Angie Pfeiffer

Nur wer fällt, kann fliegen lernen

 

Forrest Gump:
Das Leben ist wie eine Schachtel
Pralinen - man weiß nie,
was man kriegt.

Zusatz von Tim Tulpenfeld:
Das Leben kann auch wie Graupensuppe sein.
Man muss es mögen, sonst ist’s schlecht.

Hallo, ich bin Tim. Also genau genommen ist Tim nicht mein richtiger Name. Eigentlich heiße ich Timotheus, Timotheus Tulpenfeld. Aber alle nennen mich Tim. Alle, bis auf meine Mutter. Sie hat den Namen Timotheus für mich ausgesucht, weil er bedeutungsvoll ist, sagt sie. Meine Mutter ist eine sehr fromme Frau, deshalb weiß sie eine Menge, jedenfalls was das kirchliche Zeug angeht. Sie hat mir erklärt, dass Timotheus ein Begleiter des heiligen Paulus war, selbst ein Heiliger und der Schutzpatron für Magenleidende. Hinzu kommt, dass Timotheus auch noch als Märtyrer gestorben ist. Wie er gefoltert wurde, das kann sie mir leider nicht sagen. Das ist schade, weil mich das mehr interessiert hätte als alles andere über den Typen.
Mein Vater hat als erster Tim zu mir gesagt. Er meint, dass Timotheus ein ziemlich bescheuerter Name ist und dass meine Mutter einen an der Waffel hat. Er traut sich das, denn er ist schon vor langer Zeit gegangen. Damit will ich nicht sagen, dass er sich nicht um mich kümmert oder so. Wir verstehen uns super und auch seine neue Frau, Ulrike, ist voll in Ordnung. Er ist eher vor meiner Mutter geflüchtet als vor der Verantwortung eine Familie zu haben. Mal ehrlich: ich kann ihn gut verstehen. Meine Eltern haben sich von Anfang an nicht so besonders vertragen, glaube ich. Keine Ahnung, warum sie geheiratet haben. Vielleicht, weil meine Mutter unbedingt ein Kind haben wollte. Allerdings hat sie dann mich bekommen. Das ist ein Problem für sie, weil sie nicht besonders einverstanden ist mit allem, was ich mache. Das war schon von Anfang an so, weil ich ihr immer nur Schwierigkeiten gemacht habe, sagt sie. Es ging schon mit meiner Geburt los. Ich habe ihr große Schmerzen bereitet. Zudem war ich zu lange im Geburtskanal. Das sagt jedenfalls meine Mutter. Aber sie betont immer, dass ich nicht behindert bin. Weil es in ihrer Familie noch nie einen Behinderten gegeben hat. Das hat mich wieder froh gemacht. Wer ist schon gern behindert.
Später bin ich dann nicht so besonders gut in der Schule gewesen. In der ersten Klasse hat die Lehrerin versucht, mich in die Sonderschule abzuschieben, aber das hat meine Mutter verhindert. So bin ich auf der ganz normalen Grund- und später der Hauptschule geblieben und habe mich durchgemogelt. Das Rechnen fällt mir nicht so leicht und das Lesen erst recht nicht. Ich kann mir alles viel besser merken, wenn jemand es mir erklärt. Dann behalte ich es bombensicher und kann es jederzeit abrufen. Das ist genau so wie mit Filmen, die mich interessieren. Irgendwie kann ich mich unheimlich gut an einzelne Szenen und Dialoge erinnern. Dazu muss ich einen Film nur einmal gesehen haben. Ich mag Sylvester Stallone und Bruce Willis, bei denen weiß man immer, wo man dran ist. Ich meine, sie kämpfen für das Gute und am Ende gewinnen sie immer.

