Angie Pfeiffer

@Mail Verkehr

Mitte September:

 

Ein trüber Sonntagabend:
Ich saß allein in meinem Zimmer und wusste nichts mit mir anzufangen. Das Lesefutter war mir ausgegangen und im Fernseher lief wieder einmal nur Schrott. Im Nebenraum rumorten meine Töchter. Die beiden hatten sich schon am Nachmittag in Steffis Zimmer eingeigelt und probten für ihre neu gegründete Mädchenband. Stefanie, die Ältere, hatte es sich in den Kopf gesetzt, ein neuer Stern an Deutschlands Pophimmel zu werden und begeisterte ihre Schwester Andrea mit dem Versprechen auf unbegrenzte Ausgehzeiten und Treffen mit allen Größen des Showbiz. Nun, darüber würden wir diskutieren, wenn die Zeit reif war. Nachdem ich die angehenden Stars einige Mal zur Ordnung gerufen hatte, war die Lautstärke auf ein erstaunliches Minimum zurückgeschraubt worden.
Gelangweilt nippte ich an meinem Rotweinglas, schaltete den Computer ein und surfte planlos durch die weiten Welten des Internets. Eigentlich hatte ich in diesem Literaturforum ein paar Geschichten lesen wollen, war aber letztendlich auf der Pinnwand gelandet und stieß auf einen interessanten Eintrag.

„If you like Pina Colada's,
And getting caught in the rain,
If you’re not into yoga,
If you have half a brain,
If you like making love at midnight,
In the dunes on the cape,
Then I'm the love that you've looked for,
Write to me and escape.“*

Hallo Du!
Magst Du den „Pina Colada Song“?
Hier ist meine Version:
Stehst Du auf Pina Colada oder bevorzugst du Champagner? Bist Du den Alltagstrott leid? Möchtest Du ein Abenteuer erleben? Träumst Du davon um Mitternacht an einem verschwiegenen Strand Liebe zu machen, Dich fallen zu lassen? Möchtest Du jemanden kennenlernen, mit dem Du ernsthafte Gespräche führen oder einen Riesenblödsinn machen kannst?
Dann bin ich der Richtige!
Was lässt Dich zögern - trau dich! Lass uns unser eigenes Abenteuer erleben!
Noch etwas: Ich bin unter Garantie nicht Dein Ehemann!
 

Das hörte sich wirklich nett an und auch ein bisschen verwegen. Der Text machte mich neugierig. Wer mochte wohl dahinter stecken? Nachdenklich schüttete ich mir etwas Wein nach. Sollte ich es wirklich wagen? Warum eigentlich nicht, eine kurze Nachricht besagte noch gar nichts. Wahrscheinlich war die ganze Sache sowieso nur ein Joke und ich würde gar keine Antwort bekommen. So schrieb ich also spontan:
Hallo Unbekannter,
ich sitze hier bei einem Gläschen Rotwein und habe durch Zufall deinen netten Text gefunden. Ich mag den Pina Colada Song ganz gern (heißt er nicht eigentlich „Escape“?), allerdings muss ich zugeben, dass das Getränk so gar nicht mein Ding ist, es ist mir viel zu süß und zu klebrig. Doch Champagner liebe ich und ab und zu ein Glas Wein. Sowieso passen Champagner und ein einsamer Strand gut zusammen. Ich bin ganz gern allein, doch manchmal fände ich es schön, jemanden an meiner Seite zu haben. Jemanden, der unkompliziert ist, mit dem ich schmusen und kuscheln, lachen und weinen kann. Jemanden, den ich liebhaben, mit dem ich zanken und Blödsinn machen kann.

Hier ist mein Steckbrief:
Ich heiße Patricia doch meine Freunde sagen einfach Pattie.
Ich bin vorzeigbar, habe rote Haare und grüne Augen, bin aber nur ganz wenig hexig.
Meinst Du es, könnte zwischen uns funken?

Ach, noch etwas: Du bist unter Garantie nicht mein Ehemann, es gibt nämlich keinen!
***

Montag, 24. September

von: Tommy
an: Pattie

Cocktails am Strand

Hallo Pattie oder doch lieber Patricia?
Mal ehrlich, mir ist Champagner auch lieber. Aber ich dachte zu einem einsamen Strand gehört auch ein entsprechender Cocktail. Selbst Rupert Holmes hatte, als er das Lied einspielte, noch nie eine Pina Colada getrunken.
Das hier ist mein erster Versuch in Sachen Flirt, denn eigentlich bin ich ziemlich schüchtern. Doch ich habe mich einfach mal getraut den Text im Geschichtennetz einzustellen, allerdings hatte ich nicht viel Hoffnung eine Antwort zu bekommen, denn das Forum ist ja nicht unbedingt eine Partnerbörse. Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.
Viele liebe Grüße
von
Tommy
 

Dienstag, 25. September

von: Pattie
an: Tommy

???

