Alfred Hermanni

Wulluwutsch und das Inipi

 

von Alfred Hermanni Alle Rechte vorbehalten 09.09.2018

 

 

Wulluwutsch und sein bester Freund, der Hund Henri, erreichten eine hügelige und waldreiche Region im Westen von Deutschland. Es war die Eifel, wie sich anhand der Beschilderungen an Straßen und Wegen leicht herausfinden ließ.

Der Tag war schön und Wulluwutsch ließ Henri freien Lauf, um in der Gegend zu stöbern und kleines Getier aufzuschrecken. An das Waisenhaus, aus dem er ausgerissen war, weil er es wegen seiner fiesen Mitbewohner nicht mehr aushalten hatte, verschwendete er keinen Gedanken.

Er genoss den schönen Tag.

Auf einem freien Feld sah er junge Milane bei ihren ersten Flugübungen.

Sie stiegen auf, flatterten ein wenig herum und landeten wieder.

Die Erfahrenen unter ihnen nutzten den warmen Aufwind, um länger in der Luft zu bleiben und gezielte Stürze in Richtung Erdboden zu wagen, wo sie dann irgendwann einmal ihre Beute schlagen würden.

Wulluwutsch spazierte weiter und traute seinen Augen nicht, als er in der Ferne etwas sah, was er nicht glauben konnte.

Da standen auf einer Wiese neben einem recht großen Gehöft doch tatsächlich echte Tipis, Indianerzelte. Fünf Tipis, beinahe kreisförmig angeordnet.

Wulluwutsch näherte sich diesen Zelten und sah Menschen, die in der Mitte

an einem Lagerfeuer saßen und sich gestenreich unterhielten. Verstehen konnte er noch nichts, dazu war er noch ein wenig zu weit weg.

Aber schon bald hörte er Wörter in deutscher Sprache und die dort am Lagerfeuer sitzenden Menschen waren keine Indianer, obwohl sich einige geschmückt und bemalt hatten, als wären sie welche. Zwei junge Frauen saßen ebenfalls am Lagerfeuer.

Wulluwutsch erreichte das Zeltlager und staunte nicht schlecht als er diesen einen, großen Menschen erblickte, der wirklich wie ein echter Indianer aussah. Die Kleidung, der Kopfschmuck, sein Gesicht, das sah alles so echt aus.

Dann begrüßte ihn dieser Mann in einer Sprache die er nicht verstand.

Guten Tag“, sagte Wulluwutsch. „Ich kann Sie leider nicht verstehen.“

Ein Mann aus der Gruppe erhob sich und kam auf Wulluwutsch zu.

Guten Tag, junger Mann. Das ist Archie Fire Lame Deer vom Stamm der Lakota- Sioux. Er hat dich in seiner Sprache begrüßt und gefragt wer du bist. Dasselbe frage ich mich auch.“

Mein Name ist Wulluwutsch und das hier ist mein bester Freund Henri.“

Wulluwutsch. Das ist ein seltsamer Name. Mein Name ist Dieter. Dieter Schulz und dies hier ist der Bäuerhof.“

Der Indianer stand auf und hob seine rechte Hand.

Ich grüße dich, Wull u Wutsch. Willkommen“, sagte er in etwas holperigen Deutsch.

Setze dich mit deinem Freund zu uns.“

Wulluwutsch schaute zu Dieter, der lächelte und nickte.

Also setzte Wulluwutsch sich hin, natürlich im Schneidersitz, wie es sich für Indianer schließlich gehörte. Das Lagerfeuer prasselte vor sich hin und viele Gesichter schauten Wulluwutsch erwartungsvoll an.

Was macht ihr hier?“, fragte Wulluwutsch.

Der Bäuerhof ist ein Seminarzentrum. Hier veranstalte ich Kurse, Seminare oder Events wie dieses hier. Einmal im Jahr kommt Archie Fire zu uns, um von der Kultur der Lakota- Sioux zu erzählen. Über ihre Lebensweise, ihre Philosophie, ihre Vergangenheit und vieles mehr“, antwortete Dieter.

Das ist bestimmt sehr interessant, ich habe schon mal in einem Buch Bilder von Indianern gesehen. Da waren Bisons, Tipis und Häuptlinge zu sehen. So mit Federschmuck und wilde Krieger um ihn herum, mit Pfeil und Bogen. Und eine Friedenspfeife hab ich gesehen“, sagte Wulluwutsch.

Oh ja, das ist schon sehr interessant. Schön, dass du ein wenig über die amerikanischen Ureinwohner weißt. Wir führen hier auch Rituale der Sioux durch.“

Dieter sprach es allerdings nicht Sioux aus, es hörte sich eher an wie ...Ssuu.

Rituale?“, fragte Wulluwutsch. „Was für Rituale?“

Heute, kleiner Freund Wull u Wutsch, wird ein Inipi durchgeführt“, erklärte Archie Fire.

