Heinz-Walter Hoetter

Nicht der Glaube ist eine Tugend, sondern der Zweifel

Menschen sind ‚Primaten’, Teil einer Tiergruppe, die man im Deutschen umgangssprachlich als ‚Affen’ bezeichnet. In diesem Sinne stammen die Menschen selbstverständlich von Affen bzw. Menschenaffen ab, aber nicht von heutigen, sondern von fossilen Arten. Dies ist seit mehr als einem Jahrhundert Stand der Wissenschaft:

„Wenn die Entwicklungslehre überhaupt wahr ist, wenn die einzelnen Tierarten nicht ‚durch Wunder erschaffen‘ sind, sondern auf natürlichem Wege sich aus niederen Formen entwickelt haben, dann kann auch der Mensch keine Ausnahme machen; dann ist auch der Mensch – seiner ganzen Organisation nach ein Säugetier – aus der Klasse der Säugetiere phylogenetisch hervorgegangen; und da unter allen Säugern die Affen die bei weitem Menschen ähnlichsten sind, da die Unterschiede im Körperbau des Menschen und der Menschenaffen viel geringer sind als diejenigen zwischen den letzteren und den niederen Affen, so steht heute unzweifelhaft der Satz fest: ‚Der Mensch stammt vom Affen ab‘. Dabei ist selbstverständlich keine einzige lebende Affenform als Stammvater des Menschengeschlechts anzusehen, sondern eine Reihe von unbekannten, längst ausgestorbenen Anthropoidenarten.“ (Haeckel 1911)

Und was sagte Darwin zur Affenabstammung der Menschen? … „da die Menschen aus genealogischer Sicht zu den Catarrhini [d.h. den Altwelt-Affen Afrikas und Asiens] gehören, müssen wir schließen, so sehr die Schlussfolgerung unseren Stolz verletzen mag, dass unsere frühen Vorfahren korrekterweise so bezeichnet werden müssten” (Darwin 1871).

Warum aber wird die Frage „Stammt der Mensch vom Affen ab?“ noch heute auch von manchen Anhängern der Evolutionstheorie verneint? Es ist richtig, dass die Frage unpräzise und missverständlich formuliert ist: Sind rezente oder fossile Primaten gemeint? Auch impliziert der Singular ‚der‘ Affe fälschlicherweise eine einzelne Form statt einer Vorfahrenreihe. Zudem bezeichnet das Wort ‚Affe‘ im Deutschen sowohl alle Primaten als auch die Teilgruppe der (Schwanz-)Affen im Gegensatz zu den Halb- und Menschenaffen. Und schließlich könnte man mit Linnaeus sagen: Die Menschen stammen nicht von Affen ab, sondern sie sind Affen. Aber: Die Reaktion auf eine missverständliche Fragestellung muss darin bestehen, sie zu präzisieren, anstatt sie pseudo-genau mit ‚Nein‘ zu beantworten. Und so wird die pseudo-genaue ‚Nein‘-Antwort auf die Frage „Stammt der Mensch vom Affen ab?“ ihrerseits zu einer Verschleierung der Tatsachen. Und das Motiv für diese Verschleierung? Es ist wohl nicht erst seit Linnaeus die Angst vor der religiösen Ideologie, der zufolge der Gott des Alten Testaments die Menschen nach seinem Bild erschaffen hat und als einzige mit einer Seele ausstattete.

Angst vor einer mittelalterlichen religiösen Weltanschauungsideologie, die aus dem Nahen Osten kommt. Diese unverständliche Angst ist es, was die meisten Menschen dumm hält und am „mutigen Selbstdenken“ hindert.


 

Jeder sollte daher wissen: Nicht der Glaube ist eine Tugend, sondern der Zweifel.



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