Christiane Mielck-Retzdorff

Sie hatte einen Hund

 

 

Zuerst waren sie nur Nachbarinnen, doch dann wurden aus den Frauen von Mitte 50 Freundinnen. Das lag daran, dass ihre Lebensläufe sich ähnelten. Beide entstammten bürgerlichen Familien, waren geschieden und kinderlos. Sie hatten gut bezahlte Posten in mittelständischen Unternehmen und besaßen jede eine Eigentumswohnung in bester Lage mit Blick auf die Hamburger Außenalster.

Ihre Balkone grenzten aneinander, sodass sie sich anfangs über die Balustraden unterhielten, bis sie sich entschlossen, öfter gemeinsam in ein Café oder Restaurant zu gehen. Dort redeten sie dann über ihre gescheiterten Ehen, die Herausforderungen im Beruf, zurückliegende Urlaubsziele und natürlich über die Lasten des fortschreitenden Alters. Sonja störte sich sehr daran, dass ihre Figur seit ihren Wechseljahren unerwünschte Fettpölsterchen zeigte. Deswegen besuchte sie oft ein Fitness-Studio.

Dorits Figur war sportlich straff, was sie damit begründete, einen Hund zu haben. Sie teilte ihr Leben mit Amara, einer mittelgroßen Hündin undefinierbarer Abstammung mit dunkelbraunem Drahthaar und spitzen Ohren. Schön war dieses Tier nicht, aber unkompliziert und gehorsam im Umgang. Mit dieser unternahm die Frau täglich ausgedehnte Spaziergänge.

Auch Sonja joggte gelegentlich um die Alster, doch bei schlechtem Wetter blieb sie lieber zuhause oder raffte sich auf, das Fitness-Studio zu besuchen, während ihre Freundin bei jeder Witterung mit dem Hund hinaus musste. Sich diesem Zwang freiwillig auszusetzen, überforderte das Verständnis ihrer Freundin. Und dann noch der Dreck, den so ein Hund mit in die Wohnung schleppte.

Dorit war dankbar, dass sie Amara mit zur Arbeit nehmen durfte. Morgens unternahm sie nur einen kurzen Spaziergang an der Alster. Anschließend wartete die Hündin brav auf ihrem Plätzchen im Büro darauf, dass ihr Frauchen eine Lücke im engen Terminplan fand und sie hinaus begleitete. Die Frau genoss bei jedem Wetter diese Auszeit vom Stress. So konnte sie ungestört nachdenken, den Kopf frei bekommen und neue Kraft tanken. Dabei brauchte sie sich um die Hündin kaum zu kümmern, weil sie sich auch in der Großstadt vorbildlich und besonnen benahm.

Um dem Bedürfnis von Amara nach Grünflächen gerecht zu werden, entdeckte Dorit immer neue versteckte Orte, wo die Natur sich einen Flecken zurück erobert hatte. Dort blühten Blumen, die die Frau noch nie gesehen hatte. Sie arbeitete am Rande des Hamburger Hafens, wo etliche, brachliegende Industriegrundstücke auf ihre Wiedererweckung warteten. Genau auf diesen vergessenen Flächen, durch die wenige Trampelpfade führten, konnte sie mit Amara ungehindert umherstreifen.

Wieder einmal traf sie sich mit Sonja in einem Restaurant zum Abendessen. Die Hündin lag friedlich unter dem Tisch.

„Nun greife ich an.“, verkündete die Freundin nach einer Weile kämpferisch.

„Inwiefern?“, frage Dorrit überrascht. „Willst Du deine Karriere vorantreiben?“

„Nein.“, lächelte Sonja verschwörerisch. „Ich habe mich bei einer Partnerbörse angemeldet. Es ist doch dämlich, darauf zu warten, dass der Traumprinz unerwartet an meiner Tür klingelt. Ich will endlich wieder Sex haben, mit einem Mann ausgehen und das Leben richtig auskosten.“

Dorit nickte verständnisvoll und fragte neugierig:

„Hast Du schon jemanden gefunden, der Dir gefällt?“

„Die Fotos einiger Kandidaten sprechen mich durchaus an. Mit einem von ihnen treffe ich mich am Samstagabend.“

„Das klingt gut. Was weißt Du denn über den Mann?“

„Er sieht ganz gut aus, ist etwas jünger als ich und sportlich schlank. Als selbständiger Steuerberater verdient er gut. Außerdem liebt er reisen, interessiert sich für Kunst und Literatur. Das passt doch hervorragend.“

Dorit fragte sich, seit wann sich Sonja für Kunst und Literatur interessierte, schwieg aber.

Am Sonnabend gegen 22 Uhr klingelte es plötzlich an Dorits Tür. Sichtlich aufgebracht stürzte Sonja herein. Amara begrüßt die Nachbarin freudig, doch wurde brüsk zurückgewiesen.

