Manfred Sander

Jonathan feiert Silvester

Hallo meine Freunde, hier bin ich wieder, Euer Jonathan. Vielleicht könnt ihr euch erinnern, daß ich

euch die Geschichte von der Silvesternacht erzählt habe, in der meine Schwester Silvestra

geboren wurde und dadurch dem Karpfen Balthasar das Leben gerettet hatte. Auch von Hoppel,

unserem Osterhasen, der das damalige Osterfest nicht überlebte, habe ich euch erzählt. Ebenfalls

habe ich über die Silvesterfeier mit meinem Schulfreund Enrico und über meine Schwester

Silvestra geschrieben, die sich vom Klapperstorch ein Puppenmädchen wünschte. Ich habe euch

auch die Geschichte erzählt wie ich das Mädchen Walburga kennenlernte und später heiratete,

und wie unser Sohn Salomon seinen Weihnachtswunsch dem Weihnachtsmann mitteilte. Soweit

ihr diese schönen Geschichten noch nicht gelesen habt, könnt ihr es nachholen, denn ich habe

sie bei facebook.com und twitter.com veröffentlicht. Auch bei Amazon und dem einschlägigen

Onlinebuchhandel kann das Buch „Manis Geschichten und Gedichte“ erworben werden, das

neben den Geschichten von Jonathan noch viele andere Geschichten und Gedichte enthält. Auch

auf das sehr schöne Buch „Das Frühchen“ möchte ich hinweisen, das von einem Jungen handelt,

der mit seinen Zauberkräften gute Taten vollbringt.

Da wir wieder mit Riesenschritten auf den Jahreswechsel zueilen, muß ich an die vielen schönen

Silvestererlebnisse denken, die ich insbesondere in meiner Kind-und Jugendzeit hatte. Besonders

ein Erlebnis ist in meiner Erinnerung haften geblieben. Ich war 5 Jahre alt und an die Ankunft

meiner Schwester Silvestra hatte noch keiner gedacht. Wir lebten gemeinsam mit meinen

Großeltern väterlicherseits in der Dachwohnung eines nicht mehr ganz ansehnlichen Mietshauses.

Unter uns befanden sich noch 3 Wohnungen auf drei Etagen und ganz unten die

Parterrewohnung. Mein Vater stand mit allen Mitbewohnern des Hauses auf Kriegsfuß. Nicht dass

es einen Streit oder ein Zerwürfnis mit ihnen gegeben hätte, nein, ihnen gegenüber war er immer

sehr freundlich, und ein Außenstehender wäre über die bestehende Harmonie erstaunt gewesen.

Aber innerhalb unserer Dachwohnung machte er meiner Mutter und meinen Großeltern gegenüber

seinem Ärger ungebremst und ungezügelt Luft. Unter uns wohnte Herr Klimper, ein Komponist,

dessen Klavier fast den ganzen Tag beansprucht wurde. Wenn Vater abends von der Arbeit nach

Hause kam, und die Musik drang durch die hellhörige Decke, fing er oft zu fluchen an. „Muß der

Idiot unter uns zu dieser Zeit noch so mit seinen Pfoten in die Tasten hauen. Der Trottel spielt ja

nicht nur laut, sondern auch noch völlig falsch. Wenn Mozart das hören würde, würde er sich im

Grabe umdrehen. Irgendwann gehe ich runter und schlage dem Mann die Zähne ein oder breche

ihm die Finger.“ So und ähnlich hörte man Vater des öfteren lamentieren.

Unter dem Komponisten wohnte ein schon sehr betagter Mann, der mir gegenüber immer sehr

nett war, und den ich Onkel Justus nannte. Er mußte von einer sehr kleinen Rente leben, und

hatte es schwer, sein Leben einigermaßen erträglich zu gestalten. Seine Zähne waren schon alle

ausgefallen, doch an die Anschaffung eines Gebisses konnte er mit seinen spärlichen Mitteln

nicht im Entferntesten denken. Vater hatte eigentlich nichts gegen Onkel Justus, aber kürzlich

kam er abends nach Hause und sagte: „Eben habe ich im Treppenhaus den Schrumpfkopf

gesehen. Er sieht ja wie ein Gespenst aus. Daß der sich nicht mal mit einem Gebiss ein wenig

aufpoliert, um wieder wie ein Mensch auszusehen.“

Unter Onkel Justus wohnte Frau Fischer, eine auch schon etwas ältere Dame, von der Vater

immer wieder erzählte, sie hätte nicht alle Tassen im Schrank.

