. "

 

Wußte Mallen noch gar nicht das Jake nicht mehr lebte? "Jake ist tot!" Sagte ich nur. "Jake ist tot? Wieso soll er tot sein? Wann...? Und woher weißt du das?" Ich erzählte ihr schließlich wie und von wem ich diese Information erhalten habe.

 

"Glaubst du das wirklich? Glaubst du tatsächlich das, was Jaden dir kurz vor deinem... Ende sagt? Jaden war ein niederträchtiges Großmaul! Ich glaube das nicht. Ich glaube eher, dass er einfach nur gelogen hat um dir nur noch eine für dich schockierend schlechte Nachricht mit auf den Tod zu geben. Jake.., ist nicht tot! Das glaube ich nicht...!" Mallen war sichtlich erschrocken und entsetzt über meine Behauptung. Da war mehr als nur Freundschaft zwischen Mallen und Jake, das war mir spätestens jetzt klar geworden. Aber an dem, was Mallen sagte, könnte wirklich was dran sein. Jaden war gemein und niederträchtig genug um solche Lüge zu äußern. Hoffnung keimte bei mir auf.. "Vielleicht hast du Recht.. Mallen. Dann.. verdammt.. lass uns keine Zeit verlieren!". Sie lächelte und dann nahm sie mein Gesicht in ihre beiden Hände und küsste mich direkt auf den Mund. Ich erstarrte und fühlte mich wie vom Blitz getroffen. Sie grinste.. "Dafür liebe ich dich!" Sagte sie, stand auf und zog sich ohne irgendwelche Scham ihre Kleider an. "Ich werde uns Beiden erst mal etwas zu Essen zubereiten und vielleicht versuchst du schon mal wieder aufzustehen und dich zu bewegen... Oder, was meinst du?" Ich nickte nur und versuchte erst mal wieder klare Gedanken zu bekommen.

 

Mallen hatte noch Brot und genügend Dörrfleisch in ihrer Tasche und ich hatte noch reichlich Zucker und Mehl in meinem Lager gehabt. Ich schaffte es aufzustehen, mich sogar selbständig anzuziehen und ein paar Schritte zu machen. Ich fühlte mich zwar schwach, aber wenn ich mich zu etwas zwang, tat mein Körper das, was ich wollte. Wir aßen schließlich. Mallen hatte es sogar geschafft wieder ein Feuer zu machen. Mallen redete dabei unablässig. Sie erzählte was sie alles in Tenna erlebt hatte, dass sie sich speziell für das Studium der Heilkunde interessierte und ihre Chancen sogar ziemlich gut waren diese Ausbildung auch zu bekommen und.. vieles mehr.

 

Irgendwann fragte ich sie, wie nun ihre Beziehung zu ihrem Vater sei. "Mein Vater hat mich damals mit Gewalt von Kaven nach Tenna verschleppt. Er sagte er wollte mich nur vor dir beschützen und ich ihm eigentlich dankbar sein müsste, wenn ich nur wüsste, was er wüsste. Er hat mir aber nie gesagt was das wäre.. Aber ich.. ich glaube ihm das nicht, denn ich kenne dich und du.. bist nicht so.., du magst vielleicht anders sein, aber du bist denke ein guter Mensch. Ich habe seit dem auch nie wieder ein Wort mit ihm gesprochen.." Ich musste schlucken als Mallen das sagte. Ich.. ein guter Mensch? "Wenn ich es aber nun aus der Sicht deines Vaters betrachte, dann hatte er in gewisser Weise vielleicht Recht. Tatsache ist, ich habe jetzt viele Menschen getötet und ich habe vielen anderen damit auch Kummer bereitet und so wie es aussieht, bringe ich nun offensichtlich auch dich in Gefahr. Von daher.. hatte dein Vater wohl nicht ganz unrecht und ich bin tatsächlich nicht gut und sogar gefährlich für dich."

 

Mallen stand nun auf und hockte sich ganz dicht vor mir hin. Sie nahm meine Hände in ihre Hände und schaute mir nun in die Augen. Ich musste wieder schlucken. Mein Gott.. wie schön sie ist... "Hör mir zu. Du hast Menschen getötet. Okay, das hast du getan. Ja..., aber du hast es letztlich doch nur getan, weil du um ein lebenswertes Leben, also um dein Leben, gekämpft hast! Oder nicht? Du hast nur das getan, was du in den jeweiligen Momenten für richtig gehalten hast. Du hast um deinen Platz auf dieser Welt gekämpft und das ist aus meiner Sicht völlig in Ordnung so und verdient aus meiner Sicht Respekt. Und ich denke das gleiche hätte ich wahrscheinlich auch für mich getan, wenn ich gekonnt hätte. Auch ich will jetzt versuchen nur noch das zu tun, was.. ich.. für richtig halte!" Dann stand sie wieder auf und setzte sich wieder zu ihrem Platz. "Und jetzt hältst du es für richtig Jake aus dem Kerker zu befreien... Egal was kommt?" Fragte ich nun. "Genau!" Antwortet sie kurz und knapp und mit einem leichten Grinsen im Gesicht. "Und, wie ist dein Plan?" Fragte ich nun ebenfalls mit einem leichten Grinsen. "Du.., bist mein Plan!" Antwortete sie nur. "Also.. Ich habe mir eigentlich nie richtig einen Plan gemacht.." sagte ich, aber ich dachte nun darüber nach.

