Heinz-Walter Hoetter

Odins Raben

Aus der Nordischen Sage erfahren wir, dass ODIN von zwei Raben begleitet wird. Der eine heißt HUGIN (Gedanke) und der andere MUNIN (Erinnerung).

 

Vernimm, du Weltschaffender Gott, dass wir beide dich immer umschweben. Wir ziehen mit dir, wenn Hohn und Spott bedrohen dein unsterbliches Leben. Ich, Hugin, wecke Erinnerung, will schlaf sie betäubend umranken. Ich, Munin, erhalte feurig und jung die schaffenden Gottes Gedanken. Doch niemals verscheuche das Rabenpaar – wir sind des Schicksals vorfliegenden zwei – denn wenn Erinnerung und der Gedanke endet – wirst du zum Untergang eilen.“

 

***

Diese Geschichte schrieb ich bereits im Jahre 2005


 

Die geheimnisvolle Begebenheit, die ich nachfolgend wahrheitsgemäß schildere, geschah im Jahre 2005. Bis heute blieben mir die sich damals abspielenden Vorgänge ein tiefes, unergründliches Rätsel, das ich wohl Zeit meines Lebens nie und nimmer verstehen werde.

 

Die Geschichte muss gewiss jeder Leserin und jedem Leser unglaublich erscheinen, aber sie hat sich damals genauso abgespielt.

 

***

 

Wegen einer schweren Entzündung im Bereich des Oberbauches lag ich damals für mehrere Wochen in unserem Kreiskrankenhaus Fürstenfeldbruck. Die Krankenstation hoch droben in der letzten Etage des Rückgebäudes war die ganze Zeit nicht voll belegt, was auch der Grund dafür war, dass ich seit meiner Einlieferung ein ruhiges Zweibettzimmer ganz für mich allein hatte.

 

Die aufgeplatzte Narbe auf der rechten Bauchseite unterhalb der letzten Rippe schmerzte bei jeder noch so kleinen Bewegung und musste wegen der örtlichen Entzündung von innen heraus heilen. Sie musste also offen bleiben. Deshalb lag ich die meiste Zeit entweder fast regungslos auf dem Rücken oder drehte mich nur hin und wieder, natürlich äußerst behutsam und sehr langsam wohlgemerkt, auf die linke Körperseite, um so dem gefürchteten Wundliegen vorzubeugen.

 

Die eingeteilten Krankenschwestern auf der Station mussten mehrmals am Tag, und auch in der Nacht, frische Verbände anlegen, weil immer wieder schlimme Wundsekrete austraten. Der Heilungsprozess zog sich wegen der hässlichen Infektion in die Länge, und ich dachte damals schon mit Schrecken daran, dass ich bis zu meiner endgültigen Genesung wohl noch sehr lange im Krankenhaus bleiben müsste. Ich war wegen dieser deprimierenden Aussichten nahe davor einfach zu verzweifeln.

 

Aber irgendwie muss man sich mit den gegebenen Umständen arrangieren und man darf vor allen Dingen die Hoffnung nicht verlieren.

 

Das Krankenzimmer war insgesamt spartanisch eingerichtet. Man hatte mich in ein Patientenbett nahe des Fensters gelegt, das wegen der schwülheißen Sommernächte seinerzeit meistens sperrangelweit offen stand. Außerdem hatte ich von dieser Position aus einen guten Blick nach draußen, was mir die Langeweile etwas vertrieb.

Da ich tagsüber viel schlief, lag ich in den langen Nächten oft wach im Bett und starrte die ganze Zeit zum Fenster hinaus.

 

In jener Nacht, als sich dieser unglaubliche Vorgang ereignete, stand der helle Vollmond in seiner ganzen magischen Pracht am nächtlichen Firmament. Die Sterne funkelten wie ein breites, Diamant glänzendes Band und durchzogen die Himmelsphäre so weit das Auge reichte.

 

Langsam wanderte der riesige Vollmond majestätisch am offenen Doppelfenster vorbei. Ich beobachtete ihn und je länger ich ihn ansah desto mehr zog er mich in seinen Bann. Durch das lange Betrachten der hellen Mondscheibe entstand in mir auf einmal so eine Art mystisches Gefühl. Ich verlor irgendwie schließlich jegliches Zeitgefühl und machte mir alle möglichen Gedanken über den sagenumwobenen Vollmond.

 

Die Nächte des Vollmondes sind Nächte der Magie und der verlorenen Seelen.