Unter Frau Fischer wohnte Herr Bauer, ein noch junger, lediger Polizeibeamter mit seinem

Schäferhund „Bummer.“ Vater regte sich ständig darüber auf, daß der Hund im Hausflur sein

großes Geschäft verrichte und Herr Bauer nicht daran denke, die stinkenden Haufen zu entfernen.

„Der Herr Bauer dürfte gar keinen Hund haben, wenn er nicht in der Lage ist, diesen richtig zu

erziehen,“ regte sich Vater immer auf. Als er kürzlich in einen noch frischen Haufen getreten war,

wetterte er voller Wut: „ Wenn mir das noch einmal passiert, schnappe ich mir den Herrn Bauer

und ziehe ihn Mit der Nase durch den Haufen seines Hundes. Es muß dem Herrn doch

beizubringen sein, daß man mit dem Hund Gassi geht und dessen Exkremente fein und

säuberlich zu entfernen sind.“

In Parterre wohnte eine rothaarige Frau im mittleren Alter. Vater sagte immer, sie sei eine

Bordsteinschwalbe, weil sie viele fremde Männer in ihrer Wohnung empfange. Er ist der Meinung,

daß sie dadurch das ganze Haus in Verruf bringe und ihr daher das Handwerk zu untersagen sei.

So gestaltete sich der Zustand in unserem Wohnhaus als der Silvesterabend erreicht war.

Die Turmuhr der nahe gelegenen Kirche schlug gerade sechs, als mein Vater zu mir sagte: „ Sei

schön brav Jonathan, Mutti und ich gehen zu Onkel Otto und Tante Anna, um mit Ihnen in das

neue Jahr hineinzufeiern. Du kannst ja mit Oma und Opa noch ein bißchen zusammensitzen,

bevor du ins Bett gehst.“ Ich nickte kurz meinem Vater zu, obgleich mich der Gedanke, mit

meinen Großeltern noch zusammenzusitzen nicht begeisterte. Deshalb folgte ich dem Vorschlag

auch nicht und setzte mich an den Wohnzimmertisch und spielte mit meiner Eisenbahn, die ich

Weihnachten vom Christkind bekommen hatte. Es verging keine halbe Stunde, als Großvater zu

mir kam. „Mir geht es heute gar nicht gut, Jonathan,“ murmelte er und lächelte dabei, was

überhaupt nicht zu seiner Aussage passte. „Ich gehe jetzt zu Bett, damit ich morgen frisch und

munter das neue Jahr begrüßen kann.“ Ich schaute Großvater an und bewunderte seine weißen

und ebenmäßigen Zähne, die durch das Lächeln sichtbar wurden. Er hatte in der vorigen Woche

ein neues Gebiss bekommen und war froh darüber, daß er wieder das geliebte Wellfleisch mit den

Knusperknochen beißen konnte. Aber es sah für mich irgendwie merkwürdig aus, solche schönen

Zähne in einem doch schon sehr alten Gesicht zu sehen. Ich fand, daß das nicht so richtig

zusammen passte. „Du kannst ja noch ein Weilchen spielen,“ sagte er während er langsam in

Richtung seines Schlafzimmers schlurfte. Kurze Zeit später folgte ihm auch Großmutter, und ich

war allein. Ich hatte schon den Gedanken, auch zu Bett zu gehen und daher meinen Schlafanzug

schon angezogen, als sich irgendetwas in mir dagegen auflehnte. Du bist zwar erst 5 Jahre, sagte

ich mir, aber wenn alle anderen an diesem besonderen Abend feiern, habe auch ich das Recht,

etwas besonderes zu unternehmen. Aber was? Ich saß da und überlegte, und plötzlich kam mir

ein Einfall. Großvater hatte öfters über seinen selbstgemachten Heidelbeerwein geschwärmt. Ich

wußte, daß er einige Flaschen davon in einem abgeschlossenen Schrank aufbewahrte. Vielleich

schmeckt mir der Heidelbeerwein auch, dachte ich. Ohne lange zu zögern, stand ich auf und ging

in die Küche. Ich wußte, daß Großvater den Schlüssel für seinen Heidelbeerweinschrank oben auf

einem Küchenregal deponiert hatte. Ich zog einen Stuhl unter das Regal und erklomm ihn, doch

wie ich mich auch reckte, war der Schlüssel noch unerreichbar. Erst nachdem ich einen kleinen

