Johann Hayer

Wirklichkeit?

Die schwarze Einöde aus glitschigem Morast erstreckte sich nach allen Richtungen soweit das Auge reichte. Tiefhängende dunkle Wolken verdüsterten einen Himmel an dem einzig ein fahler Mond für etwas wie Helligkeit sorgte. Es war kein unbekanntes Bild mehr, dass sich ihm hier darbot, es wirkte fast schon vertraut. Jeder Schritt, den er tat ließ seinen nackten Fuß einige Zentimeter tief in den schwarzen Schlick einsinken und jedes Mal folgte das gleiche, widerwärtige schmatzende Geräusch, wenn er ihn wieder herauszog. Er sah an sich herab. Mit Ausnahme eines Lendenschurzes war er nackt. Er hätte nicht sagen können ob es Tag oder Nacht war, soweit er sich erinnern konnte war es auf jedem seiner Besuche in dieser Welt dunkel gewesen. Stumpfsinnig setzte er einen Schritt vor den anderen ohne dem Horizont wirklich näher zu kommen. Manchmal konnte er in der Ferne das dumpfe Grollen der Brandung des Ozeans vernehmen. Auch das Wasser würde schwarz sein. Alles hier war schwarz
....

Das Klingeln des Weckers oder die Strahlen der Morgensonne weckten ihn auf. Tom war sich nie ganz sicher, welchem der beiden Faktoren er sein morgendliches Aufwachen zu verdanken hatte. Vermutlich war es die Kombination aus beiden Ereignissen. Mit einem Seufzer setzte er sich im Bett auf, warf die Decke beiseite und hievte die Füße auf den Boden. Er schüttelte den Kopf und versuchte die letzten Reste der Benommenheit, die der Traum in ihm hinterlassen hatte loszuwerden. Er musste wieder mitten in der REM-Phase geweckt worden sein, weil er sich an alle Details so genau erinnern konnte. Allerdings konnte er sich bei diesen speziellen Träumen eigentlich immer genau an alles erinnern. Das war ihm noch nie so richtig aufgefallen. Der erste Kontakt, wenn man es so nennen wollte, hatte Anfang Mai stattgefunden. Er hatte zunächst mit Angie, seiner Freundin und dann mit Fred, einem guten Kollegen, darüber geredet. Das Resultat war in beiden Fällen das gleiche gewesen: Man führte es auf seine Vorliebe für Horror-Literatur zurück. Als die Träume sich zu wiederholen begannen, hatte er aufgehört darüber zu reden. Die Idee ein Tagebuch zu führen war Idee geblieben, das war mit seinem Phlegma nicht zu vereinbaren gewesen.

Er schlurfte ins Bad und rekapitulierte im Geiste: Dem ersten Traum war ein Monat später ein zweiter, ähnlicher, gefolgt dann kamen die nächsten drei im wöchentlichen Rhythmus und der letzte war gerade mal vier Tage oder besser Nächte alt. Doch das stellte, seiner Meinung nach keinen Grund zur Beunruhigung dar.

Beim Anziehen fiel sein Blick auf das Buch, das er gestern Abend gelesen hatte, „Carrie“ von Stephen King. Gut ein Horror-Roman, aber nichts an dem Inhalt ähnelte auch nur im Entferntesten dieser dunklen Welt mit ihren Ebenen, zerklüfteten Gebirgen, düsteren Wäldern aus schwarzen, toten Bäumen. Eines war immer gleich: Nie war er Menschen oder Tieren begegnet. Alles war tot. Und, alles war schwarz. Es war einfach nur merkwürdig.

Schließlich war er bereit für einen weiteren, mehr oder weniger ereignislosen Tag im Computerhandel Müller & Co und der langweiligen Aufgabe des Anmahnens von Lieferterminen und Vertrösten von Kunden.
...

Die Mittagspause verbrachte er wie üblich mit Fred in der Kantine. Es war die beste halbe Stunde des Tages. Es sollte ja auch Leute geben, die ihren Beruf liebten, aber zu denen gehörte Tom nicht. Sie hatten gegessen und philosophierten noch ein bisschen während sie ihren Kaffee tranken. Eben hatte sein Freund ein neues Thema angeschnitten.