***

Meine Mutter hatte seit ich denken kann im Wohnzimmer auf dem Sofa übernachtet. Dort lag sie meistens schon am späten Nachmittag und übte die uneingeschränkte Macht über die Fernbedienung aus. Es war immer schon sinnlos, meine Mutter irgendwie beeinflussen zu wollen. Deshalb schauten Papa und ich auch einfach die Sendungen an, die sie aussuchte. Oder wir beschäftigten uns anderweitig. Ich meistens in meinem Zimmer und Papa im Keller, wo er herumbastelte, bis es Schlafenszeit war. Dann ging mein Vater ins Schlafzimmer und schlief dort im Doppelbett. Als ich klein war, ist es mir ganz normal vorgekommen, dass meine Eltern nicht zusammen schliefen. Ich fand es ganz gut. Weil, wenn ich nachts einen Alptraum hatte, dann bin ich immer zu meinem Papa ins Bett gekrabbelt. Einfach aus praktischen Gründen. Dort war jede Menge Platz, wogegen es bei meiner Mutter im Wohnzimmer auf dem kleinen Sofa eng geworden wäre mit zwei Personen. Einmal, da war ich schon älter, bekam ich mitten in der Nacht Durst und ging in die Küche. Dabei kam ich am Wohnzimmer vorbei. Weil der Fernseher noch an war und die Tür nur angelehnt, blieb ich kurz stehen und schaute durch den Türspalt. ‚Vielleicht läuft ein interessanter Film, von dem ich ein Stück mitgucken kann’, dachte ich mir. Aber ich irrte mich, es gab nämlich gerade die Nachrichten. Dafür sah ich meinen Vater, der neben meiner Mutter auf dem Sofa saß. Eine Hand hatte er auf ihre Schulter gelegt. Dabei war wohl die Decke verrutscht, die sich meine Mutter aber schnell wieder bis zum Kinn hochzog, obwohl sie ein dickes Nachthemd anhatte. So ein Ding mit komischen Rüschen und Plüsch. Dabei schüttelte sie Papas Hand ab. So, als ob sie ihr lästig wäre.
„Aber Gisela, ich will doch nur zärtlich sein“, murmelte mein Vater.
Mutter zuckte zusammen. „Heiliger Jesus, Maria und Josef“, rief sie panisch aus.
„Ist schon gut, Gisela. Das sind mir entschieden zu viele Personen hier auf der Couch. Du und Jesus plus Maria und Josef und wahrscheinlich auch noch der Heilige Geist“, sagte er ganz freundlich, aber es hörte sich resigniert an. So, als hätte er es aufgegeben sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Ich lief schnell in die Küche, weil meine Eltern nicht merken sollten, dass ich gelauscht hatte. Papa kam auch in die Küche und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. „Na, mein Junge, auch umtriebig“, murmelte er. Ich wusste nicht so genau, was ich antworten sollte, deshalb trank ich einfach weiter von meinem Glas mit Wasser. Papa klopfte mir sacht auf die Schulter. „Was auch passiert, wir sind ein Team.“ Das klang irgendwie traurig.
Kurz danach zog er aus.
Inzwischen lebt er mit Ulrike zusammen, die er kurz nach der Scheidung meiner Eltern geheiratet hat. Sie ist schwer in Ordnung. Noch besser: sie ist überhaupt nicht fromm. Jedenfalls habe ich sie noch nie betend auf den Knien gesehen und in die Kirche geht sie auch nicht zweimal in der Woche. Ich glaube, sonst hätte Papa sie auch nicht geheiratet. Damals, als er ausgezogen ist, war das schon ganz schön komisch für mich. Er erklärte mir, dass er einfach nicht mehr mit meiner Mutter klar kommen könne und das keiner Schuld daran hätte. Am wenigsten ich. Und er fügte hinzu, dass er endlich leben wolle und nicht immer nur sparen, knausern und beten. Das war nachzuvollziehen. Immer hieß es bei meiner Mutter: „Zieh die Jeans aus und deine alte Jogginghose an, sonst verschleißt du die Sitzmöbel“ und „Um Gottes Willen, wir haben kein Geld, um weg zu fahren. Urlaub, das ist viel zu teuer“. Mal abgesehen von dem ewigen Beten. Wenn sie wenigstens allein in die Kirche gegangen wäre. Das hätte mich nicht gestört. Aber sie bestanden darauf, dass Papa und ich mitkamen. Papa machte das nach einer Weile einfach nicht mehr. Ich hatte weniger Glück. Wie ich schon sagte, ist es fast unmöglich meiner Mutter zu widersprechen. Heute gelingt es mir gut, aber damals hatte ich keine Chance gegen sie.