 

"Die Zitadelle nachts zu überfallen, um in den Kerker zu gelangen, wird schwierig werden, da die schweren Tore der Zitadelle am Abend geschlossen und erst morgens wieder geöffnet werden. Von daher werden wir nur tagsüber in die Zitadelle gelangen können und ich denke die beste Zeit dafür wird morgens sein, kurz nach der Öffnung der Tore. Ich denke, dass die Wachstube am Tor auch immer nur mit einem oder zwei Leuten von der Stadtwache bewacht wird. Wir werden diese Wachsoldaten dazu bewegen müssen uns zur Zitadelle zu folgen oder wir werden sie oder, falls es nur einer ist, dann gleich unschädlich machen müssen. Das bedeutet wir müssen am besten auch beide bewaffnet sein.. Kannst du mit Pfeil und Bogen umgehen?" Mallen schüttelte den Kopf. "Dann bekommst du eine Armbrust. Davon habe ich noch mehr als genug hier rumliegen. Unser Vorteil ist, wenn es schneit, werden wir mit den Waffen auch nicht so schnell erkannt werden und wie es momentan aussieht, könnte es auch morgen noch schneien. Tja, und wenn wir dann durch das Tor sind, werden wir in die Wachstube der Zitadelle gelangen. Was uns da aber letztlich erwarten wird, weiß ich nicht und können wir nur erahnen.. Kann sein, dass die Wachstube nur schwach besetzt sein wird, was sehr gut möglich ist, wenn man die Verluste der Stadtwache der letzten Wochen bedenkt.. Aber wir dürfen uns darauf nicht verlassen. Das einzige worauf wir uns verlassen können ist, dass es auf jeden Fall gefährlich werden wird und wir mit allem rechnen müssen.. Wenn wir das aber tatsächlich geschafft haben und wir den Kerkermeister dazu gebracht haben Jakes Zelle zu öffnen, werden wir, so denke ich, hierher am besten wieder zurückkehren..." Mallen sah mich gebannt an und sagte schließlich.. "Du musst mir nur noch zeigen wie man mit dieser.. dieser Armbrust?.. überhaupt umgeht. Ansonsten.. Wann brechen wir auf?"

 

Befreiung

 

Wir machten uns dann sehr spät in der Nacht auf, um Kaven früh morgens zu erreichen. Ich hatte Mallen noch gezeigt wie man mit der Armbrust umgeht und sie erwies sich als ziemlich talentiert. Sogar das Einspannen eines Bolzens ging ihr ziemlich flink von der Hand. Um in Kaven nicht gefährlich aufzufallen bedeckten wir mit Decken noch unsere Waffen. Es schneite, was vielleicht für die Tarnung sogar ganz gut war. Denn weil es schneite konnten wir unsere Kapuzen unserer Mäntel über unsere Köpfe ziehen und waren damit nicht so leicht zu erkennen. Ich fühlte mich immer noch ziemlich schwach aber ich vertraute auf meine außergewöhnlichen Kräfte. Wir erreichten bei Tagesanbruch schließlich Kaven. Der Schnee war feucht und es war nebelig. Mallen und ich waren ziemlich durchnässt und froren. Wir gingen, trotz der Gefahr, dass dieser nicht mehr sicher war, wieder durch den Tunnel. Aber, wie auch bei meinem letzten Besuch in Kaven, wurden wir nicht aufgehalten. Scheinbar war der Tunnel doch nicht entdeckt worden und war somit wohl noch sicher. Mallen war den ganzen Weg nach Kaven ungewöhnlich ruhig gewesen und jammerte auch kein einziges Mal über die Strapazen. Sie war konzentriert und zielstrebig.. stellte ich bewundernswert fest.