Fußschemel auf den Stuhl gestellt und diesen in einer halsbrecherischen Weise erklettert hatte,

gelang es mir, das Ziel meiner Begierde zu erreichen. Ich schloß Großvaters Schrank auf, entnahm

eine Flasche des Weines, setzte mich an den Küchentisch und schüttete etwas von dem

begehrten Getränk in ein dort stehendes Glas. Vorsichtig nahm ich einen Schluck. Beeindruckt

von dem köstlichen Geschmack nahm ich auch noch einen zweiten und dritten Schluck. Jetzt war

mir bewußt, daß Großvater zu Recht über seinen Heidelbeerwein ins Schwärmen gekommen war.

Ich fühlte, wie der Wein mir zu Kopf ging, aber mein Gemütszustand konnte nicht besser sein. Ich

merkte zwar, daß es mir leicht schwindlig wurde, aber auch Mut und Kraft hatten um ein

erhebliches Maß zugenommen. Ich fühlte mich zu etwas Besonderen berufen. Wenn Vater im

Hause die Probleme nicht löst, dachte ich, dann werde ich das selbst in die Hand nehmen. Und

da ich das Haus nicht verlassen muß, kann das auch im Schlafanzug geschehen. Voller

Selbstvertrauen und Courage öffnete ich die Tür zum Treppenhaus, tippelte eine Etage tiefer und

drückte auf die Klingel von Herrn Klimper. Ich hörte langsame und schwere Schritte. Dann öffnete

sich die Tür und Herr Klimper schaute erstaunt auf mich herunter. „Nanu mein Junge, was führt

dich zu dieser späten Stunde zu mir, oder hast du dich in der Tür geirrt?“ Ich merkte, wie mein

anfänglicher Mut mehr und mehr schwand, aber ich nahm mich zusammen und brachte die Worte

heraus: „Guten Abend Herr Klimper, ich bin gekommen, um mit Ihnen etwas Wichtiges zu

besprechen.“ „So,so, kleiner Mann,“ antwortete Herr Klimper sichtbar belustigt, „ was gibt es

denn Wichtiges, was du mit mir besprechen willst?“ „Mein Vater ärgert sich jeden Abend, wenn

er von der Arbeit nach Hause kommt, wenn er Ihr lautes und falsches Geklimpere hören muß,“

antwortete ich. „Er sagte Mozart würde sich im Grabe umdrehen, wenn er Ihr Klavierspielen hören

würde und wenn diese Belästigung nicht bald aufhöre, würde er Ihnen die Zähne einschlagen und

die Finger brechen.“ Ich reckte mich ein wenig, um größer zu erscheinen und fügte hinzu: „bei

dieser Sachlage, Herr Klimper, wäre es doch zweckdienlich, wenn Sie in den Abendstunden Ihre

Finger vom Klavier lassen würden.“ Herr Klimper sah mich ernst an und legte mir seine Hand auf

den Kopf und ich hörte seine Stimme wie aus weiter Ferne: „ Es ist gut, kleiner Mann, daß du zu

mir gekommen bist. Erzähle bitte deinem Vater, daß ich ihn morgen aufsuchen werde, um mich

mit ihm über das Geklimpere und die anderen Dinge zu unterhalten.“ Herr Klimper schloß die Tür

und ich stieg wieder die Treppen empor, um die nächste Aufgabe zu lösen. Ich war eigentlich mit

dem Ergebnis meiner Besprechung ganz zufrieden, denn bei der morgigen Unterhaltung zeichnete

sich bestimmt eine Lösung ab. In aller Eile schlürfte ich schnell noch einen Schluck

Heidelbeerwein, schlich dann in das Zimmer meiner Großeltern, um das alte Gebiss meines

Großvaters aus seinem Nachttisch zu holen. Meine Großeltern schliefen schon tief und fest, und

es war nicht schwer, wieder ungehört das Zimmer zu verlassen. Das Gebiss in der Hand stieg ich

zwei Etagen hinab und stand vor der Tür von Onkel Justus. Ich klingelte, und keine zehn