Unser Haus überschrieb Papa kurz vor seinem Auszug an meine Mutter. Er sagte mir, dass ich es später einmal bekommen sollte, als Erbe. Das freute mich, weil es mir ein Stück Sicherheit gab. Damals dachte ich, dass wenigstens das Haus bleiben würde, wenn unsere Familie schon auseinanderbrach. Leider irrte ich mich gründlich.
Es dauerte gar nicht lange, bis meine Mutter einen Freund hatte. Hansi war ein Doktor. Also jetzt kein Arzt. Was für eine Art von Doktor er war, das weiß ich bis heute nicht genau. Zudem war er der Chef meiner Mutter. Sie hatte schon immer eng mit ihm zusammengearbeitet, meinte sie. Dabei lächelte sie, was ihr Gesicht für einen Moment richtig weich und nett erscheinen ließ. Leider konnte er sich nicht scheiden lassen, weil seine Frau so geldgierig war und ihm das letzte Hemd ausgezogen hätte, klärte mich meine Mutter auf. Ich weiß wirklich nicht, weshalb sie mir solche Sachen erzählte. Es war mir völlig egal, ob er geschieden war oder nicht. So wie mir der Typ überhaupt egal war. Ich war heil froh, wenn ich ihn nicht sah. Ständig ließ er raushängen, dass er Doktor von irgendwas war. Nebenher erzählte er unwitzige Witze. Einzig meine Mutter lachte darüber, aber ihr blieb nichts anderes übrig, weil sie ja seine Freundin war. Vielleicht tat es ihr auch leid, wenn niemand sich über seine merkwürdigen Witze amüsiert. Jedenfalls zog meine Mutter aus. Zu Hansi. Natürlich wohnte sie nicht mit Hansis Frau zusammen, die hat ein eigenes Haus. Für meine Mutter und sich kaufte der Typ einen Riesenschuppen mit Sauna und Doppelgarage und so. Egal was er für eine Art von Doktor war, er verdiente auf jeden Fall ziemlich viel Geld damit.
Unser Haus wurde vermietet. Na ja, nicht ganz. Im Dachgeschoss gab es zwei Zimmer mit einer kleinen Küche. Hier wohnte meine Oma, bis sie gestorben ist.
„Timotheus, du bist jetzt fast achtzehn Jahre alt und musst auf eigenen Füßen stehen“, erklärte mir meine Mutter. „Weil dein Vater uns so gemein verlassen hat, muss ich mich neu orientieren. Schließlich will ich im Alter nicht allein dastehen. Deshalb ziehe ich zu Hansi. Du lebst ab sofort in Omas alter Wohnung. Schließlich muss jemand darauf achten, wie die Mieter mit unserem Haus umgehen. Wenn es Unregelmäßigkeiten gibt, musst du mir sofort Bescheid geben.“
Es passte mir überhaupt nicht, dass sie, so wie bei jeder Gelegenheit, schlecht über Papa redete, aber ich sagte nichts dazu, sonst hätte sie sich nur aufgeregt. So zog ich kommentarlos nach oben. Die Mieter waren ganz in Ordnung. Wir kümmerten uns nicht besonders umeinander. Ich hatte keine Ahnung, was meine Mutter mit Unregelmäßigkeiten meinte. Vielleicht, dass die Mieter die Mülltonnen nicht vor die Tür stellen würden? Damit hatte ich aber nichts zu tun, weil Mutter darauf bestand, dass ich meinen Müll zu ihr brachte, sonst hätte sie einen Anteil an den Müllgebühren bezahlen müssen. Überhaupt hatte ich keine Zeit, um mich um die Mieter zu kümmern, weil ich ziemlich viel lernen musste. Ich war nämlich zu dieser Zeit in der Ausbildung und die Gesellenprüfung rückte immer näher.

