Maik Tippner

SDF

Die Turmuhr an der evangelischen Kirche schlug 9:00 Uhr als Pierre aufwachte. Einige Touristen waren schon auf den Beinen und sein Hund an seiner Seite. Die Wasserspiele am Cours Mirrabeau schon voll im Gange. Er beobachtete die Tauben auf dem Brunnen. Daneben standen Soldaten mit Maschinengewähren im Anschlag. Grimmiges Gesicht und Sonnenbrille. Ledermontur oder war es Neopreen? Er sah immer den Frauen nach mit den langen schwarzen Haaren, die zum Psychiater gingen und wie weit weg sie doch von ihm waren. Irgendwie, dachte er, bin ich außerirdisch. Ein Mann ohne Ambitionen. Geld hatte er genug. Das klappte in seinem Leben. Er konnte es sich leisten in einem Hotel zu schlafen und Frühstück im Restaurant, aber er genoss es so sehr im Freien auf der Strasse zu pennen, im Sommer unter freiem Himmel. Wenn der Mistral kommt war es anders mit Sturm, Regen und Hagelkörnern so gross wie Hühnereiern. Sturm und Leidenschaft, dachte er. Doch war der Sturm in seinem Leben nicht schon längst vorbei? Die heiße Zeit der grossen Liebe, der grossen Enttäuschung? Manchmal unterhielt sich ein Tourist mit ihm, und wo er schon überall gewesen war: In Tunesien, Bulgarien, Albanien, Zypern, Schottland, Griechenland... Und eben hier am schönsten Platz der Welt in Aix, doch das könnte auch überall Sonst wo sein. Er ging in einen Laden, das Lächeln der Verkäuferin gefiel ihm immer so. Die Höflichkeit, gespielt oder Aufgesetzt? Er jedenfalls glaubte ihr. Die Zeit, der Damen für gewisse Dienste war in seinem Leben vorbei, als er noch in Deutschland lebte, Der Puff von Europa. Jetzt spendete er jeden Monat 70€ an einen katholischen Verein, der sich um Frauen in Not in Afrika kümmerte. Doch würde er jemals frei sein? Und warum musste er eigentlich für alles im Leben bezahlen? Gab es so etwas wie Liebe, oder bedingungslose Zuneigung hier auf Erden überhaupt für ihn? War es nicht immer ein Geben und Nehmen? Ein Aufrechnen der Seelenanteile von Zuneigung und Zurückweisung? Schenken um wieder beschenkt zu werden. Und was ist mit Phile? Der reinen Freundschaft ohne Sex? Er war ein Blatt im Wind, ein Sandkorn am Strand der Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Freiheit, die unendliche Freiheit, ohne je in den nächst größeren Kreis aus Abhängigkeiten zu gelangen. Ein Manager über das eigen Leben. Das eigene und doch selbst gewachsene Ich. Entwickelt und doch gesteuert. Doch für wen sollte er denn um Himmels Willen nur erfolgreich sein? Das wüsste er nicht. Das könnte er sich selbst nicht sagen. Für sich selbst am Ende gar, war er sich zu gering. Zu unwichtig und zu unbedeutend. Nein bloß nicht für sich selbst. Er brauchte das nicht. Brauchte keinen Erfolg, wofür?! Um den Planeten auf den Hund zu bringen?! Um ein Angeberauto zu kaufen?! Um andere zu unterdrücken?! Nein! Wieviele Psychopathen gab der Erfolg recht?! Hitler, Mousoulini, Napoléon, Putin, Trump, Erdoğan usw.
Und doch war er unzufrieden mit seiner Strategie. War unzufrieden nichts erreicht zu haben im Leben. Nein er wollte nicht sein wie diese alle, aber er wollte auch gewinnen. Dass man in einer Welt leben musste, in der Erfolg immer bedeutet andere zu untereminieren. Dass man in einer Welt leben musste in der der Kampf um das eigene Ego überhaupt existiert. Er wollte nicht kämpfen aber er wollte auch gewinnen. Bedeutet das, auch gleichzeitig, zu verlieren? Wer nicht kämpft, kann nicht gewinnen? War das wirklich so?! Aber wer nicht verlieren kann, der kann erst recht nicht gewinnen. Und darin war er Meister. 

MT. 

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