Monika Litschko

In Liebe, Mama

Marina parkte ihren roten Polo direkt vor dem Pflegeheim, in dem sie schon seit fünfundzwanzig Jahren arbeitete, und betrachtete sich noch kurz im Spiegel. „Ich sage dir was Marina Stolz, mit deinen sechsundfünfzig Jahren könntest du glatt schon hier einziehen. Du siehst müde und erschöpft aus. Außerdem bekommst du deine ersten Krähenfüße.“ Sie wuselte mit beiden Händen durch ihre blonde Kurzhaarfrisur, die in ihrem Job am praktischten war und stieg aus dem Auto. Es war noch ziemlich dunkel und die magere Weihnachtsbeleuchtung, die an künstlichen Tannen befestigt war, erhellte den Eingangsbereich. „Puh, und jetzt schalte dein Herz ab. Es ist immer so. Jedes Jahr und im nächsten wird es auch so sein. Es wird immer so sein. Sie werden warten und warten.“

Als Marina die geräumige Eingangshalle betrat, hoben acht alte Menschen kurz die Köpfe und sahen sie hoffnungsvoll an. Als sie sie erkannten, schauten sie wieder zu Boden, damit Marina den erlöschenden Hoffnungsfunken nicht sehen konnte, der an diesem besonderen Tag, für einen kurzen Moment in ihren Augen aufleuchtete, wenn jemand die Halle betrat. Die älteren Herren trugen ihre besten Anzüge und die älteren Damen ihre besten Kleider oder Kostüme. Das Schlimmste aber war, dass sie alle dicke Wintermäntel trugen. Festes Schuhwerk, Schals und Handschuhe. Die Damen stützten sich auf Handtaschen, die auf ihren Schößen lagen und ein Teil der Männer auf ihre Gehstöcke. „Guten Morgen, alle zusammen!“, rief sie betont fröhlich und ging schnell an ihnen vorbei, denn sie wusste, dass ein großer Teil von ihnen noch abends dort sitzen würde. Woher nahmen sie nur die Kraft, zu glauben, dass es dieses Jahr anders sein würde? Dass Söhne oder Töchter kommen würden, um sie Heim zu holen, damit sie das Weihanchtsfest mit ihnen verbringen konnten? Heute, am Heiligen Abend. Marina spürte einen schmerzhaften Stich in der Magengegend und schluckte die aufsteigenden Tränen herunter. „Ich sollte froh sein, dass ich geschieden bin und keine Kinder habe“, murmelte sie. „So werde ich später nichts vermissen.“
„Doch das wirst du, Kindchen!“ Trude Menke hatte sich mit ihrem Rollator neben Marina geschoben. „Guten Morgen, Trudchen!“, sagte Marina erschrocken. „Ich habe dich gar nicht gesehen! Was meinst du?“
„Ich meine, du wirst etwas vermissen. In deinem Fall werden es Erinnerungen sein.“ Trudes Blick schweifte ab. „Können Sie mir sagen, wo der Speisesaal ist?“
Marina legte ihre Hand auf Trudchens Schulter, bugsierte sie sanft in Richtung Speisesaaal und brachte sie an ihren Platz. „Wir sehen uns später“, sagte sie liebevoll. „Jetzt solltest du erst mal Frühstücken.“ Die alte Dame hielt ihre Hand fest. „Ich habe wieder alles vergessen, stimmt es? Ich dachte, ich wäre dir heute schon mal begegnet.“
Marina nickte. „Ja, das hast du. Wenn es dich beruhigt, wir sind uns vorhin schon begegnet und du hast gesagt, mir würden später die Erinnerngen fehlen.“ Trudchen überlegte, doch sie konnte sich nicht erinnern. „Wenn es mir wieder einfällt, dann sage ich dir, was ich meinte. Oder möchtest du den heutigen Abend mit mir verbringen? Ich habe ein schönes Zimmer und einen kleinen Weihnachtsbaum.“ Marina überlegte. „Warum eigentlich nicht. Mich erwartet niemand und morgen habe ich frei. Weißt du was? Ich gehe kurz in dein Zimmer und lege dir einen Zettel auf den Tisch. Hm, ich schreibe dir auf, dass ich heute Abend zu dir kommen werde. Wenn du es trotzdem vergisst, ist es auch nicht schlimm.“
Trudchen streichelte Marinas Hand. „Ich werde mich bemühen es nicht zu vergessen, das verspreche ich dir. Und nun möchte ich Frühstücken. Oder habe ich schon gefrühstückt?“
„Nein, das hast du nicht? Wir sehen heute Abend. Ich freue mich richtig.“

