Wolfgang Küssner

Wie bitte?

Wie bitte? Was sagten Sie gerade? Könnten Sie das bitte noch einmal wiederholen? Wie? Ich kann Sie nur ganz schlecht bis gar nicht verstehen. Die Verbindung ist leider ausgesprochen miserabel. Bis zur miserablen Verbindung war es in puncto Nachrichtenübertragung ein recht langer, manchmal sogar ein holpriger Weg gewesen. Der Leser erinnert sich vielleicht – nein, natürlich nicht aus eigener Erfahrung, eigenem Erleben, oder eventuell doch? – an Geschichten aus der Schule, aus historischen Romanen und anderen Informations-Quellen, wie das einst mit der Übermittlung von Ereignissen angefangen hat.

Da auch heute, gut 150 Jahre nach Vorstellung eines ersten, funktionstüchtigen Telefons durch Philipp Reis in Frankfurt, noch immer die Floskeln Wie bitte? oder Häh oder Was? zu hören sind, zeichnet sich hier wohl so etwas wie eine lange, unendliche Geschichte ab. Doch eine Geschichte sollte nach Möglichkeit nicht unendlich sein. Außerdem hat Michael Ende sie bereits 1979 grandios geschrieben. Setzen wir also Schwerpunkte, skizzieren wir. Es soll ja auch nur eine Kurz-Geschichte sein.

Am Angang der Nachrichtenübertragung steht wohl jene, die mittels zuvor vereinbarter, abgesprochener Zeichen erfolgte und in einigen Bereichen auch heute noch von Bedeutung ist.

Die Geschichte vom Schweizer, der beim Radfahren mit seiner Männlichkeit in die Speichen geraten sei und so das Jodeln erfunden habe, ist eine Mär. Wie bitte? Ja, gejodelt wurde schon zu Zeiten, als das Fahrrad noch gar nicht erfunden war. Bereits in vorhistorischen Zeiten sollen sich Hirten und Sammler jodelnd verständigt haben. Diese Töne, erzeugt durch einen schnellen Wechsel von Brust- und Falsettstimme, kannten die Eskimos und die Samen, die Pygmäen, die Thais, die Chinesen und viele andere Völker. Meistens lebten diese Könner in hügeligen, bergigen Landschaften.

Wenn greise Väter hinter verschlossenen Türen tagen und einen Stellvertreter aus ihren Reihen küren sollen, teilen sie das Resultat der Stadt und der Welt mit schwarzem oder weißem Rauch mit. Wer hat´s erfunden? Nein, weder die Schweizer, noch die Kirchenväter. Wie bitte? Rauchzeichen sind seit Urzeiten bekannt; bereits auf über fünf tausend Jahre alten ägyptischen Tonwaren dokumentiert. Die Indianer sind ausgesprochen geübt in dieser Art rauchiger Nachrichten-Übertragung. Sie schafften es auf 8 Zeichen pro Minute. Für eine Papstwahl entschieden zu schnell. Lag ein Schiff vor Madagaskar und hatte die Pest an Bord, so wurde die rote „Quarantäneflagge“ gehisst. In der Flagge „Whisky“ (Ich brauche ärztliche Hilfe.) ist sie heute noch zu finden. Nicht die Pest, sondern das rote Quadrat.

Wer auf die Pauke haut, spuckt meistens große, zu große Töne. Da ist Vorsicht geboten. Wer die Trommel schlägt, ist ein Mensch mit Taktgefühl. In einigen Regionen lohnte es sich aber genau hinzuhören, dann zum Beispiel, wenn die Trommler Nachrichten übermittelten. Das war traditionell in Afrika üblich, aber auch in Melanesien bekannt. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurden von deutschen Kolonialbeamten im Kamerun Sprechtrommeln für die Übermittlung von Verwaltungsaufgaben eingesetzt. Ein paar Beispiele, für im Vorfeld vereinbarte, abgesprochene Zeichen nonverbaler Kommunikation.

Der Mensch wurde anspruchsvoller, die Nachrichten immer detaillierter. Nach dem Sieg der Griechen über die Perser in der Schlacht von Marathon im August 490 v.u.Z. musste der Bote Pheidippides gut 42 Kilometer nach Athen laufen und dort das Ereignis verkünden. Zum Glück wird die Distanz heute ohne vorherige militärische Auseinandersetzung und meistens auch freiwillig zurückgelegt. Seit etwa 3.000 Jahren werden durch Taubenpost Nachrichten zum Empfänger gebracht. Die Nachrichtenagentur Reuters soll ihren Pressedienst mittels Brieftauben aufgebaut haben. Wobei bis heute niemand genau weiß, wie das detailliert bei den gar nicht tauben, zweibeinigen und geflügelten Tierchen genau funktioniert. Aus detaillierten Nachrichten sind längst die Fakes unserer Tage geworden.

