Norbert Schimmelpfennig

Jenseits des Dschungels

Mehrere Tage schon irrten Umutl, die Medizinfrau im Krokodillederanzug, und Ali Zisch, der Schlangenbeschwörer, durch den Dschungel, als sie plötzlich zwei Tiere sahen, die eine seltsame Symbiose eingingen.

Aber der Reihe nach:

In diesen Dschungel hatten sie sich im Auftrag von Don Manuel begeben, der sie dafür aus dem Gefängnis der Inquisition geholt hatte, indem er die Wächter bestach. Umutl, die heimlich alte Indio-Bräuche weiter betrieb, und Ali als maurischer Schlangenbeschwörer waren der Obrigkeit ein Dorn im Auge, weshalb ihnen der Scheiterhaufen gedroht hatte. Irgendetwas musste sich Don Manuel jedenfalls davon versprechen, dass er sie befreit hatte.

Es war einmal wieder schwül an diesem Tag, und viel Dampf lag überall in der Luft. Hinter den beiden erhoben sich Mückenschwärme, auch das Fauchen eines Jaguars war zu hören. Musste irgendwo in der Nähe lauern, hatte es aber sicherlich nicht auf Menschen abgesehen.

Schlangen konnte Ali Zisch seltsamerweise schon seit mehreren Kilometern nicht mehr wahrnehmen; und er hörte es immer genau, wenn welche in der Nähe waren, auch wenn sie noch so leise zischten.

Und nun lichtete sich vor ihnen der Dschungel, und sie erblickten ein Krokodil, um dessen Schwanz sich eine Schlange wand und in die andere Richtung als das Krokodil blickte! Dahinter führte eine Brücke über einen Fluss, und auf der anderen Seite schimmerte undeutlich irgendetwas. Aber dieses Krokodil und die Schlange bildeten wohl ein schwer zu überwindendes Hindernis!

Als Umutl und Ali näher traten, entnahm Ali dem Zischen der Schlange auch schon eine Botschaft: Wenn ihr über den Fluss wollt, müsst ihr in weitem Bogen über uns springen!

Doch da wusste Ali etwas anderes, schließlich war er jahrelang darin geübt, Schlangen seinen Bewegungen folgen zu lassen. Bei wilden Schlangen musste er dafür zwar mehr Geduld aufbringen als bei denen auf dem Basar; aber wenn er ganz langsam seitwärts ging, musste es für ihn zu schaffen sein!

Umutl ihrerseits kannte ein Duftmittel, mit dem sie Krokodile für einen Moment betäuben konnte. Allerdings musste sie dann schnell an dem Krokodil vorbei rennen; es war immer wieder schwer zu berechnen, wie lange die Wirkung anhielt.

So gelangte sie einige Zeit vor Ali, der sich langsam an der Schlange vorbei schlich, auf die Brücke, die über den Fluss führte. Jetzt könnte sie eigentlich alleine weiterziehen und sich womöglich einige Schätze sichern – aber es war in solch unbekanntem Terrain doch sicherer zu zweit. Außerdem wehte hier an der Brücke ein so frischer Wind, und es roch so würzig – richtig angenehm nach der langen Schwüle des Dschungels!

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