Christa Astl

Dorffeiertag Kirchenpatrozinium

 

 

Ein Feiertag, mitten in der Woche, wenn sonst alle Leute zur Arbeit müssen. Ja, der Wallfahrtsort Maria-Stein kann sich das erlauben. Die der Hl. Maria geweihte Kirche feiert am 8.September, Maria Geburt, ihr Patrozinium.

Ich glaube, in dem Dorf geht an diesem Tag niemand zur Arbeit, alles strömt zur Kirche.

Auch ich mache mich an dem strahlend schönen Morgen auf den halbstündigen  Weg. Endlich einmal früh dran, ich kann mir Zeit lassen. Noch dazu findet der Gottesdienst im Burghof statt, man muss nicht wie sonst die 150 Stufen bis zur Kirche im Turm hochsteigen.

Kühl ist es um 8 Uhr morgens noch, soll ich die Jacke anziehen oder mitnehmen? Zwei Schritte hinaus in die Sonne sagen mir: Nein, beim Gehen wird es warm, und dann heizt die Sonne schon wieder. Nur ein Schultertuch, das ich im Vorjahr geschenkt bekommen habe, wird zur Feier dieses Tages mal mitgenommen und eventuell verwendet.

Wie üblich, einiger Verkehr auf der Straße, aber am Gehsteig bin ich sicher. In der Sonne wird mir leicht warm, doch der Großteil des Weges liegt noch m Schatten. Heute habe ich Zeit, die Sträucher und Blumen am Wegrand anzuschauen, viel blüht ja nicht mehr. Nur das indische Springkraut lockt mit seinen roten, rosa und sogar weißen Blüten Bienen an. Knospen sind bereits dick und zerspringen beim Berühren, jedes Mal erschrecke ich. Manches Mal höre ich auch den Bach, der sich links vom Weg durch den Wald schlängelt, murmeln.

Dann geht es über die Brücke, ich verlasse die Hauptstraße und biege in den Jakobsweg ein. Ein paar hundert Meter Asphalttreten habe ich mir so erspart. Gemeinsam mit einer Frau, in Tracht festlich gekleidet, vergeht das letzte Stück Weges mit munterem Reden.

Stühle und Bänke, im Burghof am Morgen aufgestellt, sind schon großteils besetzt, immer noch werden Bänke herbei getragen, die Insider holen sich selber Stühle aus dem Lager. Noch liegt der ganze Hof im Schatten, um mein warmes Tuch bin ich froh.

Einige Böllerschüsse erschallen zum Auftakt. Die große Friedensglocke wird zwölf Mal angeschlagen. Die Ministranten bilden bereits ein Spalier am Eingang. Die Trommel ertönt, Musik setzt ein, die Blaskapelle in ihren schmucken roten Joppen, breitkrempigen mit Kordel und Quasten versehenen schwarzen Hüten, knielangen Lederhosen und weißen Kniestrümpfen marschiert unter Marschklängen ein.

Obwohl Priester sonst selten sind, haben sich zu diesem Feiertag noch vier gefunden, die den Ortspfarrer unterstützen. Dass der Gottesdienst somit länger dauern wird, nimmt man bei einer solchen Festlichkeit gerne in Kauf.

Anschließend wird noch zur Prozession eingeladen, und fast alle Kirchenbesucher nehmen teil. Im Eingangsbereich sah man schon, was der Kirchenchor in einer diesmal anderen Funktion bereits geleistet hatte. Papierteller mit Käse- oder Speckbroten, Kuchen, jeweils gleich zwei Stück pro Teller, dass einem die Wahl schwer fiel. Und nicht zu vergessen die „Weinbeerzöpfl“, nach alter Form gebacken, wie man sie früher in jedem Geschäft, heute nur noch an diesem Tag zum Andenken an den im Dorf ansässigen, aber lang schon verstorbenen Bäcker gab.

Inzwischen ist die Sitzordnung gelockert worden, auch die Musikanten bekommen Stühle und blasen aus Leibeskräften ihre Märsche. Zwar nur eine kleine Gruppe, aber mit viel Klang.

Ich kenne niemanden, wo ich mich dazu setzen könnte. Mit Kuchen und Kaffee begebe ich mich mal in die Sonne, die inzwischen über das Kirchendach in den Hof scheint, mal wieder in den Schatten, der nun angenehm erscheint. Ich höre der Musik zu, beobachte die Instrumentalisten, versuche aus Gesten und Mienen der sich Unterhaltenden herauszufinden, worüber sie wohl sprechen könnten. Alle machen einen zufriedenen, gelösten Eindruck, schauen entspannt, manchmal neugierig herum. Die Reihen haben sich bereits gelichtet, manche Frauen werden wohl noch kochen müssen, oder erwarten ihre Männer schon mit dem Feiertagsbraten.

Die Musik verabschiedet sich mit einem letzten Marsch, auch ich mache mich, nach dem zweiten Teller Kuchen, auf den Weg. Durch den Wald führen mehrere Wege, so beschließe ich heute, einen alten, den ich vor 50 Jahren schon gegangen bin, zu suchen. Der Lärm der noch Sitzenden verklingt hinter mir, bald lasse ich auch die Häuser zurück. Unter mir noch die Asphaltstraße, gesäumt von grünen Wiesen, ein wolkenloser Himmel spannt sich hoch darüber. Einzelne Gipfelkreuze der umgebenden Berge glänzen bereits in der Sonne. Nun nimmt mich der stille Wald auf, eine alte Forststraße, teils moosig, teils recht schlammig, es heißt aufpassen, dass man sich nicht nach einem Ausrutscher in den Dreck setzt.

Mein bisher noch recht schöner Forstweg endet plötzlich an einer Lichtung. Dürres Reisig liegt noch herum, genug für ein Lagerfeuer, aber die Sonne brennt bereits herunter. Ich kehre um, nehme einen schmalen Weg, den ich vorher rechts liegen gelassen habe. Vielleicht führt er zum bereits bekannten Pilgerweg hinüber? Er führt nun als Wegspur durchs Gestrüpp, ist manchmal mehr Sumpf als Weg, das ideale Gebiet für Wildschweine, denke ich und suche nach Spuren. Vergeblich, bei uns gibt es noch keine, aber ein Reiter muss hier sich und sein Pferd durch gequält haben.

Endlich erreiche ich wieder einen breiten Weg, moosbewachsen und sicher nur noch wenig befahren oder begangen. Ob der mich ans Ziel führt? Der Tag ist noch lang, ich könnte ja wieder umdrehen. Ja, ich habe den Weg, den ich eigentlich wollte, gefunden! Er kommt mir zwar recht weit vor, aber ein Blick auf die Uhr zeigt, dass ich insgesamt doch nur eine Stunde unterwegs war, eine normale Zeit. Hin und wieder glaubte ich mich an ein Wegstück zu erinnern, aber durch das Wachsen der Bäume, auch das Abgeholzt-werden hat sich doch vieles in der Natur geändert. Ich staune, wie hoch über dem Tal ich manchmal bin, und auch wie groß die Ausmaße dieses Waldes sind. Da könnte man sich wirklich verirren, ein neues Märchen setzt erste Gedanken in meinen Kopf.

Doch nun sehe ich schon die ersten Häuser meines Dorfes durch die Bäume, noch ein schmaler Steig, eine Abkürzung, dann 300 Meter auf der Dorfstraße und am Bächlein entlang hinauf zu meinem Haus.

Den Nachmittag verbringe ich, um den Feiertag nicht zu entehren, im Schatten und im Liegestuhl dösend.

 

 

ChA 08.09.16

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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