 

Als wir schließlich den Brunnen erreichten und die Leiter nach oben gestiegen waren, merkten wir sofort, dass irgendetwas hier in Kaven nicht stimmte. Es war ungewöhnlich still. Es war zwar noch sehr früh, aber für gewöhnlich waren um diese Zeit schon viele Bürger von Kaven wach und gingen ihrer morgendlichen Arbeit nach. Schließlich sahen wir den Grund. An einigen Häusern flatterten schwarze Tücher und Fahnen an den Häusern. Schwarze Tücher..., mussten und das wurde überall in den Schulen des Bundes gelehrt, dann an einem Haus angebracht werden, wenn der Virus Krass in diesem Haus ausgebrochen war und dort wütete. Mallen schaute mich nun entsetzt an "..Die schwarzen Tücher.. Rota!" Ich nickte nur. Es mochte zynisch sein... ja, aber ich dachte in diesem Moment auch, dass dies für unser Vorhaben auch ganz nützlich sein konnte. "Lass uns weiter gehen.. Mallen, und das tun weswegen wir hierhergekommen sind." Sie nickte und wir machten uns weiter auf den Weg zur etwa noch vierhundert Schritt weit entfernt liegenden Zitadelle von Kaven.

 

Als wir schließlich ankamen, war alles so wie wir geplant hatten. Die Tore wurden gerade geöffnet und das Wachhaus am Tor wurde glücklicherweise auch nur mit einem Wachsoldaten bewacht. Wir atmeten nun beide tief durch und schauten uns an. "So hier sind wir jetzt...! Bist du bereit?" Mallen atmete nochmal tief durch und nickte schließlich. "Ja..., wenn du bereit bist.." Ich nahm nun die Decke von meinem Bogen und spannte einen Pfeil in den Bogen und machte mich nun auf dem Weg zum Wachhaus am Tor der Zitadelle. Mein Herz klopfte wieder wie wild.. Das wird schon.. versuchte ich mich zu beruhigen.. Es kommt... wie es kommt!

 

Der wachhabende Soldat, ein kleiner aber kräftiger Mann im mittleren Alter und mit einem langen Bart nahm uns, wie vermutet, aufgrund des Nebels und des Schneefalls tatsächlich auch erst sehr spät wahr. Ich stellte mich schließlich mit gespanntem Bogen bedrohlich vor ihm hin. "Eine einzige Bewegung und du bist tot!" Sagte ich so ruhig und unbekümmert ich es in meiner Verfassung noch konnte. Mallen blieb hinter mir und bedrohte ebenfalls mit ihrer geladenen Armbrust diesen Wachsoldaten. Er erkannte mich sofort und dies schien auch seine Wirkung zu haben. Er erschrak.. und rief noch "Teufel!" Dann hob er aber sofort seine Hände und ergab sich. "Bleib schön von der Bimmel weg.., dann passiert dir auch nichts.. Okay? Und nun verrate uns erst mal wie viele von euch sich in der Zitadelle befinden?" Der Soldat überlegte... und ich wurde ungeduldig.. "Sind es drei..! Sind es vier..! Verdammt.. WIE VIELE!!" Brüllte ich ihn nun an und drohte ihm nun ganz dicht mit meinem Pfeil vor seinem rechten Auge. "Es… es sind nur.. nur zwei!" Sagte er schließlich. "Solltest du gelogen haben, dann bist du erledigt.. klar?! Du kommst jetzt mit uns.. und.. hör gut zu…, du lässt dir auf dem Weg nichts anmerken. Hast du mich verstanden? Du läufst langsam voraus und bist ganz ruhig und dir wird nichts passieren. Und jetzt los!" Er blieb immer noch stehen und schien mich wohl nicht richtig verstanden zu haben. "Ich sagte.. LOS jetzt!" Dann endlich bewegte er sich, zwar unsicher, aber er lief langsam Richtung Eingangstür der Zitadelle. In sicherem Abstand und ohne die Waffen auf ihm zu richten folgten wir ihm verdeckt. Als wir dann die Tür zur Zitadelle erreichten, blieb er stehen. "Tür aufmachen und langsam reingehen" sagte ich nun leise. Dann öffnete er die Tür und ging rein.

 

