Heinz-Walter Hoetter

Besuch aus der Zukunft

An einem schönen Sommertag des Jahres 4525.

 

Ich saß allein vor meinem abgelegenen, rustikal gebauten Holzhaus auf der von

bunten Blumen umsäumten Sonnenterrasse und dachte zurück an längst vergangene

Zeiten.

 

Der leicht abschüssige Garten vor mir sah wie immer aus. Er wurde nur durch eine

sehr niedrige Thujenhecke allseitig begrenzt, sodass ich weit in die dahinter liegende

Landschaft sehen konnte. Am fernen Horizont türmten sich gerade mächtige,

grauweiße Wolken auf, die langsam aber stetig immer höher in den blauen Himmel

wuchsen.

 

Ich betrachtete eine Zeit lang interessiert das beeindruckende Wetterschauspiel, war mir aber nicht ganz sicher, ob sich da möglicherweise ein Gewitter zusammenbraute oder nicht.

 

Dann ließ ich meinen Blick zurück in den Garten wandern. Das Gras der grünen Wiese wurde zweimal in der Woche von einem vollautomatisch arbeitenden Elektro-Roboter gemäht, der jetzt stumm und regungslos in seiner Aufladebox stand, wo er geduldig auf seinen nächsten Einsatz wartete.

 

Weiter hinten standen ein paar hohe, altehrwürdige Fichten neben einer kleinen, mit

Efeu berankten Holzlaube. Hier und da lugten aus dem dichten Efeugewächs

kunstvoll verschnörkelte Holzfensterchen hervor. Diese stille Ecke meines Gartens

gefiel mir besonders gut, weil es gleichzeitig ein idyllisches und verträumtes Örtchen

war.

 

Etwas abseits davon glänzten ein paar nasse Steine, denn vor vielen Jahren hatte ich

mal einen künstlichen Bach in meinem Garten angelegt, der von dem klaren Wasser

einer kleinen, quirligen Quelle gespeist wurde, die weiter oben aus dem felsigen

Boden sprudelte. Jetzt plätscherte das kühle Nass gurgelnd durch ein schmales,

stufenförmig angelegtes Betonbett, das überall mit kleinen und großen Kieselsteinen

ausgefüllt war, die eigentlich nur dazu dienten, das schnell herunterfließende Wasser

etwas abzubremsen. Außer dem gleichmäßigen Plätschern des Wassers herrschte

überall eine wohltuende Ruhe, die ich immer wieder aufs Neue genoss, wenn ich hier

draußen auf meiner Sonnenterrasse saß. Schließlich erinnerte ich mich wieder daran,

wie alles einmal begonnen hatte und dachte wehmütig zurück an Merlin Thor.

 

Wo mag er wohl sein?

 

Damals war ich noch ein unternehmungslustiger junger Mann gewesen, der nach

seiner Ausbildung zum Kosmoarchäologen die unendlich erscheinenden Weiten des

Universums durchstreifte, immer auf der Suche nach irgendwelchen ungewöhnlichen

Abenteuern und außerirdischen Kulturen, die es überall zu entdecken gab. Es war

eine wirklich aufregende Zeit damals, denn man stieß im Universum auf viel mehr

außerirdisches Leben, als man anfangs vermutet hatte.

 

Allerdings stieß man auch auf eine Vielzahl von Planeten, auf denen oft nur noch die

letzten Überreste untergegangener Zivilisationen vorhanden waren. Aus

irgendwelchen rätselhaften Gründen waren sie untergegangen oder durch Einwirkung

planetarischer Gewalt ausgelöscht worden. Mein Auftrag war es, die entdeckten

Ruinenstädte als Kosmoarchäologe genauestens zu erforschen. Das konnte manchmal

viele Jahre dauern, bis ich meine Resultate zusammen hatte und auswerten konnte. In

dieser Zeit habe ich viel über die zahlreich vorhandenen, außerirdischen

Lebensformen der unterschiedlichsten Ausprägung im nahen und ferneren Kosmos

kennen gelernt. Unglaubliche Kreaturen sind mir begegnet, von denen die

Menschheit noch vor etlichen Tausenden von Jahren, als sie noch keine

interplanetarische Raumfahrt kannte, nicht die leiseste Ahnung besaß. Es war

wirklich eine atemberaubende Epoche der Raum fahrenden Menschheit, die ich als

junger Forscher seinerzeit miterleben durfte.

 

Aber das ist schon eine Ewigkeit her. Es kommt mir jedenfalls manchmal so vor. Ich

möchte euch deshalb erst einmal von Merlin Thor erzählen, den ich vor langer Zeit

zufällig kennen gelernt habe und der eine ziemlich außergewöhnliche Persönlichkeit

war. Der muskulöse 2-Meter-Kerl hatte die Ausstrahlung eines antiken, griechischen

Gottes und sah auch so aus. Trotzdem gab er sich gerne ehr wie ein ganz

gewöhnlicher Alltagsmensch, der sein Leben so normal leben wollte, wie alle anderen

eben auch.

 

Nun, die Herkunft von Merlin Thor wird wohl für immer im dunkeln bleiben, auch

wenn ich heute ein wenig von seinem Geheimnis kenne. Vielleicht war er noch nicht

einmal einer von uns, ich meine damit, so ein Mensch aus echtem Fleisch und Blut.

Selbst wenn es so gewesen wäre, hätte das nichts an unserer damaligen Freundschaft

geändert. Allerdings keimte in mir schon sehr früh der Verdacht, dass er ein

hochentwickelter Androide oder Cyborg war, obwohl er alles tat, dies zu verbergen.

Irgendwie wirkte dieser Merlin Thor auf mich manchmal doch etwas unheimlich,

weil er ein tiefes, unergründliches Geheimnis in sich barg, das ich schon gar nicht

während unserer zeitlich begrenzten Bekanntschaft zu entschlüsseln vermochte.

Wie gesagt, traf das auch auf seine eigentliche Herkunft zu, die er eisern für sich

behielt und keinem anderen Menschen gegenüber offen legen wollte. Genau dieser

Umstand war es, der ihn so überaus interessant für mich machte. Ich wusste anfangs

nur, dass sich viele Legenden, aber noch mehr Geschichten und eine Unzahl von

Gerüchten um Merlin Thor rankten, die überall im Universum ihre Runden machten.

 

Na ja, wie auch immer.

 

Nach manchen Erzählungen, die es auf fast jedem Planeten von ihm gab, soll er vor

mehreren tausend Jahren mit einem riesigen Raumschiff aus den unendlichen Weiten

des Alls auf die Erde gekommen sein und außergewöhnliche Fähigkeiten besessen

haben, die ihn unter den damals lebenden Menschen so berühmt wie eine Gottheit

machten. Es gab darüber hinaus Erzählungen, ob sie nun der Wahrheit entsprachen

oder auch nicht, was mich allerdings nur wenig interessierte, dass er sogar der

Begründer einer der ältesten Zivilisationen der frühen Erde gewesen sein soll,

nämlich das des mythischen Inselreiches Atlantis.

 

Ich persönlich sah die ganze Sache natürlich etwas anders und hielt diese

unglaublichen Geschichten durchweg für frei erfunden. Würden all diese Geschichten

nämlich stimmen, müsste Merlin Thor heute ein Alter von etwas mehr als 4000 oder

5000 Jahren haben. Kein Mensch konnte so alt werden, es sei denn, es handelte sich

hierbei um ein künstliches Lebewesen, um einen Androiden oder Cyborg, deren

Lebensdauer, so viel mir bekannt war, zwar nicht ewig, aber dennoch sehr lange

währte. Ob Merlin Thor ein künstlicher Mensch war oder nicht, konnte man nicht

direkt beweisen, weil er einfach niemanden an sich heranließ. Seine

Körperabschirmung, so eine Art undurchdringliches, blau weißes Energiefeld, das er

in bestimmten Situationen per Gedankenkraft aktivieren konnte, war einfach

einzigartig. Nichts und niemand konnte diesen Schutzschirm aus reiner Energie

durchdringen, wenn er erst mal eingeschaltet war.

 

Die Legende erzählte andererseits auch davon, dass eine gewaltige Katastrophe

Atlantis zerstörte und Merlin Thor sich gerade noch rechtzeitig vor einer heran

nahenden Riesenwelle in sein wartendes Raumschiff retten konnte. Die gewaltigen

Wassermassen rissen das sagenumwobene Atlantis und alle seine Bewohner in die

dunklen Tiefen eines von heftigen Erdbeben aufgewühlten Meeres, und die

sagenumwobene Hochkultur aus den kulturellen Anfängen der Menschheit wurde

durch dieses gnadenlose Naturereignis mit einem einzigen Schlag für immer

vernichtet.

