Peter Biastoch

Die IBUG in der Naplafa Chemnitz

Nun gut, inzwischen ist es Montagnachmittag geworden und wir hatten unser Vorhaben, vergangenen Freitag die IBUG zu besichtigen umgesetzt. Es wurde wieder eine sehr interessante Zeit. Gegen 14 Uhr fuhren wir von zu Hause los um noch vor Eröffnung der IBUG dort zu sein und einen Parkplatz zu finden. Bei den vermutlich wieder 15 Tausend Besuchern, wie sie vergangenes Jahr zur Industriebrachenumgestaltung kamen, würden hier die Parkmöglichkeiten sehr schnell erschöpft sein.

Wir konnten unseren Toyota nur zwei Seitenstraßen weiter abstellen und liefen entspannt die wenigen Meter zurück zur ehemaligen Naplafa. Dieses Gebäude war mir noch aus der Zeit um 1985/86 bekannt. Damals machte ich ja eine Umschulung zum Automateneinrichter für Roll- und Hochkantmaschinen, sowie Kleinstanzen. Dafür war ich auch für mehrere Tage in den Räumen der Chemnitzer Nadel- und Platinenfabrik, kurz Naplafa, eingesetzt. Ich war gespannt, ob ich noch etwas davon wiedererkennen würde? Doch schon, als wir uns dem Gebäude näherten, war zu erkennen, dass dort, von der ehemaligen Produktionsanlage, nichts mehr vorhanden ist.

So standen wir also vor dem Eingang und warteten darauf, dass die IBUG öffnet. Während dieser Stunde – geöffnet wurde mit 20 Minuten Verspätung – machte ich meine ersten Aufnahmen, von außen. Auch die Fassade des Hauptgebäudes, sowie eines daneben befindlichen Lagerschuppens, war farblich gestaltet worden. Wie schon bei früheren IBUG-Besichtigungen versuchte ich mich wieder auf die kleinen Nebensächlichkeiten zu konzentrieren und diese mit meiner Kamera fest zu halten. (Foto unter: https://www.fotocommunity.de/photo/ibug-2018-weils-schee-macht-peter-biastoch/41494747) Während wir also noch draußen warteten und die Zahl der Besucher anwuchs, zogen von Westen her dunkle Wolken heran und noch bevor sich die Tore öffneten, begann es zu regnen.

Dann war es soweit. Wir entrichteten unser 9 Euro pro Person (letzte Jahr waren es noch 7 €) und konnten endlich nach Drinnen! Eines der ersten Wandbilder, auf das wir trafen, war dieses. Anscheinend ist der Künstler, der diese drei Sprungstudien festgehalten hat, ebenfalls von einem Naturfilm begeistert worden, in dem ein Schneefuchs mit solch einem kühnen Sprung, Kopf voran, in den tiefen Schnee, eine sich dort bewegende Maus zu fangen versucht. Hier allerdings bedauert man das arme Tier, das sich sicherlich mit seinem wagemutigen Sprung, in die Betondecke der Fabrikhalle, eine mächtige Gehirnerschütterung zuzieht.

Bereits seit die ersten Künstler der diesjährigen IBUG in Chemnitz ankamen, begannen die Tageszeitungen von diesem bevorstehenden Ereignis zu berichten und natürlich hatten die Pressefotografen auch Zugang zu den Räumen, in denen die Künstler tätig waren – etwas, dass ich natürlich auch gern einmal haben würde. Doch so sah man in den Zeitungen bereits einzelne der noch nicht fertigen Kunstwerke, die man nun der Reihe nach selbst finden konnte. Eines davon war diese Installation aus hunderten, polierten Metallplättchen.