"Ja... sagen sie.. sind sie denn wahnsinnig! Sie haben Wache! Soldat!" Hörten wir daraufhin jemanden im Korridor vor der Wachstube der Zitadelle schreien. Als wir dann schließlich eintraten bekam der andere wachhabende Soldat der soeben den eintretenden Wachsoldaten angeschrien hatte große Augen. Er war eine wirklich imposante Erscheinung, ein Riese mit einem mächtigen Schmerbauch. Diesen Mann kannte ich. Ich durfte ihn bei meinem damaligen Aufenthalt hier im Kerker bereits kennenlernen. "Was ist hier los? Wer seid ihr?" Als ich meine Kapuze abnahm, wurde er kreidebleich.. "..Der.. der  rote Teufel!.." Mallen wechselte nun ihre Position und richtete nun ihre Armbrust auf diesen wachhabenden Soldaten. "Na du Pisser! Erinnerst du dich an mich..?" Ohne darauf eine Antwort zu erwarten fragte ich weiter.. "Wo ist der Kerkermeister?" Keine Antwort. Dann plötzlich machte es ...Zong.. Ein Bolzen schoss direkt aus der Wachstube und flog direkt auf mich zu. Ich hatte keine Chance mehr auszuweichen. "ROTA!! Nein!... NEIIIN!! ... " hörte ich Mallen schreien. Ein Bolzen steckte nun mitten in meine Brust. Genau an der Stelle wo Dai tödlich getroffen wurde. Erst spürte ich nicht viel. Danach folgte jedoch ein beklemmendes Druckgefühl in meinem ganzen Körper und das Atmen fiel mir plötzlich sehr schwer.. Ich sah Mallen und Mallen starrte mich ensetzt an. Dann plötzlich wechselten sich ihre Gesichtszüge zu einem Ausdruck zügelloser Wut.. Sie wirbelte nun mit einer gekonnten Drehung sich wieder dem wachhabenden Soldaten zu und schoss ihm ihren Armbrustbolzen in die Brust. Anschließend ließ sie ihre Armbrust fallen, zog ihr Messer und rannte damit in die Wachstube. Ich wollte es verhindern und Mallen hinterherschreien, dass sie das nicht machen sollte.. aber mir fehlte die nötige Luft dazu. Dann plötzlich versuchte der erste Wachsoldat mit dem langen Bart auch noch zu flüchten. Mir blieb nichts anderes übrig.. Ich zielte und schoss meinen Pfeil in seinen Rücken. Er schrie und kreischte vor Schmerzen laut auf. Ich legte so schnell es ging einen neuen Pfeil auf und bewegte mich schwer atmend zur Wachstube hin. Mallen kämpfte tatsächlich mit dem Kerkermeister, einem alten aber noch ziemlich rüstigen Mann. Er war jedoch stärker und warf sie gerade zu Boden. Mallen verlor das Messer aus der Hand. "Aufhören!" Schrie ich mit aller Kraft die ich noch aufbringen konnte und zielte mit meinem gespannten Pfeil im Bogen direkt auf des Kerkermeisters Kopf. Er sah mich jetzt und schien noch zu überlegen.. Dann aber hob er schließlich die Hände. Mallen stand auf, Tränen liefen ihr die Wangen runter.. Sie schaute mich mit Entsetzen an. Dann drehte sie sich wieder zum Kerkermeister und trat mit voller Wucht ihren Fuß in das Gesicht des Kerkermeisters. Er flog mit seinem Kopf gegen eine im Raum stehende schwere Truhe und war dann erst mal außer Gefecht.

 

Mallen wendete sich wieder mir zu, schaute auf meine Brust und dann wieder mich an. Ich legte mich nun auf den Boden. Dann kam sie zu mir. Sie weinte. "Rota!... du bist stark.. und du wirst das überleben, wir werden das irgendwie wieder hinbekommen..  Wenn einer das schafft, dann bist du das.." Das Atmen war das Schlimmste für mich. Die Schmerzen nahmen stetig zu.. und wurden immer unerträglicher. Schmerzen kommen und gehen wieder dachte ich wieder. "Mallen. Nimm.. nimm.. deine Armbrust und.. bring ihn dazu.." ich zeigte nun auf den Kerkermeister  ".. Jake zu befreien. Ich.. ich warte hier.." Mallen nickte mir zu und küsste mich. "Ja, du hast Recht.. Ich hole Jake.. und du wartest hier... Ich komme gleich wieder.." Dann wendete sie sich wieder dem Kerkermeister zu.. "Aufstehen! Steh auf!!" Fauchte sie ihn an. Er rührte sich nicht oder wollte sich von ihr nichts sagen lassen. Dann tat sie aber etwas, was mich dann doch wieder überraschte.. Sie schoss mit ihrer Armbrust ein Bolzen in das Bein des Kerkermeisters. Zong Er schrie auf und fluchte wie wild.. "HAST DU MICH JETZT VERSTANDEN!!! " Brüllte sie ihn nun an und lud einen zweiten Bolzen in die Armbrust. "Wo sind die Schlüssel?" Das schien der Kerkermeister nun zu verstehen. Er stand nun mit Mühe und Schmerzensschreie auf und zeigte schließlich Mallen wo die Schlüssel waren. Sie lagen in einem Schlüsselschrank an der Wand. "So du Holzkopf! Jetzt nimmst du die Schlüssel, die du brauchst um die Zelle von Jake Flanders zu öffnen. Kapiert?!" Der Kerkermeister holte nun ein paar Schlüssel aus dem Schrank und sagte "Und jetzt? " Mallen verpasste dem Kerkermeister nun einen Tritt in das Bein, wo der Bolzen steckte. Der Kerkermeister heulte nun vor Schmerzen auf.. "Was meinst du wohl... du Schwachkopf...? Los vorwärts!" Dann verschwanden sie durch die Tür, die zum Kerker der Zitadelle führte. Ich wäre gern mitgegangen, aber ich musste meine Kraft nun gut einteilen. Ich wollte noch nicht sterben... Ich wollte überhaupt nicht mehr sterben. Nicht jetzt... Ich hatte doch gerade erst mein Leben wieder zu lieben gelernt.. Warum jetzt? Aber vielleicht kann Mallen mir helfen.. Sie kennt sich ja in der Heilkunde gut aus…   außerdem kann ich ja Schmerzen sehr gut aushalten. Ich habe doch diese ungewöhnlichen Kräfte… Das muss doch irgendeinen Sinn ergeben... Das kann doch nicht einfach so zu Ende gehen.. Ich wünschte ich könnte diesen Bolzen einfach herausziehen und alles wäre wieder gut. Aber ich wagte es noch nicht einmal diesen Bolzen überhaupt anzufassen.