Meine Mutter hatte gemeint, dass ich Gas-und Wasserinstallateur lernen sollte, weil ich dann später gut Schwarzarbeit machen könnte, wie mein Opa das gemacht hat. Weil er nämlich auch Klempner war. Er hatte mich früher öfter mitgenommen, wenn er am Wochenende arbeitete. Dann sagte er hinterher immer: „Tim wird mal ein ganz prima Handwerker, genau wie ich es bin. Dem liegt das Klempnerwesen im Blut.“ Dabei saß ich bloß dabei, wenn Opa herumwühlte und fand das eigentlich ziemlich öde, blöd und schmutzig. Aber weil Opa so einen Spaß daran hatte, dass ich ihn begleite, ging ich halt mit.
Ganz früher war ich überhaupt meistens bei meinen Großeltern, weil Omi jeden Tag für meine Mutter und mich kochte und für Opa natürlich auch. Papa bekam kein Essen, weil es in seiner Firma eine Kantine gab. Das bestimmten Omi und Mutter so. Im Garten gab es jede Menge Apfelbäume. Die waren nicht nur gut zum Klettern. Im Herbst wurde tonnenweise Apfelmus eingekocht. Das bekam ich zu jedem Essen von meiner Oma, weil ich es so gern mochte und weil das Apfelmus bis zum nächsten Herbst reichte. Dann starb Opa und Omi zog zu uns. Eigentlich war das noch besser. Omi kochte immer noch mittags für meine Mutter und mich und machte jetzt zusätzlich auch noch bei uns sauber. Opa vermisste ich nicht sonderlich. Er hatte meistens in der Garage gesessen, geraucht und nicht geredet. Alles war super, aber dann fiel Omi einfach um und war tot. Herzinfarkt, sagte der Doc und dass man da nichts machen könnte. Meine Mutter fand sie in der Küche, da war sie schon länger tot.In der ersten Zeit nach der Beerdigung sprach meine Mutter überhaupt nicht. Das war in Ordnung und gut zu verstehen, wegen des Schocks. Aber dann drehte sie total durch und meckert Papa und mich noch öfter an als vorher.

Die Ausbildung zum Gas-und Wasserinstallateur musste ich jetzt erst recht machen, wegen Opa. „So führst du eine Tradition fort“, meinte meine Mutter. „Opa war mit Leib und Seele Klempner. Ich hätte viel lieber einen Beruf ergriffen, der mit Autos zu tun hat. Rennfahrer wäre toll gewesen. Natürlich wusste ich, dass das nicht machbar war. Aber Brummifahrer, das hätte mir damals auch Spaß gemacht oder wenigstens Autos reparieren.
„Timotheus! Du spinnst, wie immer“, giftete meine Mutter, als ich ihr das sagte. „Gas und Wasser, das ist ein guter Beruf. Da kannst du schwarz arbeiten und dir eine goldene Nase verdienen. Vielleicht kannst du sogar irgendwann eine eigene Firma aufmachen. Das hätte Opa gefallen.“ Damit war die Diskussion beendet. Meine Mutter bewarb mich bei meinem Ausbildungsbetrieb, als Gas - und Wasserinstallateur. Leider war die Ausbildung genauso öde, wie ich mir das vorgestellt hatte. Meine Aufgabe bestand darin, mit der Schneidkluppe die Gewinde auf den gebrauchten Reduzierstücken nachzuarbeiten. Tagein, tagaus und nichts anderes. Das lag daran, dass der Meister ein ziemlich mieser Typ war. Er ließ mich zuerst ein paar Mal andere Sachen machen und nahm mich auch mit zu den Baustellen. Wenn ich nicht gleich verstand, was er meinte, dann schrie er mich sofort mörderisch an. Dadurch wurde ich natürlich erst recht nervös und verstand überhaupt nichts mehr. Schließlich wollte ich nichts falsch machen, damit er mich nicht noch einmal anbrüllte. Das Ende vom Lied war, dass ich bis zum Ende meiner Ausbildung in einer Ecke der Werkstatt stand und Gewinde nacharbeitete. Aber eigentlich machte mir das nichts aus, weil es besser war, als sich vom Meister ständig anschreien und als Depp hinstellen zu lassen.