Sekunden später öffnete Onkel Justus die Tür. „Hallo Jonathan, was für eine schöne Überaschung

am Abend,“ sagte er, „was führt dich zu dieser späten Stunde zu mir?“ Ich wollte dir ein

Geschenk bringen, über das du dich bestimmt freuen wirst, antwortete ich. Mein Vater sagt

immer, dein Gesicht würde immer weiter einfallen und du würdest mit deinem Schrumpfkopf wie

ein Gespenst aussehen. Mein Großvater hat sich vor kurzem ein neues Gebiss machen lassen,

weil das alte nicht mehr so richtig paßte und ihm beim Essen immer in die Suppe gefallen ist. Ich

habe hier das alte Gebiss. Vielleicht sitzt es bei dir besser als bei Großvater und macht dein

Gesicht wieder voller, daß du wieder wie ein Mensch aussiehst.“ Onkel Justus ging in die Hocke,

so daß er mit mir auf einer Höhe war. „Ich weiß, lieber Jonathan, daß du es gut mit mir meinst,“

flüsterte er mir ins Ohr. „Ich weiß auch dein Geschenk zu würdigen, aber ich glaube nicht, daß ein

fremdes Gebiss das Richtige für mich ist. Ich bin dir aber dankbar dafür, daß du an mich gedacht

hast und nehme daher das Geschenk gerne an. Doch nun gehst du schnell wieder hoch und legst

dich ins Bett.“ Onkel Justus drückte mich noch einmal und machte dann die Türe zu. Ich kletterte

die Treppen wieder hoch. Ins Bett konnte ich mich jedoch noch nicht legen, denn ich hatte ja

noch mehrere Aufgaben zu erfüllen. Aus dem Küchenschrank holte ich zwei Tassen und ging die

Treppe wieder hinunter, bis ich vor der Tür von Frau Fischer stand. Auf mein klingeln hin machte

sie auf. „Aber Kind, was machst du denn hier mit den zwei Tassen in der Hand,“ erklang ihre für

eine Frau recht tiefe Stimme. „Ich möchte in diesem Haus für Ordnung sorgen,“ erwiderte ich, und

versuchte meine Worte mit einer wichtigen Miene zu unterlegen. „Mein Vater hat gesagt, daß Sie

nicht alle Tassen im Schrank hätten, und daher bringe ich Ihnen diese zwei, damit Sie Ihren

Bestand ergänzen können.“ „So,so,“ wiederholte Frau Fischer langsam meine Worte, „ich hätte

nicht alle Tassen im Schrank hat dein Vater gesagt. Dann bin ich ja deinem Vater dankbar, daß ich

nunmehr mit deiner Hilfe wieder alle Tassen im Schrank habe. Erzähle deinem Vater, daß ich mich

noch persönlich bei ihm bedanken werde. Mit diesen Worten nahm Frau Fischer mir die Tassen

aus der Hand und schloß die Tür. Ich war überzeugt, wieder ganze Arbeit geleistet zu haben und

ging eine Etage tiefer, um Herrn Bauer meine Aufwartung zu machen. Da die Klingel nicht

funktionierte, klopfte ich fest an die Tür. „Was ist denn los,“ hörte ich drinnen jemand schreien.

Dann wurde auch schon die Tür aufgerissen und Herr Bauer stand vor mir. Ich konnte im Flur die

Garderobe sehen, an der die Polizeiuniform hing. Herr Bauer muß wohl gerade geduscht haben,

denn er stand mit freiem Oberkörper vor mir. Ich sah seine Arm-Bauch-und Brustmuskeln und

mußte unwillkürlich daran denken, wie Vater es wohl schaffen wollte, Herrn Bauer mit der Nase

durch den Hundekot zu ziehen. „Na du kleines Kerlchen, was willst du denn hier bei mir am

Silvesterabend,“ schnauzte er mich an. Ich dachte schon, daß es besser gewesen wäre, diese

Aufgabe auszulassen, doch da ich nun einmal hier war, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen

und antwortete: „wir wohnen in der Mansardenwohnung dieses Hauses und mein Vater hat

gesagt, daß Sie es noch nicht einmal fertigbrächten, Ihren Hund richtig zu erziehen. Wenn Ihr

