Heinz-Walter Hoetter

Die Zeitschleife des Ron Flemming

Vorwort

 

Vielleicht leben wir alle in einer Zeitschleife. In einem sog. zyklischen Universum wiederholt sich der Urknall alle paar Billionen Jahre. Bis in alle Ewigkeit. Und wenn jemand eine böse Tat begangen hat, wird sich diese böse Tat solange (zyklisch) wiederholen, bis der Täter dieses negative Ereignis in ein positives ändert, die böse Tat also durch sein verändertes Verhalten nicht geschehen lässt.


***

 

 

Ein komisches Geräusch weckte den jungen Ron Flemming aus seinem Schlaf. Er fuhr kerzengerade auf, sein soeben noch ruhiges Herz fing an, gegen seine Brust zu hämmern. Die Umgebung schien ihm fremd zu sein. Doch dann, als er ein wenig wacher wurde, erinnerte er sich wieder.

 

Er lag in einem Krankenhaus.

 

Wie lang war er schon hier? Er wusste es selbst nicht.

 

Irgendwie hatte er den seltsamen Eindruck, alles schon einmal erlebt zu haben.

 

Oder täuschte er sich nur?

 

Die Frage klang wie ein anhaltendes Echo in seinem Ohr.

 

Ron erhob sich aus dem Bett und schlürfte träge zum Fenster hinüber. Er schob die Vorhänge zur Seite und öffnete langsam beide Fensterflügel. Er hoffte, dass die frische Morgenluft ihm helfen würde, den Kopf etwas klarer zu bekommen.

 

Draußen dämmerte es schon, und vom fernen Horizont leuchteten die ersten goldgelben Strahlen der aufgehenden Morgensonne. Auf der marmornen Fensterbank lag eine Uhr, die offenbar ihm gehörte. Er nahm sie an sich und streifte sie übers linke Handgelenk.

 

Die Zeiger waren stehen geblieben. Ron wunderte sich über diesen Umstand, sinnierte aber nicht weiter darüber nach.

 

Ich muss hier weg, dachte sich Flemming und ging hinüber zum Schrank, wo man seine Sachen verstaut hatte. Nichts fehlte.

 

Hastig zog er sich an. Zum Schluss warf er sich noch seinen hellen Mantel über die Schulter und schlich heimlich aus der Klinik. Draußen lief er einfach los und irrte eine zeitlang planlos durch die Gegend. Manchmal begegneten ihm einige Frühaufsteher, die ihm neugierig und mitleidig wegen seines wirren Verhaltens hinterher blickten.

 

Plötzlich erinnerte sich Flemming temporär wieder. Er hörte eine Stimme.

 

Die Narbe auf der Stirn können sie mit ihren schwarzen Haaren gut verdecken. Davon haben sie ja genug“, hörte er den Arzt sagen, der ihm die stark blutende Platzwunde genäht hatte.

 

Wie lange war das schon her? Ron konnte sich selbst darauf keine Antwort geben.

 

Wie magisch zog es ihn auf einmal zum nah gelegenen Fluss, der von einer weiten Bogenbrücke überspannt wurde. Ein böiger Wind schlug ihm entgegen, als er in der Mitte der Brücke angekommen war und träumenden Blickes vom schützenden Geländer in die Tiefe schaute.

 

Das aufkommende Sonnenlicht glitzerte auf den Wellen des vorbei fließenden Wassers. Ein Lastkahn mit weißer Bugwelle schob sich gerade unter der Brücke hindurch, als sich von links mit zügigen Schritten ein alter Mann in einem hellen, wehenden Mantel näherte. Seine Haare waren weiß wie Schnee und wurden vom Wind nach allen Seiten geweht.

 

Einen Moment lang befürchte Flemming, dass der alte Mann stehen bleiben könnte, doch er nickte nur freundlich und ging an ihm vorbei.

 

Ron wollte über nichts mehr nachdenken, doch der alte Mann mit den weißen Haaren, der noch vor wenigen Sekunden vorbei gekommen war, erschien ihm irgendwie auf seltsame Weise vertraut, fast so, als würde er ihn kennen.

Er hatte eine große Narbe auf der Stirn, die ihm sofort aufgefallen war, als er Ron freundlich nickend angesehen hatte.

 

Wieder vernahm Flemming das Geräusch von Schritten. Der alte Mann stand plötzlich neben ihm und sprach ihn an.

