Heinz-Walter Hoetter

Mr. Brix

Eine gut befreundete Kaufmannsfamilie aus unserer Stadt, die schon seit vielen Jahren einen treuen Hund besitzen, fuhren im Sommer letzten Jahres in den wohlverdienten Urlaub.

Den Hund wollte man nicht mit nehmen und man entschloss sich kurzerhand dazu, dass eine gute Bekannte das Tier vorüber gehend aufnehmen und betreuen sollte.

Die ältere Frau nahm schon bald den Rüden zu sich, der übrigens Mr. Brix genannt wurde. Wenige Tage später machte sich die Kaufmannsfamilie auf die lange Fahrt nach Spanien in den Urlaub, wo sie eine schöne Ferienwohnung in der Region Costa de la Luz besaßen. Gut gelaunt ging es dann los.

Doch alles kam anders.

Kaum hatten sie nämlich ihr angestrebtes Reiseziel erreicht und sich ein wenig eingerichtet, da klingelte auch schon das Telefon.

Mr. Brix war plötzlich ausgerissen!

Völlig aufgelöst und dem Nervenzusammenbruch nahe erklärte die alte Dame unter Tränen, dass der quirlige Border Collie-Mix ihr durch die offene Gartentür entwischt und schnurstracks in Richtung eines ganz in der Nähe liegenden Waldgebietes gelaufen sei. Obwohl einige junge Nachbarsleute sofort hinterhergelaufen waren, scheiterten alle Versuche, den davon rennenden Hund wieder einzufangen. Danach blieb er spurlos verschwunden.

Die ganze Familie war wie vor den Kopf geschlagen und alle fühlten sich völlig hilflos. Alle machten sich große Sorgen um ihren Mr. Brix.

Was sollten sie tun?

Nach Hause fahren kam jetzt nicht infrage und so organisierte der wohlhabende Kaufmann per Telefon von Spanien aus eine große Suchaktion, die vom Besitzer eines privaten Hundevereins geleitet wurde, der ebenfalls ein enger Freund der Familie war.

Man verteilte auch überall Hinweisblätter und schaltete sogar Anzeigen in der örtlichen Zeitung. Aber nichts half, Mr. Brix war wie vom Erdboden verschluckt. Er tauchte nicht mehr auf und keiner wusste, wo er war.


 

Im Laufe der Zeit allerdings erhielt die alte Dame immer wieder Telefonanrufe von Leuten, die den Rüden gesehen haben wollen.


 

Ein vielbeachteter Anruf kam sogar einmal von einer jungen Frau aus einem etwa 80 Kilometer entfernt liegenden Ort. Sie war gerade auf der Heimfahrt, als ihr der besagte Hund angeblich auf einem Radweg gleich neben der Landstraße entgegen kam und kurz danach schließlich wieder in dem angrenzenden Waldstück verschwand. Auch will sie gesehen haben, dass er stark hinkte und übel mitgenommen aussah.

Anscheinend war er verletzt.

Schon am nächsten Morgen fuhren einige Männer aus dem Hundeverein mit mehreren Fahrzeugen an die angegebene Stelle und man startete eine große Suchaktion in der Gegend im und rund um den Wald. Doch die Aktion wurde ein Fehlschlag. Man fand auch diesmal den entlaufenen Hund nicht. Enttäuscht zogen alle Beteiligten wieder ab.

Nach etwa drei Wochen kam die Kaufmannsfamilie wieder aus Spanien zurück, obwohl man eigentlich vier Wochen in Andalusien bleiben wollte. Sie konnten es aufgrund des ganzen Trubels um ihren Hund dort nicht mehr aushalten. Alle waren mit den Nerven am Ende.


 

Sofort beteiligte man sich an den organisierten Suchaktionen und der Hundebesitzer und seine Frau taten alles, um ihren geliebten Mr. Brix wiederzufinden.

Man verfolgte jede Spur und ging jeden Hinweis nach. Aber nichts führte zu dem erhofften Erfolg. Plötzlich wurde das Wetter schlechter. Es regnete tagelang wie aus vollen Eimern und niemand ging freiwillig bei dieser schlechten Witterung gerne nach draußen, wenn er nicht unbedingt musste.