Was ist ein Inipi?“

Archie Fire blickte Wulluwutsch an und deutete mit seiner Hand zum nahen Waldrand. Dort stand ein seltsames Objekt. Es sah aus wie ein Iglu, war allerdings mit dicken Wolldecken bedeckt.

Das, Freund Wull u Wutsch, ist eine Schwitzhütte“, bemerkte Archie Fire.

Seltsam wie anders mein Name klingt, wenn er ihn ausspricht, dachte Wulluwutsch.

Siehst du das kleine Lagerfeuer neben der Hütte?“

Ja“, antwortete Wulluwutsch.

In dem Feuer liegen Steine, die später, wenn sie fast glühend heiß sind, in die Hütte gebracht werden. Dann wird Wasser auf sie gegossen und es wird sehr heiß in der Schwitzhütte“, erklärte Archie Fire.

Das kenne ich, das ist eine Sauna“, rief Wulluwutsch sichtlich stolz, dass er das erkannt hatte.

Im Prinzip hast du recht“, führte Dieter weiter aus. „Es werden insgesamt sechs Gänge durchgeführt, das heißt, sechsmal wird Wasser auf die heißen Steine gegossen, sechsmal wird es extrem heiß in der Hütte.

Es ist durchaus schmerzhaft, das durchzuhalten.“

Aber warum muss man denn Schmerzen aushalten. Es ist doch nur eine Sauna?“, wollte Wulluwutsch wissen.

Es ist nicht nur eine Sauna, es ist ein Reinigungsritual und auch ein Heilungsritual der Lakota- Sioux. Mit dem Schmerz sind Visionen verbunden und um die geht es auch bei diesem Ritual.“

Visionen? Was für Visionen?“ Wulluwutsch wurde immer neugieriger.

Wenn du möchtest, Freund Wull u Wutsch, darfst du gerne teilnehmen. Aber nur ausnahmsweise. Das Inipi ist eigentlich für die Erwachsenen.“

Oh ja, das würde ich gerne machen“, antwortete Wulluwutsch voll Freude.

Freu' dich nicht zu früh“, flüsterte Dieter ihm zu.

 

*

 

Es war soweit. Das Inipi würde bald beginnen. Die Gruppe ging zur Schwitzhütte und Wulluwutsch konnte sie nun aus der Nähe betrachten.

Sie sah tatsächlich aus wie ein mit dicken Decken umhülltes Iglu.

Zwischen dem Eingang und der Feuerstelle, in der die Steine lagen, war ein kleiner Erdhügel kunstvoll zu einem Altar geformt. Darauf sollten Opfergaben, wie z.B. Schmuck oder Figuren gelegt werden.

Dann legten alle aus der Gruppe, auch die jungen Frauen, ihre Kleidung ab.

Wer wollte durfte aber einen Lendenschurz tragen.

Dann krochen sie in die Hütte.

Wir werden heute statt der sechs Gänge, die traditionellen vier Gänge durchführen, zu Ehren unseres Freundes Wulluwutsch“, sagte Dieter. Die Gruppe saß im Schneidersitz vor dem Feuer in der Schwitzhütte.

Dann brannte Archie Fire mehrere Zweige mit Blättern ab, und verteilte den Rauch über seinen Kopf und Körper. Die anderen der Gruppe machten es ebenfalls. Das war Teil der rituellen Reinigung.

Archie Fire sprach nun in seiner Sprache die Einladung an die Ahnen und das Inipi begann.

Nun wurde Wasser auf die glühend heißen Steine gegossen und im Nu wurde es dermaßen heiß, dass es Wulluwutsch beinahe weh tat.

Archie Fire sprach weiter in seiner Sprache und dankte für sein Leben und alles Erlebte. Auch alle anderen dankten in ihrer Sprache für ihr Leben und alles Erlebte.

Dann wurde wieder Wasser auf die heißen Steine gegossen und diesmal beugten sich alle mit dem Kopf auf den Boden.

Wulluwutsch machte es auch und stellte fest, dass es gut tat mit dem Gesicht am Boden die kühlere Luft einzuatmen. Durch die Grashalme sog Wulluwutsch gierig die kühlende Luft in seine Lunge. Die Hitze tat mittlerweile schon weh.

Ich bitte für mich und meine Mitmenschen. Mögen Einsicht und Ideen ihr Leben bereichern und neue Energie geben“, sprach Dieter demutsvoll in die Runde und jeder sagte es dann in seinen Worten.

Wieder wurde Wasser auf die Steine gegossen und es wurde heiß, sehr heiß.

Wulluwutsch beugte sich wieder auf den Boden, und gierig atmete er die kühlende Luft ein.

