Hans Fritz

Plausch vorm Wald



In der Fabel verhalten sich Tiere menschlich, oft allzu menschlich. Sie sprechen, mal laut polternd, mal leise mit Bedacht, vertreten viele Ansichten und zeigen selten Einsicht.

An einem kühlen Septemberabend tritt der aussergewöhnliche Fall ein, dass Tiere des Waldes die Gelegenheit zum Gedankenaustausch bekommen. Dachs Baschi hat dazu eingeladen und wird die undankbare Rolle eines Moderators spielen. Als Ort der Begegnung ist die Randzone eines frühherbstlich gefärbten Mischwalds vorgesehen.

Als Erster erscheint Fuchs Vulpo, der sich, seiner Schlauheit und seines profunden Wissens bewusst, schon als der absolute Star der Runde sieht. Aber er hat die Rechnung ohne den ebenfalls nicht mit Schläue geizenden Überraschungsgast gemacht, nämlich mit Lynx, dem Luchs.

Beim Anblick des ihm noch unbekannten Luchses ruft Häher Garry vom hohen Ast herab: «Gefahr im Verzug, Leute passt auf!» «Dein Warnen, Garry, ist völlig daneben», zürnt Baschi. «Zwar ist der eigentlich alteingesessene Luchs hier zur Zeit noch eine Rarität, aber er gehört zu uns».

Die Waldohreule Iphigenie macht sich mit einem «N’Abend, Freunde» bemerkbar. «Für mich hat der Tag gerade erst begonnen». «Sei mir gegrüsst, alte Nachteule», scherzt Baschi.

Die klammheimlich eingetroffene Hirschkuh Jolanthe erinnert sogleich an alte Zeiten: «Als ich noch jung war –«die Eule unterbricht mit einem «huhuhu» «war das Äsen ergiebiger, das Gras schmackhafter.» «Alles war besser», pflichtet die gerade eingetroffene Waldschnepfe Pauline bei. «Nur diese Menschen nicht, die haben uns gnadenlos gejagt.» «Richtig, auf der Suche nach Delikatessen», bemerkt der Luchs, der angespannt auf einem dicken Ast ausharrt. «Heute versuchen Menschen uns Luchse sogar zu schützen und dort wieder anzusiedeln, wo wir als ausgestorben galten». «Auf der einen Seite vernichtet der Mensch die Natur gnadenlos, auf der anderen Seite versucht er sie zu schützen, das verstehe wer wolle», stellt die Hirschkuh fest.

Jetzt stürmt ein ganzes Wildschweinrudel heran. ‘Die arbeiten wohl nur im Kollektiv’, mögen die anderen denken. «Nur einer von euch darf reden», mahnt der Dachs. «Ja ist gut, da rede ich für uns alle», sagt Bache Erdmuthe zerknirscht, die nach Baschis Einschätzung in der ganzen Sauerei eine leitende Funktion innehat.

«Gestern habe ich den Wolf gesehen», tönt das feine Stimmchen der Waldmaus Pamelina aus dem Schutz des Brombeerdickichts. «Auf den können wir gerne verzichten», meint die Hirschkuh. «Das war wahrscheinlich einer von diesen schrecklichen Hunden, die die Menschen überallhin begleiten», vermutet der Fuchs.

Die Bache triumphiert: «Nach langer Trockenheit haben wir jetzt endlich wieder schlammigen Boden, waten im Pfuhle - herrliche Suhle!» «Du Schwein!», entrüstet sich Eichhörnchen Silvicolo.

Die den Waldweg vorsichtig inspizierende Ringelnatter Lucy zieht es vor zunächst einmal zu schweigen, im Glauben bei vielen Tieren unbeliebt zu sein, besonders bei den Mäusen.

Pauline hatte kürzlich spätabends am Bach eine seltsame Begegnung. «Es fielen mir zwei kleine Kerle auf, die aussahen wie Miniaturbären», berichtet sie. «Ach, das waren wohl solche Exoten, die von Menschen eingeschleppt wurden und bei uns eigentlich nichts zu suchen haben», glaubt der Iltis. Es handelte sich natürlich um Waschbären, deren ursprüngliche Heimat Nordamerika ist. «Hätte nicht gedacht, dass ihr Marder fremdenfeindlich gesinnt seid», empört sich das Eichhörnchen. «Ich hätte allen Grund rassistisch zu sein, wenn ich an die plötzlich wie aus dem Nichts aufgetauchten Grauhörnchen denke». «Tatsache ist, dass eure Population zugunsten dieses Grauhörnchens immer mehr schrumpft», erklärt die Eule. «Eines Tages werdet ihr ausgestorben sein!» «Ach was», wiegelt das Eichhörnchen ab, «soweit ist es noch lange nicht.» Die Eule könnte insofern Recht haben, als das aus Nordamerika stammende Grauhörnchen in vielen Gebieten Europas, besonders in England, das Europäische Eichhörnchen schon verdrängt hat. «Eine solche Haltung, wie sie unser Eichhörnchen an den Tag legt, hat auch schon Menschen ins Unglück gestürzt», behauptet der Fuchs. «Als wir kürzlich die Gartenzone der Nordstadt inspizierten, fielen uns Gruppen von Menschen auf, die irgendwie ganz anders waren», berichtet die Bache. «Wie anders?» möchte Iltis Mustelo wissen. «Na, einfach anders». Da Hirschkuh Jolanthe fürchtet, das Gespräch könnte sich nun im heiklen Thema Rassismus verlieren, versucht sie sich im Themenwechsel, indem sie Baschi fragt: «Wo bleiben eigentlich der Rehbock und der Schwarzspecht? Hast du sie etwa nicht eingeladen?». «Doch doch», erwidert der Dachs. «Keine Ahnung, warum die nicht kommen». «Vielleicht haben sie den Weg nicht gefunden», meint die Schnepfe. «Aber da hätten sie doch jemanden fragen können», bemerkt die Maus.