Bei Vollmond ist man oft besessen von Trieben, Wünschen, Phantasien und Träumen. Während der Vollmondphase steigen die menschlichen Aggressionen. Es passieren mehr Unfälle und Gewalttaten. Ich wusste auch, dass man unbedingt jegliche Operationen oder Wunden vermeiden sollte, da diese zu Vollmond besonders stark bluten und schmerzen. In dieser Nacht hatte ich tatsächlich mehr Schmerzen als sonst und irgendwie empfand ich innerlich eine wachsende Spannung, gerade so, als wollten sich angestaute Energien entladen.

 

Nun, ich erinnerte mich auch daran, dass die Vollmondphase auch die Zeit der Zaubersprüche, Kräuter und vieler mystischer Wesen ist. Außerdem ist sie eine gute Zeit für Schutzzauber, um schlechte Einflüsse zu bannen. All das ging mir kreuz und quer durch den Kopf in dieser Nacht. Dann musste ich wohl irgendwann eingeschlafen sein.

 

Doch mein leichter Schlaf währte nicht lange. Ich erschrak plötzlich durch ein kratzendes Geräusch auf der Fensterbank.

 

Im nächsten Augenblick war ich wieder hellwach und starrte mit ungläubigem Blick hinüber zum geöffneten Fenster. Da saßen auf einmal, wie aus dem Nichts kommend, zwei ziemlich große Raben, die mich offensichtlich schon die ganze Zeit beäugt hatten, während ich im Halbschlaf lag. Es waren wirklich zwei außergewöhnlich große Exemplare, wie ich sie zuvor noch nie gesehen habe. Ich kenne diese Vogelart sehr gut und weiß, wie groß solche Tiere in der Regel sind.

 

Außerdem habe ich mich mal eine Zeit lang mit der nordischen Mythologie befasst und wusste, dass zwei Kolkraben, eben Hugin und Munin, als Boten und Späher für den Gott aller Götter, Odin bzw. Wodan, auftreten. Sie erkunden für ihn die Welt und erstatten ihm Bericht und versetzen den einäugigen Gott eigentlich erst in die Lage zu sehen und zu verstehen. Wenn man sie sieht oder ihnen direkt begegnet sollte man auch sagen: „Grüßt Odin von mir!“, was ich schließlich auch tat, weil es ja ziemlich selten vorkommt, zwei dieser schwarz gefederten Tiere ausgerechnet um Mitternacht bei Vollmond anzutreffen, noch dazu bei geöffnetem Fenster eines sich im fünften Stockwerk befindlichen Krankenzimmers.

 

Nach diesen freundlichen Worten meinerseits spazierten die beiden aufmerksamen Raben ein paar Mal auf dem breiten Fenstersims hin und her, nickten sich gegenseitig zu und waren kurz darauf genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Die herrschende Dunkelheit verschluckte sie einfach wie ein schwarzes Tuch das weiße Licht.

 

Was dann aber geschah, lässt mich heute noch erschaudern und die Nackenhaare steil aufstellen.

 

Auf der gegenüber liegenden, beigefarbenen Zimmerwand wanderte auf einmal ein großer dunkler Schatten in Richtung der kleinen Wandlampe, die sich mir direkt gegenüber befand und eingeschaltet war. Mit ihrem diffusen Licht leuchtete sie das Zimmer nur spärlich aus.

 

Wie gebannt verfolgte ich mit meinen weit aufgerissenen Augen diese seltsame Erscheinung, die auf einmal abrupt die Richtung wechselte und sich nach unten zum Boden hin bewegte. Ich spürte schließlich instinktiv, wie dieser kriechende Schatten auf mich zukam und verhielt mich daher ganz ruhig. Ich bewegte mich keinen Millimeter vom Fleck und wartete ab.

 

Dann spürte ich ganz deutlich, wie etwas an meinen Beinen hoch kroch. Es fühlte sich ungefähr so an, als krabbelten eine große Zahl von Ameisen über meine Haut. Schließlich schien sich das Krabbeln auf nur einen Punkt zu konzentrieren, nämlich auf den direkten Bereich der offenen Narbe im rechten Oberbauch. Irgendjemand machte sich wenige Augenblicke später daran zu schaffen. Ich kann mich noch schwach daran erinnern, dass ich schließlich in eine Art Trancezustand verfiel und am Ende in einen tiefen Schlaf versank.

 

Am nächsten Morgen kam die ärztliche Stippvisite in mein Zimmer. Der behandelnde Arzt legte die verdeckte Wunde frei, ließ sie von einer Stationsschwester reinigen und sah mich im nächsten Moment erstaunt an.