***
Einerseits war es schön, allein zu wohnen, weil einem keiner Vorschriften machte. Andererseits war es aber auch schwierig für mich, weil mir keiner sagte, was ich tun sollte. So hing ich am Abend und an den Wochenenden einfach ab. Oder ich zockte ‚Die Sims’ oder ‚Counter-Strike’.
Als ich dann den Führerschein gemacht hatte, fuhr ich zusätzlich mit meinem alten Golf herum, wenn das Geld fürs Benzin reichte. Bei einer dieser Fahrten stieß ich mit Linda zusammen. Der Tag war ziemlich mies für mich gelaufen. Der Meister hatte wieder einmal eine grottenschlechte Laune. Den ganzen Nachmittag hackte er auf mir herum. Am Abend bekam ich zu allem Überfluss auch noch Besuch von meiner Mutter. Sie hatte mein Konto gecheckt und festgestellt, dass ich mir Geld abgehoben hatte.
„Ich bringe dir regelmäßig Lebensmittel vorbei, damit es dir gut geht und nichts ausgeben musst und du plünderst hinter meinem Rücken das Konto?“, fuhr sie mich direkt beim Hereinkommen an. Einen Moment überlegte ich, ob ich ihr erzählen sollte, dass ich das Geld für eine Reparatur am Auto brauchte, verwarf diesen Gedanken aber. Sie würde sowieso herausfinden, dass der Golf gar nicht kaputt war. Also sagte ich ihr die Wahrheit: „Ich möchte mir unbedingt das Spiel ‚Die 24 Stunden von Le Mans’ kaufen.“
Sie musterte mich kühl. „Was soll das für ein Blödsinn sein? Hat dein Vater dir wieder irgendeine Spinnerei in den Kopf gesetzt?“
„Nein! Das ist ein Spiel für meine Play-Station. Es ist eine super coole Rennsimulation. Es ist sogar möglich, vierundzwanzig Stunden an einem Stück, also die Echtzeit zu fahren. Aber natürlich kann man das Spiel auch abbrechen und später fortsetzten ...“
„Eben, das sage ich doch, unnützer Blödsinn. Du wirst das Geld nicht dafür zum Fenster hinauswerfen“, unterbrach sie mich und steckte die Hand aus. „Her damit, ich zahle es wieder auf dem Konto ein.“
Das war das I-Tüpfelchen an diesem sowieso schon miesen Tag. Vor lauter Wut und Frust wurde mir ganz heiß. „Es ist mein Geld, von meinem Konto, auf das mein Arbeitgeber meinen Lohn überweist. Es ist genug Geld auf dem Konto. Ich werde mir das Spiel auf jeden Fall kaufen! Ganz egal was du sagst!“ Für einen Augenblick wurde mir schlecht, weil es das erste Mal war, dass ich meiner Mutter offen widersprach. Aber ich war so mies drauf, dass mir alles egal war. Meine Mutter musterte mich von oben bis unten. „Wenn ich nicht aufpasse, dann verprasst du das ganze Geld, das du verdienst“, sagte sie mit eiskalter Stimme. „Du bist genau wie dein Vater, der kann auch nicht mit Geld umgehen. Das wird seine neue Frau schon noch merken.“
„Verflixt, ich hab’ dir gesagt, du sollst Papa aus dem Spiel lassen. Er redet nie schlecht über dich, obwohl er allen Grund dazu hätte. Ich will nichts mehr über ihn hören! Und das Spiel kaufe ich mir doch. Basta und Ende.“ Kurzentschlossen ging ich ins Badezimmer, schloss mich dort ein, setzte mich auf die Toilettenbrille und wartete, was passieren würde. Zu meinem Erstaunen passierte gar nichts, außer, dass meine Mutter die Wohnungstür beim Hinausgehen unsanft ins Schloss warf. Vorsichtshalber wartete ich noch eine Weile, ehe ich aufschloss und um die Ecke lugte. Sie war tatsächlich weg. Und das, ohne mir das Geld abgenommen zu haben! Meine Mundwinkel zogen sich ganz von allein nach oben und mein Arm streckte sich mit geballter Faust in die Luft.