„Was hältst du davon? Habe ich gestern im Internet gefunden. Hör zu. ‚Wenn im Urwald ein Baum umfällt und keiner da ist der es hören könnte. Macht er dann ein Geräusch? ’“

„Was soll der Nonsens, natürlich macht er eines. Es kracht ganz gehörig, wenn so ein Klotz umfällt.“

„Kein Unsinn.“

„Du meinst das im Ernst?“ Tom war rundheraus verblüfft.

„Also ich habe dann noch ein wenig weiter recherchiert. Es ist wirklich ein Thema.“

„Hör auf, du meinst die Leute unterhalten sich ernsthaft über so etwas?“

„Und wie.“

„Und, was hast du noch herausgefunden?“

„Das Problem ist, ist all das, was wir sehen real?“ Er deutete um sich. „Hier, der Tisch, der Stuhl, sind die auch noch da, wenn wir weg gehen oder existieren sie nur wenn jemand da ist der sie sieht? Was genau ist eigentlich Wirklichkeit?“

„Du spinnst,“ Tom sah kopfschüttelnd auf die Uhr, „komm, wir müssen los.“

....

Nach Feierabend beschloss Tom noch auf einen Wein in das Bistro zu gehen, an dem er jeden Tag auf dem Nachhauseweg vorbeilief. Man konnte bequem im Freien sitzen und die letzten Sonnenstrahlen des Tages genießen.

Bald darauf saß er allein an einem Tisch, zog genüsslich an seiner Zigarette, nippte an dem Rotwein und döste vor sich hin. Er beobachtete die hektisch vorbeieilenden Fußgänger, den Verkehr auf der Straße und fühlte eine angenehme Ruhe in sich aufsteigen. Er drückte die Kippe aus und schloss für einen Moment die Augen.

...

Zum ersten Mal traf er auf Leben. Aber was für Leben war das! Ein riesiger, monströser, schwarzer Fleischberg hockte in der Ebene vor ihm. Die oberen zwei Drittel des Wesens glichen einer schwammigen Kugel von etwa drei Meter Durchmesser in deren aus Schuppen bestehenden Haut eine Vielzahl gelblicher Augen eingebettet war. Das Ganze ruhte auf einem Gewirr von ineinander verflochtenen meterlangen, mit Saugnäpfen versehenen Tentakeln unterschiedlicher Dicke, die offenbar das Äquivalent zu Armen und Beinen darstellten. Trotz der offenen Augen schien es zu schlafen denn es war keinerlei Bewegung wahrnehmbar. Er war vor Überraschung und Entsetzen wie gelähmt, als ihm allmählich dämmerte was passieren könnte, wenn das Monster erwachen würde. Und als hätte dieser Gedanke einen Alarm in der Kreatur ausgelöst begannen in diesem Moment einige der Glieder zu zucken. Mehr und mehr der Fangarme gerieten in Bewegung und drei, nein vier glitten mit zunehmender Geschwindigkeit auf ihn zu als hätten sie soeben seine Witterung aufgenommen. Er stieß einen Schrei aus drehte sich um und begann schneller zu laufen als je zuvor in seinem Leben.

...

Zitternd griff er nach dem Glas. So schlimm war es noch nie gewesen. Träume in der Nacht, na gut. Aber das. Er hatte nur für einen Moment die Augen geschlossen und war vollkommen abgedriftet. Er sah sich vorsichtig um. Ob er sich auffällig benommen hatte? Aber niemand schien von ihm Notiz genommen zu haben. Vielleicht wollte man es auch nicht bemerken. Die Vorteile der Großstadt. Trotzdem, wenn das so weiter ging war er reif für den Psychiater. Er bezahlte und eilte nach Hause.

