Norbert Schimmelpfennig

Plusterkuchen

Dieser kunterbunte Vogel konnte einfach nicht anders, als sich aufzuplustern, während er auf das Museumscafé zuflog.

Es war warm an diesem Tag, daher saßen viele Gäste draußen auf der Terrasse, viele von ihnen aßen Kuchen. Besonders auf den ebenfalls kunterbunten Obstkuchen hatte es dieser Vogel abgesehen und flog schnurstracks darauf zu.

Als er dort angelangt war, pickte er ein wenig in dem Kuchen herum, während gerade ein Kellner daneben stand. Dieser sagte zu den Gästen, einem älteren Ehepaar:

„Das ist Plusterkuchen – so nennen wir diesen Vogel! Ein Stammgast von uns. Aber wenn er Sie stört, kann ich ihn verscheuchen!“

„Aber nein, junger Mann“, erwiderte die ältere Dame. „Wir haben schon früher gerne Vögel gefüttert. Sie haben sicher keine Vorstellung davon, was es 1963 für ein Winter war, als wir beide noch Kinder waren! Da sind die Vögel immer wieder zu uns ans Fenster gekommen und haben sich immer über unser Brot und unseren Kuchen gefreut!“

„Da war ich noch nicht auf der Welt!“, antwortete der Kellner, und jetzt erzählte der ältere Herr:

„1985 war es dann ähnlich kalt, auch im Februar 86 und im Januar 87. Da haben unsere Kinder ebenso gerne die Vögel gefüttert!“

Jetzt drehte sich der bunte Vogel zum Museum und flog auf einen Fenstersims.

 

Von diesem Fenstersims aus konnte er gut ein Gemälde erkennen, mit drei nackten, dicken Menschen, die allerhand Trauben naschten. Viele Male hatte Plusterkuchen schon probiert, sich hier aufzuplustern, so weit er konnte, und dann mit aller Kraft mit dem Schnabel die Fensterscheibe zu hacken. Bislang war es ihm allerdings nicht gelungen. In den letzten Wochen hatte er seinen Schnabel zusätzlich an ein paar Felsen geschärft – und tatsächlich konnte er heute wenigstens einen Sprung in die Scheibe hacken! Da eilte ein Museumswärter herbei, und er flog lieber davon.

 

Alsbald ergab sich aber eine weitere Gelegenheit, denn die Scheibe musste nun ausgewechselt werden. Nachdem also der Glaser die alte Scheibe herausgenommen, die neue aber noch nicht eingesetzt hatte, flog Plusterkuchen so rasch er konnte hinein, zu dem Gemälde mit den Trauben. Dort krallte er sich fest und hackte mit dem Schnabel auf diese Trauben, schmeckte aber nur Papier! Ähnlich wie das ungenießbare Zeug, auf dem die Menschen manchmal ihr Essen aufbewahrten.

Gleichzeitig ertönte die Alarmanlage, und mehrere Wächter eilten herbei. Einer von ihnen sagte:

„Ach, das ist ja Plusterkuchen! Hat er sich jetzt an den Rubens herangemacht. Los, holt ihm ein Stück Kuchen! Ich kann ihn solange auf den Finger nehmen.“

Seitdem hat sich Plusterkuchen wohl wieder mit dem Café begnügt.

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