Heinz-Walter Hoetter

Der Tod des Hauptgefreiten Hans Maier




Vorwort

„Es gibt verschiedene Erscheinungsformen des Geheimnisvollen. Allen gemeinsam ist, dass sie mit unerklärlichen Gegebenheiten oder Empfindungen verbunden sind.“

Der äußerst mysteriöse Vorfall, von dem ich hier erzählen möchte, ereignete sich Mitte der 80er Jahre während einer 14-tägigen Truppenübung der Bundeswehr irgendwo im Süden Deutschlands.

 

***


Wir war bereits seit einigen Tagen im Einsatz. Der Anmarsch der einzelnen Truppenteile verlief reibungslos und ging schnell voran. Trotzdem war es schon fast Mitternacht, als unsere Panzergrenadier-Kompanie endlich den für sie zugeteilten Verfügungsraum erreichte.

Da für gewöhnlich Waldgebiete als Verfügungsräume befohlen werden, bekam ich als Unteroffizier und Gruppenführer den Befehl dazu, mit meiner Teileinheit, einer Gruppe von 12 bis 14 Soldaten (alles Reservisten), in einem kleinen unzugänglichen Waldstück Stellung zu beziehen.

Gleich hinter dem Wald erstreckten sich ausgedehnte Ackerfelder, auf denen fast nur mannshohe Maispflanzen wuchsen. Die weiten Maisfelder sahen aus wie ineinanderlaufende Labyrinthe. Zudem tauchte der helle Vollmond die gesamte Landschaft in ein seltsam anmutendes, silbrig leuchtendes Licht. Der Himmel war in dieser Nacht sternenklar, und ich konnte in der Ferne sogar ein kleines verschlafenes Dorf mit einem hohen Kirchturm sehen.

Zwischen dem kleinen Waldstück, in dem wir jetzt lagen, und dem gegenüber liegenden Maisfeld, befand sich ein freier, etwa 20 bis 30 Meter breiter Geländestreifen, der nur mit Knöchel hohem Gras bewachsen war.

Wegen der hellen Nacht schlugen wir unser bewegliches Feldlager nicht direkt in der Nähe des freien Geländes auf, sondern verlegten es gut getarnt ins Innere des Waldes zurück. Dann bauten wir unsere kleinen 2 Mann-Zelte auf und machten es uns darin bequem, so gut es eben ging.

Diese Art der militärischen Unterbringung stellt in der Regel nur ein Provisorium dar und man kann, im Falle eines Einsatzes, alles schnell wieder abbauen und ohne großen Zeitverlust zum nächst verfügbaren Standort abziehen. An den Fahrzeugen ließ ich Wachen aufstellen, die alle zwei Stunden turnusmäßig abgelöst wurden.

Nachdem alles seine Ordnung hatte, wollte ich noch einmal den freien Geländestreifen erkunden, der gleich am Waldrand begann, um mir ein genaues Bild von der Umgebungslage zu machen.

Wie gesagt, es war eine helle Vollmondnacht, und so konnte ich aus sicherer Position heraus ohne Schwierigkeiten über das freie Gelände bis zu den mir gegenüberliegenden Rändern der Maisfelder blicken. Alles war ruhig und still. Kein einziges Geräusch war zu hören.

In der rechten Seitentasche meines olivgrünen Bundeswehrparkas befand sich stets griffbereit eine recht handliche Fotokamera von hoher Qualität, die ich bei jeder Gelegenheit mit mir führte, um interessante Erinnerungsfotos machen zu können.

Wie ich so da stand und mich nach allen Seiten konzentriert umschaute, sah ich plötzlich direkt vor mir eine dunkle Gestalt aus dem Maisfeld kommen, die sich meinem Standort am Waldrand schnell näherte. Ich war im ersten Moment wie geschockt, weil ich hier draußen zur mitternächtlichen Stunde, außer meinen Soldaten und mir natürlich, sonst niemanden mehr vermutete.

Ich riss mich schnell wieder zusammen und dachte auf einmal geistesgegenwärtig an meine Kamera. Ich griff in die rechte Seitentasche des Parkers und nur wenige Sekunden später hielt ich sie, um einige Fotos zu machen, in meinen zitternden Händen. Dann spähte ich nochmals hinüber zum Maisfeld. Da war sie wieder, diese schattenhafte Gestalt, die nur wenige Zentimeter über das freie Gelände zu schweben schien. Sie kam schnell näher und näher.

Ich hob die kleine Fotokamera instinktiv hoch und drückte mehrmals hinter einander, schon sehr nervös geworden, auf den Auslöser. Der Blitz wurde jedes mal automatisch dazu geschaltet. Dann verstaute ich sie schnell wieder und griff nach meiner UZI, einer leichten Maschinenpistole, die mit einem vollen Magazin Übungsmunition bestückt war und richtete sie spontan auf die herannahende Erscheinung, die jetzt keine fünf Meter vor mir lautlos über den Boden auf mich zu huschte.

Die seltsame Gestalt selbst war mit einem schwarzen Umhang bekleidet. In der fahlen Dunkelheit fielen mir ihre außergewöhnlich großen Augen auf, die ein düsteres, schwach rötliches Licht abstrahlten. Irgendwie dachte ich auf einmal an einen makaberen Scherz, den sich unsere Gegner vielleicht ausgedacht haben, um uns zu erschrecken. Ich hielt das aber für einen absurden Gedanken, denn wer würde sich so etwas schon einfallen lassen?