 

Danach hörte man lange Zeit von Merlin Thor nichts mehr, bis er plötzlich mit

seinem gigantischen Raumschiff aus den dunklen Tiefen des Alls wieder auftauchte.

Das war ungefähr die Zeit, als ich ihn auf dem Mars kennen lernte. Wir blieben aus

geschäftlichen Gründen nur eine kurze Zeit zusammen, bis er schließlich wieder ganz

überraschend von der Bildfläche verschwand. Niemand konnte sich dieses seltsame

Verhalten erklären. Auch ich nicht, obwohl ich mir einbildete, ihn besser zu kennen

als alle anderen Menschen, die zu seinem erlauchten Freundeskreis zählten. Er war

eben ein absoluter Einzelgänger, ein Edel-Egozentriker, der jederzeit frei und

unabhängig sein wollte und niemandem gegenüber und zu nichts verpflichtet war,

außer vielleicht dazu, allein in den unendlichen Weiten des Universums wie ein

Zigeuner mit seinem Raumschiff heimatlos herumzuvagabundieren.

 

Merlin Thor’s geheimnisvolle Raumschiff, die „Phallanx“, konnte nämlich

ausgedehnte Zeitsprünge durchführen. Das hat er mir einmal selbst verraten, als ich

ihn einmal spontan danach fragte, obwohl ich von ihm in dieser Sache überhaupt

keine ehrliche Antwort erwartet hätte.

 

Ich habe mich damals umso mehr über seine ehrliche Art gewundert. Er sagte mir

ganz offen, dass er mit der „Phallanx“ ganz nach Belieben sowohl in die

Vergangenheit, als auch in die Zukunft reisen könne. Es gäbe darüber hinaus keinen

Ort im unvorstellbar weiten Universum, der für ihn nicht erreichbar sei.

 

Dieses unglaubliche Raumschiff war wohl auch der Grund dafür gewesen, dass ich

ihn später, nach unserer erwähnten Zusammenarbeit, für immer aus den Augen verlor,

und das trotz all meiner mir zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten,

über die ich damals verfügen konnte. Ich war schließlich bald nicht mehr dazu in der

Lage, den schwachen Signaturen seiner gewagten Zeitsprünge zu folgen. Er hätte in

der Tat überall sein können, da draußen irgendwo im Sternen übersäten Kosmos, der

so unendlich viele Welten barg, von denen sicherlich eine ganze Menge bestens dazu

geeignet waren, sich so gut wie unsichtbar auf ihnen zu machen.

 

Ich stellte mir also bald die zweifelnde Frage, ob ich überhaupt noch weiter nach

Merlin Thor suchen sollte. Ich dachte daher, dass es für mich wohl insgesamt gesehen

besser wäre, wenn ich die Suche nach ihm aufgeben würde, mir einfach irgendwann

ein schönes Haus im Grünen kaufe sollte, um mich endlich zur Ruhe zu setzen. Und

eines Tages war es dann auch so weit. Ich machte diesen Traum wahr und kaufte mir

ein schlüsselfertiges Holzhaus weit draußen vor der Stadt in einer relativ einsamen

Gegend.

 

Nun sitze ich hier, im Alter von fast 96 Jahren und schwelge in meinen Erinnerungen

an längst vergangene Zeiten. Aber jetzt möchte euch endlich die Geschichte erzählen,

die mehr als unglaublich klingt.

 

Also hört gut zu!

 

***

 

Ich lernte diesen Merlin Thor in einer Kneipe ganz in der Nähe eines großen

Raumflughafens auf dem Roten Planeten Mars kennen, die den Namen „Andromeda“

trug. Sie war eine Kneipe wie es Hunderte in der weitläufig angelegten Marsstadt

gab; eng, muffig und stickig. Der üble Gestank nach schalem Bier und

hoch prozentigen Getränken hing überall in der Rauch geschwängerten Luft. Beim

Gehen schmatzten einem die Sohlen der Schuhe, wenn man über den mit

verschütteten Alkohol getränkten Holzboden lief. Aber die ganze Kneipe war ein Ort,

der das Herz erwärmte und Merlin Thor schien dafür eine ganz besondere Vorliebe zu

haben. Offenbar fühlte er sich unter Menschen sehr wohl.

 

Die etwa dreißig Gäste hatten sich auf die Tische an den umliegenden Wänden und

die Theke verteilt. Die hohen Barhocker waren sehr klobig geformt und aus einem

dunklen, schweren Holz gefertigt. Die breite Sitzfläche bestand aus einem rauen,

graubraunen Leder, das an den Rändern schon ziemlich ausgefranst war. Das Leder

roch irgendwie unangenehm, was mich aber nicht weiter störte. Ich dachte darüber

nach, dass die rustikalen Barhocker in dieser Marskneipe ganz bestimmt von der Erde

stammten und daher schon sehr alt sein müssten. Wie viele Gäste mögen wohl schon

auf ihnen gesessen haben, dachte ich so für mich und ließ meinen Blick durch die

Kneipe schweifen.

 

Dann erblickte ich Merlin Thor und einen freien Barhocker, der an der Theke gleich

neben ihm stand. Schnell ging ich auf den freien Platz zu.

 

Als ich mich gesetzt hatte, sah ich ihn von der Seite an und grüßte breit grinsend mit

einem freundlich Kopfnicken. Knurrig grüßte er zurück. In der Rechten hielt er ein

großes, halb leeres Bierglas. Sein Blick war missmutig auf die Flaschenreihe hinter

der Theke gerichtet. Ich räusperte mich ein wenig, wandte mich schließlich von ihm

ab und rief lautstark nach dem Barkeeper. Plötzlich warf Merlin Thor mir einen

genervten Blick zu und murrte: „Wer sind Sie denn, Mister? Können sie sich nicht

woanders hinsetzen? Was schreien Sie hier überhaupt so herum? Der Barkeeper

reagiert auch auf die übliche Zeichensprache. Daumen hoch heißt hier, dass man ein

Bier haben möchte. Daumen runter bedeutet, dass man den Kanal voll hat. Zwei

Finger bedeuten zwei Bier und so weiter. Wussten Sie das nicht? Menschenskind, wo

kommen Sie eigentlich her?“

 

Oh, das wusste ich wirklich nicht. Bitte entschuldigen Sie mein vorlautes

Benehmen. Es wird nicht wieder vorkommen. Ich gehe nur sehr selten in Kneipen

wie diese.“

 

Dann sah ich mein Gegenüber direkt an.

 

Aber Sie sind doch der berühmte Merlin Thor, nicht wahr?“ fragte ich ihn freundlich

und mit echt bewundernder Neugier. Ohne Unterbrechung fuhr ich fort: „Ich habe

schon viel von Ihnen gehört. Es gibt eine Menge Geschichten und noch mehr

Gerüchte über Sie. Sie scheinen ja eine richtige Legende zu sein. Allerdings war ich

mir zuerst nicht ganz sicher, ob Sie auch wirklich der große Merlin Thor sind, der

hier in dieser Kneipe, ganz normal wie jeder andere auch, sein Bierchen trinkt. Ich

habe deshalb sicherheitshalber ein Foto von Ihnen an einem dieser überall herumstehenden Informationsterminals des Zentralcomputers ausdrucken lassen und

dann einfach Ihr Gesicht mit dem ausgedruckten Bild verglichen. Es gibt überhaupt

keinen Zweifel mehr: Sie sind der berühmte Merlin Thor!“

 

Ein abschätziges Grinsen huschte über das braungebrannte Gesicht meines

Gesprächsnachbarn.

 

Sieh mal einer an! Ein cleveres Bürschchen wie du einer bist, das hat mir gerade

noch gefehlt“, grollte Merlin Thor argwöhnisch zu mir rüber.

Ich ergriff die Gelegenheit und stellte mich kurz vor. „Ich bin Walter Hutton,

Kosmoarchäologe der Vereinigten Planetenförderation mit der Zentralregierung auf

Terra. Ich beschäftige mich schon seit sehr vielen Jahren mit den Resten längst

vergangener außerirdischer Kulturen und Zivilisationen. Vielleicht haben Sie von mir

schon mal gehört.“

 

Merlin Thor schüttelte den Kopf und grinste mich wieder so eigenartig an.

Wieder ergriff ich das Wort.

