Klaus Fleischer

Weierbaums Schreibversuche

 

Es war noch etwas düster draußen, als Weierbaum den Wecker klingeln hörte. Durchs Fenster glotzte mürrische der neue Tag.

„Es schneeregnet!“ ,brummelte er in seinen nur stoppelhaft vorhandenen Bart. Er hatte seinen freien Tag und rollte sich sofort wieder wie eine Katze zusammen.

„Du hast es gut.“ ,gähnte bis zu ihren süßen Ohren seine Frau, während sie sich unter der warmen Bettdecke noch kurz mal küssender weise nach ihren „Dickerchen“ umdrehte und dann widerwillig aufstand.

„Leider“, knurrte der Dickerchenmann, obwohl sich doch jeder an seinem freien Tag wie ein Schneekönig freut. Er wälzte sich auf seinen angeborenen Bierbauch, um sein allgemeines Wohlbefinden zu überprüfen.

Es ging ihm wirklich nicht schlecht. Nichts puckerte, keine Weltuntergangsstimmung im Kopf und tief in ihm schien sogar ein gewaltiger Frühstückshunger zu lauern. Weierbaum war ja schließlich immer noch kein Dattergreis, wenn er auch manchmal im Bett einen schmerzenden Wadenkrampf bekam – verflucht noch eins.

Er sprang fast wie eine schwangere Antilope aus dem Bett und hüpfte auf und ab, bis der Wadenkrampf sich irgendwo anders hin verzogen hatte. Anschließend legte er sich aber doch noch mal auf sein rechtes Schlappohr und hörte, wie seine Frau und die beiden Söhne mit hohen, munteren Stimmen die Wohnung verließen. Nur Paulchen war etwas besser heraus zu hören, denn seine Knabenchorstimme schwenkte schon mit zehn Kinderjahren etwas vorzeitig, aber biologisch bedingt unüberhörbar zu einem männlichen Bass ab. Die Wohnungstür fiel gut hörbar ins Schloss, wohin hätte sie denn sonst schon fallen können.

Holter die polter sprang nun Weierbaum die Treppe aus dem Obergeschoss des kleinen Reihenhauses hinunter. Ein lautes männliches Lachen hüpfte in den Morgen hinaus und für einen winzigen Augenblick zog das Mistwetter draußen den Schwanz ein.

Er grinste traurig in sich hinein. Nun war er beinahe völlig allein in der Wohnung. Bis auf die Katze und den dazu passenden Wellensittich und bis auf seine ganz kleine Enkeltochter und deren Mutter, seine schon etwas erwachsene Tochter, die alleinstehend ihren eigenen kleinen Haushalt in dem gemeinsamen Häuschen hatte. Es war ja genügend Platz im Haus, hatte damals seine Frau festgestellt und wo sie recht hatte, hatte sie nun mal recht. Er opferte sein eigenes Computerhobbyzimmer und schleppte seine Spielmaschine in eine Ecke im Keller, wo Spinnen und Mäuschen ihn beim Formel-1 Rennspiel applaudierend über die Schulter sahen.

Einsam im Nebel zu wandern – ging es dem bärigen Mann durch den Schädel und er lachte innerlich grimmig auf. In seiner Wohnung war nun mal kein Nebel. In seiner Wohnung war Haushaltstag. Er wollte nicht mehr humoristische Geschichten schreiben, denn keiner in der Familie nahm ihn mehr ernst. Aber ab heute wollte er ernst genommen werden. Auch von seiner eigenen Frau. Und von seinem Bruder, dieser Bohnenstange, der ihn immer für Dick und Doof in einer Person hielt. Er wollte den einen freien Tag von Maloche nutzen und wieder mal seinem wichtigsten Hobby frönen.

Er wollte wieder mal etwas zu Papier bringen.

Weierbaum stöhnte tief in sich hinein. Er war absolut keines tragischen Gedankens fähig. Verbittert versuchte er sich Raskolnikow vorzustellen, aber das Radio der schwerhörigen Frau Dunkelmann von nebenan grölte: „Über sieben Brücken muss du gehen!“

Kein Wunder, dass er schon wieder einen leichten Wadenkrampf bekam. So sprang er leicht wadenverkrampft hinaus ins feindliche Leben und lieb maunzend empfing ihn die Katze in der Küche. Nachdenklich schlang er drei Butterbrote mit Erdbeerkonfitüre hinunter und trank zweieinhalb Tassen, für ihn lebenswichtigen Bohnenkaffee. Weierbaum liebte tief in seiner dunklen Seele, bis auf einige Napfsülzen und Mistbatzen, die Menschen.