Während die Tauben in der Luft unterwegs waren bzw. auch heute noch sind, bewegten sich Ross und Reiter meistens auf festen Böden und transportierten Botschaften von A (wie Antike) nach B (wie Brunsbüttelkoog). Schon in der Vorantike (konnten die Menschen dort überhaupt schon schreiben?) gab es erste Ansätze eines sich entwickelnden Nachrichtenwesens. Die Ägypter hatten es einfacher: Sie lieferten schriftliche Nachrichten per Schiff den Nil rauf und runter. Hieß es entlegene Provinzen mit Informationen zu versorgen, so kamen laufende Fußboten zum Einsatz. Gelaufen und geritten wurde im alten China und bei den Persern, die 500 v.u.Z. schon berittene Boten beschäftigten. Und wer hat die Grundlagen für eine eigene Staatspost gelegt? Auch dieses Mal waren es leider nicht die Schweizer. Wie bitte? Julius Cäsar gilt als Vater der Staatspost. Beenden wir das Thema Post mit einem vielleicht hilfreichen Hinweis: Die Flaschenpost meint keinen lahmen, desinteressierten Boten, ist trotzdem nur bedingt tauglich, nicht immer zielgerichtet – aber ein Spaß, genau wie die stille Post.

Herr Morse hat 1838 sein eigenes Alphabet vorgestellt und die Übermittlung von Nachrichten beschleunigt (SOS: drei kurz – drei lang – drei kurz). Gefangene unterhielten sich über Klopfzeichen an Heizungsrohren. Ein paar Jahre nach Morse´s Vorstellung, folgte (wie oben bereits erwähnt) das Telefon. Bis zu dem, was wir heute Handy, Mobile oder Smartphone oder wie auch immer nennen, vergingen allerdings noch weit über 120 Jahre. Ältere Leser werden sich noch an die ersten 2-Kilo-Handys (incl. Ladegerät) erinnern; an die vielen Löcher im Netz der Verständigung zurückdenken.

Die Telefonverbindungen sollten natürlich vor Länder- bzw. Wassergrenzen nicht Halt machen. 1811 wurde ein erstes Unterwasserkabel durch die Isar bei München getestet. 1858 dann das erste Transatlantische Seekabel verlegt. Knapp 230 Seekabel sind es – trotz Satelliten – heute, die die weltweite Kommunikation aufrechterhalten und diese verdammt anfällig machen. Nicht erst einmal hat ein Anker Millionen Usern eine Pause gegönnt.

Die visuelle Kommunikation wurde in der Zwischenzeit entwickelt. Um Missverständnissen vorzubeugen, es ging hierbei nicht darum, Ölgemälde eines unverheirateten Thronfolgers mittels berittener Boten von einem zum anderen Königshaus zu transportieren, um eine Hochzeit anzubahnen. Jetzt sollten Bilder Worte ergänzen, illustrieren, visuelle Eindrücke vermitteln.

Wenn wir einmal von den Vorläufer-Experimenten absehen, so datiert das erste dauerhafte Foto aus dem Jahre 1826. Und als die Bilder laufen lernten, war es 1872 die Serienfotografie eines galoppierenden Pferdes, die den Eindruck erweckte, der Gaul würde sich tatsächlich bewegen. 1895 wurde im Berliner Varieté Wintergarten erstmals einem Publikum ein Film vorgeführt. An dieser Stelle muss natürlich noch das Fernsehen Erwähnung finden. Hier, von Vorläufern abgesehen, startete am 22. März 1935 in Deutschland ein regelmäßiges Programm. Was draus geworden ist, gibt genügend Stoff für mehr als eine andere Geschichte. Ein anderes Mal. Bilder, Bilder, Bilder heißt es heute. 80 Millionen Fotos werden täglich bei Instagram hochgeladen, 350 Millionen täglich bei Facebook.

Wer eine Mail verschickt, erwartet in wenigen Stunden eine Antwort. Dabei ist das Mailen schon wieder leicht antiquiert. Auf Twitter, Facebook, Messenger, What´s App etc. wird im Sekundentakt kommuniziert. Okay, ob man das immer noch als Kommunikation bezeichnen kann und darf, sei an dieser Stelle mal dahingestellt.

Kommen wir noch einmal auf das Handy zurück. Ende der 80er wollte der Autor beruflich von Hamburg nach Stuttgart fliegen. Wegen Schnee am Zielort wurde das Flugzeug zur Landung in Nürnberg geleitet. Etliche Passagiere verfügten bereits über ein Handy. Zückten dieses sofort nach der Landung, um wartenden Chauffeuren, Geschäftspartner und der Welt wissen zu lassen, man sei wegen des Schnees erst in Nürnberg. Weiterflug noch unklar. Es begab sich zu der Zeit, dass noch nicht alle Flieger über ein Kommunikationsmittel a lá Handy verfügten. Und so erkundigte sich ein Fluggast bei der Stewardess, ob sie helfen könne. Er müsse eine wichtige Information weitergeben. Es würde ein ganz kurzes Telefonat sein. Die Stewardess, selbst noch nicht mit der neuen Technik ausgestattet, richtete die Frage an die anderen in Nürnberg gestrandeten, ob jemand sein Handy kurz einem Fluggast zur Verfügung stellen würde. Sie bat um ein kleines Handzeichen. Doch es gab keine Reaktion. Die Stewardess versuchte es mit einer kleinen, scherzhaften Nachfrage: Sind die Herren heute ohne Spielzeug unterwegs? Nun gab es allerdings eine leicht empörte Reaktion: Wie bitte?

August 2018

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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