Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 30

– 12 –

Einen guten Tagesmarsch entfernt führten zwei Männer gerade ein ebenfalls höchst interessantes Gespräch über Nobeline`s Zukunft. Gemeinsam hockten sie unter einer gewachsten Zeltplane, die den hartnäckigen Regen nur unzureichend abhielt. Der Ältere der beiden wirkte, als sei er mindestens so gut eingewachst wie die Plane über ihm. Sein bleiches Gesicht reflektierte das trübe Licht des Tages und ließ seine farblosen Augen noch unheimlicher erscheinen, als sie es ohnehin schon waren. Schulterlanges, strähniges graues Haar klebte an seinem knochigen Schädel, der von einer ausgeprägten Nase dominiert wurde. Gekleidet war er in lederne Reitkleidung und einen schweren, schwarzen Umhang mit Kapuze in den er sich gehüllt hatte. Finster spähte er in den kontinuierlich fallenden Regen, als würde er dort etwas sehen, was anderen verborgen blieb.

„Erkläre mir noch einmal, wie sie dir entkommen konnte“, forderte er seinen Begleiter mit täuschend ruhiger Stimme auf. Der Angesprochene, dessen spitze Gesichtszüge an ein Wiesel erinnerten, zuckte unwillkürlich zusammen. Die verschlagenen Augen bewegten sich unruhig hin und her, als suche er nach einem Ausweg aus der Misere. Es war nicht zu übersehen, daß er sich äußerst unwohl in der Gegenwart seines unheimlichen Begleiters fühlte.

„Ja, Herr. Wir waren unterwegs wie besprochen. Sie ahnte nichts von unserem Plan, sie zur Hexe zu bringen, da bin ich mir sicher, Herr. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt..“, er stockte und wirkte plötzlich, als litte er unter starken Zahnschmerzen, „...Gedichte zum Besten zu geben und mir Lieder vor zu singen.“ 

Das letzte Wort ging bei der Erinnerung an das Grauen, das er durchlitten hatte, in ein Schluchzen über. 

„Es war furchtbar. Fällt Euch auf Herr, wie ruhig es im Wald ist? Sie hat sämtliche Waldbewohner vertrieben. Aber ich habe durchgehalten, Herr. Oh ja! Und dann sind die verdammten Soldaten plötzlich aufgetaucht, haben uns einkassiert und nach Schrottingham verfrachtet. Den Rest kennt ihr.“ Der Regen trommelte monoton auf die gewachste Zeltplane, während Wiesel nervös zu dem Unheimlichen hinüber blickte. Schließlich nickte der Unheimliche, als sei er zu einer Entscheidung gelangt.

„Gut, daß die Soldaten dir dazwischen gekommen sind, war Pech. Aber daß du dir die Kleine nicht nach ihrem Aufbruch aus Schrottingham geschnappt hast, war Versagen! Du weißt, was wir Nordländer mit Versagern machen?“

Wiesel nickte und rückte automatisch ein wenig von dem Unheimlichen ab. Seine Hand tastete nach dem Dolch, den er verborgen unter seiner schmuddeligen Lederkleidung trug. Er hatte Wiesel schon bei so manch schmutzigen Auftrag gute Dienste erwiesen. Nur diesmal war alles schief gegangen. Er bedauerte inzwischen inbrünstig, daß er sich von dem Unheimlichen für diesen Auftrag überhaupt erst hatte anwerben lassen. Er erinnerte sich noch gut an den verhängnisvollen Moment. Damals hatte er den Unheimlichen tief ins Hexenmoor zur alten Hedwig geführt, die am Rande einer stinkenden Brühe in einer windschiefen Holzhütte hauste und verbotene Tränke braute. Keine tausend Pferde hätten Wiesel in die Hütte hinein bekommen. In den Spelunken rund um das Hexenmoor erzählte man sich allerlei finstere Dinge über Hedwigs Behausung. Viele hatten sie wegen eines Hexentrunks aufgesucht, aber angeblich sollte nicht jeder die Hütte auch wieder verlassen haben. Natürlich waren das nur Gerüchte, aber an jedem Gerücht war bekanntlich ein Körnchen Wahrheit. Wiesel hatte den Unheimlichen gewarnt, doch der war ohne zu Zögern in die Hütte gestiefelt und zu Wiesels Verblüffung nach kurzer Zeit mit einem höchst zufriedenen Gesichtsausdruck wieder herausgekommen. Damals hatte er die Worte ausgesprochen, weswegen Wiesel nun in der Tinte saß:

Ich habe einen Auftrag für dich.

Wiesel schluckte bei der Erinnerung. Dann fiel ihm siedendheiß ein, daß der Unheimliche auf eine Erklärung wartete. „Sie wollten mich hängen“, setzte er zur Erklärung an. „Also floh ich und hatte daher keine Möglichkeit, sie mir zu greifen. Ich wartete gut getarnt außerhalb der Stadt, aber das verdammte Gör ist in Begleitung einer gut bewaffneten Truppe Händler abgereist. Ich schlich hinterher, um einen geeigneten Moment abzuwarten, aber als ich zu der Gruppe aufschloß, war sie bereits verschwunden. Die Händler hatten ihr Gequietsche nicht länger ertragen und waren bei Nacht und Nebel ohne sie abgehauen.“

Der Unheimliche nickte. Verstehen konnte er die Händler.

„Ich weiß, was sie durchgemacht haben“, sagte er mit einer Stimme, in der namenloses Grauen mit schwang. „Ich mußte mir das tagelang anhören.“ Sein Blick wurde glasig. „Einmal trug sie mir ihr Epos über den liebeskranken Ritter und die wundervolle, aber widerspenstige Maid vor. Es hat...“ 

Seine Stimme brach, als ihn die Erinnerung zu überwältigen drohte. 

Es hat zehn Akte“, fuhr er flüsternd fort, worauf Wiesel schaudernd zusammenfuhr.

„Wacht ihr deshalb Nachts noch immer schreiend auf?“ Seine Stimme war ein heiseres Krächzen. 

Der Unheimliche nickte und erschauderte unter seinem schwarzen Umhang, als litte er unter Fieber. Es fiel im sichtbar schwer, sich zusammen zu nehmen und wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Sie haben sie also zurückgelassen. Hast du wenigstens ihre Spur gefunden?“

Wiesel nickte zögernd.

„Muß ich die Antwort erst aus dir heraus prügeln?“

„Sie ist nach Westen unterwegs. Ich bin der Spur ein paar Meilen gefolgt und habe sie dann in einem Moor verloren“, beeilte sich Wiesel, mitzuteilen.

„Ich denke, sie wollte nach Versmas“, wunderte sich der Unheimliche. „Das kann nur bedeuten, sie hat sich verlaufen. Das ist gut. Irgendwann wird es ihr auffallen und sie wird umdrehen. Dann kommen wir wieder ins Spiel. Von Westen her führt nur eine Straße nach Versmas. Und die geht mitten durch den Flüsterwald. Dort werden wir auf sie warten.“

Wird fortgesetzt...

Übrigens ....für die, die auf den Kater warten.... nächstes Mal ist er wieder dran :)

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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