„Yeah!“
Ich hatte mich echt durchgesetzt. Doch bevor ich meinen Sieg richtig auskosten konnte, klingelte das Telefon. Ehe ich überhaupt etwas sagen konnte, pestete sie los: „Hier ist deine Mutter. Glaub nicht, dass ich mit dir fertig bin. Was fällt dir ein, mich einfach stehen zu lassen und dich einzuschließen wie ein kleines Kind! Aber von dir war nichts anderes zu erwarten. Weil du dich benimmst wie ein Sechsjähriger, werde ich dich so behandeln und dafür sorgen, dass du keinen Zugriff mehr auf das Konto hast! Wenn du in Zukunft Geld brauchst, dann kannst du mir Bescheid geben. Ich regle das dann.“ An dieser Stelle musste sie offenbar Luft holen. Sie schwieg für einen Atemzug, um noch einmal nachzutreten. „Ein kleiner Tipp am Rande: Falls du irgendwann eine Freundin suchst, dann achte besser darauf, dass sie genauso dumm und kindisch wie du ist, sonst kannst du sie nicht halten.“ Nach dieser fiesen Bemerkung legte sie auf.
Ich stand da, starrte den Hörer an. Bitterkeit machte sich in mir breit. Sie würde ihre Drohung wahr machen, das wusste ich ganz genau. In Zukunft würde sie mir das Geld noch mehr einteilen. Was richtig weh tat war ihre letzte Bemerkung. Sie wusste ganz genau, dass ich sehr gern eine Freundin gehabt hätte. Leider hatte ich bisher kein Glück mit meiner Suche gehabt. Immer wenn ich eine nette Frau gefunden hatte stellte sich heraus, dass sie schon vergeben oder nicht interessiert war. Es war eben nicht einfach mit den Frauen. Ist es übrigens immer noch nicht. Sie sind kompliziert und schwer zu verstehen.
Ich war ganz schön down und beschloss eine Runde zu fahren, um mich abzureagieren. Also schnappte ich mir die Autoschlüssel und fuhr planlos herum. Nach einer Weile ging es mir etwas besser weil mir einfiel, dass ich vielleicht mit Papa über die ganze Geschichte reden könnte. Also nicht über eine Freundin, sondern über die Kontosache. Vielleicht wusste er eine Lösung. Inzwischen war es dämmerig geworden. Ich beschloss auf dem schnellsten Weg nach Hause zu fahren und bog rechts ab in eine kleine Nebenstraße. Ehe ich es mich versah, gab es einen Bums an der Beifahrerseite. Erschrocken hielt ich an. Am Auto waren nur ein paar Schrammen und auch das Fahrrad, das in meine Beifahrertür gedonnert war sah nicht besonders kaputt aus. Das blonde Mädchen allerdings war aufs Knie gefallen und das blutete etwas. Aber wenigstens war das Mädchen schon aufgestanden.
„Sag mal, du Blödhammel, hast du keine Augen im Kopf?“, schrie es mich an.