Hund weiterhin das Treppenhaus als Toilette benutzt, wird mein Vater nicht nur dafür sorgen, daß

Ihnen der Hund entzogen wird sondern er wird Sie auch mit dem Gesicht durch den Hundekot

ziehen.“ Ich hatte kaum ausgesprochen, als Herr Bauer laut schallend zu lachen anfing. Auch

Bummer schien alles mitgehört zu haben, denn aus dem Inneren der Wohnung war ein zorniges

Knurren zu hören. „Du kleiner Dreikäsehoch,“ gluckste Herr Bauer, als er wieder etwas zu Luft

gekommen war, „sag deinem Vater, daß ich morgen mit ihm die Angelegenheit besprechen werde,

und nun troll dich, bevor ich schlechte Laune kriege. Herr Bauer schmiss die Tür zu, und ich war

froh diese Aufgabe unbeschadet überstanden zu haben.

Nun war nur noch die Aufgabe in der Parterrewohnung zu erledigen. Ich stieg die paar Stufen

hinab und stand vor der Wohnungstür der Bordsteinschwalbe. Den richtigen Namen der Frau

wußte ich nicht und auch an der Tür war kein Namensschild angebracht. Ich drückte die Klingel

und schon öffnete sich die Tür, als würde ich erwartet. Eine rothaarige etwas füllige aber durchaus

hübsche Frau stand vor mir und schaute mich verblüfft an. „Was willst du denn hier bei mir, mein

Kind,“ fragte die Frau. Sie beugte sich über mich und verschaffte mir dadurch einen grandiosen

Einblick in eine bisher nie gesehene Körperregion. Mein schon bestehender Schwindel verstärkte

sich wesentlich und ich stammelte: „Mein Vater sagt, daß Sie eine Bordsteinschwalbe sind, weil

Sie immer fremde Männer in Ihre Wohnung holen, und daß dadurch das ganze Haus in Verruf

kommt. Da ich in diesem Haus Ordnung schaffen will, möchte ich Sie bitten, demnächst nur noch

Männer in Ihre Wohnung zu lassen, die Sie schon kennen und keine fremden. Dann sind Sie

nämlich keine Bordsteinschwalbe mehr und der schlechte Ruf des Hauses ist getilgt.“ Die Frau

sah mich lange an und sagte: „ich verspreche dir, daß ich zukünftig nur noch Männer in meine

Wohnung lasse, die ich kenne, und sage deinem Vater bitte, er würde mich morgen kennenlernen.“

Sie schloß die Tür und ich begab mich froh über den Erfolg meiner Tätigkeit in unsere

Mansardenwohnung. Ich nahm noch ein paar Schluck von dem Heidelbeerwein, der mir immer

besser schmeckte und ging dann zu Bett. Ein schöner Abend war zu Ende gegangen und der

Gedanke daran, was Vater zu meiner Leistung sagen würde, machte mich stolz. Obgleich sich

mein Schlafzimmer drehte, als ich die Augen zumachte, schlief ich schnell ein und sah und hörte

nicht den Feuerzauber, der sich immer zum Jahreswechsel abspielt. Am nächsten morgen wurde

ich durch laute Stimmen geweckt. Die Wohnungstür stand offen, und man konnte die Stimmen

von Herrn Klimper, von Onkel Justus, von Frau Fischer und Herrn Bauer sowie der

Bordsteinschwalbe hören. Ab und zu konnte man auch die Stimme von Vater erkennen, die aber

ziemlich kleinlaut war. Als der Lärm abgeklungen war, stand ich auf. Ich setzte mich an den

Frühstückstisch, an dem Mutter und Vater schon saßen. Mit stolzgeschwellter Brust saß ich da

und wartete auf die Lobeshymnen meiner Eltern. Doch nichts geschah. Sie schauten mich nur

eindringlich an, und manchmal meinte ich bei meinem Vater ein leichtes Lächeln erkannt zu

haben. Ob mein Handeln als Heldentat einzustufen war oder eher als ein peinliches Unternehmen

habe ich nie erfahren. Allerdings hat mein Vater daraus die Lehre gezogen, daß es immer besser

ist, mit den Leuten zu reden als über sie.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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