All meine Liebe, all mein Wissen, meine Energie und Tatkraft möchte ich der Welt schenken. All meine negativen Gedanken und all meine schlechten Angewohnheiten mögen mich verlassen“, sprachen die Männer und Frauen, jeder in seinen eigenen Worten.

In diesem Moment, als die Hitze beinahe unerträglich wurde, sah Wulluwutsch vor seinem geistigen Auge etwas wundervolles. Eine junge Indianerin, die ihn anlächelte und auf einem weißen Bison ritt, oder flog sie etwa? Wulluwutsch konnte es nicht genau sehen, es war wie eine Szene aus einem Traum. Sie näherte sich ihm, öffnete den Mund, als ob sie etwas sagen wollte. Doch statt Worte, atmete sie weißen Rauch aus, der Wulluwutsch völlig einnebelte. Der Rauch verflog und die schöne Indianerin überreichte ihm etwas. Es sah aus wie eine langstielige Pfeife... doch dann verblasste dieses Bild und Wulluwutsch spürte die Hitze schmerzhaft auf seiner Haut.

 

*

 

Das Inipi war vorüber und der Indianer sagte: „Nun, Wull u Wutsch, erzähl mir, wie du das Inipi empfunden hast.“

Ich habe etwas gesehen. Das war vielleicht eine Vision“, antwortete Wulluwutsch.

Dann sage uns was du gesehen hast“, forderte ihn Dieter auf.

Und Wulluwutsch erzählte von seiner Vision.

Du hast Whope „die Schöne“ gesehen. Sie war es, die uns Lakota- Sioux die sieben Riten brachte und uns die Friedenspfeife schenkte.

Vor langer Zeit kam sie, die weiße Büffelfrau, in unser Land. Zwei Brüder, die auf der Jagd waren, sahen sie und bewunderten ihre Schönheit. Einer der Brüder begehrte sie so sehr, dass er sich ihr mit bösen Absichten näherte. Doch dann traf ihn ein Blitz und tötete ihn. Dem anderen Bruder sagte die weiße Büffelfrau, dass er in sein Dorf vorauseilen sollte, um ihr Kommen anzukündigen. Nach vier Tagen erreichte sie das Dorf und lehrte den Menschen den Umgang mit der Friedenspfeife und die heiligen Riten. Zu diesen Riten gehören der Sonnentanz, die Visionssuche und auch die Schwitzhütte. Als sie dann das Dorf verließ, verwandelte sie sich in ein weißes Büffelkalb. Deswegen nennen wir sie die weiße Büffelfrau oder auch weiße Büffelkalbfrau“, erklärte Archie Fire.

Wulluwutsch war beeindruckt.

Dann hatte ich also eine echte Vision?“, fragte er.

Das war sogar eine besondere Vision, mein Freund Wull u Wutsch. Ich bin sehr zufrieden, dich zum Inipi eingeladen zu haben. Da du doch kaum etwas über die weiße Büffelfrau wissen konntest, beeindruckt mich deine Vision besonders. Ich würde dich gern mit nach Amerika nehmen, damit du meinem Stamm von deiner Vision erzählen kannst.“

Nach Amerika? Das wäre ja toll, aber dann...“,

Was dann?“, fragte Archie Fire.

Wulluwutsch wurde ein wenig verlegen, weil er nicht preisgeben wollte, dass er ein Ausreißer war.

Ja, aber dann müsste ich meinen besten Freund hier zurücklassen. Das kann ich nicht. Wir gehören zusammen. Wir helfen uns und sind immer füreinander da.“

Du bist ein sehr weiser, junger Mann, Wull u Wutsch. Das ehrt dich. Aber wenn du alt genug bist, gilt meine Einladung noch immer.“

Archie Fire lächelte und blickte Wulluwutsch tief in die Augen.

In den Augen des Indianers sah Wulluwutsch die Weisheit eines langen Lebens und erkannte, dass dies eine besondere Erfahrung war, die er hier und heute gemacht hatte.

 

*

 

Der Abend kam und Wulluwutsch wurde eingeladen zu bleiben und zu Abend zu essen. Es sollte Büffelfleisch geben. Mit Mais und Fladenbrot.

So saßen sie am Lagerfeuer und Wulluwutsch aß zum ersten mal das Fleisch von einem Bison.

Archie Fire erzählte von seinem Volk, seiner Kultur und seinem Leben.

Wulluwutsch hörte interessiert zu und war von den Erzählungen begeistert.

Als er auch noch erfuhr, dass Archie Fire ein Buch über sein Leben geschrieben hatte, nahm er sich fest vor, dieses Buch eines Tages zu lesen.

Der Abend verging und Wulluwutsch und Henri wurden müde. Es war Schlafenszeit.

Die Nacht würde er zum ersten mal in einem Tipi verbringen, an der Seite von Archie Fire Lame Deer, Sohn von John Fire Lame Deer vom Stamm der Lakota- Sioux.

 

Ende

 

 

 

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