 

Eigentlich dachte ich, Sie wüssten wer ich bin. Ich ließ Ihnen doch eine

verschlüsselte Nachricht von mir zukommen. Haben Sie die vielleicht noch nicht

erhalten? Das kann nicht möglich sein, weil sie von Ihnen persönlich bestätigt worden ist. – Na ja, ist ja auch egal. Wissen Sie, ich hab nämlich einen ganz bestimmten Job für Sie. Steckt ein echt großes Vermögen drin. Braucht nicht der große Merlin Thor bares Geld, wie alle anderen Planetenbummler auch? Und die „Phallanx“ wird hin und wieder doch auch mal eine Generalüberholung benötigen. Oder irre ich mit da?“

 

Merlin Thor unterbrach mich. Sein verwegener Blick musterte mich von oben bis

unten. Dann sprach er mich direkt an. Im Ton seiner Stimme lag eine gewisse

Arroganz. Er duzte mich einfach.

 

Mein Raumschiff repariert sich von selbst, du Einfaltspinsel. Dafür sind meine

Techno-Androiden zuständig. Und die machen ihren Job ziemlich gut. Aber das ich

hin und wieder Geld brauche, das ist richtig, mein Freund. Nichts kriegt man auf den

Planeten der mächtigen Förderation umsonst. Selbst so eine Legende wie ich nicht.

Früher war das anders, das kannst du mir glauben. Ich habe mir einfach genommen,

was ich für mich und für mein Raumschiff eben so alles gebraucht habe. Ich denke

mal, dass diese Zeiten mittlerweile wohl für immer vorbei sind. Ich trauere ihnen aber

auch nicht nach. Alles ändert sich eben, manchmal zum Guten, manchmal zum

Schlechten. Was soll’s also? Ich persönlich sehe in dem, was man gemeinhin als

Veränderungen bezeichnet, sowieso nur eine Art Konstante im Universum. In der Tat

verändert sich alles, wenngleich auch schleichend. – Aber lassen wir das Thema.

Reden wir über’s Geschäft. – Und du hast einen Job für mich?“ fragte Merlin Thor

plötzlich unverhofft, sah mich dabei gelangweilt von der Seite an und verzog seine

breiten Lippen zu einem schrägen Grinsen.

 

Ja, und sogar einen sehr lukrativen. Für Ihre Dienste werde ich Sie gut bezahlen. Ich

würde sogar behaupten, bestimmt mehr als gut“, erklärte ich ihm.

 

Worum geht’s denn überhaupt?“ wollte Merlin Thor wissen. Sein Grinsen wurde

noch breiter.

 

Ich kam ohne Umschweife zur Sache.

 

Ich muss in die Vergangenheit zurückreisen, genauer gesagt in das Jahr 2012 des 21.

Jahrhunderts. Den genauen Tag und die genau Stunde gebe ich aus

Sicherheitsgründen erst kurz vor dem Antritt unserer Reise bekannt. Sie verfügen mit

der „Phallanx“ über ein Zeit sprungfähiges Raumschiff. Ich muss dorthin, wo das

eigentliche Geheimnis meiner eigenen Existenz, und das vieler andere Dinge, zu

Hause ist. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Sind Sie einverstanden, Merlin Thor? Sie

müssen meinem Angebot nicht gleich zustimmen. Aber bevor ich diese Kneipe hier

wieder verlasse, müssen Sie sich entschieden haben. Andernfalls sehe ich mich dazu

gezwungen, mir unter Umständen einen anderen Partner zu suchen.“

 

Merlin Thor grinste mich wieder so seltsam an. Ich hatte den eigenartigen Eindruck,

als wüsste er schon irgendwie im Voraus, wie die ganze Sache zwischen uns beiden

heute Abend ausgehen würde.

 

Er sah mich konzentriert an. Der Blick seiner Augen war messerscharf.

 

Ist Ihnen eigentlich klar, dass das mit so einem Zeitsprung für einen Menschen wie

Sie nicht ganz ungefährlich ist, mein Freund? Da kann eine ganze Menge schief

gehen, wenngleich die „Phallanx“ bisher noch bei keinem Sprung durch die Zeit

irgendwelche Probleme gemacht hat. Ich meine, für Wesen aus Fleisch und Blut kann

es schnell zu gewissen Schwierigkeiten kommen. Wussten Sie das eigentlich?“

 

Das weiß ich alles“, antwortete ich ihm mit ruhiger Stimme selbstbewusst.

Aber das Risiko muss ich in Kauf nehmen“, fuhr ich mit Bestimmtheit fort, hob

prostend mein Glas und sagte mit einiger Überzeugung: „Das fasse ich als

Zustimmung des großen Merlin Thor auf. Wir sind also im Geschäft – oder?“

 

Ich wartete einen Augenblick gespannt, dann hob mein Gegenüber ebenfalls sein

bauchiges Glas in die Höhe und blinzelte mich vielsagend von der Seite an und

grollte: „Natürlich Mr. Walter Hutton. Wie sollte es auch anders sein?“

 

Ich wunderte mich zwar über diese Antwort, dachte aber nicht weiter darüber nach.

Dann prosteten wir uns gemeinsam zu, tranken den Rest des Bieres aus und bestellten

gleich ein neues hinterher. Wir saßen an diesem Abend noch lange zusammen, viel zu

lange, wie ich mich heute noch daran erinnern kann. Der künstlich hergestellte

Gerstensaft auf dem Mars besaß nämlich wesentlich mehr Alkohol als das Bier auf

der Erde. Das wurde aus Prinzip schon so gemacht, wie ich mal irgendwo gehört

habe. Überall auf dem Mars legte man viel Wert auf den Faktor Unterscheidung. Man

wollte die Dinge von der Erde eben nicht einfach kopieren.

 

Trotzdem, so einfach hatte ich mir das Geschäft mit Merlin Thor damals allerdings

nicht vorgestellt, denn er galt als besonders schwierig und extrem eigenwilliger

Querkopf, besonders dann, wenn es um irgendwelche ganz besonderen

Geldangelegenheiten ging, die er von Haus aus stets kritisch und äußerst genau unter

die Lupe nahm. Bei mir aber schien er damals irgendwie von Anfang an keine allzu

großen Bedenken gehabt zu haben, was mich von heute ausgesehen keinesfalls mehr

verwundert, wenn ich mit dem erst viel später erworbenen Wissen nachträglich auf

die wahre Natur von Merlin Thor zurückblicke.

 

Hinterher ist man eben immer klüger. Das war schon zu allen Zeiten so. Daran hat

sich bis heute nichts geändert.

 

***

 

Viel später.

 

Das ist ja ein richtiger Schrotthaufen“, sagte Merlin Thor abfällig zu mir, als wir

zusammen mit meinem Großraumgleiter die Zielkoordinaten auf der Rückseite des

Mondes erreichten. Hier gab es nämlich eine uralte Mondstation, die vor vielen

Jahrtausenden von den ersten, wagemutigen Raumfahrern einer längst

untergegangenen menschlichen Zivilisation erbaut worden ist. Danach hat sich eine

andere entwickelt, die mit ihren enormen Fähigkeiten die Tiefen des Alls eroberte.

Ich schaute hinüber zu den Trümmern der Mondstation, die irgendwann zu einem

Raumfort umfunktioniert wurde. Obwohl von der eigentlichen Station nicht mehr viel

übrig geblieben war, weil auf ihr anscheinend mal heftige Kämpfe stattgefunden

haben, wie ich aus alten Schriften später erfahren habe, sah sie an vielen Stellen

immer noch aus wie ein richtiges Raumfort. Die alten, wuchtigen Betontürme, also

jene die noch stehen geblieben waren, reichten mindestens einhundert Meter in die

Höhe. Die gesamte Anlage hatte eine Länge von mehr als einen Kilometer und war

fast genauso breit.

 

Obwohl die zentrale Mondstation ein einziger Trümmerhaufen zu sein schien, ragten

hier und da noch einige intakte Gebäude aus dem Gewirr von abgerissenen

Stahlträgern und den Resten eingestürzter Betonmauern hervor. Ich steuerte den

schweren Raumgleiter vorsichtig in eine ganz bestimmte Richtung, bis wir eine

halb zerstörte Kuppel erreichten. Daneben standen zwei riesige, silbrig glänzende

Metallzylinder, auf denen man noch die Beschriftung erkennen konnte: NASA –

Mondstation 25. Die ehemalige Reflektorfarbe ganz oben auf der Kuppel war jetzt

matt und total mit Mondstaub bedeckt.

