Monika Litschko

Müllers Hausmeistergeschichten 2

Müllers Hausmeistergeschichten

Eigentlich musste er jetzt auch nicht mehr kommen, dieser verflixte Schnee. Jetzt, wo alle Zeichen für einen frühen Frühling sprachen. Aber er kam, sah und siegte. Erfreuen tat er nur diejenigen, die nicht schieben mussten und da gehörte Hausmeister Müller leider nicht zu. Seine Frau schmierte ihm auf die schnelle eine Stulle, nuschelte etwas von Schulterschmerzen und machte ein paar Verrenkungen, die ihm signalisierten, dass er auf sich alleine gestellt war. Er schlüpfte in seine alten ausgetretenen Stiefel, zog eine dicke Winterjacke über und verließ schlecht gelaunt die Wohnung. Mit einem Schneeschieber bewaffnet stapfte er ein paar Minuten später durch den Schnee und überlegte, wo er ihn zuerst ansetzen sollte.
„Man Müller, lass den Schnee doch liegen, sieht schöner aus!“, rief ein Nachbar und lachte.
„Damit ihr euch beschweren könnt!“, rief Müller zurück. „Einer von euch Geiern würde sich doch extra auf den dicken Hintern fallen lassen!“
Der Nachbar winkte ab und trottete von dannen. Müller überlegte und kam zu dem Schluss, dass Schnee schieben wirklich überflüssig war. Erstens, weil man auf dem frisch gefallenen Schnee besser laufen konnte. Zweitens, weil es wirklich schöner aussah. In diese weiße Pracht eine Schneise zu ziehen, war schon fast strafbar. Außerdem mied jeder, der ihm entgegen kam, seinen mühsam geschobenen Weg. Aber Vorschrift war Vorschrift und da half kein jammern und klagen. Müller wischte sich einen Tropfen von der Nasenspitze und ackerte weiter, denn er hatte noch ein paar Meter zu schieben. Er schaute sich kurz um und sah, dass der schmale Weg schon fast wieder zugeschneit war.
„Räumpflicht ab sieben Uhr, pffffzt, auch wenn es noch heftig schneit. Wie blöd ist das denn? Da hat ein Sesselfurzer wieder einen unsinnigen Gedanken gesponnen.“
Müller schüttelte den Kopf und bemerkte so nebenbei, dass nur er am Ackern war, alle anderen schienen noch zu schlafen oder warteten, bis es aufhörte zu schneien. Aber Vorschrift war Vorschrift. Er hatte die erste Hälfte endlich geschafft und nahm sich die andere Seite vor, die noch mühseliger war.
„Hallo Frau Menke, warum parken sie auf dem freien Weg? Das ist ein Gehweg für Fußgänger, kein Parkplatz!“
„Das sieht man doch gar nicht, Herr Müller. Schieben Sie doch einfach ein paar Wege mehr.“
Müller kochte innerlich und rief: „Wenn Sie da nicht wegfahren, schippe ich Sie rundherum mit Schnee zu, darauf können Sie einen lassen.“
Beleidigt stieg Frau Menke wieder ins Auto und parkte ordnungsgemäß an der richtigen Stelle.
„Geht doch“, murmelte Müller und schaufelte weiter.

 

Etwas Dunkles thronte auf der blütenweißen Schneedecke. Etwas, das störte. Müller blickte nach oben. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und landeten sacht auf der geschlossenen Schneedecke, die noch unberührt war. Keine Fußabdrücke, keine Laufstraße. Nichts.
„Hundehaufen im Schnee, das geht ja gar nicht“, zischte er, „und dann noch vor Ottos Haustür. Der hat seinen Dobermann kurz scheißen lassen und erwartet jetzt, dass ich das riesen Ding beseitige. Aber warte mein Freund, den Zahn werde ich dir ziehen.“
Müller haute den Schieber in den Schnee, hievte den Haufen auf das Blech und trippelte zu Ottos Haustür. Vorsichtig und mit einem Grinsen im Gesicht, drapierte er ihn auf dessen Fußmatte. Einen kleineren, der von irgendeinem anderen Hund stammen musste, legte er gleich dazu. Pfeifend ging er weiter seiner Pflicht nach und stellte sich Ottos Gesicht vor, wenn dieser über den gefrorenen Haufen stolperte. Nicht dass Müller etwas gegen Tiere hatte, aber Scheiße auf den Gehwegen störte ihn.

Nach einer halben Stunde hatte er die letzten Meter auch geschafft und ging zurück um Salz zu holen, welches er auf die bereits schon wieder zugeschneiten Wege streuen wollte. Heimlich natürlich. Herr Müller hatte unter seiner Jacke eine Art Sack, den seine Frau ihm eingenäht hatte. Er füllte ihn mit Streusalz und schlenderte alle Wege lässig ab. Wenn er sicher war, dass sich niemand in der Nähe aufhielt, griff er in den Sack und verteilte das Salz. Nach einer viertel Stunde war auch das erledigt und Müller schleppte sich erschöpft nach oben. Dort erwartete ihn ein gedeckter Frühstückstisch und heißer Kaffee, den er nun dringend brauchte.