„Bleiben Sie sofort stehen oder ich schieße!“ rief ich mit halb erstickter Stimme der unheimlich anmutenden Gestalt entgegen und drückte im nächsten Moment auf den Abzugshebel der Maschinenpistole, die leider dummerweise ausgerechnet jetzt mit einer Ladehemmung reagierte. Letztlich hätte das Geknalle der Übungsmunition auch nicht viel gebracht, weil man damit höchsten jemanden für ein paar Sekunden erschrecken könnte, wie mir dazu einfiel.

Nach dem ersten Schreck schlug ich instinktiv und in wilder Panik mit der Waffe auf den mysteriösen Fremden ein, der jetzt seitlich über den feuchtkalten Waldboden wie ein schwebender schwarzer Umhang lautlos an mir vorbeiglitt. Außerdem verspürte ich einen eiskalten Hauch, der mich frösteln ließ.

Schon dachte ich, dass ich die ominöse Gestalt mit der aufklappbaren Armstütze der UZI getroffen und niedergeschlagen hätte, als sie kurz darauf mit wallendem Umhang in der Dunkelheit des Waldes verschwand. Meine heftig geführten Schläge waren einfach nur wirkungslos verpufft.

Ungläubig schüttelte ich den Kopf und wollte gerade das Magazin der Maschinenpistole überprüfen, als genau in diesem Augenblick ein markerschütternder Schrei durch das kleine Wäldchen gellte.

Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Dann lief ich mit Entsetzen zurück zu meinen Kameraden und traf kurz darauf auf einen meiner wachhabenden Soldaten, der mir aufgeregt den Weg zu einem der getarnten Zelte im dichten Unterholz wies, vor dessen Eingang schon einige meiner Männer warteten. Etliche von ihnen hatten ihre Taschenlampen eingeschaltet und leuchteten die Umgebung damit hell aus.

„Herr Unteroffizier“, sagte ein UA, „der Hauptgefreite Hans Maier hat scheinbar einen Herzinfarkt erlitten. Er griff sich plötzlich an die Brust und lief auch schon im nächsten Moment blau im Gesicht an. Jetzt röchelt er nur noch und schnappt wie ein Karpfen auf dem Trockenen nach Luft.“

Als ich ins Zelt blickte, hörte ich aus der Dunkelheit, wie der Soldat Maier im Todeskampf schwer atmete und stöhnte.

„Verflucht noch mal, das muss ausgerechnet jetzt während der Übung passieren“, schimpfte ich unwillkürlich los und rief nach dem Sanitäter meiner Gruppe, der gerade völlig außer Atem angerannt kam. Er kümmerte sich sofort um den Kameraden und leitete umgehend lebensrettende Erst-Hilfe-Maßnahmen ein. Ich ging in der Zwischenzeit zu meinem Funker, der bereits am Funkgerät unseres Geländewagens stand und darauf wartete, meine Anordnungen entgegen zu nehmen.

„Setzen Sie sich unverzüglich mit dem Hauptmann in Verbindung. Erklären Sie ihm, dass wir hier einen dringenden Notfall hätten und sagen Sie ihm, er soll sofort einen zivilen Rettungshubschrauber herschicken. Geben Sie ihm nochmals unseren genauen Standort durch! Machen Sie schnell! Es geht um Leben und Tod.“

Der Funker gab mehrmals hintereinander die entsprechende Meldung durch. Die Bestätigung kam umgehend.

Schon etwa fünfzehn Minuten später landete ein ziviler Rettungshubschrauber mit seiner Crew und einem Notärzteteam auf der freien Fläche vor dem kleinen Waldgebiet, die wir mit unseren Taschenlampen auf dem Boden kreisrund ausgeleuchtet hatten.

Sie bargen den schwer herzkranken Patienten, brachten ihn in Windeseile zum Hubschrauber und flogen ihn sofort in das nah gelegene Krankenhaus einer in der Nähe liegenden, größeren Kreisstadt.

Hoffentlich wird Hans das überleben, war unser aller Gedanke.

Doch es kam anders. Obwohl man für den Hauptgefreiten Maier alles medizinisch Notwendige tat, verstarb der Reservist wenige Stunden später im OP des Krankenhauses an den Folgen seines schlimmen Herzinfarktes. Er war gerade mal 28 Jahre alt und wollte nach der Wehrübung heiraten.

Im Verlauf des nächsten Tages wurden wir vom Tod unseres Kameraden unterrichtet, Alle Soldaten unserer Kompanie waren von diesem schrecklichen Ereignis tief betroffen. Es wurde eine Gedenkminute angeordnet. Die Truppenübung wurde aber trotzdem fortgeführt und etwa vierzehn Tage später war ich dann wieder zu Hause.

Als ich ein paar Tage nach meiner Rückkehr die Fotos entwickeln ließ, erwartete mich eine große Überraschung. Auf den Bildern, welche ich seinerzeit von der mysteriösen Gestalt gemacht hatte, und die aus dem Maisfeld auf mich zugekommen war, sah ich einen weiten, schwarzen Umhang und das skelettierte Gesicht des Todes, dessen Augen düster und schwach rötlich in die Kamera starrten. Alle Fotos machten auf mich einen gespenstischen und unwirklichen Eindruck.

Damals, in jener mondhellen Nacht, hat sich der Tod den Hauptgefreiten Hans Maier geholt, dessen war ich mir beim Betrachten der Bilder ganz sicher.

Das Objektiv einer Kamera lügt nicht.

Mir wurde deshalb schnell klar: Es war der Tod, den ich fotografiert habe.


 

ENDE

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