Er hörte sie vor allen Dingen gern lachen. Wer lacht, haut ganz bestimmt nicht – dachte der nun gut gefüllte Mann, drückte seine Zigarette auf der Untertasse aus und erschrak, als seine große Tochter die Küchentür aufriss.

„Ich geh mal schnell was einkaufen, Paps. Wenn die Kleine im Bettchen weint, gib ihr etwas Fencheltee und den Schnuller.“ , rief sie und entschwand.

„In diesem verrückten Haus werde ich sowieso kein Dostojewski!“ ,sagte der zurück gelassene Hobbyschreiber zur Katze. Er war nun mal ein typischer Einsteiger ins literarische. Dostojewski mit Schnuller war einfach undenkbar. Und er hatte seit einigen Minuten diesen Babyberuhiger unbewusst zwischen seinen vollen Männerlippen. Die Wohnungsklingel riss ihn aus seinen tausend Gedanken, welche wie der Rauch seiner mittlerweile sechsten Zigarette seinem immer noch ungekämmten Schädel entfleuchten.

„Hei Papa, wir haben zwei Stunden Ausfall. Prima nicht?“

Es war sein jüngster Sohn mit einem Schulfreund. Mit riesigen Mengen an frischen Wissen überladenen Köpfen taumelten sie an ihm vorbei, verschwanden im Kinderzimmer. Dort stießen sie seltsame tierischen Laute aus und warfen laut hörbar mit irgendwelchen Gegenständen herum.

Die Schule hat auch immer weniger Zeit, auf die Kinder aufzupassen – zischte es etwas verärgert durch seinen großen Männerkopf. Von der immer noch hungrig maunzenden Katze gefolgt, begab er sich ins Abstellkämmerchen. Pfeifend ergriff er die grüne Blumengießkanne, um seine Lieblingspflanzen zu gießen, stolperte leichtfüßig über die hinter ihm ausgebreitete Katze, klemmte sich wieder gefangen die Gießkanne unter seinen rechten Arm und entnahm dem Kühlschrank eine kleinen Wurstzipfel. In diesem Augenblick begann die kleine Enkeltochter und die Türklingel Lärm zu schlagen. Weierbaum beendete sein künstlerisches Pfeifkonzert.

„Moment bitte!“ ,rief er laut durch die immer noch verschlossene Wohnungstür und entnahm dem Heißwasserbad die nun notwendig gewordene Fenchelteeflasche. Die klemmte er gedankenverloren unter seinen noch freien linken Arm.

So öffnete er die immer noch klingelnde Wohnungstür. Im Schlafanzug. Es war ein hochmodischer Frotteestrampler, ein Weihnachtsgeschenk seiner Frau. Draußen stand Fräulein Schnurbauer von der Versicherung. Sie habe am Vortag keinen angetroffen.

„Ich wollte gerade meine Pflanzen gießen!“ ,entschuldigte er sich, den Wurstzipfel für die Katze vorweisend, indes die beiden unbeaufsichtigten Jungen im Kinderzimmer hundsgemeine Schrei ausstießen und das kleine Enkelkind jetzt schon recht bedrohlich brüllte. Verängstigt stellte sich der gute Mann, Vater und Großvater blitzschnell den hochroten Kopf des Säuglings und die eventuellen Erstickungsanfälle des selbigen vor.

„Lachen kann die kleine aber auch schon!“ ,erklärte er sich etwas verstört Fräulein Schnurbauer an der weit offen stehenden Wohnungstür, da läutete das Telefon im Wohnzimmer.