 

Ich konnte mir gut vorstellen, wie die Besatzung der Mondstation hier einmal gelebt

haben muss. Ich stellte mir auch die schweren Explosionen vor, die an diesem

schicksalsträchtigen Ort mal vor langer Zeit die wuchtigen Betongebäude zerstörten.

Die menschliche Rasse war eben von jeher keine friedliche gewesen. Sie führten ihre

kriegerischen Auseinandersetzungen sogar auch im Universum weiter. Für mich war

das eine deprimierende Feststellung.

 

Ich steuerte meinen Grußraumgleiter jetzt auf eine freie Fläche zu, die gleich neben

einer der riesigen Kuppel lag und setzte vorsichtig zur Landung an. Ganz in der Nähe

des Landeplatzes befand sich auch der offene, etwa 10 Meter hohe Eingang, dessen

Stahltore wahrscheinlich durch mehrere gewaltige Explosion aus der Verankerung

gerissen worden waren. Sie lagen jetzt total verbogen rechts und links vor dem

dunkel gähnenden Kuppel Eingang zwischen den anderen Trümmern auf dem

staubigen Mondboden herum. Trotzdem war die breite Zufahrtsstraße, die aussah wie

das Teilstück einer vierspurigen Autobahn auf der Erde, ins Innere der massiven

Kuppel relativ frei und fast ohne Beschädigungen geblieben.

 

Merlin Thor wirkte auf einmal etwas ungeduldig auf mich.

 

Was machen wir hier eigentlich? Was hat das alles für einen Sinn, Mr. Hutton?“

 

Ich überreichte ihm ein handliches Ortungsgerät und erklärte ihm, worum es mir

ging.

 

Ich habe in dieser ehemaligen Mondstation der NASA einige interessante Dinge

gefunden, die ich heute mit Ihnen zusammen bergen möchte, Merlin Thor. Es handelt

sich unter anderem auch um einen völlig intakt gebliebenen Tresor aus dem Jahre

2045 des 21. Jahrhunderts, der sich in einer geheimen Kammer der Station befindet.

Wahrscheinlich wussten nur ganz wenige Mitglieder der Besatzung davon, welch

wertvolle Schätze bei ihnen seinerzeit tief unter der Mondoberfläche bombensicher

eingelagert waren. Im Innern des kubusförmigen Tresors befinden sich mehrere

Tonnen Gold, Silber und Platin von unschätzbarem Wert. Sie wissen doch selbst, dass

diese Edelmetalle auch heute noch sehr begehrt sind. Sie stellen immer noch ein

gewaltiges Vermögen dar. Auf dem Schwarzmarkt würde man mindestens das

Doppelte dafür erzielen, wenn nicht mehr. Das ist das lukrative Angebot, das ich

Ihnen vor einiger Zeit an der Bar in der Marskneipe unterbreitete. Sie erhalten zwei

Drittel davon als Bezahlung für Ihre Dienste mir gegenüber, vorausgesetzt natürlich,

Sie bringen mich mit Ihrem Raumschiff per Zeitreise in das Jahr 2012 zurück. Das

andere Drittel ist für mich. Stellen Sie mir bitte keine weiteren Fragen, wozu ich das

Ganze hier mache, sondern tun Sie nur einfach das, was ich von Ihnen verlange.

Nicht mehr und nicht weniger.“

 

Diese Erklärung wäre nicht nötig gewesen, Mister Hutton. Wir haben eine

mündliche Vereinbarung getroffen, und an die werde ich mich halten. Es ist nicht

meine Art, vertragsbrüchig zu werden“, erwiderte Merlin Thor mürrisch und schaltete

das Ortungsgerät ein. Ein dreidimensionaler, hellgrüner Bildschirm leuchtete auf, in

dessen Mitte ein kleiner roter Punk blinkte, der sich langsam in Richtung der

beschädigten Kuppel zielstrebig fortbewegte, die auf dem Farbmonitor als räumliches

Gitter dargestellt wurde.

 

Während ich in aller Ruhe meinen Raumanzug anlegte, fuhr ich mit meinen

Schilderungen fort.

 

Ich habe den Tresor bei meinem letzten Besuch mit einem kleinen Peilsender

ausgestattet. Es wird daher nicht schwer sein, ihn zu finden. Sobald wir ihn mit dem

Ortungsgerät einwandfrei lokalisiert haben, werde ich das Ding mit einem

Laserbrenner aus der Verankerung schweißen und freilegen. Ihre Aufgabe wird es

danach sein, das komplette Tresorgehäuse samt Inhalt mit Hilfe einer

Antigravitationshebevorrichtung, die Sie an dem Tresorkubus rundherum anbringen

müssen, auf eine weitere Antigravitationstransporterplattform zu hieven, um ihn

anschließend damit nach oben an die Mondoberfläche bringen zu können. Dann

verstauen wir den Fund im Frachtraum meines Großraumgleiters und fliegen damit

Mars zurück, wo die „Phallanx“ auf einem geschützten Landeplatz des

Raumflughafens steht. Wir benutzen einen der hinteren Transporterschleusen Ihres

Sternenschiffes, weil dieser Eingang einfach mehr Schutz vor allzu neugierigen

Blicken aus dem nah liegenden Tower bietet. Niemand wird auf dieses Art und Weise

etwas davon mitbekommen, dass wir einen ziemlich wertvollen Schatz an Bord der

Phallanx“ gebracht haben. Auch die Behörden auf dem Mars werden nichts davon

mitkriegen. Außerdem werden sich die Typen davor hüten, das Raumschiff des

großen Merlin Thor zu inspizieren. Wenn Sie schließlich Ihren Anteil erhalten haben,

verlassen wir den Mars in Richtung Dunkelseite des Erdmondes und Sie bringen

mich von dort aus, wie vereinbart, in die Vergangenheit des Jahres 2012 zurück. Es

muss auf den Tag genau der 21.06.2012 sein. Dann landen wir auf der Erde mit einer

kleinen Raumfähre und eingeschalteter Tarnvorrichtung in der Nähe einer Kleinstadt

etwa in der Mitte des europäischen Kontinents, dort, wo sich ein mächtiges Gebirge

befindet, das man Alpen nennt. Die Tarnvorrichtung schützt uns davor, dass man uns

weder sehen noch orten kann. Die genauen Koordinaten werde ich Ihnen gleich

mitteilen. Sie müssen die Daten dann nur noch auf den Quantencomputer der

Phallanx“ übertragen. Wichtig ist, dass die Menschen des Jahres 2012 nichts davon

mitbekommen, dass Zeitreisende die Erde besuchen. Ich hoffe, dass Sie mit allem

einverstanden sind, Merlin Thor. Und wenn Sie noch irgendwelche Fragen zu

meinem Plan haben, dann würde ich Sie darum bitte, mich jetzt zu fragen. Später

werde ich keine Zeit mehr dafür haben.“

 

Der Plan ist in Ordnung, Mr. Hutton. Fragen habe ich keine mehr dazu. Ich hoffe

jetzt nur noch, dass Ihnen der Sprung durch die Zeit, also einmal hin in die

Vergangenheit und wieder zurück in unsere Gegenwart, nicht allzu sehr schaden wird.

Sie wissen ja, dass ich keine noch so geartete Garantie für Sie übernehmen kann.

Sollte Ihnen etwas zustoßen, gehen die negativen Folgen allein auf Ihre Kappe.“

 

Ich werde die Prozedur der einzelnen Zeitsprünge in der Zeitkammer der „Phallanx“

schon überleben. Und machen Sie sich wegen mir keine allzu großen Sorgen. Es ist

darüber hinaus für alles optimal gesorgt. Sollte mir tatsächlich etwas zustoßen, dürfen

Sie auch das Drittel meines Anteils behalten. Das ist mein letztes Wort. Gehen wir

also jetzt lieber an die Arbeit und betätigen wir uns als Schatzsucher. Ich möchte

heute noch auf jeden Fall zum Mars zurückfliegen, wenn’s möglich ist. Hier, auf der

Dunkelseite des Mondes, möchte ich auf gar keinen Fall länger als nötig bleiben. Ich

hoffe daher ganz besonders auf Ihre tatkräftige Mithilfe, Merlin Thor.“

 

Ist klar, Mister Hutton. Sie sind der Boss. An mir soll es nicht liegen“, knurrte mich

der Hüne mürrisch an. Dann machten wir uns gemeinsam auf den Weg.

 

***

 

Bald hatten wir alle notwendigen Bergungsarbeiten abgeschlossen, weil der Zugang

zum Tresorraum keine Beschädigungen aufwies und die Antigravitationsplatten samt

den übrigen Zusatzgeräten eine große Hilfe für uns beide waren. Sie erleichterten uns

die ansonsten schwere Arbeit ungemein, obwohl die Anziehungskraft des Mondes nur

1/6 der Massenanziehungskraft der Erde betrug.

