Stefan Läer

Nebelfetzen

Eigentlich war es eine mehr als verwegene Idee, noch einmal zurück an diesen Ort zu kommen.

Jan spürte sein Herz klopfen, während er die schmalen Steinstufen nahm, die ihn Schritt für Schritt dem Ein- und Ausstiegsbereich der Achterbahn entgegenführten. Tapfer setzte er einen Fuß vor den anderen, zwang sich, gegen die Gedanken anzukämpfen, die durch den in ein schummriges Grubenlicht getauchten Aufgang zusätzlich verstärkt wurden. Fast wünschte er sich jetzt eine Warteschlange vor ihm, die den Weg nach oben hinauszögern konnte. Aber an diesem späten Nachmittag im September fanden sich kaum noch Besucher im Freizeitpark, zumal sich die Wolkendecke zugezogen hatte und es um diese Jahreszeit bereits schnell abkühlte. Nein, weder eine Warteschlange noch eine einzige Menschenseele erwartete Jan auf seinem Weg. Schließlich erreichte er die Plattform völlig unbehelligt. Was für einen anderen jungen Mann vielleicht eine riesige Gaudi gewesen wäre, war für Jan die blanke Angst.

Hier, genau hier hatte er seinen Bruder vor zehn Jahren zum letzten Mal gesehen. In dieser Holzachterbahn, die auf den Namen „Hydra“ hörte, war Lukas bei einer gemeinsamen Fahrt mit seinem Bruder auf mysteriöse Art und Weise verschwunden. Kurz nach der letzten Kurve hatte er sich praktisch in Luft aufgelöst, ungeklärt und unauffindbar. Trotz wochenlangen Suchens hatten die Ermittler weder sterbliche Überreste noch andere Spuren von Lukas gefunden. Damals war Jan dreizehn Jahre alt gewesen und er hatte geschworen, dass er sich im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte befand, wenn er davon erzählte, dass sein Bruder von einem auf den anderen Moment nicht mehr mit ihm in einem Wagen gesessen hatte. Nun, zehn Jahre später, musste Jan an diesen Ort zurückkehren. Er vermisste Lukas noch immer ganz schrecklich und hoffte, dass sein Bruder ihm heute an der Stelle seines rätselhaften Verschwindens vielleicht irgendein Zeichen gab.

Jan schluckte, als ihn die Realität Hydras einholte. Mit quietschenden Rädern kam der Zug direkt vor ihm an der Plattform zum Stehen. Viel mehr als den Zug konnte er nicht erkennen, denn die Landschaft lag in einem Nebel gefangen, der von Minute zu Minute dichter wurde. Er sah noch, wie zwei Jungen den vordersten Wagen des ansonsten leeren Zuges verließen und sich mit lautem Gelächter aus dem Staub machten. Daraufhin kehrte Stille ein, denn Jan war der einzige Fahrgast.

Hätte ich mir doch nur eine belebtere Zeit ausgesucht, verfluchte er nun seinen ursprünglichen Plan, sich ganz allein auf die Spuren seines Bruders zu begeben. Nicht einmal seine Eltern wussten von seinem Vorhaben. Hätte ich doch nur irgendjemanden an meiner Seite …

Jetzt oder nie, er musste einsteigen, sonst würde der Zug ohne ihn abfahren. Er spürte, wie sein Körper Adrenalin ausschüttete. Schließlich gab er sich den nötigen Ruck und nahm im zweitvordersten Wagen Platz, genau wie vor zehn Jahren mit seinem Bruder. Als er den Metallbügel über seinen Oberschenkeln schloss, lief es ihm eiskalt den Rücken hinab. Die Bahn zuckte kurz, dann setzte sie sich in Bewegung. Ganz langsam zog sie sich an einer fast senkrecht stehenden Schiene nach oben. Jan wagte keinen Blick nach unten in die zweifelsohne schwindelerregende Tiefe, stattdessen fixierte er den eisernen Haltegriff direkt vor sich, um zumindest seiner Höhenangst zu entkommen. Als das leise Rattern des Wagens urplötzlich einer vollkommenen Stille wich, wusste er, dass Hydra ihren Höhepunkt erreicht hatte und sich bereits auf der sehr kurzweiligen Ebene befand. Sie benötigte nur einen Moment, ehe sie umkippte und die erste Abfahrt hinunterschoss. Jan spürte ein Ziehen in seinem Bauch, als wollte man ihm den Magen hinausreißen. Dazu blies ihm der Fahrtwind mit einer Wucht ins Gesicht, die ihn sofort bereuen ließ, ein T-Shirt angezogen zu haben. Normalerweise war er ein mutiger junger Mann, der über Horrorfilme nur müde lächeln konnte. Doch jetzt packte ihn die Panik. Verzweifelt klammerte er sich mit seinen Händen an den frostigen Eisengriff, dass seine Knöchel leichenblass hervortraten. Bitte, lass diese Fahrt zu Ende gehen, dachte er verzweifelt.

„Jetzt noch nicht. Du sollst erst wissen, dass ich noch da bin, Jan“, hörte er plötzlich eine Stimme, die ihn zusammenfahren ließ.

„Wwwwer bist du?“, wimmerte er.

„Na ich bin Lukas, dein Bruder, den du so vermisst. Seit jenem Tag bin ich ein Gefangener dieser Achterbahn. Meine Seele war zu schnell unterwegs und findet keine Ruhe.“

Mit Augen voller Todesangst erkannte Jan, dass er nicht mehr alleine in seinem Wagen saß. Direkt neben ihm hatte der Geist seines Bruders Platz genommen. Für Jan gab es kein Entrinnen, eingesperrt in seinen Sitz hatte er dem Alptraum nichts entgegenzusetzen.

„Mmmuss ich jetzt auch hier bleiben?“, fragte er noch, ehe ihn ein Nebelfetzen verschlang.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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