Olaf Lüken

Zwischen Bahnhof, Bahn und Bahnsteig

Der Bahnsteig ist ein Sehnsuchtsort und ein Fenster zur Welt. Menschen kommen und gehen. Nur wenige nehmen heute den Bahnhof bewusst als Ankunfts- und Abreiseort wahr. An- und heimkommen für die einen, Aufbruch und Tag der Abreise für die anderen. Dazwischen herrscht eine ohnmächtig eiserne und disziplinierte Geschäftigkeit, begleitet von metallisch klingenden Durchsagen und quietschenden Zugbremsen.

Für die Anwohner aus der nahen Umgebung und die wie Ameisen wuselig herumlaufenden Zugpassagiere, ist der Hauptbahnhof Treffpunkt und Einkaufszentrum - mit Würstchengeruch, Zigarettenrauch und Schmierfett. Auf den Hauptbahnhöfen in Frankfurt am Main und Hamburg sind es jeweils 450.000 Personen, die täglich Station machen. Halt!  Erinnern Sie sich noch an Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer von Michael Ende ? Mit Dampfross Emma, durchquerte das Duo die Insel Lummerland und erlebten  in fernen und fremden Ländern packende Abenteuer.  Lang ist es her.

Der Bahnsteig ist eine mächtige Analogie. Mein Lehrer sagte vor vielen Jahren: "Olaf, ich kann dich nur von dem Bahnsteig abholen, auf dem du gerade stehst." Mit anderen Worten: Dort, wo mein  Wissensstand endet, beginnt die Arbeit des Abholers. 

Früher gebot der Anblick einrollender Lokomotiven Ehrfurcht. Heute überrascht uns bestenfalls ein den Bahnhof durchrauschender ICE. Tausende Tonnen bewegter Stahl. Zentimetergenau geleitet an die richtige Position. Das war auch um 1900  noch ein Ereignis, fast ein  großes Wunder. Der Mensch unserer Zeit hat einen weniger geschärften Blick für die stählerne Dampflok Der Zugpassagier wird geleitet von elektronischen Befehlen, die ihn über Apps von A nach B dirigieren.Die Eisenbahn ist als altmodische Notwendigkeit eher ein Ärgernis, weil sie sich nicht so einfach benutzen lässt. Man muss auf sie warten. Viel zu oft länger als nötig, weil ihr nicht mehr die einstige Ehrerbietung in Form von Personal und Planung entgegengebracht wird. Sie ist zur Zeitmaschine umfunktioniert worden. Köln -Berlin fünf Stunden. Wehe, wenn nicht ! 

Im Gegensatz zu Interrail werden heute Flugtickets in den Metropolen von Ryanair, Eurowings und Easyjet für 20 Euro verscherbelt, starten Woche für Woche fast 5000 Billigflieger allein von deutschen Flughäfen.

Der Zug hält. Eine deutsche Rentnergruppe steigt zu, verwirrt, dass drei verkaterte Schwedinnen ihre Plätze belegen, obwohl sie doch reserviert sind: "Es steht doch da dran!"  Verwirrt sind auch die drei verkaterten Schwedinnen, die jetzt Platz machen für die Männer und Frauen, die auch nach Berlin reisen, die ihre Tupperdosen auf den Tisch stellen: "Tomäätchen!" - Gürkschen!", zweiteilige Plastik-Sektgläser zusammenstecken und eine Flasche Sekt aus dem Rucksack holen. Aber wo ist Hans ? Haaaaans! Hans sitzt neben Friede, alles gut. Wolfgang übernimmt jetzt das Öffnen der Sektflasche, nicht dass da was schiefgeht, das ist Männersache. Jetzt fehlt Heinz. "Heiiinz !!" "Wir sind wieder da", sagt Melissa und grinst.

Manchmal sind Bahnhof und Bahnsteig Sehnsuchtsplattformen. Wenn ein beliebter und entsprechend freudig erwarteter Mensch aus einer anderen Stadt zu Besuch kommt und ein etwas zu voreilig gekauftes Willkommensgeschenk Zweifel verbreitet, weil  zu billig oder zu kitschig, dann ist  innerliche Unruhe oft  vorprogrammiert.

"Herr im Himmel, wo bleibt denn die verdammte Eisenbahn ?"  Eine  metallene Stimme ertönt und verspricht die baldige Einfahrt. De Zoch kütt. Hoffentlich sind auch die Weichen richtig gestellt ?

(c) Olaf Lüken (2018)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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