Hi Tommy, danke für deine nette Mail. Du bist also ein bisschen schüchtern? Das gefällt mir, denn Baggertypen gibt es zur Genüge und die sind so was von ätzend! Was machst du, wenn du nicht gerade Champagner schlürfst, dich an einsamen Stränden herumtreibst, im Internet surfst und unschuldigen Mädchen schreibst?
fragt
Pattie
PS: Patricia sagen eigentlich nur meine Mutter, mein Lateinlehrer und unser Pastor.

 

 

von: Tommy
an: Pattie

Ich bin‘s, Tommy

Hallo Pattie...
...schon Clapton fand, dass Pattie einen Song wert ist! Deshalb, und weil ich ganz bestimmt kein Lateinlehrer oder Pfarrer bin, werde ich es mir verkneifen, jemals Patricia zu dir zu sagen, außer vielleicht in einem Notfall!
Kennst du die Story? Eric Clapton wartete auf seine Frau, die beiden wollten eine Party besuchen. Wie das bei euch Mädels so ist, hatte Pattie sich zum 5. Mal umgezogen, das wievielte Kleid anprobiert. In der Zwischenzeit klimperte er auf der Gitarre herum und herausgekommen ist „Wonderful Tonight“, ein Song, den Clapton in 20 Minuten fertig hatte und der letztendlich ein Millionenhit geworden ist. Überhaupt bin ich ein ausgesprochener Claptonfan. Magst du seine Musik?
Du möchtest wissen was ich mache, wenn ich nicht im Net bin? Das fragt sich mein Chef auch des Öfteren. Also, ich bin technischer Angestellter (oh, ha, ein Schreibtischtäter). Nebenbei interessiere ich mich für alle möglichen Sportarten: zumeist für den Motorsport (schöne Frauen, schnelle Autos) und ich liebe das Segeln und Skifahren und natürlich einsame Strände. Außerdem mag ich Musik: von den alten Stones und, wie bereits erwähnt Eric Clapton, bis zu aktuellen Hits. Was ich nicht mag, ist Techno. Wahrscheinlich bin ich dafür schon zu alt. Obwohl - das kann auch nicht sein, denn ab und an regt sich da doch noch was ...
Ich mag es auch zu kuscheln, zu lachen, Blödsinn zu machen. Dafür hassen mich einige Kollegen (wegen des Blödsinns, nicht wegen des Kuschelns, denn streicheln und knuddeln gehört nicht ins Büro glaube ich)!
Falls es dich interessiert: Haare habe ich noch, aber ob ich vorzeigbar bin, kann ich schlecht beurteilen. Was noch? Wie gesagt, ich bin im Baggern ungeübt. Vielleicht möchtest du noch etwas von mir wissen?
Ich wage mal einen kleinen, vorsichtigen Kuss.
Tommy


***


Einen Monat später:

Ein aufregender Dienstagnachmittag
Nervös schloss ich mein Auto ab und machte mich auf den Weg zum Treffpunkt. Ich hatte das Fahrzeug auf einem abseits gelegenen Parkplatz abgestellt, obwohl das Kino ein eigenes Parkhaus hatte. 'Wenn du ein paar Schritte läufst, dann wirst du bestimmt ruhiger’, dachte ich, aber das war überhaupt nicht so. 
Je näher ich dem Treffpunkt kam, umso aufgeregter wurde ich.
‚Was mache ich, wenn mich ein fetter, glatzköpfiger alter Mann erwartet, der mir das Foto seines jüngeren Bruders untergejubelt hat? Wenn ich den Typen dann nicht mehr los werde? Man hört genug über Verrückte, die im Internet herumspuken’, brachte ich mich in Rage.
Das Kino war bereits in Sichtweite, eigentlich musste ich nur noch die Straße überqueren. 
‚Das ist ja wieder typisch für dich, Patricia, verabredest dich mit einem Irren!’ Ein Horrorszenario spulte sich in meinem Kopf ab, sodass ich versucht war, einfach umzukehren und nach Hause zu fahren. Für einen Augenblick blieb ich mitten auf dem Bürgersteig stehen. Doch ehe ich es mir überlegen konnte, legte sich eine Hand auf meinen Arm. „Hallo, du musst Pattie sein. Es ist schön, dass wir es endlich geschafft haben, uns zu treffen.“
Ich schluckte trocken – und glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Tommy sah genau so aus, wie auf den Fotos, nur noch viel sympathischer. ‚Boh, das ist er’, dachte ich und fiel ihm um den Hals, teils aus Erleichterung, teils, weil das einfach so gehörte. Ein wenig verlegen nahm auch er mich in den Arm und drückte mich kurz an sich. „Ich bin ein bisschen nervös gewesen“, erklärte er. „Schließlich verabrede ich mich nicht jeden Tag mit jemandem, den ich über das Internet kennengelernt habe. Ich habe dich schon von der anderen Straßenseite gesehen, du bist mir sofort aufgefallen. Da bin ich dir kurzerhand entgegengegangen.“
Mit einem Mal war alle Aufregung verschwunden. Ich hakte mich bei Tommy ein. „Jetzt sollten wir einen Kaffee trinken und uns ein wenig näher kennenlernen, was meinst du?“

