Bernhard Pappe

Heute und Gestern (Do you remember?)


Ich sitze am Fenster und schaue in den beginnenden Tag.

Was der wohl bringen mag,

der heutige Tag?

 

Manche Tagesabläufe kann ich gut vorhersagen, ohne ein Prophet zu sein, manche davor kann ich nur erahnen.

 

Ich werde hernach aus dem Haus gehen und meine Fahrt zum Sitz der Firma antreten. Das ist gewiss. Wird es eine nervige Fahrt mit Stau und Stress, gibt es gar Gefahrenmoment? Wird es eher ein Dahingleiten auf dem grauen Band der Straße? All das liegt nur bedingt in meinen Händen.

Ich kann mich zurücknehmen, wenn es denn Not tut.

Ich kann in gelöster Stimmung dahingleiten, wenn mir danach ist.

Ich kann nicht für die Anderen handeln, ich bin nur einer der Spielsteine im Spiel.

 

Angekommen, dann wird sich besprochen, vielleicht auch widersprochen. Argumente werden ausgetauscht oder man haut sie sich um die Ohren. Showtime oder Fortschritt in der Sache?

Was für eine Sache?

Mal wird man sich erinnern, mal nicht. Spannung. Wie geht es diesmal aus? Oder bleibt nur ein müdes Lächeln der Gewohnheit?

Wozu braucht es Fortschritt, reicht nicht Kontinuität?

 

Warum etwas regeln? Es entzöge der nächsten Besprechung die Grundlage. Wohin mit der ausgerufenen Kriegserklärung?

Ergo – lieber das Spiel der Spiele weiterspielen, (Haupt)Rollenspiele in Gesprächen, Ränkespiele auf Gängen und Fluren. Gerüchte, Vermutungen, Fake News, alles gern gehört, alles gern diskutiert, alles gern weitergegeben. Halbwissen füllt Räume, Etagen, ja komplette Gebäude mit seiner Ganzheit aus.

 

Freigabe für dieses und jenes, abgesendet im undurchsichtigen Hoffnungspapier mit den Schmuckelementen fahler Richtigkeit. Ich handle in Handlungen, deren Regieanweisungen ich mir nicht ausgedacht habe.

 

Das bringt der heutige Tag

Alltag alle Tage

Die Knochen des Tages klimpern mit ihrer Macht der Gewohnheit

Sie geben ihm Halt

Sie geben ihm Gestalt

Das erlaubt eben auch Berechenbarkeit

Das gibt Sicherheit

 

Ich sitze immer noch am Fenster. Die Kaffeetasse ist zur Hälfte geleert. Ist halbvoll besser als halbleer oder umgekehrt?

 

Was bringt der heutige Tag?

Was hat der gestrige gebracht?

Ich habe soeben leise gelacht,

denn er hat das gebracht,

was mein Traum sich ausgedacht.

 

Mein gestriger Traum war weniger dem Tag gewidmet als dem Abend. Wann endet der Tag und wann fängt der Abend an? Im Gestern war der Schnittmoment klar – Feierabend, das Verlassen der Firma, das Zusteuern auf eine Verabredung.

 

Man trifft sich

Man kennt sich

Man lernt sich neu kennen

Man findet mehr als zwei Seiten auf einer Medaille

 

Worte fallen auf fruchtbaren Boden. Ein Gespräch erwächst über Stunden zur Dichte eines immergrünen Dschungels. Immer neue Wege bieten sich. Wir kehren zu alten Pfaden zurück.

Kein Ungestüm, keine Langeweile. Das Gespräch reißt nicht ab. Die Zeit limitiert es – ein künstliches Ende, das in einem Versprechen mündet, ein neues Gespräch zu führen.

 

Ich weiß, was der gestrige Tag brachte und ich bin dankbar für das Erlebte. Ich habe eine Vorstellung davon, was der heutige Tag vor mir ausbreiten könnte. Auch für diese Augenblicke bin ich dankbar, denn sie verheißen (Er)Leben.

 

Ich erhebe mich und löse meinen Blick vom Fenster. Die Kaffeetasse ist geleert und wandert in die Spülmaschine. Ich wandere zur Garage. Der Motor springt an. Jeder von uns verrichtet sein Tagwerk.

© BPa / 09-2018

Für D., mit dem ich diesen Abend verbringen durfte und der damit die Inspiration für diesen Text geliefert hat.Bernhard Pappe, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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