Trude Menke reagierte nicht mehr und Marina betrachtete die alte Frau, die mit ihren sechsundsiebzig Jahren eigentlich gar nicht so alt war. Ihr graumeliertes dauergewelltes Haar war ordentlich frisiert. Der Teint klar und eine Haut, die fast faltenfrei war, ließen sie wesentlich jünger erscheinen. In ihren wachen braunen Augen lag manchmal eine leichte Wehmut, die Marina berührte. Sie hatte sofort einen Draht zu dieser Frau gehabt und umgekehrt schien es auch so zu sein. Trude Menke, die einen Schlaganfall erlitten hatte und seit einem knappen Jahr an fortschreitender Demenz litt, wurde vor drei Jahren von ihrem Sohn hier einquatiert. Erst zur Kurzzeitpflege, dann für immer. An manchen Tagen redete sie viel von ihm und an anderen Tagen verleugnete sie ihn. Warum auch immer. Marina hatte Trudes Sohn nie kennengelernt. Geschweige denn, jemals gesehen. Aber in ihrem Job wunderte sie sich über nichts mehr. Es gab eben die liebevollen Angehörigen und die, die sich nicht kümmerten. So war das Leben und sie wünschte sich, dass das Alter mit gleicher Münze zurückzahlte. Seufzend drehte sie sich um und verließ den Speisesaal. Doch bevor sie mit ihrer Arbeit begann, ging sie kurz in Trudes Zimmer und legte ihr wie versprochen eine kurze Notiz auf den Tisch, der voll mit Weihnachtsleckereien war. Der kleine, fertig geschmückte Weihnachtsbaum am Fenster, die Engel auf dem Bücherregal und die selbstgebastelten Laternchen, in denen elektrische Teelichter versteckt waren, ließen auch in Marina leichte Weihnachtsgefühle aufsteigen.

Der restliche Tag verlief ruhig und auch irgendwie besinnlich. Die alten Leute im Eingangsbreich verharrten Stunde um Stunde auf ihren Plätzen und begnügten sich mit einem Snack, den man ihnen anbot. Manchmal versuchte eine Pflegerin sie zu bewegen an der Weihnachtsfeier teilzunehmen, die im großen Gemeinschaftssaal stattfand. Aber immer vergebens. Zwei sehr alte Damen verstarben in ihren Zimmern und einige blühten auf, wenn ein Familienangehöriger sie für einen Tag nach Hause holte.

Heilig Abend arbeitete Marina immer länger, damit Kolleginnen die Familien hatten früher bei ihren Liebsten sein konnten. Es beflügelte sie, dass auch sie heute nicht alleine sein würde. Die Schachtel Pralinen, die sie für Trude gekauft hatte, lag noch im Auto. So kam sie nicht mit leeren Händen.

Nach Dienstschluss ging sie in die Küche und redete mit dem Koch, der Gott sei Dank noch da war, und bat ihn um ein paar leckere Sachen. „An Trudchen hast du dein Herz verloren, das merkt man“, sagte er lächelnd. „Sie ist eine sehr nette alte Dame, das muss ich sagen. Kartoffelsalat und kalte Pute?“
„Sehr gerne, Frank. Sag mal, hast du noch von dem Schokopudding?“
Frank ging in den Kühlraum und kam mit zwei Tuppertöpfchen zurück. „Für die Ladys nur das Beste. Und nun wünsche ich dir einen schönen Abend. Lasst es euch schmecken. Ich werde jetzt auch verschwinden, denn zuhause wartet eine schöne Frau auf mich. Frohe Weihnachten, Marina!“
„Frohe Weihnachten, Frank!“ Sie bedankte sich noch für das leckere Weihnachtsessen und holte schnell die Schachtel Pralinen aus dem Auto.

