Walter Strasser

Erbärmliche Gesichter


In glückseliger Unwissenheit und Leere liegt er vor mir.
Das ständige flackern der Kerzen zeichnet tanzende Schatten an die Wand. Durch das staubige Bogenfenster, links von mir, dringt in stetem Rhythmus, das an und immer wieder ausgehende, Licht vom Hof in den Raum herein. Golden, still und berechenbar in seiner Automatik der ständigen Überwachung, von hell zu dunkel, hell zu dunkel, hell zu dunkel ...
Sanft streiche ich dem Mann über das straff nach hinten gekämmte, dunkle Haar. 
Ruhig, sage ich, das renkt sich schon wieder ein. Endgültigkeit ist nicht alles im Leben. Es ist mehr etwas für den Tod.
Für eine Weile betrachte ich all die bunten Rosen, Nelken und Lilien um mich herum. Ich mag sie nicht. Der Duft und die Farbenpracht zerschütteln meine Gedanken. Blumen dieser Art geben mir immer das Gefühl von Atemnot. Dazu tickt in meinem Rücken eine alte Küchenuhr. Nervenaufreibend zerhackt sie die Zeit in sekündlich wiederkehrende Neuanfänge.
Tick tack, tick tack, tick tack -  
Wie du siehst, ich knie nicht vor dir nieder. Nicht vor dir und auch vor sonst niemanden. Denn was ich sehe, ist nichts weiter als ein erbärmliches Gesicht.
Wenn eine vereinzelte Eichel vom Baum fällt, dann kümmert es mich mehr, als ich mich um deinen Körper – lebendig oder nicht – grämen würde.
Lass mich dich einfach nur betrachten. 
Wie war mein Gedanke noch mal?
Ach ja - erbärmliches Gesicht, Du erbärmliches Gesicht!
Glücklich in der Ekstase des Schindens und Quälens, gnadenlos mit dem Stock und dabei so schwach in ihren wollüstig hungrigen, gierig lügenden Gedanken, stark in der Stärke andere zu fordern.
Auf der anderen Seite hingegen, all diese anderen erbärmlichen Gesichter, es sind lederne, magere, hart gewordene Gesichter, mit Stimmen, die aus zerschlagenen Mündern kommen, meist ruhig flehentlich, geduldig leise. 
Es brennt kein Feuer in ihnen, nicht in den Zügen, schon überhaupt nicht in den Augen. Kein funken Stolz oder Ehre ist in diesen dunklen Brocken von Kohle, die doch Augen darstellen sollen. 

Diese Augen vor mir sind fest geschlossen, so fest wie der Mund. Der Gedanke, dass ich es aufbrechen muss, dieses schamlose Loch von Mund, belustigt mich.
Aus ist´s mit dem Wölfisch falschem Lächeln, nicht wahr?
Ich strecke meine Hand aus. Ziehe die Oberlippe zur Nase hoch. Wunderbar - der struppige Schnauzbart würde alles verdecken. Glück muss der Mensch eben haben. Schöne Zähnchen sind es. Man würde sich gut an sie gewöhnen. Da zahlt sich das genussvolle Fressen schon aus. Schön gestärkt vom reißen an gut gegartem Fleisch.
Aber geholfen hat´s dir eben nichts, nicht wahr, du Tier, du schweiniges Tier. Mir hast du sie ausgeschlagen meine Zähne, mit deiner alles zerbrechenden, diktatorischen Faust. Weil meine Arme müde wurden. Weil die Sense stumpf war und weil ich mein blödes Maul nicht halten konnte.
Da war ich doch um so viel besser dran, als ich noch auf der Straße lebte!

Und jetzt liegst du da, durch Fäulnis ausgemustert. In deinem besten Sonntagsanzug. Und sie stehen um dich herum. In der Hundemiene einer gekünstelten Traurigkeit. Im trockenen, immerzu gleich klingenden Schlag, beklagen sie in gespielter Frömmigkeit deinen Tod.
Vielleicht beklagen sie aber auch ihr eigenes Leben, das in seiner Unberechenbarkeit, sie alle irgendwann in die körperliche Niederlage reißen wird. 