 

Dann nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich endlich Mallen nach meinen Namen rufen... "Rota... halte durch.. Ich habe Jake.. Wir kommen!" Und dann sah ich sie. Mallen mit einem vom vielen Weinen verquollenes Gesicht und... Jake! Mallen hielt Jake stützend unter seinem rechten Arm. Jake sah ziemlich mitgenommen aus. Nein, schlimmer.. Er sah tot krank aus! Sein Gesicht war voller roter Flecken. Seine Augen waren blutunterlaufen und seine Nase war tief rot und völlig verschleimt. Dann sah Jake auch mich und er winkte mir unglaublicher Weise zu. "Hallo Rota!... Du auch... im Club... der.. der Totgeweihten? Tut mir Leid.. ich wollte nicht.. mit.. aber.. aber dieses.. dieses wundersame Wesen hier... hatte mich einfach.. mir nichts dir nichts… einfach mitgeschleppt.. Ich hatte keine Chance.." Oh, nein! Nicht auch noch Jake und oh Gott.. "Mallen..... oh nein...!" Das waren die einzigen Worte die mir noch über die Lippen gingen.

 

Leben und Tod

 

Jake hatte das Krass und Mallen wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit nun ebenfalls mit dem Virus angesteckt haben. Ich musste jetzt aufstehen. Mallen hatte genug mit Jake zu tun. Aber Mallen kam mir dann doch zur Hilfe und half mir wieder hoch zu kommen. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte meine Schmerzen so gut es ging zu ignorieren. "Wir gehen erst mal zu mir nach Hause!" Sagte Mallen nun entschieden. Zu ihr nach Hause? Dort wo ihr Vater wohnt? Das kann ja interessant werden. Dachte ich nur. Ich war aber zu schwach um noch irgendetwas darauf zu sagen. Ich versuchte mich auf meine Schritte zu konzentrieren und mich so zu bewegen, dass die Schmerzen in meiner Brust mir nicht auch noch mein Bewusstsein nahmen.

 

Auf dem Weg musste ich immer wieder stehen bleiben und schwer nach Luft schnappen. Da Jake das Gehen aber noch schwerer fiel, half Mallen Jake beim Gehen, in dem sie ihn unter seinen Arm stütze. Sie liefen vor mir und wir verließen die Zitadelle und gelangten wieder nach draußen. Es schneite wieder kräftig., was gut war, denn das Bild was wir zu dritt auf dem Weg zu Mallens Zuhause boten, war schon ziemlich aufsehenerregend.  Jake stöhnte und keuchte. Ich musste immer wieder anhalten und versuchte verzweifelt Luft zu bekommen. Schmerzen kommen und gehen auch wieder.. sagte ich mir ständig. Irgendwann erreichten wir dann aber endlich Mallens Zuhause.

 

"Nein.. bitte nicht!" Hörte ich irgendwann Mallen dann entsetzt laut aufstöhnen. Dann sah auch ich es. Auch am Haus der Goldan's hing ein großes schwarzes Tuch vor der Tür. Mallen ging mit Jake im Arm haltend aber trotzdem zur Eingangstür. Sie klopfte.., aber niemand kam. Dann drückte Mallen die Klinke nach unten und die Tür ging auf.. Die Tür war nicht geschlossen. Erleichterung! Ich hätte wohl sonst keinen Fuß mehr vor dem anderen setzen können. Wir gingen schließlich rein. Die Räume des Hauses waren groß und sehr komfortabel eingerichtet. Mallens Vater war ein wirklich vermögender Mann. Wir gingen schließlich in die große Wohnstube. Hier gab es einen riesigen Kamin, in dem sogar noch Feuer brannte. Jedoch schien keiner hier zu sein. Mallen legte Jake auf die große gepolsterte Sitzbank ab und legte ihm eine Decke über. Er fror und zitterte am ganzen Körper. Dann kam sie zu mir. "Rota, leg du dich hier hin.." Mallen hatte nun eine große Decke und Kissen auf dem Boden gelegt. Ich legte mich schließlich hin. Ich hatte mittlerweile viel Blut verloren und mir war mindestens so kalt wie Jake sich anhörte. Mallen zitterte ebenfalls und Panik lag in ihrem Gesicht. Sie legte noch eine Decke über mich und rannte anschließend in den Korridor. "Vater! Vater bist du hier!" Rief Mallen. Ich meinte eine Stimme gehört zu haben. Daraufhin hörte ich Mallen die Treppe hochrennen und kurze Zeit später wie sie heulend immer wieder "Vater.." rief. Nach all dem was passiert war, liebte sie anscheinend immer noch ihren Vater. Irgendwann kam Mallen dann doch wieder nach unten und legte sich dicht zu mir hin. Ihre Augen waren nun vom vielen Weinen ganz verquollen und rot. Sie schien irgendwie am Ende und völlig fertig zu sein. "Was soll ich machen Rota? Ich kann dir nicht helfen. Der Bolzen... er sitzt zu tief und zu fest.. Dazu reicht das, was ich in Tenna gelernt habe, bei weitem nicht aus. Ich kann auch Jake nicht helfen. Ich würde euch so gerne helfen.., aber ich weiß nicht... wie und was ich überhaupt machen kann?" Ich hätte Mallen nur zu gern geholfen. Ich hätte alles getan, wenn ich nur gekonnt hätte. Das Einzige was ich jetzt nur noch konnte war hier zu liegen, versuchen so gut es ging noch Luft zu bekommen und nicht zu sterben.