Marina war gespannt, ob sie Trude antreffen würde. Es konnte durchaus sein, dass sie mit ihrem Rollator unterwegs war und Marina vergessen hatte. Zögernd klopfte sie an Trudes Tür. „Trude!“
Marina hörte schlurfende Schritte und war erleichtert, als diese öffnete. „Du hättest auch so eintreten können, Kindchen“, sagte diese kopfschüttelnd. „Kommst doch sonst auch immer hier rein gestürmt.“
„Aber heute ist Weihnachten und du hast mich eingeladen. Da sollte man schon anklopfen, denn schließlich bin ich heute dein Gast.“
Trude lächelte, als Marina eintrat. „Ich habe dich nicht vergessen“, sagte stolz. „Bin in meinem Zimmer geblieben und habe den Zettel nicht aus der Hand gelegt.“
Marina war gerührt, als sie sah, wieviel Mühe sich die alte Dame gemacht hatte. Elektrische Teelichter waren überall verteilt. Der kleine Weihnachtsbaum, der am Fenster stand, leuchtete und der Tisch war festlich gedeckt. „Gefällt es dir?“, fragte Trude aufgeregt.
„Das ist sehr weihnachtlich“, stotterte Marina. „Ich schmücke bei mir zu Hause nie. Es lohnt ja nicht. Ich habe auch eine winzige Kleinigkeit für dich. Es ist nichts besonders, aber es kommt von Herzen.“ Sie überreichte Trude die Pralinen und schämte sich, dass sie nicht wenigstens ein Topfblümchen dazu geholt hatte.
Trudes Augen glänzten, als sie die Pralinen an sich nahm. „Ich habe auch etwas für dich. Schau, es liegt neben deiner Kaffeetasse. Bitte packe es aus.“
Marina setzte sich in den bequemen Sessel und griff nach dem kleinen Päckchen. Der Inhalt fühlte sich weich an und das Geschenkpapier sah aus, als hätte es schon einen anderen Zweck erfüllt. Aber das störte sie nicht. Trude wurde unruhig. „Bitte bitte packe es aus!“ Marina entfernte das rote Papier und faltete dessen Inhalt auseinander. „Eine Mitteldecke, wie schön! Hui, und gleich für Ostern!“
Trude sah sie stolz an. „Habe ich selber bestickt. Gefällt sie dir?“
Marina stand auf und nahm Trude in den Arm. „Das ist eine sehr schöne Decke und ich werde sie immer in Ehren halten. Danke!“ Als sie sah, dass Trude feuchte Augen bekam, griff sie nach dem kleinen Korb, den sie gepackt hatte, und stellte alles auf den Tisch. „Sieh mal, unser Weihanchtsessen.“
Trude zeigte auf zwei Weihnachtsservietten, die auf einem Teller lagen. „Ich habe die Reste der Pute eingepackt. Wenn ich gewusst hätte, dass du unser Weihnachstessen mitbringst, dann hätte ich Erna Müller die Reste gegeben. Weißt du, sie hat immer so einen Hunger. Kannst du dir vorstellen, dass sie schon mitten in der Nacht bei mir war und nach Schokolade gefragt hat? Da habe ich ihr ordentlich die Meinung gesagt.“
„Ich bringe sie ihr später, die Reste“, versprach Marina und packte die Servietten beiseite. Natürlich würde sie Erna Müller nicht die Reste bringen, aber das musste Trude ja nicht wissen.“

Marina und Trude tranken Kaffee, aßen von der leckeren Pute und dem köstlichen Kartoffelsalat. Trude hatte eine Schallplatte aufgelegt und die alten Weihnachtslieder sorgten für eine wohlige Stimmung.

„Es ist fast wie früher“, sagte Trude und wischte sich eine Träne fort. „Früher, als Jochen noch ein kleiner Junge war. Da aßen wir auch Pute. Nein, wir aßen Würstchen und Kartoffelsalat. Pute gab es erst am ersten Weihnachtstag. Aber wir hörten dabei Weihnachtslieder und wenn wir fertig waren mit essen, haben wir mitgesungen. Er war immer so aufgeregt, wenn ich aufstand, um nachzugucken, ob das Christkind schon die Geschenke unter den Baum gelegt hat. Das ist lange her.“
Marina ergriff die Gunst der Stunde und fragte sie nach ihrem Leben, ihrem Mann und ihrem Sohn.
„Ich werde es dir erzählen“, sagte Trude, „aber erst musst du mir von deinem Leben erzählen.“ Marina schluckte, aber sie wollte fair sein. Und warum sollte sie es ihr nicht erzählen. Sie würde es sowieso vergessen.