 

Nach einem ausgiebigen Frühstück zog er sich um und griff nach seinem Autoschlüssel, da er einen Termin in der Kreisstadt hatte, den er schlecht verschieben konnte.
„Über die Dörfer kommst du nicht weit“, sagte seine Frau.
„Die Straßen sind frei“, antwortete er, „es sind Räumfahrzeuge unterwegs. Aber ich nehme mein Handy mit. Falls was ist, rufe ich an.“
Frau Müller schüttelte den Kopf. „Und dann muss ich dich mit dem Schlitten abholen, oder was?“

Müller antwortete erst gar nicht, sondern verließ eilig die Wohnung, denn auf weitere Diskussionen hatte er keine Lust. Als er auf die schmale Straße einfuhr, die über alle kleinen Kleckerdörfer in die Kreisstadt führte, sah er ihn schon liegen, den LKW. In die Leitplanke gedrückt und in leichter Schieflage. Müller hielt und lief zu dem Fahrer, der unglücklich hinter seinem Lenkrad saß.
„Was ist passiert? Kann ich Ihnen helfen?“
Der Fahrer hob beide Hände, fasste sich an die Ohren und stieg aus.
„Ich nichts verstehen. Sprechen nichts so gut Deutsch. Wollen Polizei anrufen, nichts Handy dabei. Auch nicht wissen, wie Straße heißen.“

 

Jetzt wusste Müller, wozu er sein Handy dabei hatte.
„Keine Panik, ich werde die Polizei für Sie anrufen“, sagte er und machte ein paar pantomimische Bewegungen. Mittlerweile standen ein paar Autos auf der Straße, die nicht weiter fahren konnten, da Müllers Auto alles blockierte, aber eine andere Parkmöglichkeit hatte er nicht gehabt. Die Straße war einfach zu schmal und es war seine Pflicht zu helfen. Als Müller nach seinem Handy griff, um die Polizei zu informieren, hupte der Erste wütend und in Dauerschleife. Müllers Handy rutschte wieder in die Manteltasche und er ging zu dem lärmenden Fahrer. Sauer klopfte er an dessen Scheibe, die dieser schon heruntergedreht hatte, was Müller aber nicht sah, da seine Brille beschlagen war und nockte ihm dreimal vor den Kopf.
„Was sind Sie denn für einer?“, fragte ein glatzköpfiges Kerlchen. „Das ist Körperverletzung!“
Müllers weißer Feueratem schlug ihm entgegen und er wedelte mit einer Hand vor seinem Gesicht herum.
„Ich kann ja solange weiterhupen“, knurrte Müller ungerührt, „und Sie helfen dem Mann dort. Männeken, ich will doch nur die Polizei rufen. Sie sind mir der Richtige. Genau die Sorte Mensch, die an Autos vorbei fahren würden, wenn diese im Graben liegen.“
Der Glatzköpfige rutsche etwas tiefer und sagte kein Wort, denn mittlerweile hatten ein paar Leute ihre Wagen verlassen und nickten zustimmend.
„So, und höre ich jetzt noch einmal Ihre quäkige Hupe, seife ich Sie ein.“

Müller stapfte zurück zu dem armen Fahrer, der ihm auf die Schulter klopfte und lachte.
„Du gut gemacht. Alle Menschen so helfen sich, immer gut. Aber immer Menschen bei, die machen Ärger. Ärger für nichts. Danke.“

Müller griff erneut zu seinem Handy und rief die Polizei. Er führte ein kurzes Telefonat und legte auf.
„Gleich kommt die Polizei, Sie wird Ihnen helfen, hier heile wieder herauszukommen. Leider muss ich weiterfahren, denn ich habe einen wichtigen Termin.“ Er reichte dem Mann seine Hand und verabschiedete sich. Als er gerade ins Auto steigen wollte, rief der Fahrer. „Ich Mehmet.“
Müller hob die Hand: „Ich Manfred. Alles Gute Mehmet.“

Mehmet winkte ihm hinterher und Müller fühlte sich irgendwie zufrieden. „Netter Mann“, murmelte er und schaltete das Radio ein.

Müllers Termin war nicht so prickelnd und er wünschte sich, er hätte ihn abgesagt. Einfach das Wetter vorgeschoben, denn er hasste Zahnärzte. Langsam machte sich ein ungutes Gefühl in seinem Magen breit. Ein Gefühl mit Namen Angst. Seine Hände wurden schneeweiß und seine Nasenspitze ebenfalls, aber er schleppte sich weiter durch den Schnee. Manchmal blickte er sich um und fixierte sein Auto. Er könnte ja, wenn er wollte………Sollte er? Müller drückte den Autoschlüssel, den er in seiner Faust hielt. Das feste Metall gab ihm irgendwie Sicherheit.

„Herr Müller, sie können sofort durchgehen“, hörte er die nette Sprechstundenhilfe sagen, die hinter einer Nebelwand saß. „Raum Drei ist frei und der Schneeschieber kommt auch sofort. Jetzt gucken Sie doch nicht so ängstlich, es ist doch nur eine harmlose Zahnreinigung. Sie werden doch nicht vor einem Gemisch aus Streusalz Angst haben? Herr Müller!“

Wo war Herr Müller? Auf dem Rückweg natürlich. Eine Stunde später schob er wieder unermüdlich Schneemassen beiseite und ärgerte sich über gewisse Dinge, Menschen und Vorschriften. Der Müller war eben der Müller.

©Monika Litschko

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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