 

Als mein Großraumgleiter per Autopilot abhob, ließ ich mich mit geschlossenen

Augen in den Steuersitz fallen. Merlin Thor saß neben mir am Steuerpult und machte

sich über die primitive Technik des betagten Transportgleiters lustig. Ich gab derweil

die Rückflugroute zum Mars ein. Nachdem das erledigt war, stand ich auf, entledigte

mich meines Raumanzuges und ging zusammen mit Merlin Thor nach unten in den

Frachtraum. Wenige Minuten danach standen wir gemeinsam vor dem

transportgesicherten Container. Die starken Panzertüren des Tresorkubus standen weit

offen. Wir haben sie einfach mit dem Hochenergielaser aus jeder einzelnen

Verankerung geschweißt. Ich schätzte die Abmaße des Kubus auf etwa drei Meter.

Das Ding war pechschwarz und sah irgendwie furchterregend aus. Ich schaute durch

den offenen Eingang ins Innere des Tresors. Überall befanden sich Gold-, Silber und

 

Platinbarren fein säuberlich aufgeschichtet, alle zu gleich große Stapeln sortiert.

Ein historischer Augenblick. Das ganze Zeug ist mehrere Jahrtausende alt. Es gibt

Dinge in dieser Welt, die sich nicht ein Spur ändern, wie beispielsweise diese

Edelmetalle hier. Sie stammen aus einer längst vergangen Zeit, als die Menschen

gerade mit der Raumfahrt begonnen hatten und dabei waren, den Mond und den Mars

zu erobern. Dort bauten sie die ersten Basisstationen, von denen sie dann weiter ins

All vordrangen. Noch heute erzählen die überlieferten Geschichten von den

mühsamen Anfängen der Raumfahrt und mit welchen immensen Schwierigkeiten die

Astronautinnen und Astronauten von damals zu kämpfen hatten. In den

elektronischen Bibliotheken kann man das alles nachlesen. Muss wohl ein aufregende

Zeit gewesen sein“, sinnierte ich laut vor mich hin.

 

Ja, das wird sie wohl gewesen sein“, antwortete Merlin Thor nachdenklich und ging

zurück in das Cockpit meines Großraumgleiters, den ich zu einem Raumtransporter

umfunktioniert hatte.

 

Ich sah Merlin Thor noch einen kurzen Augenblick hinterher, blieb aber aus ganz

bestimmten Gründen im Frachtraum zurück. Noch einmal versicherte ich mich

vorsichtshalber, dass mein Partner nicht doch noch einmal zurückkommen würde.

Dann marschierte ich direkt hinüber in die nächste Frachtzelle und öffnete dort einen

kleinen, hermetisch abgeschlossenen Metallbehälter, den ich bei meinem ersten

Besuch auf der uralten Mondstation in einem kleinen Nebenraum gefunden hatte.

Wegen seines geringen Gewichts stellte der kofferähnlich geformte Kasten für mich

kein nennenswertes Problem dar. Als ich jedoch einige Zeit später den

Vakuumbehälter öffnete, fand ich darin etwa zehn bis zwölf Bücher vor, darunter

eines von einem Schriftsteller aus dem Jahre 2012 des 21. Jahrhunderts. Noch

seltsamer wurde die ganze Angelegenheit allerdings, als ich in eines der

guterhaltenen Taschenbücher herumblätterte und zufällig eine Kurzgeschichte darin

fand, die den Titel trug „Besuch aus der Zukunft“. Ich war wie vor den Kopf

geschlagen und wusste nicht so recht, was ich davon halte sollte. „Merlin Thor“ und

ich „Walter Hutton“ kamen darin vor. Wird wohl ein Namensvetter von mir gewesen

sein, der damals zufällig den gleichen Namen trug wie ich, fiel mir dazu ein. Wie

konnte aber ein Schriftsteller des 21. Jahrhunderts etwas von der Existenz zweier

Personen wissen, die zu dem genannten Zeitpunkt noch gar nicht gelebt haben,

einmal abgesehen von Merlin Thor möglicherweise? Das Entsetzen in mir wurde

jedoch noch größer, als ich mir die kleine Story in Ruhe durchlas. Sie glich in allen

Punkten grob in etwa dem, was Merlin Thor und ich gerade erlebten, bisher erlebt

hatten oder möglicherweise noch erleben werden. Es war wie eine Geschichte aus

einer weit, weit zurück liegenden Vergangenheit, die eine ferne Zukunft beschrieb,

deren Handlung ich komischerweise gerade jetzt, in diesem Augenblick, Zeile für

Zeile als aktiver Protagonist zu verwirklichen schien. Die Story besaß den Charakter

eines Drehbuches und Merlin Thor und ich waren offenbar die beiden

Hauptakteure, die darin ihre genau vorgeschriebene Rolle perfekt bis ins letzte Detail spielten.

 

Am Ende der Geschichte tauchte schließlich noch der Name des Autors auf, der sich

Heiwahoe“ nannte. Dann stand da noch das genau Erscheinungsdatum des

Taschenbuches auf eine der vorderen Seiten. Diese Daten wurden für mich äußerst

wichtig, da es eben jene genauen Angaben waren, die ich für den Zeitsprung in die

Vergangenheit des 21. Jahrhunderts benötigte. Also bereitete ich den Sprung zurück

in die Zeit akribisch vor, um den geheimnisvollen Autor „Heiwahoe“ einen Besuch

abzustatten, denn ich wollte unbedingt in Erfahrung bringen, wieso er eine SFGeschichte erzählen konnte, die sich schließlich erst ein paar tausend Jahre später so ereignete. Irgendwie kam mir die ganze Sache paradox vor. Ich begriff eigentlich

nicht so recht, was das Ganze im Grunde genommen zu bedeuten hatte. Tief in

Gedanken versunken legte ich das Taschenbuch mit der Story von Merlin Thor und

mir in den kleinen Metallbehälter zurück, verschloss ihn wieder sorgfältig und

marschierte hinüber in die Steuerzentrale meines Transportgleiters, wo gerade der

Bordcomputer die vollautomatische Landung auf den Mars vorbereitete, der jetzt auf

dem Panoramabildschirm als rote Kugel erschien und langsam immer größer wurde.

Merlin Thor saß mit geschlossenen Augen gemütlich und entspannt im breiten

Copilotensessel der Steuerzentrale und schien in Gedanken zu sein. Er beachtete

mich nicht, auch dann nicht, als ich mich mit lautem Geräusch in den

Leder gepolsterten Pilotensessel fallen ließ.

 

***

 

Einige Zeit später.

Alles lief reibungslos ab. Das Umladen der tonnenschweren Edelmetalle auf dem

Mars schien offenbar keinem zu interessieren. Außerdem stand auf den Containern zu

lesen, dass es sich um Ersatzteile der „Phallanx“ handelte. Ein bisschen Tricksen

muss man immer.

 

Nachdem wir alles verstaut hatten, sind wir mit der „Phallanx“ sofort wieder zurück

auf die Dunkelseite des Mondes geflogen. Kurz darauf fand der Zeitsprung statt, der

uns in die Vergangenheit des Jahres 2012 brachte.

 

***

 

An einem schönen Tag im Juni des Jahres 2012.

 

Ich sitze allein vor meiner kleinen, mit Efeu berankten Gartenlaube und schaue

verträumt hinüber zu der von bunten Blumen umsäumten Sonnenterrasse meines

rustikalen Holzhauses, das ich vor vielen Jahren schlüsselfertig für eine stolze

Kaufsumme erworben habe. Einsam und abgeschieden liegt mein schönes Anwesen

weit draußen vor den Toren einer Tag und Nacht laut lärmenden Großstadt. Heute bin

ich froh darüber, diesen ruhigen Ort gewählt zu haben.

 

Links und rechts neben mir stehen ein paar altehrwürdige Fichten. Ihre weit

ausladenden Äste sind weiter oben mit einer großen Zahl Tannenzapfen bewachsen.

Manchmal fallen welche herunter und liegen dann um den Baum herum auf dem

kurzgeschnittenen Rasen, den ich jede Woche mindestens einmal mähen muss, weil

er so schnell wächst. Direkt vor mir, auf dem hölzernen Gartentisch, steht ein

eingeschalteter Laptop mit aufgeklapptem Bildschirm. Leise surrt er vor sich hin. Ich

schreibe schon seit heute Vormittag an einer interessanten SF-Kurzgeschichte, die ich

soeben fertiggestellt habe. Jetzt lese ich sie noch einmal von vorne bis hinten durch

und nehme hier und da einige notwendige Satzveränderungen oder

Schreibfehlerkorrekturen vor.