 

Junger Mann, es macht keinen Sinn, wenn Sie da runter springen. Wozu soll das gut sein?"

Dann wurde er seltsamerweise persönlich.

"Tu es nicht! Sie werden dich ja sowieso retten. Am Ufer dort drüben stehen Fischer mit ihrem Kutter. Sie werden alles mitbekommen, dich aus dem Wasser holen und ins Krankenhaus bringen lassen. Glaub’ mir. Es kommt so. Ich weiß es.“

 

Ich habe gar nicht vor, von der Brücke zu springen“, sagte Ron Flemming geistesabwesend.

 

Doch, doch..., du wirst es tun. Ich weiß es, mein Junge“, stellte der alte Mann ohne Vorwurf fest und strich dem Jungen zärtlich über die Narbe auf der Stirn und fuhr fort: „Narben verheilen, Ron. Du hast noch dein ganzes Leben vor dir. Irgendwann wirst du mich verstehen und auf mich hören. Dann wirst du sehen, dass das Leben auch schön sein kann, mein Junge.“

 

Ron sah den Alten an. In diesem Augenblick frischte der Wind auf und streifte ihm die Haare aus dem Gesicht. Eine große, auffällige Narbe durchzog seine Stirn, die jedoch gut verheilt war.

 

Der Unbekannte griff sich jetzt schnell mit der rechten Hand an den Kopf, hielt seine ergrauten Haare fest und lächelte den jungen Ron Flemming noch einmal an, bevor er sich umdrehte und ging.

 

Als er nicht mehr zu sehen war, sprang Ron ohne zu zögern mit einem weiten Satz über das Brückengeländer hinab in die Tiefe. Als er ins Bodenlose fiel, verspürte er dabei keine Angst, sondern ein Gefühl von unendlicher Freiheit.

 

Nur ein Gedanke schoss ihm dabei schlagartig in den Kopf: „Woher kannte der alte Mann meinen Namen?“

 

Sekunden später schlug er mit dem Kopf voran auf die wogende Wasseroberfläche auf, die hart wie ein Brett war.

 

Ron Flemmings Bewusstsein versank abrupt in eine tiefe Dunkelheit.

 

Als er noch ganz benommen etwas später seine Augen wieder öffnete, lag er in der Kajüte eines schaukelnden Fischkutters. Zwei kräftige Männer kümmerten sich um ihn und hatten ihn in warme Wolldecken gehüllt.

 

Einer von ihnen sagte: „Wir müssen den Jungen so schnell wie möglich ins Krankenhaus bringen. Er ist völlig unterkühlt. Ich denke aber, dass er

durchkommen wird.“

 

Ein alter Mann in einem hellen Mantel und grauweißen Haaren stand oben auf der hohen Bogenbrücke und beobachtete regungslos die Rettung des jungen Selbstmörders.

 

Irgendwann wird er es schaffen, auf mich hören und aus der Zeitschleife ausbrechen. Sonst würde ich hier nicht stehen..., ich, Ron Flemming.“

 

***

 

Ein seltsames Geräusch weckte den jungen Ron Flemming aus seinem Schlaf. Er fuhr kerzengerade auf, sein soeben noch ruhiges Herz fing an, gegen seine Brust zu hämmern. die Umgebung schien ihm fremd zu sein. Doch dann, als er ein wenig wacher wurde, erinnerte er sich wieder.

 

Er lag in einem Krankenhaus.

 

Wie lang war er schon hier? Er wusste es selbst nicht.

 

Irgendwie hatte er den seltsamen Eindruck, alles schon einmal erlebt zu haben.

 

Oder täuschte er sich nur?

 

Die Frage klang wie ein anhaltendes Echo in seinem Ohr.

 

Ron erhob sich aus dem Bett und schlürfte träge zum Fenster hinüber. Er schob die Vorhänge zur Seite und öffnete langsam beide Fensterflügel. Er hoffte, dass die frische Morgenluft ihm helfen würde, den Kopf etwas klarer zu bekommen.

 

Draußen dämmerte es schon, und vom fernen Horizont leuchteten die ersten goldgelben Strahlen der aufgehenden Sonne. Auf der marmornen Fensterbank lag eine Uhr, die offenbar ihm gehörte. Er nahm sie an sich und streifte sie übers linke Handgelenk.

 

Die Zeiger waren stehen geblieben. Ron wunderte sich über diesen Umstand, sinnierte aber nicht weiter darüber nach...

 


 


ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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