Ich kam nicht umhin, davon noch zwei Detailaufnahmen zu machen. (https://www.fotocommunity.de/photo/verfall-peter-biastoch/41541424 + https://www.fotocommunity.de/photo/auferstanden-aus-ruinen-peter-biastoch/41517439) Dieses Objekt ist eine wahre Fleißaufgabe. In einer Zeitung stand unter einem Foto, das die Künstlerin während ihrer Tätigkeit zeigt: „Helen Ulbrecht alias "Kleinlaut" gestaltet Kunst aus zurechtgeschnittenen Dachblechen.“ Wie auch bei anderen Gelegenheiten, in diesen Räumen, bedauere ich den fehlenden direkten Kontakt zu den entsprechenden Künstlern. Sie könnten mir noch mehr und besser erklären, was sie mit ihren jeweiligen Kunstwerken ausdrücken wollen. So bin ich auf meine eigene Fantasie angewiesen, um mir einen Reim auf diese Skulptur und anderes zu machen. Zu dieser Installation fällt mir als Titel „Resurrektion“, oder auf Deutsch „Auferstehung“ ein.

Wie auch bei den vorherigen Industriebrachenumgestaltungen verwendeten die Künstler die noch vorgefundenen Gegenstände. Waren das in der Färberei, in Limbach-Oberfrohna, alte Fässer, Spinde und Schutt, benutzte man hier Fenster, Fensterrahmen und Türen, um diese zu Kunstobjekten zu veredeln.

Das wohl einzige, noch ganze Fenster, des gesamten Gebäudes hatte man anscheinend geborgen, um die intakten Glasscheiben zu bemalen. Eine ehemalige Lärmschutztür, war den Vandalen zum Opfer gefallen und so hingen die Filzinnereien heraus, was jemanden zu dieser Idee inspiriert hat. Was ein paar gezielt gesetzte Striche ausmachen! Man muss halt nur den richtigen Gedanken dazu haben.

Ich frage mich, wie man darauf kommt, einen alten Heizkörper golden anzumalen und in Beton einzugießen? Oder auch diese Reihe von Türen mit einem Betonsockel zu versehen und sie damit völlig ihrer Funktion zu berauben? Andererseits wurde nichts verschwendet und auch aus dem letzten Rest Beton machten die „GeBrueder Onkel“ noch eine Skulptur, in Form eines Tropfens. Auch ein ganz gewöhnlicher Haufen Kehricht erregte meine Aufmerksamkeit!

In Anbetracht, dass überall die Betonböden sauber gekehrt waren und nur dieser einzelne Haufen Kippen und Bierdeckel dort herum lag und man, beim genauen Hinsehen, auch noch ein 2 und ein 5 Cent-Stück entdeckt, stellt man sich schon die Frage: „Ist das nun Kunst, oder kann das weg?“ Ich jedenfalls habe es fotografisch festgehalten und unverändert liegen gelassen.

Aber lass mich noch auf ein anderes Projekt zu sprechen kommen. Es nennt sich selbst „Ich bin ein fliegender Fisch“ und nimmt mehr als eine ganze Wand ein. (https://www.fotocommunity.de/photo/friss-die-stadt-peter-biastoch/41473989) So musste ich zwei Bilder davon machen. Über dieses Motiv musste ich erst einmal ein wenig nachdenken. Was wollte der Künstler damit ausdrücken? Der Text geht ja noch weiter, mit der Aussage: „Ich würde gerne die ganze Stadt essen, aber erst einmal reicht mir dieses Fenster“. Am Eingang zu diesem keinen Raum gab es noch ein Blatt, auf dem gezeigt wurde, wie man sich diesem Gemälde nähern soll. Meine Kamera übernahm die Funktion des einen Auges, mit dem ich die Sicht aus dem Fenster, mit der gezeichneten Fassade, im Maul des Fisches, in Übereinstimmung brachte. So scheint sich die Häuserfront draußen im Fischmaul fortzusetzen. Es ist, als verschlänge er die ganze Häuserzeile.

An einer weiteren Wand, im angrenzenden Maschinensaal fand ich diese Blaupause des „Fliegenden Fisches“. Unten links steht „Geheim – außer für IBUG Nutzer“. Was mir besonders an diesem Plan gefällt, ist die Aussage etwa in der Mitte: „NO BRAIN, NO PAIN“, oder auf Deutsch: „Kein Hirn, keine Schmerzen“. (https://www.fotocommunity.de/photo/piscis-aereos-peter-biastoch/41565731) Für mich ist dies ein Schlüssel zum Verständnis dieses Gesamtkunstwerks!