Eule Iphigenie ruft in die Runde. «Was unterscheidet das Tier vom Menschen?» «Die Menschen bekämpfen sich gegenseitig, wobei es meist um Macht und Vormacht geht», glaubt der Iltis zu wissen. «Und er schreibt Gedichte», ergänzt der Luchs. «Das könnten wir Schweine auch, rein theoretisch», meint die Bache. «Mit eurer Sauklaue, hach», kommentiert die Schnepfe. «Sehr menschenähnlich verhalten sich doch die Ameisen mit ihren Staaten und Völkermord soll ihnen auch nicht fremd sein», erklärt die Maus, die sich mit Staaten bildenden Insekten bestens auskennt.

«Ich möchte wissen, wozu wir da sind», sinniert die Hirschkuh. «Wozu gibt es Menschen, Tiere, Pflanzen, wozu die ganze Natur?» «Unser Dasein erfüllt offensichtlich einen Zweck, den wir nicht, zumindest noch nicht kennen», doziert Baschi. «Wir wissen nicht, wer oder was dahintersteckt, wer uns Leid und Tod beschert, doch manchmal auch etwas Freude am blossen Dasein». «Da steckt wohl der Mensch dahinter, wer sonst», meint der Luchs. Aller Augen und/oder Nasen richten sich nun auf Vulpo, den angeblich allwissenden Fuchs. «Es ist ein System», beginnt er seine Vorlesung, «ein System mit dem Ziel Leben in welcher Form auch immer zu schöpfen, zu gestalten und die Arten zu erhalten, wobei alle Geschöpfe, auch die, die uns piesacken und belästigen, ein Recht auf Leben haben». «Das ist ja ein Ding!» ruft der Iltis dazwischen. «Auch dem Menschen dürfen wir ein solches Recht nicht absprechen», fährt Professor Reineke fort. «Pfui!» schimpft die Bache. «Weiss der Mensch, was hinter dem Begriff Leben steckt?» fragt die Hirschkuh. «Das weiss ich nicht, das ist eine der wenigen Fragen, die ich nicht beantworten kann», entgegnet der Fuchs. «Ich habe den Eindruck, dass der Mensch mit Hilfe einer gewissen Symbolik versucht sich einer imaginären, über allem waltenden Macht unterzuordnen –«, versucht Schlauluchs Lynx zu parieren. «Du lieber Himmel!» seufzt die Schnepfe. «Wir sollten an eine solche Macht glauben, denn ohne an etwas zu glauben wäre das Leben sinnlos», ruft der Häher voller Inbrunst. «Da hat Freund Garry zu guter Letzt einen schönen Leitsatz unserer Runde geprägt», meint Baschi. «Verachtet mir die Wächter nicht!», deklamiert die Eule. «Dort drüben am Wegrand steht ein Kreuz aus Stein, wo Menschen vor einem bunten Bild manchmal in Andacht versunken Blumen ablegen oder in ein Gefäss einstellen», weiss die Bache. «Das könnte doch so ein von Lynx angedeuteter symbolischer Akt sein», meint das Eichhörnchen. «Ja, ganz gewiss», bestätigt der Fuchs.

«Was ist nun eigentlich das Fazit unserer Rederei?» fragt die Maus. «Es gibt keines», erklärt Baschi. «Wir haben miteinander gesprochen und Gedanken ausgetauscht. Das musste einmal sein». «Lieber kein Ergebnis, keinen Beschluss, als ein x-Punkte Programm aufstellen, das nie verwirklicht werden kann», sagt der Fuchs und überlässt der Maus das Schlusswort: «Richtig, das wäre allzu menschlich».

Baschi schlägt vor, dass alle zum Abschluss des Treffens ein paar Minuten lang in Meditation verharren. Die Mitstreiter sind einverstanden und üben sich, ganz unmenschlich, im Schweigen.

Mit dem Ruf «Warnung an alle! Jetzt kommen sie wieder!» unterbricht Häher Garry die Stille. «Wer kommt da zu später Stunde?» fragt die Schnepfe besorgt. «Die Jäger!».

Langsam ziehen sich Baschi und fast alle anderen Gesprächspartner zurück. Der Fuchs hält noch Ausschau nach dem Hasen, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Doch Meister Lampe taucht schon lange nicht mehr auf. Eule Iphigenie hält einsame Wache.
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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