Um auf andere Gedanken zu kommen ging er ins Wohnzimmer und drehte den TV an. Anschließend durchforstete er die Küche nach etwas Essbarem, fand Wurst, Käse, eine schon weiche Tomate, Butter, Brot war auch noch da. Dann holte er noch eine Flasche Chianti und ging zurück ins Wohnzimmer. Er musste endlich anfangen systematischer vorzusorgen. Aber das funktionierte nur am Wochenende und auch da nur weil Angie am Tag vorher kam und mit ihm einkaufen ging. Sie hatten seit Weihnachten ein Verhältnis, das sich inzwischen zu einer Wochenendbeziehung entwickelt hatte aber dessen Vorwärtskommen seitdem stagnierte. Sie waren beide zu lange Singles gewesen und jetzt in ihren Endzwanzigern ein wenig misstrauisch. Sie hatte ein sehr schönes kleines Appartement, allerdings nur zwei Zimmer, seine Wohnung war nicht so komfortabel wies dafür vier Räume auf und so war es naheliegend, dass sie die gemeinsamen Tage bei ihm verbrachten.

Er hatte sich ein kleines Abendbrot bereitet, setzte sich mit seinen Köstlichkeiten vor den Fernseher und zappte ein wenig herum, in der Hoffnung irgendwas Lustiges zu finden. Schließlich landete er bei einem Krimi und ließ das Geschehen an sich vorbeiplätschern.

...

Der Übergang kam ohne Vorwarnung. Die den Fernseher umgebende Bücherwand begann auf einmal porös zu werden, wegzuschmelzen, verschwand schließlich gänzlich nur der TV stand noch auf seinem Platz und schien dort gleichsam in der Luft zu schweben.

Dahinter lag die schwarze Ebene, die ihm schon so vertraut war, im Vordergrund, wenige Meter hinter der Stelle, an der sich zuvor der Schrank befunden hatte war das Monster von heute Nachmittag. Nur war es jetzt vollkommen zum Leben erwacht. Es hatte sich auf einige seiner stummelartigen Auswüchse erhoben und starrte drohend zu ihm herüber. Die Augen glühten in hellem Rot, einige der dünneren, schuppenbesetzten Tentakel drangen in sein Wohnzimmer ein. Es, das wusste er mit messerscharfer Deutlichkeit, wollte ihn holen. Ein Fangarm hatte den neben ihm stehenden Beistelltisch ergriffen und schwenkte ihn drohend in seine Richtung während zwei andere direkt auf ihn zukamen. Er hatte sich jetzt aus seiner Erstarrung gelöst und war aufgesprungen. Laut schreiend ergriff er die Weinflasche und schleuderte sie dem Ungeheuer entgegen.

...

Die Flasche zersplitterte beim Aufprall und die Flüssigkeit ergoss sich über Bücher und Regale auf den Boden. Von der anderen Welt und der Kreatur war nichts mehr zu sehen.

Tom stand da, immer noch zitternd und starrte fassungslos auf die am Boden verstreuten Scherben.

Das hatte sein Erlebnis im Cafe in den Schatten gestellt. Da hatte er gedöst, die Augen geschlossen. Aber vorhin hatte er definitiv nicht geschlafen. Er hatte ferngesehen und mit einem Mal war die Wand verschwunden. Es gab natürlich die Möglichkeit, dass er jetzt vollkommen übergeschnappt war, sich alles nur eingebildet hatte...

Ich rufe Angie an. Der Gedanke erschien ihm am sinnvollsten. Nur mal angenommen es gab da wirklich etwas, na nennen wir es ruhig ‚Übernatürliches’, dann hatte er zumindest einen Zeugen und wenn nicht, wusste nur sie von seiner Psychose und Angie konnte verschwiegen sein, vor allem wenn es um ihn ging. Gut, wahrscheinlich würde sie ihm das Versprechen abnehmen zu einem Arzt zu gehen und vielleicht auch, zumindest vorübergehend, auf seine Horrorschinken verzichten aber damit konnte er leben.

...

„Angie Michel.“

Er hatte Glück, Angie war zu Hause und auch gleich am Telefon.

