Jonas Galm

Apokalypse gerade eben

Die Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen. – Mascha Kaléko
 

In einem fernen Land
verborgen unter kilometerdicken Schichten verschiedenster Gesteinsarten
in König Horas fester Hand
lag sie. Die Ur-Uhr.
Hier ruhte die Zeit und gab dem Leben der Menschen einen Sinn

Doch es kam der Tag
An dem die Sonne nicht aufging
An dem die Hähne und die Radiowecker stumm blieben
Und das Wasser in den Leitungen stand.
Und nach einer Sekunde oder einem Jahrtausend des Schreckens
begann man zu begreifen:
jemand hatte sie gestohlen
die Zeit – sie war fort!

Ein Geschichtenschreiber machte sich sofort oder nach einer Weile daran, alles für die Nachwelt aufzuzeichnen
Sofern es je wieder eine geben sollte


Er schrieb:
»Nachdem das Ende vorüber war
wusste man nicht, wohin mit sich.
Das Warten hatte seine Bedeutung verloren
die Geduld ihre Halterung
der heftigste aller Kämpfe war vorbei
der Kern aus Wille und Widerwille entzwei

Zur Königin war sie auserkoren
um sie zu ketten
nun war sie unwiderruflich dahin
Was treibt die Zeit denn ohne uns?
«

Wie steht es um die Musik? fragten die Bauern besorgt.
Sehr schlecht. seufzte der König.

Film und Fernsehen?
Unmöglich,
sprach er betrübt. Alle Räder haben aufgehört, sich zu drehen. Der Fortschritt liegt im Sterben. Die Leichen lassen unsere Flüsse überlaufen.

Keine Kirchenglocken mehr. Kein Tick-Tack. Keine Frühmessen und keine Tagesschau um zwanzig Uhr.

Das machte die Menschen traurig.

Niemand machte mehr Überstunden. Niemand kam zu spät oder rechtzeitig zur Arbeit.

Lies Heidegger, du Wurm!
rief der Hofnarr in einem fort, doch dem König stand der Kopf nicht nach Zerstreuung.

Es standen Fragen im Raum, die nach einer Antwort verlangten.
Wie würde es weitergehen?
Würde es das überhaupt?
Was war es?

Doch vor allen Dingen:
Wer wars?

Der König sandte seine Schergen aus. Sie sollten den Dieb finden und in den tiefsten und schmutzigsten Graben werfen, den sie finden konnten. Gleich mehrmals. Die Fingernägel sollten sie ihm herausreißen, und die Zähne kreuz und quer schlagen. Die Haut würde man ihm vom zappelnden Leib ziehen und die Muskelstränge ordentlich verknoten. Nicht ein einziges Haar sollte man entdecken können, das sie ihm nicht gekrümmt hatten. Als Belohnung versprach er ihnen das Beste, was er zu bieten hatte: das Glück selbst.
So groß war seine Wut.

Also sattelte man die Gäule und malträtierte ihre Flanken bis aufs Fleisch, um in Windeseile das Land zu durchqueren, auf der Suche nach dem größten Verbrecher, den die Welt je gesehen hatte. Durch Täler und Flüsse jagten die Schergen, erklommen die höchsten Berge, trotzten den Eiswüsten und Gletschern, aus denen die gierig heißen Flammen ihre glühenden Klauen nach ihnen ausstreckten. Sie widerstanden den Sirenen, die sie mit ihren verlockenden Gesängen und ihren weit gespreizten Schenkeln zu betören suchten und schnitten dem Zyklopen, der ihnen die Weiterreise verweigerte, den Augapfel aus dem zertrümmerten Schädel, in der Hoffnung, dass er ihnen den Weg weise.
Viele gaben ihr Leben, mehr noch den Verstand, um die Zeit herbeizuschaffen.