Bis sich alle eingetänzelt haben, für den letzten Weg, begleitet vom Song deiner Wahl, muss ich die Zeit nützen. Dabei ist es keine Frage des Wollens, eher des Müssens. 
Aug um Aug - Zahn um Zahn! So einfach muss es sein. 
Sauerampfer und Gras haben wir gefressen, manchmal Obst von den Bäumen gepflückt und meist Kartoffeln aus der Erde gerissen. Für viele ein Picknick. Für uns die Wahrheit des Lebens. 
Vom Schlachtvieh die Gedärme, die Klauen, der Rüssel, das Euter – Abfall. So wie wir!
Mit dem Daumen ziehe ich dir das eine Augenlid hoch. Amüsiert blicke ich in die starre, milchige Iris. 
Ich könnte es ausstechen, das dreckige Auge, daß alles gesehen und über nichts hinweggesehen hat. 
Natürlich - in seiner Sinnhaftigkeit wäre diese Tat zu hinterfragen. Das Ergebnis würde keinen meiner inneren konzentrischen Kreise zum Schwingen bringen. 
Zudem habe ich kaum das Bedürfnis dem Tod etwas vorzuenthalten. 
Ich nehme nur, was mir zusteht! 
Ich ziehe meinen scharfen Feitel aus der Hosentasche und beende die Bewegung, mit einem kurzen Schlenker des Handgelenks, um die abgenützte Lederscheide des Messers abzustreifen. Der Feitel mit dem festen Hirschhorngriff liegt in meiner Hand, als wäre ich bereits damit geboren worden. 
Jeder der einen Feitel, so wie ich, zu halten und zu führen vermag, sollte auch das Recht haben, Jedermann damit umzubringen! 
Der Gedanke dahinter liegt in der gewollten Endgültigkeit.
Den, die Wahrheit schenkt einem nur der Tod. 
Der Gedanke gefällt mir, eine einzige unwiderrufliche Handlung, die nur ich ganz allein auszuführen vermag, weil ich, so scheint es, weit und breit der Einzige bin, der frei von göttlichem und frei von staatlichem Glauben ist.
Früher da saß und schlief ich auf dem Boden, trank dunkle Mixture und rauchte gehamsterte oder gestohlene Zigaretten. Hin und wieder lehnte, lag und rekelte ich mich, in halbdunklen Gassen, mit den mehr oder weniger willigen Weibern. 
In der Gemeinschaft gleich gesinnter spielte man Karten, Dame, oder Schach. 
Man redete - doch redete man nicht, um die Zeit zu verbringen. Man redete, weil man gerne redete. So wie man des weilen jemanden in sein Messer dreht, weil man wieder mal das Bedürfnis verspürte ein Held zu sein. Was Kreaturen wie ich, des Üblichen nicht sind.

Und jetzt? Wünschen sie eine Extraktion, mein Herr? 
Ohne zu zögern dränge ich die Spitze des Messers zwischen die Lippen des Toten, drehe es kräftig einige male herum. Ich muss es zwischen die fest aufeinander gepressten Zähne bekommen. 
Zum schweinischen plappern brachtest du es ganz leicht auf, dein Maul, und jetzt habe ich damit zu kämpfen - du ewig tobsüchtiges Nichts!
Mein Verstand runzelt die Stirn, ob der Mühe, die es macht. Dabei stößt mich in seinem Ton, das dabei auftretende Knirschen weder ab, noch beeindruckt es mich in der Herausforderung. 
Die kleine Lücke, zwischen den beiden Vorderzähnen. Wenn ich mein Messerchen da rein stoße, und einen zarten Schnitt nach oben setze … so in etwa … bis rauf zum Kieferknochen ... dann kann ich sie vielleicht raus hebeln, die Zähnchen. Einen Hammer hätte ich mitbringen sollen - ich Dummerchen!
Hm, habe ich soeben gezuckt?  
Seltsam - war wohl reines Instinkt zucken. Nur weil ich vermeinte etwas zu hören - jemand könnte kommen … nun … kommt aber keiner.
Wer würde auch freiwillig ein Totenzimmer betreten – zu dieser späten Stunde?  
Gut, vielleicht sein Frauchen, die plötzlich bemerkt wie sehr sie ihn vermisst? 
Ihm, in ihrer Trauer vertieft, noch schnell was ins Ohr flüstern will. Beste Grüße für die Reise - vielleicht?