 

Die Wohnzimmertür öffnete sich nun und Mallens Vater, Johnas Goldan, schlurfte keuchend und völlig entkräftet durch die Tür zu uns herein. Johnas Goldan, der mich verleugnet und mich letztlich zum Teufel gejagt hatte. Man sah ihm sofort an, dass er sehr krank war. Er hatte ähnlich rote Flecken, wie Jake. Sein Blick war traurig und niedergeschlagen. "Ihr.. ihr.. braucht keine Angst zu haben. Ich werde euch nicht rausschmeißen oder euch verraten.. oder sonst was.. Ich will nur das tun, was ich hätte schon längst hätte tun sollen.. Ich will mich... für das entschuldigen was ich euch angetan habe..“ Johnas Goldan kam nun auf mich zu.  "..Insbesondere dir.., Rota. Ich weiß, es ist vermutlich überhaupt nicht mehr zu entschuldigen... aber ich will es trotzdem tun. Rota..! Es tut mir Leid.. was ich dir angetan habe. Ich hatte gelogen..., weil ich einfach nur Angst hatte.. Angst um Mallen... Es tut mir Leid.. es tut mir wirklich Leid. Ich wünschte ich könnte es wieder gut machen... aber.. " Dann brach er weinend zusammen und setzte sich schließlich auf einen der herumstehenden Sessel. Ich wollte das nicht hören und hatte nun auch keine Kraft mehr um irgendetwas darauf zu antworten. Aber vielleicht war das auch ganz gut so und sollte so sein.

 

"Was können wir aber jetzt machen? Sollen wir nur noch warten, bis wir alle tot sind...?" Stellte Mallen verzweifelt nun die Frage mehr an sich selbst gerichtet als an uns. "Gibt es denn gar nichts...?" Sie stand wieder auf und lief unruhig hin und her. Dann blieb sie auf einmal stehen. "Obwohl.., wartet mal..., im Unterricht in der Heilkunde wurde einmal erwähnt, dass es sehr wohl eine Behandlung gibt das Krass zu besiegen. Bei dieser Behandlung überträgt man das Blut einfach von einem Menschen der das Krass überlebt hat auf einem der daran erkrankt ist. Die Aussichten diese Behandlung zu überleben sollen zwar sehr gering sein.., aber es hat demnach auch Fälle gegeben, wo die Behandlung wohl auch angeschlagen hatte und Erkrankte den Virus damit überlebt haben. Es ist zumindestens eine Chance.. und allemal besser als gar nichts zu machen.. und hier nur auf den Tod zu warten." Mallen ging nun zu ihrem Vater. "Vater, kennst du nicht jemanden, der das Virus früher einmal überlebt hat?" Mallens Vater schüttelte gleich den Kopf. "Nein, ich kenne niemanden. Die, die den Virus damals überlebt hatten, hatten sich soweit ich weiß, erst gar nicht angesteckt..."

 

Ich aber.. Ich hatte damals den Virus überlebt! Ich versuchte mich nun aufzurichten, um das zu sagen. Ich war aber zu schwach. Ich konzentrierte mich und versuchte meine Schmerzen zu ignorieren... Dann endlich schaffte ich es mich doch aufzurichten und sagte das, was ich schließlich sagen wollte: "Ich.. ich habe Krass überlebt…! Nehmt..... mein Blut.. ihr müsst mein Blut nehmen.. Mallen..., nehmt bitte mein Blut...!" Dann sackte ich schließlich wieder zusammen. Was im Einzelnen danach genau passierte, wusste ich nicht. Mallen musste es irgendwie geschafft haben sich eine Injektionsspritze aus dem Kavener Hospital zu besorgen. Irgendwann spürte ich wie Mallen mir Blut abnahm. Mallen blieb die ganze Zeit immer ganz dicht bei mir. Sie redete unentwegt und streichelte und küsste mich immer wieder.

