Cenk Özcan

Verlust

Es war nicht der Moment, als ich die Nachricht des Verlustes mitgeteilt bekam, die mich zu Boden warf.
Die schlimmste Phase ist der Beginn, wenn etwas schönes aufhört schön zu sein.
Der Moment als ich merkte „hier stimmt etwas nicht“ und in meiner Bauchgegend einige leichte Schläge vernahm, 
die mich nicht umgehaut haben, mir aber den Appetit raubten, meine Körpertemperatur anstiegen ließ, leichtes kribbeln verursachte und ein mulmiges Gefühl In der Magengegend.
Ein wenig wie Schmetterlinge im Bauch, nur das die Schmetterlinge sich zurück entwickelt haben in kleine, schleimige Raupen.

Ein schmerzhafter Prozess wurde in mir angestoßen. Ein zudem, unaufhaltsamer Prozess. Es machte sich eine erdrückende Last in meinem Kopf breit. Als hätte jemand mein Gehirn mit etwas lehmartigen aufgefüllt und es sich jetzt seinen Weg durch mein Gehirn bahnt um mich daran zu hindern klare, strukturierte Gedanken zu fassen. Somit wurden meine Gedanken immer sprunghafter. Was habe ich getan, was habe ich nicht getan, wieso tut sie mir das an, liebt sie mich noch, wie konnte es dazu kommen und plötzlich fragte ich mich, wozu der ganze Scheiß? 

Das Unausgesprochene hat eine magische Wirkung auf den Menschen. Es spielt mit dir, lässt dich Vermutungen anstellen, sie verwerfen, optimieren, wieder verwerfen und so weiter. Es spielte keine Rolle was mir durch den Kopf ging, dieser Tag brachte mir die Erkenntnis, dass es zu Ende gehen wird. Am Tag war es allerdings nur halb so schlimm wie die darauf folgende Nacht. Der Versuch einzuschlafen erwies sich mehr als schwierig. Ich lag im Bett, alles um mich herum war still. So still war es sonst nie dachte ich mir. Kein Auto, keine Nachbarn, kein Wind. Nur ich und mein Gedankengebäude, dessen Fundament am Tag gegossen wurde und in der Nacht erhärtete.

Allmählich bekam ich Kopfschmerzen von ungewollten Gedankenausschweifungen und stoßartigem Herzrasen. Die Zeit verging mal schnell, mal lief sie rückwärts und einmal, für einen kurzen Moment fühlte sich die Zeit an wie ein Bleistiftanspitzer. 


Je stiller die Nacht, desto lauter die Gedanken.


Das war der Anfang und damit auch das Ende.
Ich entschied mich noch einen Tag abzuwarten bevor ich es anspreche. Und dann wartete ich einen weiteren Tag ab, noch einen, noch einen, noch einen und….
Das flaue Gefühl im Magen wurde zum Dauerzustand und ich gewöhnte mich daran. Meine Gedanke kreisten nur noch um eine Frage. Eine Frage die ich stellen musste, dessen Antwort ich aber fühlen konnte und deshalb…ja deshalb hielt ich die Schnauze und hoffte darauf, dass es nur eine Phase ist, die bald wieder vorbei ging. Jämmerlich.

 

Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt. 

Die Hoffnung starb ganz am Anfang, in der Nacht als das Gefühl allgegenwärtig wurde.

Ganz am Ende starb etwas anderes in mir, meine Furcht vor dem Verlust.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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