„Hi Angie, wie geht’s.“ Er suchte nach Worten, stellte aber fest, dass das gar nicht so einfach war. Er entschied sich die Erklärungen auf später zu verschieben. „Du, ich habe Probleme, mir geht’s nicht besonders.“

„Soll ich kommen? Freitag ist zwar erst morgen, aber ich komm gern einen Tag früher. In der Arbeit klär ich das schon.“

Sie war wirklich ein Schatz. „Du das wäre super.“ Tom war wahnsinnig erleichtert.

...

Er überlegte ob es besser war aufzuräumen oder den ‚Tatort’ unverändert zu lassen. Da sie wahrscheinlich in den nächsten zehn Minuten da war, entschied er sich für letzteres.

...

Es läutete und er eilte zur Tür.

„Hallo Angie,“ er gab ihr ein Küsschen auf die Wange, „Schön, dass du so schnell gekommen bist.“

„Hi Tom.“ Sie trat ein wenig zurück. „Käseweiß bist du. Was ist denn los. Hat dein Chef dich gefeuert?“

Das war immer ihre größte Sorge. Tom schüttelte den Kopf. „Komm ins Wohnzimmer.“

...

„Scheiße, wie sieht’s denn hier aus.“ Sie überflog entsetzt das im Wohnzimmer herrschende Tohuwabohu.

„Setz dich erst mal,“ Tom deutete auf die Couch. Er hatte eine neue Flasche Wein und zwei Gläser bereitgestellt.

Bei Chianti und Zigaretten erzählte ihr Tom die Geschichte, vom ersten Traum (den sie schon kannte) bis zu dem was sich heute hier ereignet hatte.

„OK, sagte sie als er zu Ende gekommen war. „Was machen wir jetzt? Ich meine, hast du dir schon Gedanken gemacht wie es weitergehen soll?“

„Also, ganz ehrlich, ja, eigentlich schon. Pass auf.“ Tom stotterte ein wenig. Die Überlegung von vorhin, das ganze könnte wirklich passiert sein kam ihm inzwischen immer lächerlicher vor. Er räusperte sich, „also, eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder ist das wirklich passiert, “ er hob abwehrend die Arme als sie sofort protestieren wollte, „oder ich spinne.“

„Wobei letzteres wahrscheinlicher ist.“ Sie nahm es gelassener auf als Tom vermutet hatte, aber vielleicht wollte sie ihn nur nicht beunruhigen. „Weißt du was, ich bleibe bis Sonntag bei dir, wegen morgen habe ich Silvia schon Bescheid gesagt, das ist überhaupt kein Problem. Ich habe ihr gesagt du bist krank und irgendwie stimmt das ja und du, du rufst gleich morgen früh deinen Chef an und sagst, dass du nicht kommen kannst.“ Sie wischte seinen Einwand beiseite, bevor er den Mund aufmachen konnte. „Wir müssen uns einen glaubhaften Grund einfallen lassen“, fuhr sie fort, „denn eines ist klar, bevor wir nicht genau wissen was mit dir los ist, gehst du nicht mehr in die Firma. Stell dir vor, du hast da so einen, so einen, “ sie suchte sichtlich nach Worten, entschied sich schließlich für, „so einen Aussetzer in der Firma und zerschlägst einen PC oder verletzt einen Kollegen, nein, das dürfen wir nicht riskieren.“ Tom freute sich über das ‚wir’, das ließ ihn nicht so alleine mit dem was vorgefallen war. „Und Montag entscheiden wir ob du zum Arzt gehst und wenn ja zu welchem.“

...

Die Nach verlief zu Toms Bedauern ohne Ereignisse, weder Träume noch sonst etwas (oder jemand) suchten ihn heim.

Beim ersten Weckerläuten huschte er, ohne Angie zu wecken aus dem Bett und rief in der Firma an. Er erzählte der Sekretärin eine mitleiderregende Geschichte von Magenkrämpfen und Durchfall, wahrscheinlich verdorbenes Essen, nahm die Genesungswünsche entgegen, gelobte Besserung und versprach hoch und heilig am Montag entweder in der Firma, oder, falls es schlimmer würde beim Arzt zu sein. Dann kroch er zu Angie unter die Decke, in der Hoffnung sie vor dem Frühstück vielleicht doch noch verführen zu können.