Die Kaufmannsfamilie wollte den Rüden schon aufgeben, da kam ein Anruf von einer Spaziergängerin, die Mr. Brix offenbar gefunden hatte. Sie war mit ihren beiden ausgelassenen Fox Terriern bei leichtem Nieselregen am steinigen Flussufer entlang spaziert, als diese plötzlich Witterung aufnahmen. Sie folgte ihren Hunden und fand ein winselndes Häufchen Elend in der Nähe des vorbeifließenden Wassers. Dann hat sie sofort über Handy einen bekannten Tierschützer aus ihrem Ort angerufen, der den arg malträtierten Hund unverzüglich mit seinem Kleinlader zu einer bekannten Tierärztin brachte.

Voll ängstlicher Hoffnung, aber überglücklich, machte sich die gesamte Familie auf den Weg in den über neunzig Kilometer entfernten Ort. Endlich kamen sie alle bei der Tierärzten an und siehe da: Es war Mr. Brix!

Doch die anfängliche Freude wich schon rasch dem nächsten Schrecken. Die Tierärztin machte der Familie keine allzu großen Hoffnungen, dass ihr Hund durchkommen würde - so schwer waren seine Verletzungen, die offenbar von einem Auto herstammten. Mr. Brix war angefahren worden und hatte an die fünfzehn Kilo abgenommen. Er sah wirklich schrecklich aus.

Trotzdem wollte die Familie ihr geliebtes Tier nicht aufgeben, besonders die zehnjährige Tochter nicht. Ihr Vater ließ den halbtoten Rüden umgehend in eine Tierklinik bringen. Dort stellte man schließlich fest, dass Mr. Brix einen Beckenbruch und Verletzungen an der Halswirbelsäule erlitten hatte. Mehr als acht Wochen musste der Hund in der Klinik bleiben, doch am Ende wurde er wieder gesund. Es war fast wie ein Wunder.

Als Mr. Brix endlich wieder Zuhause war, konnte man ihm seine Freude ansehen. Nach der vollständigen Genesung des Hundes veranstaltete die Kaufmannsfamilie mit allen Helfern zusammen eine große Party in ihrem schönen, weitläufigen Villengarten. Fast alle waren gekommen. Auch die alte Dame, die auf Mr. Brix aufpassen sollte. Sie war überglücklich vor Freude, dass alles doch noch ein gutes Ende genommen hatte. Einige der eingeladenen Gäste waren sogar mit ihren eigenen Hunden gekommen, die überall ausgelassen herumtollen durften. Es wurde eine außergewöhnlich tolle Party, die bis tief in die Nacht hinein dauerte.


 

Als ich gegen Mitternacht die Familie verließ, die ich schon seit der Geburt ihrer jetzt zehnjährigen Tochter kannte, stand Mr. Brix neben seinem Herrchen und bellte laut und ausgelassen hinter mir her. Er schien einfach nicht müde zu werden und hatte den ganzen Trubel um ihn scheinbar so richtig genossen.


 

Noch einmal sah ich mich um, winkte meinem Geschäftsfreund und seinem Border Collie-Mix mehrmals zu und dachte so für mich, wie schön es doch ist, dass Mr. Brix sein lebensgefährliches Abenteuer so gut überstanden hatte und jetzt wieder bei seiner lieben Familie ist.

Ich war mir sogar ziemlich sicher, dass mir Mr. Brix das irgendwie auf seine ganz spezifische Art und Weise sagen wollte, denn er bellte noch immer hinter mir her, da war ich schon längst in der Dunkelheit der Nacht verschwunden.


 

Später erfuhr ich, dass beim nächsten Urlaub Mr. Brix mit fahren würde, denn offenbar ist er nur deswegen ausgerissen, weil er seine Familie so sehr vermisst hatte.


 

Dass mir der Hund das Liebste sei,
sagst du, o Mensch, sei Sünde?
Der Hund blieb mir im Sturme treu,
der Mensch nicht mal im Winde.


 


ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

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