„Ich hatte kein aufregendes Leben. 1957 wurde ich in einer westfälischen Kleinstadt geboren. Ging dort zur Schule und machte später eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Mein Vater starb, als ich dreizehn war und meine Mutter folgte ihm vor zwei Jahren. 1975 heiratete ich und wurde 1999 geschieden. Dass mein damaliger Mann mich einmal gegen eine viel Jüngere austauschen würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Für mich war alles so perfekt. Noch perfekter wäre es gewesen, wenn wir Kinder gehabt hätten. Aber das wollte Bernd nicht. Nun ist er Vater von drei Kindern. Kinder, die er mit mir nicht wollte. Ich fühlte mich schlecht und minderwertig. Es hat lange gedauert, bis ich mich davon erholt hatte. Seit dem bin ich jedem Mann aus dem Weg gegangen. So weh sollte mir niemand mehr tun.“

Trude seufzte. „Jetzt fällt es mir wieder ein. Das sind deine fehlenden Erinnerungen. Du hättest dich wieder öffen müssen für Neues. Stattdessen hast du dich vergraben.“
„Die Arbeit ist mein Leben“, antwortete Marina. „Weißt du, so schlecht, lebe ich gar nicht. Ich habe ein paar Freundinnen, mit denen ich ab und zu etwas unternehme. Gehe ins Kino, ins Theater oder in die Oper. Nur damals, da hätte ich gerne eine große komplette Familie gehabt. Jetzt habe ich, was ich habe und bin zufrieden. Es sind die gestohlenen Erinnerungen, die mir fehlen. Und nun bist du dran.“

Trude seufzte und griff nach ihrer Kaffeetasse, die schon lange leer war. Aber das schien sie nicht zu bemerken. Sie schloss die Augen, lehnte sich zurück und sagte kein Wort. Marina kannte das und verhielt sich ganz still. Zur Not konnte sie Trude ins Bett bringen und nach Hause fahren.

„Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind, auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind“, sang Trude plötzlich und öffnete die Augen. „Ich verlor meinen Mann, als Jochen drei Monate alt war. Das war grausam, denn ich habe ihn sehr geliebt. Und von heute auf morgen war ich alleine mit einem Baby. Mit einer Witwenrente, die aufgrund seines Alters als er verstarb, sehr gering war. Also so gut wie gar nichts. Ich suchte ich mir eine Arbeit und gab Jochen tagsüber zu meinen Eltern. Nachmitags holte ich ihn wieder ab und verbrachte den Rest des Tages, nur mit ihm. Wenn er schlief, erledigte ich meine Hausarbeit. So ging das dann einige Jahre so. Als Jochen im vierten Schuljahr war, starb meine Mutter an einem Herzinfarkt und Jochen wurde zu einem Schlüsselkind. Das hat er aber nie so gesehen. Weißt du, ich wollte anders ein. Nicht so wie meine Eltern, die immer sehr streng zu uns Kindern waren. Sie engten uns ein und sie schlugen auch gelegentlich zu. Jochen hatte Freiheiten und er dankte es mir, in dem er mir keinen Ärger bereitete. Wir verbrachten viel Zeit miteinander. Na ja, bis zu einem gewissen Alter. Du weißt schon, Mädchen und Freunde. Aber das war in Ordnung für mich. So war das Leben und so sollte es auch sein. Er hatte einen guten Schulabschluss, studierte später Jura und zog irgendwann in ein kleines Apartment. Du glaubst nicht, wie stolz ich auf ihn war. Wir verbrachten zwar nicht mehr viel Zeit miteinander, aber wir blieben in Kontakt. Telefonierten zusammen, besuchten uns oder verbrachten hin und wieder einen Sonntag zusammen. Als er sein Studium beendet hatte, fing er bei einem renomierten Rechtsanwalt an.“ Trude angelte sich einen Dominostein und betrachtete ihn von allen Seiten. „Wenn ein ganzes Leben, in so ein kleines Päckchen passte, hätten wir viel weniger Last zu tragen. Aber wir alle tragen riesige Pakete mit uns herum. In jedem ist ein neuer Lebensabschnitt. Manches Paket würde man gerne öffnen und sich an dessen Inhalt erfreuen und andere möchte man gar nicht mit sich herumtragen.“