Das größte Hindernis aber erwartete sie, als die das Ende der Welt erreicht hatten. Wenn wir sie hier nicht finden, dachten die tapferen Männer und Frauen bei sich, dann sind wir gescheitert. Dann ruht alle Hoffnung auf dem jungen ..., der sich allein in die andere Richtung, zum Anfang der Welt, aufgemacht hatte. Niemand wusste, was dort auf ihn wartete. Niemand konnte die Gefahr bemessen, der er sich aussetzte, niemand rechnete damit, dass er zurück kommen würde. Doch der junge ... war ohnehin Junggeselle und so hässlich, dass keine Frau im ganzen Königreich ihn je zum Gemahl nehmen würde, und niemand wollte zugeben, ihn auf die Welt gebracht zu haben. Er hatte niemanden. Er hatte nichts zu verlieren.

Die Gefahr, der sich die Schergen des Königs aussetzten, hatte einen Namen, ein Gesicht, aber keine Nase. Es war die Sphinx. Und auch sie war wütend, denn man hatte ihr das berühmte Rätsel genommen. Ohne die Zeit gab es kein morgens, mittags, abends, und kein Altern mehr. Es gab kein Rätsel mehr und keine Lösung. Und was war die Sphinx ohne Rätsel?

Sie war ganz allein
Ohne ihr Rätsel
Ohne Sinn
Also entschied sie, zu toben vor Wut
Und sie fraß die Schergen des Königs mit Haut und Haar
Das kühlte ihr Gemüt.


Am Anfang der Welt aber
Am Anfang der Welt war das Nichts

Das Nichts sah aus wie ein Nichtwort
wie ein kreisrunder Stern
ein steinerner Eisprung
eine vergessene Frucht
eine unbändige Wahrheit
eine verschwiegene Lüge
eine trotziges Dunkel
ein unmöglicher Klang
ein nackter Zahn?
ein Zahn ragte aus dem Nichts
ein Zahn, der dort nicht hingehörte
das Nichts hatte nie einen Zahn besessen
Es hätte nicht gewusst, wofür
Es hätte nicht gewusst, wohin damit

Was suchte der Zahn im Nichts am Anfang der Welt?

Der junge … nahm all seinen Mut zusammen und streckte seine Hände aus. Der Zahn aber schien sich zu entfernen, je näher er ihm kam, und so sehr er sich auch reckte und streckte, er bekam ihn nicht zu greifen. Und es kam, wie es kommen musste, der junge ... verlor den Halt und stürzte ins Nichts, er stürzte eine halbe Ewigkeit, und noch eine, er stürzte endlose Ewigkeiten, ohne sich zu erinnern, er stürzte und schrie um sein Leben, in seiner Todesangst warf er die wirrsten Hilferufe durcheinander, er rief seine tote Schwester um Hilfe, er rief nach der Mutter, die er nicht hatte, nach Kindern, die er nie haben würde, nach einem Gott, an den er nicht glaubte, er flehte die Engel und die krabbelnden Fische und fliegenden Tausendfüßler dieser Welt an, ihm zu helfen, zappelte und flehte und weinte bitterlich, doch niemand half, und der junge … stürzte weiter, und er wird weiterstürzen, solang irgendetwas oder gar nichts mehr existiert.

Im Königreich Horas aber begannen die Glocken wieder zu schlagen, und die Uhren nahmen ihre Tätigkeit wieder auf. Erst zaghaft, dann voller Inbrunst sangen die Vögel wieder ihre längst vergessenen Lieder. Die Blumen blühten, die Luft war rein und die Ernten reich. Selbst die Hühner waren glücklich. Das Goldene Zeitalter war angebrochen. Und jeden Tag dankte man der Zeit, dass sie zu ihnen zurückgekehrt war, dass sie an ihrer Seite war, ganz ohne goldene Ketten und Gitterstäbe, sondern aus freien Stücken. Denn sie war alt und schwach, und wohin hätte sie schon gehen sollen. Hier ging es ihr doch gut. Alle wussten das. Darum fragte auch niemand nach, wo sie gewesen oder was aus den Gesandten des Königs geworden war. Es war eine gute Zeit.
Es waren die letzten Stunden der Menschheit.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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