„Es kommt immer alles auf einmal, nicht wahr?“ ,lächelte er das hübsche Versicherungsfräulein in die nichts verstehenden blauen Äuglein, die verlegen irgendeine Melodie an der Wohnungstür zu summen begann. Er lief zum immer noch aufgeregt läutendem Telefon, schrie etwas von – Moment bitte - in den Hörer und warf durch die von ihm aufgerissene Kinderzimmertür den beiden Jungen einen vernichtenden Blick zu. Im Vorübergehen steckte er dem Wellensittich - wegen der grünen Gießkanne unter dem Arm verrenkte er sich fast dabei – seinen rechten Zeigefinger durchs Gitter, ließ ihn gewohnheitsgemäß kurz zu hacken und lief mit der Blumengießkanne, dem Wurstzipfel und der lauwarmen Fenchelteeflasche, gefolgt von der aufdringlichen Katze ins Zimmer von seiner Enkeltochter, um das unschuldige Würmchen erst einmal mit dem Schnuller zu besänftigen.

„Scccht, pscht, pscht!“ ,machte er mit seinem dicken, hochroten Kopf über dem Schreiwunder, schnupperte begeistert den Duft von Säuglingspuder und frischen Windeln und rannte zurück ans Telefon. Er drückte den Hörer ans Ohr und schrie, weil die beiden Buben einschließlich der Enkeltochter schon wieder zu brüllen begannen und die hungrige Katze jetzt auch schon merklich lauter miaute: „Ruhe, ihr Irrsinnigen!“, worauf der Anrufer am anderen Ende unerkannt auflegte und Fräulein Schnurbauer etwas verstört von der immer noch offenen Tür in den Korridor blickte.

„Ich habe doch nur gesummt.“ ,äußerte sie sich verlegen und von keinem wahrnehmbar.

Glücklicherweise kam in diesem Augenblick Weierbaums große Tochter schwer bepackt vom Einkauf zurück. Er drückte ihr Wurstzipfel, Gießkanne und Fenchelteeflasche in die nach Ablage der Einkaufsbeutel frei gewordenen Hände, stürzte etwas verworren über die gerade wieder dumm herumstehende Katze, schlug im Fallen mit seiner hohen Denkerstirn auf das Schuhschränkchen im Flur und zog sich damit eine leichte Platzwunde zu.

„Es tut überhaupt nicht weh!“ ,stöhnte der geplagte Mann und lachte seltsam ins Gesicht von dem geduldigen Fräulein von der Versicherung. Seine große Tochter und die Versicherungsdame, welche beide über einen Führerschein verfügten und somit einen Kurzlehrgang in Erster Hilfe absolviert hatten, widersprachen sofort und energisch. Sie legten dem geschundenen Mann in der folgenden halben Stunde einen komplizierten, stahlreifenartigen Kopfverband an, den er dann längere Zeit nachdenklich im Flurspiegel betrachtete. Wegen plötzlich heftig einsetzender Kopfschmerzen musste er das Kunstwerk noch vor der heißersehnten Heimkehr seines Eheweibchens wieder entfernen und siehe da, die Schmerzen verschwanden auch schlagartig.

Bis auf einige dunkelrote Striemen vom unbedingt notwendig gewesenen Verband und einer wunderschönen bläulich verfärbten Beule auf der Stirn sah man ihm nichts mehr vom Scheitern seiner Tragikschreibversuche an. Er war heilfroh über diese Wendung und genehmigte sich aufatmend erst einmal eine Zigarette.

„Das hab ich mir gedacht. Immer noch im Schlafanzug und unrasiert! Du musst ja einen herrlichen Faulenzertag gehabt haben!“ ,bemerkte seine abgearbeitete Frau als erstes beim Nachhause kommen. Zweideutig und etwas kleinlaut antwortete der Oberfaulenzer: „Ja mein Schatz. Du hast wie immer recht. Nur meinen Kopf habe ich mir ein wenig zerbrochen.“

„Was dir auch immer passiert, du großes Kalb von einem Mann!“ ,rief sein Frauchen schon wieder in Aktion befindlich vom Elektroherd her.

„Gott sei Dank ist wenigstens was passiert. Wenn ich schon nichts geschrieben habe.“ ,entgegnete ruhig und wieder sehr gefasst Weierbaum und ging, um endlich seine krummen, grünen Pflänzchen zu gießen. Einige blühten sogar.

Fräulein Schnurbauer ist dann gleich noch zum Essen geblieben und er verschwand danach für einige Zeit im finsteren Keller.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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