 

Ja, diese Ecke meines Gartens gefällt mir besonders gut, weil sie gleichzeitig ein

idyllisches und verträumtes Örtchen ist, wo ich meine phantasievollen Gedanken in

aller Ruhe und Abgeschiedenheit freien Lauf lasse kann. Für mich gibt es keinen

schöneren Ort auf der Erde. Lärm gibt es bekanntlich überall, aber es gibt nur eine

Stille. Hier, in meinem wundervollen Garten, mit dem grünen Rasen, den mächtigen,

gesunden Fichten, den Sträuchern und bunten Blumen, fühle ich mich wohl. Deshalb

wollte ich nirgendwo anders sein.

 

Ich lasse meinen Blick über den grünen Rasen schweifen und denke dabei an eine

ganz bestimme Theorie in meiner neuen Geschichte. Wenn sie stimmt, dann wird sich

bald etwas Außergewöhnliches ereignen.

 

Sehr bald sogar.

 

Der Garten vor mir sieht wie immer aus, der langsam nach oben zum Haus ansteigt.

Er wird rundherum nur durch eine niedrige Thujenhecke begrenzt, sodass ich von fast

allen Seiten weit in die dahinter liegende Landschaft sehen kann. Ein paar weiße

Wolken ziehen gerade über mir am blauen Himmel vorbei und werfen auf den Boden

meines Gartens schnell davon huschende Schatten.

 

Nicht unweit von mir glänzen ein paar nasse Steine, denn vor vielen Jahre habe ich

mir in meinem Garten einen künstlichen Bach angelegt, der von dem Wasser einer

kleinen Quelle gespeist wird, die weiter oben aus dem felsigen Boden sprudelt. Jetzt

plätschert das kühle Nass gurgelnd durch ein schmales, stufenförmig angelegtes

Betonbett, das überall mit kleinen und großen Kieselsteinen aufgefüllt ist, die

eigentlich nur dazu dienen, das schnell herunter fließende Wasser etwas zu bremsen.

Außer dem gleichmäßigen Plätschern des Wassers herrscht überall eine wohltuende

 

Ruhe, die ich immer wieder aufs Neue genieße, wenn ich in meinem Garten sitze.

Während ich noch einmal in der fertigen Science Fiction Kurzgeschichte lese,

bemerke ich plötzlich aus dem Blickwinkel heraus in der Mitte des Gartens einen

heftig flackernden Lichtpunkt. Zuerst dachte ich an eine zerbrochene Glasscherbe,

die nur das einfallende Sonnenlicht reflektiert. Doch der zitternde Lichtpunkt wird

auf einmal schnell größer und nimmt innerhalb von Sekunden die Gestalt einer

mannshohen, kreisrund geformten Lichtscheibe an. Aus den glühenden Rändern

züngeln winzige Blitze hervor, die sich knisternd entladen. Gebannt starre ich auf den

gleißenden Lichtbogen. Meine Theorie hat sich also als richtig erwiesen, denke ich so

vor mich hin und warte ab, was noch passieren wird.

 

Im nächsten Augenblick tritt eine männliche Person aus der portalähnlichen

Lichterscheinung, die sofort hinter ihr wieder mit lautem Zischen verschwindet. Die

Person steht regungslos da. Ich kenne den Mann, der da wie ein Geist aus dem Nichts

in meinem Garten aufgetaucht ist. Er heißt Walter Hutton und kommt aus der Zukunft

des Jahres 4525.

 

***

 

Offenbar hat Mister Walter Hutton den Sprung durch die Zeit ziemlich gut und ohne

Schaden überstanden. Merlin Thor muss ihn wohl später direkt aus der getarnten

Raumfähre heraus in meinen Garten teleportiert haben. Genauso steht es in meiner

SF-Geschichte.

 

Die flimmernde Lichtscheibe ist jetzt völlig verschwunden. Dort, wo sie noch vor

wenigen Sekunden erschienen war, ist der Rasen jetzt leicht angesenkt. Über der

Grasfläche schweben weiße Rauchfähnchen, die sich aber schon bald wieder

auflösen.

 

Ich hebe jetzt beide Arme hoch, schwenke sie heftig hin und her und rufe dem leicht

irritierten Mann mit lauter Stimme zu: „Hallo Mister Hutton! Hier bin ich. Kommen

Sie rüber zu mir! Anscheinend ist Ihnen die Zeitreise in die Vergangenheit gar nicht

so schlecht bekommen, wie Merlin Thor dachte. Na, wie gefällt Ihnen die Luft des 21. Jahrhunderts?“

 

Ach da sind Sie, Herr Hoetter oder soll ich lieber sagen „Heiwahoe“? Bitte warten

Sie noch einen kleinen Moment, bis ich wieder klar denken kann. Mir ist noch etwas

schwindlig. Allerdings habe ich mir die Reise durch die Zeit in der Tat schlimmer

vorgestellt. Anscheinend ist alles besser gelaufen, als ich dachte. Und was die

Atemluft anbelangt, da kann ich nur sagen, dass sie richtig nach Sauerstoff riecht. Die

Luft im Jahre 4525 kann da nicht mehr mithalten. Sie wird teilweise künstlich mit

Sauerstoff angereichert, besonders in den bevölkerungsreichen Megastädten.“

 

Walter Hutton trat jetzt einige Schritte vor.

 

Warten Sie, Mister Hutton. Ich komme gleich zu Ihnen rüber und helfe Ihnen.

Bleiben Sie einfach da, wo Sie sind!“, rief ich dem Mann aus der Zukunft zu, erhob

mich ruckartig aus meinem Stuhl und eilte ihm entgegen.

 

Vielen Dank, Herr Hoetter. Sehr liebenswürdig von Ihnen. Allerdings könnte ich

jetzt einen Schluck Wasser gebrauchen.“

 

Dort auf meinem Tisch steht ein Karaffe mit Wasser. Sie können auch einen heißen

Kaffee haben, wenn Sie es wünschen, Mr. Hutton.“

 

Dann trinke ich doch lieber den Kaffee“, sagt Mr. Hutton schmunzelnd zu mir und

stützt sich auf meine Schulter. Gemeinsam gehen wir rüber zur Gartenlaube und

setzen uns an den klobigen Holztisch. Anschließend gehe ich los, hole eine extra

große Tasse aus dem Hängeschrank und gieße meinem Besuch reichlich von dem

dampfenden Kaffee ein.

 

Möchten Sie Milch und Zucker, Mister Hutton?“ frage ich ihn höflich, während ich

das Kännchen mit dem Kaffee auf den Tisch zurückstelle.

 

Oh, ich trinke lieber schwarz, Herr Hoetter. Man kann eben alte Gewohnheiten auch

in der Vergangenheit nicht so einfach ablegen.“

 

Mr. Hutton nippte zuerst vorsichtig an der Tasse. Dann trank er den Inhalt schließlich

Schluck für Schluck genüsslich aus.

 

Ich kam noch mal kurz auf den Sauerstoffgehalt der Luft in unserer Zeit zurück.

 

Und wir halten unsere Atemluft schon für schlecht. Das mag vielleicht in den

Großstädten so sein, aber hier in der Gegend, wo ich wohne, ist überwiegend Wald,

und der produziert genug Sauerstoff. Auch filtert er die Luft besser als in den

bewohnten Gebieten mit wenig Bäumen“, antwortete ich. „Aber ich denke mal, wir

sollten uns jetzt lieber auf einige der wichtigsten Fragen konzentrieren, die Sie mir

stellen wollten. Viel Zeit steht Ihnen ja nicht zur Verfügen, Mr. Hutton. Sehe ich das

richtig?“

 

Sie sehen das völlig richtig, Herr Hoetter. Das war ja auch der ganze Sinn meiner

Zeitreise zu Ihnen. Ich werde mich daher so kurz wie möglich fassen und gleich die

erste Frage an Sie richten. – Wer ist eigentlich dieser Merlin Thor?“

 

Eine überaus interessante Frage, die Sie mir da stellen, Mr. Hutton. Wissen Sie, es

ist vielleicht auch für Sie nicht unbedingt leicht zu verstehen, dass Merlin Thor in

Wirklichkeit ein Teil von mir selbst ist. Das trifft in gewisser Hinsicht auch auf Sie

zu. Ich gehe jetzt einmal davon aus, dass Sie eine große Portion Verständnis für jene

unglaublich erscheinende Theorie aufbringen werden, dass es nicht nur ein

Universum gibt, sondern eine unglaubliche Vielzahl davon, die fast identisch

miteinander sind und alle nebeneinander existieren, jedoch jedes für sich auf einer

anderen Zeitebene. Deshalb kollidieren sie auch nicht miteinander. Ich spreche hier

von den sog. „Multiversen“, in denen das gesamte Leben, mithin alle Abläufe und

Ereignisse darin, beispielsweise auch das Schicksal jedes einzelnen Menschen, in

jeder dieser eigenständig existierenden Welt immer etwas anders abläuft. So wären

Sie in einem anderen Universum gar kein Kosmoarchäologe geworden, sondern

beruflich möglicherweise etwas ganz anderes, etwa ein Koch. Vielleicht wären Sie

von der Gestalt her etwas größer oder kleiner geraten. Laut meiner Theorie gibt es

mannigfache Unterschiede auf den jeweils nebeneinander existierenden Zeitebenen.

