Horst Fleitmann

Wie schön das Leben sein kann, wenn man nicht tot ist

Rainer Bauer steht nun da, wo er hin wollte. Auf dem großen Parkplatz vor dem Hauptfriedhof.
Noch einmal seine Eltern besuchen. Der große alte rote 4 Rad-angetriebene Landroover mit der Aufschrift Marlboro ist ihm jetzt eher peinlich und wirkt auch viel zu auffällig auf dem fast leeren Parkplatz. Es ist 9 Uhr.
 
Rainer kommt direkt von seinem Hausarzt wo er sich diese Pillen nun zum zweiten Mal besorgt hat. Jetzt sind es 100….  Das müsste reichen. Während er den Wagen, den eigentlich nur noch der Rost zusammenhält abschließt, schießen ihm 1000 Gedanken durch den Kopf aber keinen dieser Gedanken lässt er an sich, an seine Psyche heran.
 
Rainer ist 38, hat 2 Kinder, 13 und 12 Jahre, eine Frau die sieben Jahre jünger ist als er  und eine Menge Schulden an der Backe.
 
Jetzt hat er auch noch diese Scheiß Anzahlung verzockt, die er gestern von einem Kunden in der Schneiderei in der er arbeitete,  kassiert hatte. 3.000 €.  Die hätten glatt gereicht, zehn der ihn seit Wochen löchernden Gläubiger zu befriedigen.  Gläubiger. Was sind schon Gläubiger. Freunde waren es mal und alle wollen sie jetzt zu ihm und seiner Frau sagen was sie für Geld von ihm bekommen. Und alles hat er verzockt. Scheiße. Und jetzt sind die 3.000 € auch noch weg.  Ne,   jetzt ist Schluss. Den Scheiß will er nicht mehr mitmachen.  Nur schnell zu seinen Eltern, sagen,  dass er gleich kommt und dann wieder ab ins Auto.  Es ist kalt.  Er hätte doch besser eine warme Jacke angezogen.
 
Während er zu den Gräbern geht, die gar nicht weit voneinander entfernt liegen, kommen ihm die Tränen. Er denkt an seine beiden Kinder, an seine Frau.  Nein, nicht daran denken. Sofort wischt er  sich die Tränen wieder ab und geht schnelleren Schrittes zu den Gräbern. Beide Eltern sind seit Jahren unter der Erde. Und nun auch bald er.  Zuerst steht er vor dem Grab seiner Mutter. Ein mulmiges Gefühl überkommt ihn. Keine Angst, nein,  eher ein schlechtes Gewissen.   Nur schnell weg  denkt er sich, nachdem er einige Worte zu seiner Mutter gesprochen hat, die ihm, wie er meinte aber gar nicht zuhörte. Sonst war immer dieses Gefühl da als könne er mit ihr reden. Heute war das irgendwie anders. Na ja, liegt an mir, denkt er sich.  Nun zum Vater.  Zu ihm hatte er nie ein besonders inniges Verhältnis. Nicht so eines wie zur Mutter. Trotzdem versucht er mit ihm ins Gespräch zu kommen. Aber auch er, so hat es den Anschein, hört einfach nicht zu. Gut. Oma liegt vielleicht  100  oder 80m weiter. Geht er eben dorthin. Oma hat ihm immer zugehört und Oma war erst nach seiner Mutter gestorben.
Nun endlich hat er das Gefühl,  angehört zu werden. Er redet mit Oma und bittet, schon mal alles vorzubereiten, er käme gleich, es könne nicht mehr lange dauern.
 
Danke Oma, sagt er, als er sich nun umdreht und zurückschlendert zum Wagen.  Allzu weit weg darf er ihn nicht stellen, dass fällt auf. Zu nah am Eingang darf er aber auch nicht stehen, dass könnte zu früh die Aufmerksamkeit einiger Passanten erwecken. Und dann würde er womöglich noch gerettet. Nein das wollte er auf keinen Fall. Er,  Rainer Bauer wollte nun endlich Nägel mit Köppen machen. Noch schnell zur Toilette, die hundert Pillen mit etwas Cola runtergespült. Zur Toilette war wichtig, denn er hatte gehört dass, wenn man stibt, man sich nass macht und das wollte er keinem zumuten, darum dieser Toilettengang.
 
Komisch, denkt er sich, als er von der Friedhofstoilette zum Wagen geht. An was man alles denkt, wenn man stirbt.  Die Pillen wirken noch nicht, also sucht er genau das richtige Plätzchen aus, so dass man ihn hoffentlich erst morgen findet.  Da steht er nun. Soll er das Radio anmachen oder ist das Pietätlos? Nein er lässt es aus. Die Batterie ist immer so schnell alle und dann müsste Rita, seine Frau womöglich noch eine neue Batterie kaufen um den Wagen da weg zu bekommen. Das wollte er ihr nicht antun.
 