Ich senkte beschämt den Blick, denn sie hatte ja Recht. Ich hatte das Fahrrad samt Fahrerin völlig übersehen. „Es tut mir schrecklich leid“, murmelte ich. „Ich habe dich tatsächlich nicht gesehen.“
„Na toll. Wenn was am Fahrrad ist, dann wirst du das bezahlen.“ Sie beugte sich hinunter und tupfte sich das Knie mit einem Tempotuch ab. Es blutete schon gar nicht mehr. „Was für ein Glück, dass ich aufgepasst habe. Wenn ich schneller gefahren wäre, dann wäre wer weiß was passiert“, stellte sie fest. Dabei klang sie schon nicht mehr ganz so giftig. Ich schaute mir das Fahrrad noch einmal an. „Ich glaube, dass dein Fahrrad in Ordnung ist. Falls nicht bezahle ich dir ganz klar die Reparatur. Gut, dass du einen Rock anhast und keine Hose, sonst wäre die bestimmt kaputt“, sagte ich immer noch zerknirscht, konnte aber nicht umhin zu registrieren, dass sie verflixt schöne Beine hatte, die in dem kurzen Rock gut zur Geltung kamen. Überhaupt war die Radfahrerin eine hübsche Person.
„Na klasse, lieber ein kaputtes Bein, als eine kaputte Hose. Das ist auch ne Logik“, konterte sie. „Okay, wie geht es jetzt weiter?“
Das wusste ich auch nicht so genau. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nämlich noch keinen Unfall gehabt. „Vielleicht ist es das Beste, wenn wir das Fahrrad sofort nachschauen“, überlegte ich laut. „Dann weiß du gleich Bescheid, ob was dran ist und ich auch. Ich wohne hier gleich in der Nähe. Sollen wir schnell zu mir fahren und das checken? Oder hast du was vor? Ich heiße übrigens Tim, Tim Tulpenfeld und wohne im Fasanenweg keine fünf Minuten von hier. Komisch, dass ich dich bisher noch nicht gesehen habe. Du wärst mir bestimmt aufgefallen.“
Sie sah mich zweifelnd an. „Ich bin Linda. Bin zu Besuch bei meiner Tante. Eigentlich wohne ich in Hannover. Ich hätte schon etwas Zeit ...“, sie stockte.
„Alles klar. In meiner Hauseinfahrt ist super Licht. Da sehen wir gleich, ob tatsächlich was am Fahrrad ist. Aber das glaube ich, wie gesagt, nicht. Du kannst mir echt trauen, ich gehöre zu den Guten“, grinste ich und lud das Fahrrad kurzentschlossen in den Kofferraum. Es passte nicht ganz, aber für die paar Meter würde das schon gehen.
„Okay.“ Linda setzte sich auf den Beifahrersitz. „Wahrscheinlich ist es tatsächlich besser, wenn wir gleich mal nachschauen.“
Bei mir zu Hause angekommen stellten wir fest, dass das Fahrrad den Crash ohne eine einzige Macke überstanden hatte, worüber ich echt froh war. Allerdings war meine hintere Stoßstange ziemlich zerkratzt, weil das Fahrrad ja nicht ganz ins Auto gepasst hatte. Aber das machte mir nichts aus. Der Golf war eh ziemlich alt und vermackt. Linda gefiel mir richtig gut. Ob ich es wagen sollte, sie auf eine Cola in meine Wohnung einzuladen? Unentschlossen kratzte ich mir den Kopf.
„Hast du vielleicht ein Glas Wasser?“
Langsam sickerte dieser Satz von ihr in meinen Hirnkasten. Ich konnte sie nur verblüfft anschauen.
„Hallo, Erde an Tim Tulpenfeld. Ich habe Durst. Hast du ein Glas Wasser für mich?“, versuchte es Linda erneut. Dabei sah sie ziemlich amüsiert aus. Ich löste mich aus der Erstarrung. „Ja klar, komm doch mit hoch. Ich wohne nämlich oben im Haus. Ich habe Wasser, Cola, Zitronentee und ...“
„Wasser genügt“, grinste sie.