...

Sie standen schließlich gegen Mittag auf und nach einem ausgiebigen Brunch in Toms Stammkneipe besorgten sie reichlich Wein, Zigaretten, DVDs und Lebensmittel für die nächsten Tage. Zurück in der Wohnung machten sie sich daran das Wohnzimmer wieder in Ordnung zu bringen ohne dabei allzu viel Stress aufkommen zu lassen.

...

Nach dem Abendessen, das sie in der Stadt in einer Pizzeria eingenommen hatten, saßen sie im Wohnzimmer bei einer weiteren Flasche Chianti und waren schon etwas mehr als nur beschwipst. Die DVD, die sie gerade ansahen war eine Beziehungskiste die Tom ebenso langweilig wie idiotisch fand, aber Angie hatte bei der Auswahl der Filme auf entspannende Streifen bestanden. Du bist schon nervös genug.

Tom war im Moment weder nervös noch sonst etwas, sondern einfach nur betrunken als es urplötzlich einsetzte.

...

Mit Entsetzen gewahrte er das Inferno, das über den Raum hereinbrach. Wie schon am Abend vorher wurde die Schrankwand zunächst transparent um sich dann aufzulösen. Nur war das diesmal nicht alles. Auch die linke Wand und die Decke waren verschwunden und das schreckliche Monster von Gestern war nicht nur wieder da, nein diesmal hatte es den Platz der fehlenden Wände eingenommen und einer der riesigen Tentakel wickelte sich bereits um seine Hüfte, glitt unter sein Hemd und als er fühlte wie die Saugnäpfe sich an sein Fleisch zu pressen begannen fing er gellend an zu schreien.

„Angie, hilf mir es hat mich gepackt.“

...

Seine Rufe ließen sie schlagartig nüchtern werden. Was sie sah ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Tom war aufgestanden und stand in der Mitte des Raumes. Hier führte er jetzt eine Art Veitstanz auf, wand und drehte sich, schien mit einem Unsichtbaren zu ringen und näherte sich mit winzigen Schritten dem Fernsehapparat. Jetzt schrie er etwas das sich wie ‚halt mich’ anhörte, und streckte ihr den Arm hilfesuchend entgegen. Es musste der Horrortrip par Excellenze sein den er da durchmachte. Sie spürte seine Panik. ER brauchte ihre Hilfe und er brauchte sie schnell. Sie sprang zu ihm hin und ergriff seine Hand. Seine Kraft war schockierend. Tom war an und für sich ein Schwächling, ein Büroarbeiter dessen größte körperliche Leistung aus dem Lochen von Verträgen bestanden hatte wohingegen sie schon seit ihrem sechzehnten Lebensjahr dreimal die Woche zum Bodybuilding ging. Trotzdem war er weiter auf die Wand zugegangen und hatte sie einfach mitgeschleift. Jetzt war sie vorbereitet. Sie stemmte sich gegen seinen Zug und versuchte ihn mit der Kraft ihrer Arme zurückzuholen. Tom bewegte sich keinen Millimeter auf sie zu, nein er entfernte sich weiterhin und sie bekam Angst, dass die Belastung für seinen Körper zu groß werden könnte. Sie gab nach und sofort rutschte Tom ein großes Stück weiter während er mit überschnappender Stimme schrie: „Halt mich, um Gottes Willen es zieht mich rüber“

Angie ignorierte ihn und überlegte wie sie weiter vorgehen sollte, merkte schnell, dass es nur einen Weg gab ihn zu retten, so schwer der ihr auch fiel. Während sie ihn mit der einen Hand weiterhin festhielt versetzte sie ihm mit der anderen einen Kinnhaken, der ihn augenblicklich das Bewusstsein verlieren ließ. Sie ließ los und er stürzte zu Boden.

„Scheiße, was war das gewesen.“ Vorsichtig trug sie ihn ins Schlafzimmer und legte ihn ins Bett. Dann holte sie einen Eimer Wasser, einen Waschlappen und Eiswürfel und begann ihn wiederzubeleben.