Sein Frauchen, was auch immer sie mit ihren Gefühlsbeteuerungen der letzten Tage bewirken will, eines steht fest. Wenn eine Frau bei der Wahl ihres Mannes der Unvernunft hinterherläuft und ihre Träume einfach so pragmatisch und berechnend wegwischt, kann sie sich genau so gut einen kalten Fisch zwischen die Beine schieben - beschert einem unter Garantie eine nachhaltigere Befriedigung als es dieses Stück verwesende Fleisch, hier vor mir, je konnte.
Genau betrachtet ist sie jedoch auch nicht mehr, als eines dieser vielen erbärmlichen Gesichter. Weit entfernt von einer Schönheit. Wenn sie einem wenigstens die Illusion von Lieblichkeit vermitteln könnte. Mit einem hübschen Lächeln zum Beispiel.
Aber der giftige, wortreiche Eiter aus ihrem ständig überquellenden Mund, dringt unaufhaltsam und tief in deinen Verstand – setzt sich dort fest, quält dich so lange, bis du ihr am liebsten den Schädel einschlagen würdest.  
Ein richtiggehend griesgrämiges und hinterlistiges Weib ist es - ein unfehlbares Heilmittel gegen die Liebe. 
Sie ist heiß – natürlich! 
Gut zu vögeln? - sicherlich – so lange du es schaffst ihrem Gekreische zu entfliehen.

So dränge ich mich einfach weiter, quer durch dieses stinkende Maul hier.
Wie es ausschaut gehts wohl doch nicht, ohne dabei ein bisschen grob zu werden.  
Es liegt am Takt. Ich muss ihn erhöhen – den Takt.  
Immer feste drauf, bis er bricht - der Widerstand!
Aber was, wenn du mir aus der Kiste purzelst? So Holter di polter. Oder die Kiste - mit dir drin - auf große Reise geht. Wie so n klasse Schneeschlitten im Winterwonderland.

Was hat er zuletzt noch genossen, der verfressene Hund? Filet Mignon, getrüffelte Nudeln mit zartem Wachtelfleisch, Kaviar, Spargel mit Kalbsfilet, Schnecken in Knoblauch – Kräuterbutter. 
Vielleicht wars ja auch ein Zicklein? In Portweinsauce mit Pfifferlingen?
Ein kleines zartes Zicklein.
So ein weiches, anschmiegsames, den Himmel versprechendes Zicklein - grad so eins, wie es nebenan in ihrem Bettchen liegt. Vermutlich von ihrem Vater träumt - um ihn weint. 
So ein Zicklein ist schon was ganz besonderes, ist wie ein Kreisel in deinem Kopf. Diese selige Unwissenheit, diese bald erblühende Hülse, diese Wirklichkeit hinter der Fantasie. Im Ersatz zu der alten, ausgedorrt und ausgefressenen Schote, ist es der Zugang zu deinem Verstand. In der perfekten Imitation eines Engels, ist es an dir dran. Weit entfernt von einem weiteren erbärmlichen Gesicht gibt es dir die Kraft, die du benötigst, um es zu knacken. 
All die unnahbaren Kitzlein selbst, sind die Auslöser für unser Versagen. Mit ihren Anblick  rauben sie uns den Verstand und in ihren gesprochenen Worten liegt ein Klang, welcher die härtesten der harten, die Elite von uns, aus dem tiefsten Inneren heraus zu zerreißen vermag.
Unsere Gesichter - sind immer dieselben Gesichter. Erbärmlich schön, oder erbärmlich  hässlich.  Unsere Stimmen - sind immer dieselben Stimmen. In ihrer Bestimmung unergründlich. Und wie der Mensch im allgemeinen wollüstig und gierig ist, wie er lügende, heuchelnde Gedanken hat, so entspringt doch auch all dieses schwarze in uns, der Notwendigkeit einer einzig wirklichen Stärke - der des Willens zum Überleben.

Aber habe ich Zeit, um sie zu vertrödeln?   

In alter Tradition liegt er aufgebahrt im Wohnzimmer. Einem Märtyrer gleich. Und doch ist er um nichts mehr, als ein weiteres, erstarrtes, wächsernes und erbärmliches Gesicht!
In dieser Art, nur eines von vielen.
Ein armer Mensch!
Im Universum nicht mehr als ein kleiner Wicht.
Hier liegt er in penetrierter Macht,
so würdelos in ausgeprägter Weise.
Bis in alle Ewigkeit nur dunkle Nacht!
Wie schön!
Für alle Zeiten nie ein helles Licht.
Der Tod - er frisst deinen Körper samt der Seele auf. 
Vergiss die Zähnchen - ich brauch sie nicht, den schon Morgen, auf deinem letzten Weg - da greif ich dem Zicklein an die Fut.
Da brauchts nicht viel - nur ein scharfes Messerchen ... und ein bisschen Mut!




 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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