 

Am frühen Morgen des nächsten Tages fiel mir das Atmen immer schwerer und zunehmend verlor ich meine letzte Hoffnung auf eine wundersame Heilung. Ich wollte noch nicht sterben und ich fragte mich was mein Leben letztlich für ein Sinn gehabt haben soll. Ich habe mir die Frage nach dem Sinn des Lebens nie gestellt. Da ich mich aber jetzt wohl in einer ziemlich kritischen Situation befinde, scheint dies wohl eine der Fragen zu sein, die man sich dann scheinbar wohl stellt. Wenn ich den Sinn des Lebens aus der Sicht eines Einzelnen betrachte, ist es sicherlich sinnvoll ein glückliches Leben geführt zu haben. Habe ich ein glückliches Leben geführt? Gab es glückliche Momente in meinem Leben? Ja…., die gab es! Ich musste insbesondere an die schönen Zeiten denken, die ich mit Mallen, Dai und auch Jake hatte. Es waren zwar nur sehr wenige glückliche Momente im Vergleich zu meinem nicht glücklichen Leben gewesen, aber sie waren für mich lebenswert gewesen. Lebenswert genug, um mir selbst sagen zu können, dass ich mein Leben immer und immer wieder leben möchte nur um diese Momente wieder zu erleben.

 

Andererseits dürfte es für das Leben im Allgemeinen ohne Bedeutung sein ob man sein Leben nun glücklich oder unglücklich gelebt hat. Der Sinn des Lebens könnte demnach dann wohl eher die Entwicklung des Lebens selbst sein, also..., wie und wohin sich das Leben zukünftig entwickeln wird. Bedeutsam wäre demnach dann wohl, was wir im Leben hinterlassen und wie wir unser Leben gelebt haben. Habe ich das Leben, oder besser gesagt die Entwicklung des Lebens, etwas hinterlassen? Habe ich das Leben nach meinem Sinn oder im Gegenteil sogar gegen meinem Sinn beeinflusst? Ich habe vielen Menschen Angst und Kummer bereitet, was sicherlich nicht unbedingt in meinem Sinn war. Auch gab es sonst sicherlich noch vieles mehr, was ich eigentlich so nicht gewollt habe. Aber war es wirklich so falsch was ich getan habe und was ich vielleicht auch nicht getan habe? Was ist wirklich gut und was ist wirklich böse? Ich denke, daß das letztlich nur eine Ansichtssachte ist. Was für den einen gut ist, muss für den anderen noch lange nicht gut sein. Es macht aus meiner Sicht daher wenig Sinn sich darüber Gedanken zu machen. Entscheidender ist für mich eher, ob ich überhaupt versucht habe, das aus meiner Sicht Richtige zu tun.... und das.... denke ich, habe ich stets versucht. So gesehen könnte ich dann vielleicht sogar mit meinem Leben zufrieden sein und mein drohendes Ende hier auf dieser Welt etwas gelassener begegnen. Naja, und vielleicht lag der Sinn in meinem Leben ja auch einfach nur darin, Mallen und Jake durch mein Blut zu retten. Wer weiß, was das Leben mit den beiden noch vor hat.

 

Mir fehlte jetzt aber die Kraft noch weiter über den Sinn des Lebens und solche Dinge nachzudenken und ich habe große Mühe meine Augenlider noch offen zu halten. Ich schaue mich daher ein letztes Mal um. Ich sehe Jake und Jake sieht mich ebenfalls an. Er lebt und er sieht sogar etwas besser aus als gestern. Er hebt nun schwach seine Hand und winkt mir... zum Abschied?..... zu.

 

Als letztes sehe ich Mallen.

Sie schaut mich lächelnd und mit Tränen in den Augen an.

Ich staune wieder, wie schön sie ist.

Sie beugt sich jetzt langsam über mich und gibt mir einen letzten Kuss.

Ihr Kuss war warm... weich.. und tröstlich.

Es war das Letzte, was ich im Leben noch spürte.

Ich schloss meine Augenlider.

Dann war nichts mehr.

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachwort / Warum ich eine Geschichte schrieb!

 

Die Gründe eine Geschichte zu schreiben sind sicherlich verschieden. Die einen möchten dem Leser etwas mitteilen, die anderen den Leser damit unterhalten, andere wiederum suchen vielleicht Bestätigung in ihren Werken, etc. Neben diesen Gründen eine Geschichte zu schreiben, war mein Grund sicherlich auch eine Art Selbsthilfe.