Alles ist wie ein Weg, der sich ständig neu verästelt und stets eine andere Richtung

einschlägt, völlig unabhängig von den anderen.“

 

Aber Sie haben eine Geschichte erfunden, die sich erst viele Tausend Jahre später

ereignen wird und schließlich auch ereignet hat, wie ich selbst nachlesen konnte. Wie

sind Sie darauf gekommen? Wer hat Sie dazu inspiriert? Woher wussten Sie das alles,

Herr Hoetter?“

 

Das hat was mit der Phantasie zu tun, Mister Hutton. Die Vorstellungskräfte des

Menschen überschreiten bei weitem sein eigenes Dasein. Körperlich gesehen ist der

Mensch ein Gefangener in Raum und Zeit. Aber in seinen Träumen beispielsweise

geht er nicht selten auf ferne Reisen. Er besucht fremde Welten, begegnet darin

unbekannte Lebewesen und er hält sich an Orten auf, die nichts mit der Realität

unserer eigenen Welt zu tun haben. Wie schon gesagt, Mister Hutton, das alles spielt

sich in der Welt der Gedanken und der Phantasie ab. – Vielleicht ist Ihnen der Name

Albert Einstein geläufig. Dieser Einstein war ein theoretischer Physiker. Seine

Forschungen zur Struktur von Raum und Zeit sowie dem Wesen der Gravitation

veränderten maßgeblich das physikalische Weltbild seinerzeit hier bei uns auf der

Erde von damals und heute. Zwei Zitate von ihm möchte ich erwähnen: 1. Phantasie

ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. 2. Es sieht immer mehr so aus, als

ob das ganze Universum nichts anderes ist als ein einziger grandioser Gedanke.

- Auch Nikola Teslar, selbst ein berühmte Physiker, war davon überzeugt: Alles im

Universum ist Energie und Schwingung. Und das ist der springende Punkt, Mr.

Hutton. Auch der Gedanke im Gehirn eines Lebewesens spielt sich auf molekularer

Ebene ab. Geist und Bewusstsein – wie einzigartig sie von jedem Menschen

empfunden werden – fügen sich zwar in das Naturgeschehen ein und übersteigen es

nicht. Richtig ist auch, dass Geist und Bewusstsein nicht einfach so vom Himmel

gefallen sind, sondern sich in der Evolution der Nervensysteme allmählich

herausgebildet haben. Aber wir können die Ketten von Raum und Zeit sprengen,

indem wir die endliche Erfahrungswelt mit Hilfe der Phantasie überschreiten und

neue Welten kreieren. Wenn also die Grenzen der Erkenntnis erreicht worden sind,

was man wissenschaftlich erklären kann oder auch nicht, bleibt nur noch der Weg der

Transzendenz. In diesem Falle bewegen sich schließlich irgendwann die eigenen

Gedanken hinein in die Quantenwelt, in der alles möglich ist, in der alles geschehen

kann, was vorstellbar ist. Und geschehen kann so gut wie alles, was möglich ist oder

auch nicht, Mr. Hutton“

 

Wollen Sie damit sagen, Herr Hoetter, dass wir alle letztendlich nur aus Gedanken oder Wellenenergie bestehen? Aus Informationen, die ihren Ursprung in der

Quantenwelt haben oder darin ihr Zuhause haben? Dann ist Merlin Thor auch nur ein

Gedanke, wenn ich Sie richtig verstehe? Wir erscheinen und vergehen wieder ohne

irgendwelche Spuren zu hinterlassen?“

 

Spuren hinterlassen wir auf jeden Fall, denn Gedanken sind reine Energie, die

niemals vergehen können. Ihr Dasein spielt sich in der Welt des Allerkleinsten ab und

entfalten dort ihre Wirkung, also in die der Quantenwelt, Mr. Hutton. Merlin Thor ist

zwar meinen phantasievollen Vorstellungen entsprungen, das ist vollkommen richtig,

aber es kann auch sein, dass ich mir das alles nur eingebildet habe, ich hätte ihn selbst

erfunden. Es kann umgekehrt genauso gut möglich sein, dass Merlin Thor mich

beeinflusst hat. Er hat mich demnach aus der Quantenwelt besucht und an mein

Bewusstsein schließlich jene Informationen weitergegeben, die man in meiner kurzen

Geschichte wiederfinden kann. Jetzt sagt natürlich jeder, dass das reine Theorie ist,

aber ich habe in der Tat vorher von Merlin Thor oder Ihnen rein gar nichts gewusst,

bis zu jenem Tage, als ich ganz plötzlich damit begann, diese Geschichte hier

niederzuschreiben, die Sie viele Tausend Jahre später durch Zufall auf einer

zerstörten Mondstation wieder gefunden haben. Das Buch hat Sie schließlich dazu

veranlasst, mich, den Autor der Geschichte, in seiner Welt des Jahres 2012 per

Zeitreise zu besuchen. Das war ja nur durch Merlin Thor möglich, der mit der

Phallanx“ Zeitreisen unternehmen kann. Vielleicht wäre in einem anderen

Universum, das auf einer anderen Zeitebene existiert, das Buch mit meiner

Geschichte wohl möglich gar nicht erst aufgetaucht, weil es längst verrottet oder nie

geschrieben worden wäre. Doch in diesem Falle ist es geschehen, wie es wohl

offenbar auch so und nicht anders hätte geschehen können in dieser Welt. Es wurde in

einem Vakuumkoffer verpackt und von irgendeinem Mitarbeiter mit zum Mond

genommen. Vielleicht gehörte er zum Wachpersonal des Tresors?“

 

Mr. Hutton unterbrach mich.

 

Könnte ich noch eine Tasse Kaffee haben, Herr Hoetter?“ fragte Mr. Hutton

freundlich.

 

Ja natürlich. Tun Sie sich keinen Zwang an. Kaffee ist genug da, mein verehrter

Freund.“

 

Während Mr. Hutton sich den Kaffee selbst eingoss, stellte er mir eine weitere Frage.

Merlin Thor ist der von Ihnen aufgestellten Theorie nach also nur ein Gedanke. Wie

kann es dann sein, dass er, Sie oder ich genauso, die Welt um uns herum als völlig

real empfinden? Wir können Schmerzen empfinden oder Gefühle erzeugen, die ganz

real sind. Verstehen Sie, was ich damit sagen möchte, Herr Hoetter?“

 

Ich sah Mr. Hutton eine Weile eindringlich an und fuhr fort: „Ich verstehe Sie nur zu

gut, Mr. Hutton. Aber lassen Sie es mich kurz erklären. Was ich beispielsweise mit

meinen irdisch angepassten Sinnen zu empfinden vermag, hängt ja auch immer vom

Aufnahmebereich dieser, eben meiner spezifisch angepassten Sinne ab. Wir

bekommen demnach nur die Informationen, die wir auch bekommen sollen, um in

dieser Welt überleben zu können. Nicht mehr und nicht weniger. Damit bleiben uns

theoretisch gesehen andere Welten verschlossen, die möglicherweise anders geartete

Sinne benötigen, um sie wahrnehmen können. Die speziell angepassten Sinne hier auf

der Erde halten mich z. B. in einem Gefängnis gefangen, das ich nur aufbrechen

kann, indem ich meine Gedanken freien, phantasievollen Lauf lasse. Sie müssen also

unterscheiden zwischen den sinnlichen Empfindungen, den Sensoren, die uns mit der

Außenwelt verbinden und den Gedanken, die im tiefsten Innern des Bewusstseins

kursieren und dort aus- und eingehen. Der Gedanke an sich ist zeitlos. Fassen wir

einen Gedanken, so treten wir in Beziehung zu ihm und er zu uns. Wir alle empfinden

uns als real, weil wir nicht anders können. Und was ist mit den Gedanken? Sind die

etwas nicht real, Mr. Hutton? Sie sind genauso real, wie alles andere in, an und um

uns herum. Die Gedanken sind fester Bestandteil es eigenen und gleichzeitig eines

übergeordneten Bewusstseins. Es formt aus den Gedanken nicht nur Gefühle,

Vorstellungen und alles, was wir sind oder meinen zu sein, sondern auch ganze

Welten. Es erschafft Leben überall im gesamten Universum und weit darüber hinaus.

