Heinz-Walter Hoetter

Des heiligen Götzen Tod


 

 

Hoch droben auf seiner steinernen Plattform saß der heilige Götze und starrte mit trübe gewordenen Augen auf die hysterisch schreiende Menschenmenge, die wie ein aufgewühltes Meer aus schwitzenden Leibern in seinem heiligen Tempel hin und her wogte. Wohin er auch sah, sie waren überall und füllten die riesige Kuppelhalle bis in den letzten Winkel aus.

 

Früher, vor langer Zeit, bestanden seine Augen einmal aus kostbaren Diamanten, die man aber in den schlimmen Jahren der Not gegen total wertloses Glas ausgetauscht hatte.

 

Die Zeiten haben sich eben geändert und die Menschen glauben einfach an nichts mehr, dachte sich der große Steingötze auf dem Podest, der dem Himmel so nahe schien und doch unendlich weit von ihm entfernt war.

 

Damals verehrten ihn die Bewohner des Landes noch. Sie brachten ihm wohlriechende Räucherstäbchen, die sie langsam vor ihm verbrennen ließen oder legten wunderschöne Blumen vor seine nackten Füße ab, die herrlich dufteten. Gemeinsam beteten die Menschen vor ihm oder besangen im Chor zu Tausenden in zahllosen Lobeshymnen die Größe seiner Heiligkeit. Aber das war schon eine Ewigkeit her, und der Klang ihrer religiösen Gesänge waren längst verstummt.

 

Wehmütig schaute der uralte Götze abermals auf die tobende Menge zu seinen Füßen, die plötzlich mit weit ausgestreckten Fingern auf ihn zeigte und sich offenbar über ihn lustig machte. Selbst die Priester seines heiligen Amtes, die ihm einstmals treu ergeben waren und ihn stets hoch verehrt hatten, sahen ihn jetzt verächtlich an. Sie bespuckten und verhöhnten ihn oder erzählten sich toll dreiste Witze, um ihn lächerlich zu machen. Der breiten Masse gefiel das, und wenn einer der geschmückten Priester eine abfällige Bemerkung über seinen plumpen Leib hoch droben auf der einsamen Steinplattform machte, löste das in der Menge einen wahren Sturm der Belustigung hervor.

 

Der heilige Götze wurde jetzt sehr traurig. Tränen stiegen in seine Augen aus wertlosem Glas, das in all den vielen Jahren stumpf und matt geworden war.

 

Doch dann.

 

Ganz langsam, fast unbemerkt, neigte sich sein massiger Körper immer weiter nach vorn, fast so, als wolle er seinen tiefen Schmerz vor den Menschen verbergen, die sogar mit Steinen nach ihn warfen.

 

Als sie endlich bemerkten, dass die monströse Statue auf dem Podest nach vorne wankte und schließlich auf sie zuzustürzen drohte, stoben sie in alle Richtungen panisch auseinander.

 

Mit lautem Krachen zerschellte der tönerne Leib des Götzen auf dem entweihten Boden seines Heiligtums. Seinen lang anhaltenden, stöhnenden Seufzer aber hörte niemand mehr, weil er in dem fürchterlichen Getöse unterging.


 

ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

 

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