Norbert Schimmelpfennig

Der Waldladen

Nun stand Adiü, der Zauberschüler, vor dem Laden im Wald, wo unter anderem Antiquitäten und Fundstücke aus dem Wald verkauft wurden, aber manchmal auch verlorene Wünsche.

So auch in den letzten Tagen, als in Prospekten und im Netz verschiedene Wünsche angeboten wurden, die von anderen irgendwie zurückgelassen worden waren.

 

An diesem heißen Tag spendete der Wald eine angenehme Kühle, als Adiü also vor diesem Laden stand, der aus schon ziemlich altem Holz erbaut zu sein schien und nur kleine Fenster aufwies, dafür mit einem großen Plakat beklebt war, auf dem geschrieben stand: „Wünsche heute besonders günstig zu verkaufen!“

Auf dem Platz davor lungerten ein paar Motorradfahrer in dunkler Kluft herum, ungefähr so dunkel wie Adiüs lange Haare und seine Augen. Aber er achtete nicht auf sie, sondern betrat kurzerhand den Laden, der innen ziemlich dunkel war, Licht von außen drang kaum herein.

Hinter einem Tresen stand eine ältere Frau mit dunkelgrünen bzw. dunkelgrün gefärbten Haaren und fragte ihren Kunden:

„Was brauchen Sie? Viel ist heute schon nicht mehr im Angebot!“

„Haben Sie denn noch ein paar Wünsche vorrätig?“

„Einen habe ich jetzt noch, fand ihn auf den Steinen am Wasserfall! Muss also jemand verloren haben. Habe ihn neu verschlossen, aber keine Ahnung, was für einen Wunsch er enthält! Kostet daher nur 19,99.“

Adiü hatte gerade noch einen Zwanziger und ein paar Münzen, beschloss aber, es zu riskieren. Also reichte er der Verkäuferin den Zwanziger, und sie gab ihm eine violette Stofftüte, von der Art, in der Wünsche häufig verpackt wurden, oben mit einem Korken verschlossen und mit einem Kupferdraht zugeschnürt. Sobald man diesen Draht öffnete und den Korken zog, sollte der Wunsch in Erfüllung gehen.

 

Der etwa einen Kilometer entfernte Wasserfall war ein beliebter Ort, um sich etwas zu wünschen, und dort wollte Adiü nun also hingehen. Kurz nach ihm setzten sich auch die Motorradfahrer, die vor dem Laden herumgelungert hatten, in Bewegung.

Die Mittagssonne ließ den Wasserfall glitzern, als Adiü dort anlangte. Ungefähr dreizehn Meter tief fiel das Wasser hier. Trotz des Tosens hörte Adiü, wie ein paar Motorräder hinter ihm hielten, und er drehte sich um. Es waren zwei Jungs und ein Mädchen, alle ungefähr achtzehn bis zwanzig Jahre alt. Einer der Jungs zog ein Messer, während der andere sagte:

„Gib uns den Wunsch, den du gerade gekauft hast, sonst wird mein Freund dir gleich eine schöne Narbe auf die Kehle ritzen!“

Leider hatte Adiü erst vor ein paar Wochen mit dem Zauberlehrgang angefangen, daher fiel ihm noch kein Zauber ein, mit dem er sich gegen diese Verfolger wehren konnte. Vielleicht würde der Wunsch aus der Stofftüte ihm jetzt schon helfen …

Hastig fing er an, den Kupferdraht, der die Tüte verschloss, auseinander zu biegen, da bekam er einen Schlag auf den Kopf und fiel benommen zu Boden. Das Mädchen hatte sich hinter ihn geschlichen, während er nur auf die Jungs geachtet hatte, und ihm mit einer Flasche diesen Schlag auf den Kopf versetzt.

 

Einige Zeit später, es musste schon später Nachmittag sein, kam Adiü langsam wieder zu sich, rieb sich den Kopf. Als er sich umsah, lagen um ihn herum die drei jungen Menschen, die ihn verfolgt hatten, rührten sich überhaupt nicht. Er trat näher an sie heran, beugte sich hinab.

Ganz eindeutig: Alle drei waren tot! Aber offenbar alle ganz friedlich entschlafen! Was war nur geschehen?

 

Die Stofftüte mit dem Wunsch lag offen in der Nähe, und Adiü schaute in sie hinein. Drinnen befand sich auch ein Zettel, den er herauszog und las:

Danke, liebe Hexe, dass du wenigstens bereit warst, mir zu helfen, in meinem Krebs-Endstadium! Meine Eltern und die Ärzte weigern sich immer noch, mir einen schnellen Tod zu schenken, obwohl ich es nicht mehr aushalte. Ich hoffe, dein Zauber wird mich hier friedlich über dem Wasser einschlafen lassen! Lebt wohl, ihr alle!

Ein paar Wochen vorher, so erinnerte sich Adiü, hatte man unterhalb des Wasserfalls die Leiche eines siebzehnjährigen Mädchens gefunden, stammte aus einem reichen Elternhaus. Man wunderte sich über den Zustand der Leiche, sie wies keinerlei Spuren von Gewalt oder von einem Aufprall auf.

 

So gesehen hatten ihm seine drei Verfolger das Leben gerettet! Diesen Wunsch konnte er eigentlich wieder verkaufen – oder einen Stein in die Stofftasche stecken und damit den Wunsch in den Wasserfall werfen …

 

 

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