Es ist schon 11 Uhr 30 am Morgen, immer noch sehr kalt aber Rainer merkt langsam wie ihn eine Müdigkeit überkommt und freut sich nun endlich bald von der ganzen Last befreit zu sein.
 
Er macht den Rücksitz in Liegestellung und lehnt sich weit zurück. Von außen ist er nicht mehr zu sehen. Ein leerer Wagen eben.
 
19 Uhr….. Scheiß kalt hier im Paradies.  Die ersten Gedanken schießen ihm durch den Kopf. Wo bin ich?  Was habe ich gemacht? Rainer hat einen fürchterlich trockenen Mund, so als hätte er ein Pfund Sand gegessen.
 
Wie benebelt wie durch eine Milchglasscheibe nimmt er die Umwelt war.  Nach Hause. Nur nach Hause will er. Rainer friert.  Er startet den Wagen und fährt zunächst einmal an den vor ihm stehenden Baum. Scheiße. Falscher Gang. Hoffentlich geht das gut.  Die Fahrt vom Friedhof bis vor die Haustür fehlt Rainer. Er kann sich später an nichts erinnern. Nur an das erschrockene Gesicht von Rita, als er vor der Wohnungstür schellend und wankend steht. Man, geht es ihm durch den Kopf,  bin ich ein Elefant?  Warum wirken diese Scheiß Pillen nicht?
 
Rita zieht ihn in die Wohnung, gleich durch ins Schlafzimmer. Sie zieht ihn aus und legt ihn ins Bett. Rainer fühlt sich an als käme er aus dem Kühlschrank. Und Farbe hat er so gut wie keine mehr im Gesicht. Knalleweiß, sagt Rita, wäre er. Sonst sagt sie nichts – komisch.
 
Rainer liegt im Bett und wird wach als sein Hausarzt neben ihm ununterbrochen fragt wie er hieße. Ist der bekloppt oder ich?  Fragt sich Rainer. Haben sie die alle genommen? Alle Pillen die ich Ihnen heute Morgen gegeben habe?

Ja, und die von vor 6 Wochen auch.

Na, da haben Sie aber nochmal Glück gehabt, sagt der Arzt und wendet sich Rita zu. Machen Sie sich keine Sorben, das war ein homöopathisches  Mittel. Gar nichts Ernstes.  Der schläft jetzt bis morgen Mittag und dann schicken sie ihn zu mir.  Ich kenne Rainer jetzt schon so lange. Das war ein Kurzschluss, Eigentlich muss ich das melden aber das können wir und auch ersparen. Vor allem ihm. Nur, schicken sie ihn zu mir bitte.
 
Am nächsten Morgen stand Rainer um 12 Uhr in der Küche. Setz Dich sagte Rita nur kurz.
Er setzte sich. Warum hast Du mir nichts gesagt und warum machst Du so eine Scheiße?....  und nun fing Rita fürchterlich an zu weinen.  Sie kriegte sich gar nicht mehr ein.
 
Ich….  Ich….  Ich weiß nicht,  stammelte Rainer.
 
Aber ich  sagte Rita immer noch unter Tränen. Ich war bei meinen Großeltern, habe mir 5000 € geliehen und alles bezahlt, auch Deine  Freunde. Keine Angst, Oma und Opa  wollen das Geld nicht wiederhaben.
Ich war bei Deinem Chef und habe ihm gesagt Dir ginge es nicht gut und Du hättest vergessen gestern das Geld abzugeben. Eine Kollegin von Dir hat hier nämlich angerufen und mir erzählt dass da 3000 € fehlten die Du nur haben könntest. Und als ich Deine Freunde angerufen habe um zu fragen wo Du steckst habe die mir von Deinen Schulden erzählt.
 
Wenn Du noch einmal Spielen gehst, noch einmal so eine Scheiße machst, bin ich weg. Du bist bis Freitag krankgeschrieben hat der Doc mir gesagt. Dann gehst Du wieder zur Arbeit.
 
Alles nur wegen dieser Scheiß Knete. Mach das nie wieder hörst Du, nie, nie, nie.  Und jetzt geh zu Deinen Kindern die wissen nur dass Du gestern gesoffen hast und sind fürchterlich stolz auf Dich.
 
Das war die Weiche in Rainers Leben. Und:  von diesem Tag an verlor er die Hemmungen.  Rita wusste alles und immer wusste sie wo er war.  Es dauerte 10 Jahre, bis Rita wieder Vertrauen fassen konnte.
 
Vor drei Jahren haben sie Silberhochzeit gefeiert.
Mit vielen Freunden und zwei Enkelkindern. Mit seiner Mutter spricht Rainer wieder intensiv. Sie hört ihm jetzt wieder zu. Auch sein Vater.  Und Oma sowieso.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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