In meiner Wohnung angekommen sah sie sich interessiert um. „Du wohnst allein“, stellte sie fest. Wahrscheinlich merkte sie das gleich, weil ich nicht aufgeräumt hatte. Zudem stapelte sich in der Küche das schmutzige Geschirr von den letzten Tagen. Deshalb holte ich Wasser und Cola ins Wohnzimmer und machte die Küchentür lieber zu. „Ja, ich wohne allein“, antwortete ich. „Aber es ist Platz genug für zwei hier“, fügte ich hinzu. Plötzlich fühlte ich mich toll und ganz schön mutig. Schließlich war diese Superfrau mit zu mir gekommen, saß jetzt auf dem Sofa neben mir und nippte an ihrem Wasserglas. „Ach ja? Hast du denn keine Freundin?“, fragte Linda und das klang interessiert.
„Nein, hab’ ich nicht, leider.“
Darauf antwortete Linda nicht, sondern sah mich weiter an. So richtig wusste ich nicht, was ich machen sollte. Zudem wurde mir heiß. Also stand ich auf, setzte mich verlegen ihr gegenüber in einen Sessel und sagte das Erstbeste, das mir einfiel. „Jedenfalls ist mit dem Fahrrad alles in Ordnung und dein Knie sieht auch schon gut aus. Du kannst direkt wieder losradeln ...“ Ich klappte schnell den Mund zu. Mist, da saß eine tolle Frau und ich erzählte ihr, dass sie wegfahren sollte. Linda schien das auch so zu sehen. Sie setzte ihr Glas auf dem Tisch ab. „Na dann, ist ja noch mal gut gegangen.“ Sie stand auf und steuerte die Tür an. „Ich will dann mal los.“ Schnell sprang ich auf und lief ihr hinterher, wobei ich fieberhaft überlegte, was ich sagen konnte, um sie zum Bleiben zu bewegen. Leider fiel mir nicht das Richtige ein. Linda hatte inzwischen die Wohnungstür geöffnet und drehte sich noch einmal um. „Tschüss, du“, sagte sie. Plötzlich hatte ich eine Eingebung. „Hast du morgen schon was vor? Die Kirmes fängt nämlich morgen an, klar, ist ja Samstag. Wir könnten am Nachmittag oder Abend hingehen. Wenn du mir verrätst, wo deine Tante wohnt, dann kann ich dich gern abholen“, fügte ich hinzu.
„Das ist keine schlechte Idee. Ich hätte am späten Nachmittag Zeit und am Abend auch. Du kannst mir ein Eis ausgeben, als Wiedergutmachung“, lächelte Linda mich an.
„Abgemacht. Wann und wo soll ich dich also abholen?“, fragte ich atemlos und ungläubig, weil sie mir wirklich eine Chance gab.


Dies ist eine Leseprobe aus meinem neuen Roman. 

 

Nur wer fällt, kann fliegen lernen
Tim wünscht sich nichts sehnlicher, als eine ganz normale Beziehung. Das ist leichter gesagt als getan, denn irgendwie gerät er immer an die falschen Frauen. Auch mit seiner bigotten Mutter hat er es schwer. Sie will ihn unbedingt auf den rechten Weg bringen. Dabei schreckt sie vor nichts zurück. Einzig sein Vater versucht, ihm zur Seite zu stehen, auch wenn das manchmal ziemlich schwierig ist. Denn Tim bringt sich mit seiner herzerfrischenden Naivität oft in ziemlich schräge Situationen. Doch mit viel Herz und einer Prise Humor meistert er sein Leben letztendlich und löffelt die Suppe aus, die er sich eingebrockt hat
Nur wer fällt, kann fliegen lernenist ein Roman der den Leser schmunzeln, lächeln, lachen lässt und gleichzeitig seine nachdenklichen und melancholischen Momente hat.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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