Marina hatte schweigend zugehört und der Vergleich mit den Päckchen fand sie irgendwie gut. „Ja, da hast du recht“, sagte sie nachdenklich. „Wenn man nur alle negative Erfahrungen über Bord schmeißen könnte. Trude? Trudilein? Du solltest den Dominostein wieder aus deiner Rocktasche nehmen. Das gibt Flecken.“
Trude blickte sie geistesabwesend an. „Habe ich das getan? Oh mein Gott!“ Zerknischt und mit spitzen Fingern, puhlte sie den zermatschten Dominostein aus ihrer Tasche. Marina reichte ihr eine Serviette, damit sie ihre Finger säubern konnte.
„Halb so wild. Ich bringe den Rock nächste Woche zum Reinigen“, sagte sie tröstend. „Er war sowieso fällig. Erzähl mir doch weiter von deinem Sohn.“

„Da gibt es nichts zu sagen“, sagte Trude boshaft. „Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Seine Frau kenne ich nicht.“ Marina wusste, dass Trude an ihrem emotionalen Ausbruch keine Schuld traf. „Ist schon gut, du musst nicht von ihm sprechen. Wir sollten noch etwas Pudding essen. Guck mal, gesponsert vom Koch.“ Sie öffnete ein Döschen und schob es über den Tisch. „Probier mal.“ Trude griff nach einem Löffel und stocherte in ihrem Pudding herum. „Er hat mich einfach vergessen“, sagte sie leise. „Nach meinem Schlaganfall hat er mich zu sich geholt. Er hatte mir ein kleines Zimmer hergerichtet. Ich sollte ja auch nicht für immer bleiben. Nur solange, bis ich mich wieder alleine versorgen konnte. Aber es ging so langsam voran mit den Fortschritten und meine Schwiegertochter verlor die Geduld mit mir. Ich hörte sie oft streiten, und da ich das nicht wollte, bat ich Jochen, mich für eine gewisse Zeit woanders unterzubringen. Jetzt wohne ich in diesem Hotel und das schon sehr lange. Ich würde ihm gerne mal einen Brief schreiben, aber mit meiner Hand klappt das nicht so gut. Ich wollte schreiben und den Brief aufheben, damit er ihn später einmal findet.“

Marina, die ihre aufsteigenden Tränen wieder mal herunterschluckte, sagte mit rauher Stimme „Ich werde das für dich tun. Du sagst mir einfach was ich schreiben soll.“ Trude strahlte und ging auf Marinas Angebot ein. Dort drüben in der Schublade findest du Block und Kuli. Aber du must den Brief gut weg tun. Irgendwann wird er ihn schon finden.“
So, ich wäre bereit“, sagte Marina und sah Trude erwartungsvoll an. „Sollen wir?“ Trude Menke nickte und lehnte sich zurück.

 