 

Seine Worte klingen mir heute noch in den Ohren als er sagte: „Ja schau her! Was sehen wir denn da? Die Wunde eitert ja nicht mehr und scheint sich endlich langsam zu schließen. Ich dachte schon, wir müssten ein weiteres Mal operativ eingreifen, aber so wie es jetzt aussieht, wird das nicht mehr nötig sein.“

 

Ich war darüber richtig erleichtert.

 

Kurz danach verließ er wieder das Krankenzimmer und verschwand mit seiner Besuchercrew irgendwo auf dem Flur.

 

Es war schon fast gegen Mittag, als ich abermals einschlief. Ich träumte plötzlich von zwei Raben, die mich nur kurz besuchten und dann wieder davon flogen. „Seid ihr Odins Raben?“ fragte ich im Traum und sie nickten mir im davon eilenden Fluge zu.

 

Ich wachte erst wieder auf, als das Essen von einer Stationshilfe auf einem kleinen Wagen ins Zimmer geschoben wurde. Noch ganz schlaftrunken erinnerte ich mich an das zuvor Geträumte und was mir in der hellen Vollmondnacht an Geheimnisvollem widerfahren war.

 

Etwa eine Woche später durfte ich das Krankenhaus als geheilt wieder verlassen – nach einem vorangegangenen Aufenthalt von mehr als vier Wochen. Ich hielt das für ein Wunder.

 

Die Heilung der infektiösen Narbe, die anfangs auch den Bauchraum erfasst hatte (was übrigens tödlich enden kann), war nach diesem mystischen Erlebnis außergewöhnlich schnell vonstatten gegangen. Auch die Ärzte waren darüber verblüfft. Sie erklärten das mit meiner guten körperlichen Gesamtverfassung.

 

Ich wusste es aber besser, obwohl ich natürlich davon überzeugt bin, dass ihre medizinische Behandlung keineswegs verfehlt war.

 

Nun, immer wieder erleben Menschen ungewöhnliche Dinge, die sie nicht ohne weiteres berichten können. Es fällt einem schwer, darüber zu schreiben. Man traut sich nicht richtig, weil man wohl möglich als Spinner abgetan wird.

Solche außergewöhnlichen Erlebnisse werden häufig als paranormal bezeichnet. Insbesondere dann, wenn ein Erlebnis "rätselhaft", "unerklärlich" oder als nicht in die Erfahrungswelt des Alltags ein- oder zugeordnet werden kann. In diesem Falle wird es als subjektives paranormales Erlebnis bezeichnet.

 

Diese übersinnliche Erfahrung von damals hat mich bis heute stark beeinflusst.

Ich bin davon überzeugt, dass es noch andere Welten gibt, die wir mit unseren irdisch angepassten Sinnen entweder nicht, sehr vage oder, wenn überhaupt, nur sehr selten wahrnehmen können. Vielleicht bedarf es dazu besonderer Fähigkeiten, die nur sehr wenige Menschen hier auf Erden von der Natur mitbekommen, um diese unbekannten Dimensionen erkennen zu können.

 

Das Leben im Spektrum des weißen Lichts ist nur ein winzig kleiner Teil der Erstreckung des Raumes und der Zeit. Ist das, was wir mit unseren Sinnen in diesem engen Bereich (einer vermeintlichen Gegenwart) wahrnehmen können und vom Gehirn als „unsere erfahrbare Wirklichkeit“ dargestellt wird, wirklich so, wie sie uns das Gehirn möglicherweise nur „gefiltert“ vermittelt?

Was ist, wenn wir andere Sinne hätten, die um ein Vielfaches empfindlicher wären als jene über die wir verfügen? Wir sind artspezifische Wesen, die nur über grobe Sinnesempfindungen verfügen. Wir sollten daher vorsichtig sein, die für uns erlebbare (und erfahrbare) Wirklichkeit als die einzig wahre hinzustellen.

 

Nachwort


 

Erstaunlicherweise gibt es aber eine Vielzahl von Menschen, die im Gespräch unter vier Augen von Erlebnissen berichten, die nach landläufiger Meinung als übernatürlich gelten. Aus Furcht, fortan als unglaubwürdig abgestempelt zu werden, scheuen die meisten von ihnen jedoch das Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Hat die Naturwissenschaft etwas zu solchen Vorstellungen zu sagen? Inzwischen gibt es eine Reihe von namhaften Physikern, die solche Effekte für real halten. Dabei kommen sie zu dem revolutionären Schluss, dass es eine physikalisch beschreibbare Seele gibt. Das Fundament für die atemberaubende These liefert das quantenphysikalische Phänomen der Verschränkung.


 

©Heinz-Walter Hoetter


 

 


 


 

 

 


 

 

 

 


 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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