Von mir aus, kann dieser fliegende Fisch, nicht nur diese Häuserzeile fressen, sondern, wie es geschrieben steht, die ganze Stadt. Und ich gehe sogar noch weiter. Von mir aus könnte ein ganzer Schwarm derartiger Individuen sich über den Planeten Erde verteilen und überall die Städte vertilgen. Denn nichts empfinde ich als so widernatürlich, wie Städte, Großstädte, oder gar Mega-Citys, mit ihren in die Million zählenden Einwohner. Dieses Leben zwischen Stahl und Beton ist doch so unnormal, dass es buchstäblich krank macht. Krank im Kopf! Oder, warum nehmen die Zahlen der depressiven Menschen immer mehr zu? Und dies besonders in urbanen Gebieten! Ja, der menschliche Körper reagiert darauf. No brain, no pain – das Leben in Plattenbausiedlungen ist folglich nur für „hirnlose“ Zeitgenossen wirklich zu ertragen.

Ein ähnliches Thema hatte auch ein anderer Teil dieser IBUG. Dort musste man zuerst durch einen Raum, der einem Dschungel nachempfunden ist. Angedeutete wilde Tiere zwischen Ästen und Blättern machen das deutlich. Doch irgendwie vermittelt dieser Raum auch den Niedergang der Natur, indem Äste und Blätter verdorrt sind. Die Tiere sind ebenfalls nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Dann tritt man durch einen Stoffvorhang und steht einem gekreuzigten Gorilla gegenüber. Die Bedeutung dürfte sich sehr schnell jedem erschließen. Schaut man sich die übrigen Darstellungen in diesem Raum an. Roboter, die mich an jene in „Battlestar Galactica“ erinnern, stehen für unsere hochtechnisierte Welt und Altreifen für die allseits gepriesene Mobilität. Das ist folglich auch der Altar, auf dem wir nicht nur diesen einen Gorilla, sondern die gesamte uns umgebende Natur opfern.

Dazu passte übrigens auch ein winziges Zimmer, das wohl einmal eine Besenkammer war. Ich entdeckte es, nachdem wir von einer Etage in die nächste hinauf gestiegen waren, neben dem Treppenabsatz, hinter der offenen Tür zu den anderen Produktionsräumen. Klein, ohne Licht und hinter der offen stehenden Tür. Ich richtete meine Kamera hinein, ließ den Blitz aufflammen und sah erst dann, dass die Wände mit Moos verkleidet sind, einzelne Farnwedel daraus hervorstehen und ein kleiner Fichtenbusch in der vorderen Ecke steht. Der Hocker mit der Sprühflasche deutet an, dass es noch einzelne Menschen geben muss, denen es nicht egal ist, ob alles kaputt geht…

Für die vielen Anderen fand sich ebenfalls ein schönes Beispiel. Vernetzt, verkabelt, am Tropf der modernen Medien merkt die dargestellte Person nicht einmal, wie marode ihre direkte Umgebung geworden ist. Sie sieht nicht den Verfall, dass da die Farbe und der Putz von Wand und Decke blättern. Noch einen neuen Anschluss an diese Brille, durch die man nicht mehr hindurch sehen kann. Die einem nur noch eine künstliche Welt vorgaukelt – eine Welt die allerdings bald unter dem Schutt der realen Welt begraben sein wird, wenn diese zusammen bricht!

Jetzt, wo ich mich in diese Thematik hinein geschrieben habe, muss ich sagen, dass mir die einzelnen Kunstobjekte noch viel mehr erschließen, als das Wenige, das ich bisher zu Papier gebracht habe. Etliche meiner Fotos sind bisher nicht einmal erwähnt worden und sollte ich noch einmal in diesen Räumen fotografieren können – die IBUG war auch das darauf folgende Wochenende noch offen – so würde ich mit einem völlig anderen Blickwinkel durch diese Räume gehen.

Hoffen wir, dass solche Kunstprojekte, wie die IBUG, den einen oder anderen weiteren Besucher zum Nachdenken bringt!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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