Lieber Jochen

Nun bin ich schon sehr lange in dem Hotel, welches du für mich ausgesucht hast. Es gefällt mir sogar, denn alle, die hier wohnen, sind nett und aufmerkasam . Aber du fehlst mir so sehr. Ich würde alles dafür geben, könnte ich noch einmal in deine lieben Augen schauen. Jochen, was habe ich nur falsch gemach? Ich glaube nicht, dass du mich vergessen hast. Aber so ist es einfacher für dich. Ich denke oft an die Zeit, als du noch ein kleiner Junge warst. An unsere Spielstunden und Ausflüge. Was haben wir für einen Spaß gehabt. Weißt du noch? Oder deine erste Party? Ich bin für eine Nacht zu meiner Freundin gegangen. Als ich wieder kam, habe ich einen ganzen Tag nur sauber gemacht. Zum Dank hast du mir einen großen Strauß Blumen gekauft. Die Erinnerungen schmerzen und beglücken mich zugleich. Ich wäre außer mir vor Glück, wenn du noch einmal zu mir kommen würdest. Draußen läuten die Glocken, denn es ist Weihnachten. Wieder ein Weihnachtsfest ohne dich. Ohne Barbara und ohne meine Enkelinnen, die doch bestimmt schon ihr eignes Leben führen. Aber das alles sind nur Gedanken, von denen ich mir wünsche, dass sie Flügel bekommen und zu dir fliegen. Dich sanft berühren und dir mitteilen, dass du mein Leben bist. Mein Leben warst und immer sein wirst. Gefühle, die auch du empfindest, für deine Familie. Ich wünsche dir alles Glück der Welt und mache dir keine Vorwürfe. Niemals, das musst du mir versprechen.

In Liebe, Mama

 

Marina konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. „So sehr lieben Mütter? Und so selbstlos verzeihen sie?“ Trude nickte nur müde. „Sie können nicht anders. Ich glaube, jede Mutter hat den Wunsch, im nächsten Leben dasselbe Kind wieder auf die Welt zu bringen. Und nun stecke den Brief in einen Umschlag und lege ihn zu meinen Papieren.“

Das tat Marina natürlich nicht. Sie steckte ihn heimlich in ihre Handtasche und schrieb auf einen leeren Umschlag, Jochen Menke. Als Trude müde wurde, bedankte sie sich für den schönen Abend und suchte sich Trudes Kartei heraus. „Warum habe ich das noch nicht früher gemacht?“, fragte sie sich selber. „Jochen Menke, hier ist er ja. Das gibt es nicht, der wohnt nur zwei Straßen weiter. Also, das schlägt dem Fass den Boden aus. So ein undankbarer Mann. Na warte, den Brief bringe ich dir persöhnlich.“ Wütend fuhr sie zu der angegebenen Adresse.

Das Haus der Menkes war hell erleuchtet. Marina stieg aus dem Auto und schlenderte die Auffahrt hoch. Sie schellte und wartete. Nach einiger Zeit öffnete eine etwa fünfundzwanzigjährige junge Frau und schaute sie fragend an. „Mein Name ist Marina Stolz und ich würde gerne Herrn Menke sprechen“, sagte sie mit fester Stimme.
„Frank? Klar kommen sie herein. Warten Sie, ich hole ihn.“

Marina schaute sich um und kam nicht umhin, zu denken, dass die Menkes Geschmack hatten. Stilvolll und hell war die Einrchtung. Pastellfarben die Wände und die Bilder an den Wänden hatten bestimmt viel Geld gekostet. Die Wohnzimmertür öffnete sich und ein Mann mit grauem Haar und Brille kam auf sie zu. Er war schlank und musste so um die Fünzig sein.
„Sie wollen mich sprechen?“, fragte er und reichte ihr die Hand. „Geht es um meine Mutter?“ Marina war sprachlos. Jetzt hatte der Kerl ihr glatt alles vermasselt.
„Ja, es geht um Ihre Mutter. Also, ich bin Marina Stolz und arbeite in dem Pflegeheim, zwei Straßen weiter. Ich habe den Heiligen Abend mit Ihrer Mutter verbracht und sie hat mir einen Brief mitgegeben. Das heißt, eigentlich sollte ich den Brief zu ihren Unterlagen legen, damit Sie ihn später mal finden. Aber ich dachte, vielleicht sollten Sie ihn lesen, solange sie noch lebt.“ Marina öffnete ihre Handtasche und zog den Brief heraus. „Bitte!“
Jochen Menke nahm ihr den Brief ab und sah sie traurig an. „Sie hat den geschrieben?“
„Nein, das kann sie aufgrund ihres Schalganfalls nicht. Sie hat ihn mir diktiert. Seit einem Jahr leidet ihre Mutter an fortschreitender Demenz, aber heute hatte sie fast nur lichte Momente. Sie hat eine Kämpfernatur und das ist gut so. Ich sollte Sie jetzt alleine lassen. Lesen Sie, was sie ihnen zu sagen hat.“

