Heinz-Walter Hoetter

Der reiche Mann und sein Sohn

Ein sehr reicher Mann hatte einen Sohn, dem er eines Tages zeigen wollte, wie arm andere Leute lebten und wie gut es ihnen doch dagegen ging.

An einem sonnigen Wochenende war es dann soweit. Vater und Sohn fuhren schon recht früh los und kamen alsbald zu einer sehr armen Bauernfamilie, die weit draußen ganz allein auf dem kargen Land wohnte.

Der Bauer und seine Frau waren herzliche Menschen und begrüßten die beiden Besucher überaus freundlich. Danach führten sie ihre Gäste überall herum, die hautnah miterleben konnten, wie hart die Leute hier arbeiten mussten um überleben zu können. Auch die älteren Kinder des Bauern halfen alle fleißig mit. Jeder musste mit anpacken und seine Aufgaben erledigen.

Am Mittag gab es dann für alle ein typisches Bauernessen, das dem jungen Mann recht gut schmeckte. Jeder am Tisch wurde satt.

So verging die Zeit.

Erst gegen Abend fuhren der reiche Mann und sein Sohn wieder nach Hause.

Auf dem Weg zu ihrer prachtvollen Villa fragte der Vater seinen Sohn: "Na, wie hat dir dieser Ausflug zu den armen Leuten auf dem Land gefallen?"

Der junge Mann schien sehr nachdenklich geworden zu sein. Dann antwortete er mit leiser Stimme: "Oh ja, er hat mir sehr gut gefallen, Vater. Höchst interessant, wie die armen Leute da draußen auf dem Land leben. Ich habe mich wirklich darüber gewundert. So etwas kannte ich noch nicht."

"Wie meinst du das?", fragte der reiche Mann seinen Sohn.

"Was soll ich sagen Vater? Die Kinder sahen sehr gesund und glücklich aus. Sie waren den ganzen Tag an der frischen Luft. Ich habe insgesamt vier Jungen und drei Mädchen gezählt, die immer gut aufgelegt und fröhlich waren, obwohl die meisten von ihnen doch den ganzen Tag hart mitarbeiten mussten. Meine Haut dagegen ist blass, bin oft krank und habe keine anderen Geschwister. Ich wohne ganz allein mit euch in einer riesigen Villa, in der man sich verlaufen kann. Ja, ich habe alles, sogar einen eigenen Butler, der den ganzen Tag für mich da ist. Wir haben auch einen Swimmingpool, der sehr groß ist und weit in unseren Garten reicht, aber die armen Leute hatten einen großen See vor ihrer Haustür, der fast bis zum Horizont reichte. Außerdem hat die Bauernfamilie vier Hunde, zwei Katzen, zwei Pferde, eine Menge Schweine, Kühe und Ziegen. Überall liefen auf ihrem Hof Hühner herum. Ich dagegen habe nur einen kleinen, ziemlich verwöhnten Hund, der immer getragen werden will. Ansonsten habe ich keine weiteren Tiere. Und hast du die wunderschönen Wiesen gesehen, auf denen eine Menge bunter Blumen blühten, Vater? Und dann diese große Anzahl von Äpfel- und Birnenbäumchen, die überall im Garten standen. Haben wir vielleicht so etwas? Nein! In unserem Garten stehen dagegen moderne Lampen, die so hell sind, dass man den Nachthimmel über uns nicht mehr erkennen kann. Die armen Leute erzählten mir, dass man bei ihnen in sternenklaren Nächten sogar Sternschnuppen beobachten könne, die mit ihrem langen Schweif über den Horizont dahin zögen. Dann darf man sich was wünschen. Ist das nicht toll? Ich kann das alles nicht, weil unsere Gartenlampen viel zu hell leuchten, um den Nachthimmel mit seinen Sternen sehen zu können."

Als der Vater das hörte, war er völlig sprachlos. Er war sogar ein wenig verwirrt, weil er von seinem Sohn etwas ganz anderes erwartet hatte. Besorgt blickte er seinen Jungen von der Seite an und bemerkte dabei sein trauriges Gesicht.

Schließlich erreichten sie die Villa. Der reiche Mann parkte direkt vor dem Eingang des Gebäudes. Ein älterer Butler kam heraus und öffnete die Wagentür der vornehmen Limousine.

Kurz bevor sein Sohn den Wagen verließ, sagte er: "Vielen Dank Papa, dass du mir so eindrucksvoll gezeigt hast, wie arm wir in Wirklichkeit sind."

Dann stieg sein Sohn aus, ging in den angrenzenden Garten, setzte sich auf eine Bank und fing bitterlich an zu weinen.


 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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