 

Ich hatte nie Selbstvertrauen in mein Schreiben gehabt. Meine Aufsätze in der Schule waren kläglich, immer mehr schlecht als recht. Sätze zu bilden fiel mir immer schwer und ich haderte oftmals lange über dem was und wie ich etwas schrieb. Mit einem Satz: Punkt, Komma, Strich das liegt mir einfach nicht. Von daher mied ich das Schreiben gerne. Obwohl das Wort "gerne" nicht richtig ist. Denn ich wollte ja gerne schreiben, konnte oder besser, meinte es nicht zu können.

 

Das fehlende Selbstvertrauen hatte ich nicht nur im Schreiben, sondern auch im Sprechen. Und wenn man ungern spricht und schreibt, dann fühlt man sich irgendwann wie ein vollgestopfter Schwachkopf, der mit dem ständigen Input, Input, Input... den er bekommt, irgendwann nichts mehr anfangen kann. Ich hatte das Gefühl innerlich irgendwie zu verstopfen oder anders gesagt zu verkümmern und das deprimierte mich.

 

Ich habe mir mein Problem dann irgendwann bewusst gemacht. Was mir fehlte war klar. Mir fehlte Selbstvertrauen mich zu äußern. Wie kann man also, in dem, was man vermeintlich nicht glaubt zu können, an Selbstvertrauen gewinnen? In dem man sich seinen Ängsten logischerweise stellt und einfach macht, was man meint nicht zu können. Ich entschied mich daher einfach erstmal eine Geschichte zu schreiben. Da mein Handy immer schnell zur Hand ist, entschied ich mich eine Geschichte auf meinem Handy zu schreiben. Der Anfang war, wie ich auch erwartet hatte, frustrierend und ziemlich behäbig.

 

Das Tippen mit dem Handy war an sich schon eine Herausforderung und dann auch noch eine Geschichte damit zu schreiben, wo ich mir fast bei jedem Satz gesagt habe, dass wird doch nichts. Aber ich blieb hartnäckig und wollte endlich einmal eine Geschichte bis zum Ende schreiben. Auch wenn ich noch gar keine Ahnung hatte wie die Geschichte überhaupt enden sollte. Entscheidend, denke ich, war für mein Durchhalten, dass es mir irgendwann egal war wie ich die Geschichte schrieb, ob schrottig oder nicht. Die Hauptsache war für mich, dass ich überhaupt was schrieb und dass ich mit der Geschichte vorankam.

 

Im Laufe der Zeit merkte ich, dass ich langsam Gefallen daran fand an dieser Geschichte zu schreiben. Obwohl mir natürlich bewusst ist, dass ich niemals ein guter Schreiber sein werde. Dafür habe ich einfach gesagt auch zu wenig Talent und mir fehlt einfach auch die langjährige Erfahrung mit Worten gut umzugehen. Aber mir machte es langsam immer mehr Spaß die Geschichte weiter zu schreiben. Frustmomente und Schreibblockaden gab es dennoch immer wieder. Es gab immer wieder Momente, wo ich meinte an meine Grenzen zu kommen. Der Grund war aber immer der Gleiche und zwar die Angst, die Geschichte die ich für mich dann doch langsam liebgewonnen hatte, zu vermasseln. Ich musste mir jedes Mal sagen, dass ich die Geschichte nur dann vermasseln konnte, wenn ich sie nicht zu Ende schrieb und das es nicht mein Ziel war etwas Tolles zu schreiben, sondern nur eine eigene Geschichte zu schreiben und das ohne meinen eigenen Anspruch zu erfüllen. Mein größtes Hindernis, so musste ich immer feststellen, war letztlich immer mein eigener Anspruch gewesen.

 

Erst als ich mir wieder bewusst gemacht hatte, dass ich nur für mich schreiben wollte, ohne jeden Anspruch, war es mir möglich weiter zu schreiben und letztendlich diese Geschichte überhaupt zu Ende zu bringen. Als ich letzten Endes meine Geschichte tatsächlich fertig geschrieben hatte, mit all diesen Rechtschreibfehlen, schiefen Sätzen und logischen Ungereimtheiten, stellte ich fest, dass mir die Geschichte trotzdem gefiel. Ich entwickelte nun den Ehrgeiz meine Geschichte noch zu verbessern, in dem ich die Fehler - so gut es ging - berichtigte und logische Ungereimtheiten so gut es ging umgeschrieben habe. Mit dem Ergebnis, dass ich nun sogar stolz auf meine selbstgeschriebene Geschichte bin.

 

Ich hoffe, dass Euch meine Geschichte zu mindestens etwas unterhalten hat und vielleicht Euch sogar inspiriert mal selbst eine Geschichte zu schreiben.

 

Mein Ratschlag, wenn ihr schreibt, dann lasst Euch nicht, wie bei mir es oft der Fall war, das Schreiben durch einen überhöhten Anspruch, den man an sich hat, zu vermiesen. Verbessern kann man danach immer noch..

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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