***


Dienstag, 16. Oktober

von: Pattie
an: Tommy

Gedanken

Hallo mein Tommy, hast du dir unser erstes Date so vorgestellt? Ich habe mir vorher ganz schön viele Gedanken gemacht, denn ich habe ja auch noch nie jemanden über das Internet kennengelernt, genauso wie du. Meine Töchter sind da wesentlich cooler. „Wenn er dir nicht gefällt, dann gehst du einfach weiter und guckst ihn gar nicht an“, hat Steffi mir geraten. Ihre Schwester meinte, dass ich mir wenigstens „ein kostenloses Abendessen reinziehen“ solle. Die große Kleine (175 cm, Schuhgröße Yeti) macht zurzeit einen auf abgebrüht und Jungen (du scheinst auch in die Kategorie zu fallen ;-)) sind uncool!
Gott sei Dank waren alle guten Ratschläge nicht erforderlich, denn beim Anstandskaffee konnten du und ich gleich über Gott und die Welt reden. Die Chemie hat offenbar von Anfang an gestimmt. Schon in dem kleinen Café hätte ich dir über den Tisch weg einen dicken Kuss aufdrücken können. Dazu ist es halt später gekommen, weshalb ich die Einladung zum Essen schlichtweg vergessen habe. Alles, was danach geschehen ist, war einfach nur wunderschön für mich und sehr aufregend. Das kleine Hotel, die unglaubliche Zärtlichkeit, die Vertrautheit, die sofort da war ... Weißt du, ich lasse mich bestimmt nicht mit dem Erstbesten ein, doch ich bin alt genug, um mich nicht zu zieren wie ein kleines Mädchen, wenn mir jemand so sehr gefällt.
Jetzt sitze ich mitten in der Nacht zu Hause vor der verflixten Maschine, warte auf eine Nachricht von dir und bin ziemlich unsicher...

 

von: Tommy
an: Pattie

re:

Hallo Pattie,

es tut mir leid, dass ich dir nicht sofort geschrieben habe. Bin ziemlich durcheinander. Auch ich habe in Vorfeld unserer Verabredungen die verschiedensten Szenerien durchgespielt, habe mit allem gerechnet – nur nicht mit dem, was geschehen ist! Ja, das war schon etwas ganz Besonderes, was da zwischen uns passiert ist und ich bin noch ganz überwältigt. Noch schöner ist, dass du es ganz genau so empfunden hast. Ich freue mich auf ein Wiedersehen, denn wir sehen uns doch wieder, nicht wahr!
CU
Tommy
PS: Ich bin doch genauso unsicher wie du

 

von: Pattie
an: Tommy

hmmm

Ich kann gar nicht schlafen, es geht mir so viel durch den Kopf. Wie schön, dass du mir doch noch geantwortet hast. Es ist toll gewesen mit uns, gell. Und ganz besonders. So, jetzt geht es mir besser und ich werde langsam müde. Morgen ist ein langer Tag für mich. Ich nehme dich ganz lieb in den Arm und gebe dir ein sehr braves Küsschen.
Die unbraven werde ich mir für unser Wiedersehen aufheben.
Pattie
 

von: Tommy
an: Pattie

gute Nacht

Schlaf gut, meine Kleine, ich rufe dich morgen gleich an! Freue mich auf ein Wiedersehen und deine unbraven Küsse!
Tommy

* Gemeint ist der Song 'Escape' von Rupert Holmes (Album 'Partners if Crime', veröffentlicht 1979)


 

Dies ist eine Leseprobe aus meinem Roman '@Mail Verkehr'.
 

@Mailverkehr

Sonntagabend: Pattie, alleinerziehende Mutter von zwei Teenagern, langweilt sich schrecklich. So zappt sie durchs Internet und gerät durch Zufall an einen interessanten Eintrag: „Do you like Pina Colada“, schreibt Tommy. Nun ja, der Drink ist ihr herzlich egal, doch Tommy klingt einfach nett und so antwortet Pattie ihm. Es entwickelt sich ein reger E Mail Verkehr.
Wieder einmal schildert Angie Pfeiffer mit herzerfrischendem Humor eine Geschichte aus der virtuellen Welt.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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