Höher entwickelte Lebewesen dürfen sich sogar als Individuum fühlen. Sind es nicht

die Gedanken, die uns diesen Eindruck vermitteln, dass wir existieren, obwohl wir

nur flüchtige, instabile Lebewesen sind? Überlegen sie mal genau, woher z. B. all die

vielen verschiedenen Lebensformen kommen bzw. wo sie ihren Ursprung haben. Ich

sage es Ihnen. Sie haben ihre Ursprung in der Welt der Gedanken, deren Heimat

letztendlich die der Quantenwelt ist. Die Gedanken sind es, die alles

beherrschen. Nichts kann sein, bevor es ein Gedanke war, Mr. Hutton.“

 

Mein Gegenüber hört mir die ganze Zeit aufmerksam zu. Plötzlich nickte er mit dem

Kopf.

 

Ich beginne langsam zu verstehen, was Sie mir damit sagen wollen Herr Hoetter. Ich

habe mittlerweile den Eindruck, die Merkwürdigkeiten unseres Daseins im Größten

und Kleinsten zu verstehen. Zuerst dachte man, alles bestehe aus Teilchen. Dann

dachte man, alles bestehe aus Feldern und zum Schluss ging man davon aus, dass

 

Information der Baustoff des Universums ist. Gedanken sind also Informationen aus

reiner Energie?“

 

Genauso ist es, Mr. Hutton. Gedanken erzeugen die unmöglichsten Dinge. Sie

kennen keine Grenzen, weder in diesem Universum noch darüber hinaus“, erwiderte

ich.

 

Was ist mit Merlin Thor, Herr Hoetter? Können Sie mir sagen, wo er sich gerade

aufhält?“

 

Nein, eigentlich nicht. Wo sich Merlin Thor gerade aufhält, weiß keiner so genau. Er

ist ein absolut freier Gedanke, der keine Grenzen kennt. Er kann demnach überall

sein. Verstehen Sie Mr. Hutton, ich spreche hier aus der Warte des Jahres 2012. Seine

Anwesenheit im Jahre 4525, wo Sie ihm begegnet sind, sagt mir genau das, was ich

schon durch meine eigene Geschichte weiß. Aber vielleicht kommt er ja eines Tages

wieder zurück, entweder zu Ihnen oder zu mir. Bei Merlin Thor ist alles möglich.“

gab ich zur Antwort.

 

Plötzlich ertönte ein aufdringliches Piepsen, das von einem kleinen Gerät am

Hosengürtel von Mr. Hutton kam. Sofort griff er danach.

 

Es ist Merlin Thor, Herr Hoetter. Er gibt das Signal zu Rückreise in meine Zeit. Ich

muss mich wieder auf den Weg machen. Es war sehr interessant, mit Ihnen ein

Gespräch geführt zu haben. Leider war es viel zu kurz. Ich habe mich sehr darüber

gefreut, Sie einmal persönlich kennen gelernt zu haben. Das kommt wirklich nicht

alle Tage vor, dass ein Protagonist seinen eigenen Autor trifft. Obwohl das hier alles

sozusagen nur in Gedanken passiert, erscheint es mir doch sehr real und echt zu sein.

Damit stimmt Ihre Theorie also. Wir empfinden nur das, was wir empfinden sollen.

Nur der Gedanke ist frei und alles ist Information. In der Quantenwelt ist eben alles

möglich. Dort können auch Geschichten, wie die von Ihnen, Wirklichkeit sein und

werden.“

 

Wieder ertönte dieses aufdringliche Piepsen.

 

Ich muss jetzt gehen, Herr Hoetter. Gleich wird das Portal im Garten erscheinen.

Der Teleporter benötigt eine große Menge Energie für meinen Sprung zurück zum

Schiff. Merlin Thor hasst aber Energieverschwendung. Er wartet nicht gerne.“

 

Das weiß ich, Mr. Hutton. Merlin Thor war noch nie anders. Er ist ein bisschen so

wie ich. Ich wünsche Ihnen noch viele zufriedenen Jahre, Mr. Hutton! Kommen Sie

gut zurück in Ihre Zeit und grüßen Sie Merlin Thor von mir...!“

 

Im nächsten Augenblick baute sich schon diese gleißend helle Lichtscheibe in der

Mitte meines Gartens auf.

 

Ich wünsche Ihnen ebenfalls viel Glück, Herr Hoetter. Und danke vielmals für den

guten Kaffee. Es ist schon ein bisschen sonderbar, dass ich ihn in der Vergangenheit

mit Ihnen zusammen trinken durfte. Vielleicht sehen wir uns ja wieder, irgendwo da

tief drinnen in der Unendlichkeit der Quantenwelt.“

 

Walter Hutton rannte hinüber zur flackernden Lichtscheibe und verschwand darin von

einer Sekunde auf die andere. Kurz danach fiel sie mit einem lauten Zischen in sich

zusammen. Der Rasen war etwas versenkt, mehrere kleine Rauchfähnchen stiegen

auf, die sich aber bald wieder auflösten. Dann kehrte Ruhe ein. Eine seltsame Stille,

die ich irgendwie sonderbar fand.

 

Ich packte meine Sachen zusammen und ging ins Haus. Mittlerweile war es draußen

sehr kühl geworden.

 

***

 

An einem sonnigen Herbsttag des Jahres 4525.

 

Ich saß allein vor meinem abgelegenen, rustikal gebauten Holzhaus auf der von

bunten Herbstblumen umsäumten Sonnenterrasse und dachte zurück an meine

Begegnung mit dem Autor „Heiwahoe“ in der Vergangenheit.

 

Der leicht abschüssige Garten vor mir sah wie immer aus. Er wurde nur durch eine

sehr niedrige Thujenhecke allseitig begrenzt, sodass ich weit in die dahinter liegende

Landschaft sehen konnte. Dann ließ ich meinen Blick zurück in den Garten wandern.

Das Gras der grünen Wiese wurde zweimal in der Woche von einem vollautomatisch

arbeitenden Elektro-Roboter gemäht, der jetzt stumm und regungslos in seiner

Aufladebox stand, wo er geduldig auf seinen nächsten Einsatz wartete. Ich werde ihn

wohl bald ganz abschalten müssen, weil der Rasen im Herbst sein Wachstum so gut

wie einstellt.

 

Weiter hinten standen ein paar hohe, altehrwürdige Fichten neben einer kleinen, mit

Efeu berankten Holzlaube. Hier und da lugten aus dem dichten Efeugewächs

kunstvoll verschnörkelte Holzfensterchen hervor. Diese stille Ecke meines Gartens

gefiel mir besonders gut, weil es gleichzeitig ein idyllisches und verträumtes Örtchen

war.

 

Plötzlich sah ich diesen Mann am Tisch vor der Holzlaube stehen. Er winkte mit

beiden Händen zu mir rüber und rief mir etwas zu. Aber ich verstand seine Worte

nicht. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich Herrn Hoetter wieder. Ich erhob mich

 

so schnell ich konnte aus dem Stuhl und rannte über den Rasen auf die Erscheinung

vor der Holzlaube zu. Doch es war zu spät. Die Konturen des Autors verblassten

bereits langsam und auch seine Worte konnte ich nicht mehr hören. Ich sah nur noch,

wie sich seine Lippen bewegten. Dann war alles vorbei.

 

Tief in Gedanken versunken stand ich eine Weile wie versteinert da. Der Autor

Heiwahoe“ ist schon lange ein Gedanke, dachte ich so vor mich hin, ging schließlich

langsam zurück zur Terrasse, setzte mich wieder an den Tisch, griff nach der Tasse

und nahm einen tiefen Schluck von seinem köstlichen Kaffee, den er mir unbemerkt

in meine Jackentasche geschoben hatte, bevor ich ihn damals in der Vergangenheit

des Jahres 2012 wieder verließ.

 

ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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