...

Sie saß neben ihm. Er war wach und zitterte am ganzen Körper. „D- da- danke, f- fü- für d- de- den KO-Schlag,“ die Zähne klapperten beim Sprechen. „Es war schrecklich. Dieses Monster hatte seine Tentakel um mich geschlagen und wollte mich mit nach Hause nehmen.“ Er zitterte und sah sie an, „und du hast wirklich nichts gesehen?“

„Tom, wenn ich’s dir doch sage. Da war nichts.“ Angie hatte Tränen in den Augen. Sie hatte furchtbare Angst um ihn. Das war kein Alptraum. Das war eine ausgewachsene Paranoia. „Tom, hast du was genommen? Vielleicht schon vor längerer Zeit?“ Sie kannte die Folgen von Drogen und Flashback, dem Zurückfallen in den Rauschzustand, der Wochen nach der Einnahme auftreten konnte. Wie sollte sie ihm nur helfen?

Tom schüttelte nur den Kopf. „Nein, Angie, nichts. Ganz bestimmt nicht. Ich würde es dir sagen.“

„Ich gehe jetzt ins Wohnzimmer und rufe einen Arzt. Du brauchst etwas damit du schlafen kannst, eine Beruhigungsspritze oder was auch immer, sonst drehst du mir völlig durch.“

„Nein, bitte geh nicht weg.“ Tom fing fast an zu heulen. Er packte ihren Unterarm und hielt ihn krampfhaft fest. „Was soll ich machen, wenn es wieder kommt.“

Noch nie hatte sie solche Panik in seinen Worten gespürt. Er zitterte am ganzen Körper.

„OK“, versuchte sie ihn zu beruhigen Wir machen es anders. Ich hole nur rasch mein Handy, dauert keine Minute und ruf von hier aus an.“

„Nein, “ Seine Stimme nahm einen hysterischen Tonfall an, „nein, nicht eine Sekunde, ich komme mit.“

„Tom sei nicht kindisch.“ Sie wollte nicht noch einmal mit ihm ins Wohnzimmer gehen da sie fürchtete, dort würde der Anfall von neuem beginnen. Sie drückte ihn in die Kissen zurück, zog die Decke bis an sein Kinn hoch, küsste ihn zärtlich auf die Stirn und eilte nach nebenan.

....

Kaum hat Angie das Zimmer verlassen ist das Vorhandensein der Wände nicht mehr erforderlich. Auch das Bett wird nicht mehr gebraucht. Er kauert nackt im glitschigen Morast der wirklichen Welt, der Welt in der die Illusionen, die wir uns geschaffen haben nicht mehr existieren. Warum ich? Wieder und wieder stellt er sich diese Frage. Langsam kommen die Wesen auf ihn zu. Sie erinnern an Kraken, haben einen runden Körper der gleichzeitig ihr Kopf ist, vier Augen ermöglichen eine 360 Grad Rundumsicht. An der Unterseite des Kopfes sind Mund und Kloake angesiedelt. Vier kurze, stummelartige Auswüchse umgeben sie und werden zur Fortbewegung im Wasser und auf dem Land verwendet. Die vier langen, schuppenbesetzten Fangarme dienen zum Greifen. Sie sind perfekt, können fast jede Art von Nahrung zu sich nehmen und wochenlang ohne Wasser aushalten. All das weiß das Wesen, das einmal die Illusion Tom dargestellt hat während es seine Familie von allen Seiten auf sich zukommen sieht.

...

Angie hastete ins Wohnzimmer, blickte sich suchend um, entdeckte die Handtasche, riss das Handy heraus und hetzte zurück ins Schlafzimmer.

Ein verzweifelter Schrei entsprang ihrem Mund als sie zurückkam und das leere Bett vorfand.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Mittagsläuten von Maike Opaska



Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

Und weil ich begriff wie lang und wie kurz der Weg zwischen beiden ist, nahm ich ihn auch wahr und so ist mir heute jeder Schritt es wert eingehalten zu werden, weil hinter jedem Ereignis sich ein anderes verbirgt und sichtbar wird.

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