"Warten Sie, ich möchte alles erklären", sagte Jochen und bat sie in die Küche. Marina zögerte kurz, aber dann folgte sie ihm.
Sie setzten sich an den Küchentisch und Jochen bat sie, einen Kaffee mit ihm zu trinken.
„Ich weiß alles über meine Mutter“, sagte er tonlos. „Wie es ihr geht und was sie macht, da ich einmal die Woche kurz vorbei schaue, und mit einer Pflegerin spreche. Und ich weiß auch, wie sich das jetzt anhört. Lassen Sie mich einfach reden. Als Mama vor drei Jahren den Schlaganfall hatte, wollte ich, dass sie zu uns kommt. Das war ich ihr schuldig, denn sie war immer für mich da gewesen. Hat hart gearbeitet und mir sogar mein Studium ermöglicht. Aber meine Frau war diesem Druck nicht gewachsen und ich saß zwischen zwei Stühlen. Sie drohte sogar, mich zu verlassen. Meine Töchter waren klein und ich wollte sie nicht verlieren. Ich bin spät Vater geworden, wissen Sie. Aber vor zwei Jahren hat sie mich dann doch verlassen, wegen einem anderen Mann.Meine Welt geriet aus den Fugen und ich stürzte ab. Ich trank, wurde depressiv und vernachlässigte sogar meinen Job. Bis ich Carla traf. Eine liebevolle Frau in meinem Alter. Sie richtete mich auf und gab mir mein Selbstwertgefühl zurück. Carla half mir zurück ins Leben und ich werde sie heiraten. Nicht aus Dankbarkeit, sondern aus Liebe. Nur von meiner Mutter habe ich ihr noch nichs erzählt. Aus Angst, wieder einen Menchen zu verlieren. Als ich hörte, dass Mama an Demenz erkrankt war, dachte ich, dass sie sowieso nicht mehr weiß, wer ich bin, und wollte sie in ihrer Welt lassen. Das war ein Fehler, wie ich ja vorhin hörte.“ Jochen Menke war sichtlich verzweifelt. „Ich denke täglich an meine Mutter, das können Sie mir glauben. Und ja, der Gedanke, dass ich einfach abgeschoben habe, schmerzt. Ich werde Carla heute von ihr erzählen, das verspreche ich Ihnen. Und morgen werde ich zu ihr gehen, das verspreche ich Ihnen auch.“

Marina griff nach seiner Hand. „Das alles sollten Sie machen. Und so wie Sie Carla beschrieben haben, wird sie Verständiss haben und Sie weiterhin unterstützen. So, nun muss ich aber los. Ich wünsche Ihnen viel Glück und ein frohes Weihnachtsfest.“
Jochen Menke bedankte sich für ihren Besuch und brachte Marina zur Tür. Dann setzte er sich wieder in die Küche und öffnete den Umschlag. Während er las, tauchten Bilder vor seinen Augen auf. Bilder, als er noch ein Junge war, dessen Welt, dank einer einzigen Person, immer in Ordnung gewesen war. Er versuchte erst gar nicht seine Tränen zu unterdrücken und so löste sich der eiserne Ring, der sich vor drei Jahren um sein Herz gelegt hatte.

Jochen Menke hielt sein Versprechen. Er redete mit Carla und sie holten Trude über die Weihnachtstage zu sich. Mutter und Sohn hatten sich viel zu erzählen, in ihren klaren Stunden. In weniger klaren, saß er einfach nur bei ihr und hörte ihr zu. Marina wusste, dass Trude den Brief schon länsgt vergessen hatte und als ihre Demenz noch weiter fortschritt, gab es auch die verlorenen drei Jahre in ihrem Bewusstsein nicht mehr. Bis es irgendwann gar nichts mehr gab.

Als Gertrude Elisabeth Menke ihre Augen für immer schloss, starb sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Frank saß an ihrem Bett und hielt noch ihre Hand, als sie schon längst den letzten großen Schritt getan hatte. Und an jedem wiederkehrenden heiligen Abend hat Marina das Gefühl, als würde Trude neben ihr stehen, so wie früher und Danke sagen.

Ende

©Monika Litschko


 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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