„Der Typ war ein echter Reinfall.“, polterte sie los. „Ich brauche erstmal einen Cognac.“

Dorit erfüllte den Wunsch und schenkte sich selbst ein Glas Wein ein.

„Schon als ich ihn sah, dachte ich, ich spinne. Mit Bierbauch und Halbglatze stellte er sich mir stolz vor. Am liebsten wäre ich gleich weggelaufen, doch sein Anblick lähmte mich geradezu. Dann taxierte er mich von oben bis unten und zeigte ein wohlgefälliges Grinsen. Dann fragte er doch glatt, ob wir noch etwas in dem Restaurant essen wollten oder gleich zu ihm gehen. Ich war so perplex, dass ich beinahe eingewilligt hätte. Stattdessen murmelte ich etwas von Hunger.“

Sonja stürzte ihren Cognac herunter und bat gleich um einen zweiten.

„Also bestellten wir etwas zu essen. Der Typ meinte, ich sei ein wirklich leckeres Exemplar und scherzte, das würde ihn auf ganz andere Gedanken als eine Mahlzeit bringen. Mir blieben die Bissen im Halse stecken. Dann prahlte er mit seinen Reisen an die Ostsee und damit, dass er einmal jährlich die Aufführungen der Volksbühne besuchte. Als ich stumm blieb, bemerkte er fröhlich, dass er Frauen schätzte, die nicht ständig sabbelten. Vor Entsetzen verschüchtert, entschuldigte ich mich damit, die Waschräume aufsuchen zu müssen und schlich mich davon.“

„Das hört sich wirklich nicht nach einem Traumprinzen an.“, bestätigte Dorit und verkniff sich ein Lächeln.

„Richtig, aber so eine Enttäuschung wirft mich nicht aus der Bahn.“, antwortete Sonja. „Wir beide wissen doch aus unserem Job, dass wir uns durch Niederlagen nicht von unserem Ziel abbringen lassen dürfen. Immerhin fand der Typ mich sexy. Und morgen treffe ich den nächsten Kandidaten. Schlimmer kann es doch nicht werden.“

Dorit hätte der Freundin gern geraten, ihren Plan etwas ruhiger angehen zu lassen, aber sie war eben eine Kämpferin, die so schnell nicht aufgab.

An den nächsten Wochenenden war Sonja häufig bei ihrer Nachbarin zu Besuch, berichtete von schlechtem Sex, verlogenen Lebensläufen der Kandidaten und anderen Enttäuschungen, doch ohne ihr eigenes Vorgehen in Zweifel zu ziehen. Schließlich traf sie einen Mann, der ansatzweise ihren Ansprüchen genügte. Damit brach der Kontakt zu Dorit ab.

Zwar wünschte auch sie sich wieder einen Lebenspartner, doch wollte so eine Begegnung nicht erzwingen. Mit ihrem Job war Dorit ausgelastet genug. Und in ihrer Freizeit genoss sie die ausgedehnten Spaziergänge mit Amara durch die Natur, bei denen sie häufig ins Gespräch mit anderen Hundebesitzern kam. So lernte Dorit die unterschiedlichsten Frauen und Männer kennen. Gelegentlich schloss sich diesen Begegnungen auch der gemeinsame Besuch eines Lokals an. Auch wenn sie dabei bisher keinen Partner fürs Leben ausmachen konnte, bereicherten diese Kontakte ihren Alltag.

Wenn sich ihre Spaziergänge an die Büroarbeit anschlossen, zog Dorit sich vorher um. Sie hatte immer bequeme, strapazierfähige Kleidung dabei. Als sie mal wieder nach Feierabend bei Sonnenschein eine Industriebrache durchwanderte, tauchte plötzlich ein fremder Hund auf, mit dem Amara gleich zu spielen begann. Dann erspähte Dorit dessen Besitzer. Lächelnd in die Betrachtung der Hund versunken, bemerkte er anfangs ihre Anwesenheit nicht.

Der Mann wirkte ausgesprochen entspannt. Er trug genau wie Dorit Jeans, ein kurzärmeliges T-Shirt und feste Schuhe. Irgendwie kam er der Frau bekannt vor, aber sie konnte ihn zuerst nicht einordnen. Langsam ging sie auf ihn zu und er drehte sich zu ihr um. Lächelnd bemerkte er:

„Die beiden verstehen sich ja prächtig. Nach so einem ausgelassenen Spiel wird mein Ben rechtschaffend müde sein, wenn wir wieder zuhause sind.“

Dorit lächelte auch und sagte:

„Ich freue mich immer, wenn meine Amara Spielgefährten findet, was in dem unbewohnten Industriegebiets eher selten ist.“

Dann erkannte sie den Mann, den sie bisher nur in teuren Anzügen mit Krawatte gesehen hatte. Es war Dr. Eckhard Schulte, der Eigentümer einer Fabrik für Lacke und Farben, die in die ganze Welt exportiert wurden. Die Firma, in der Dorit arbeitete, hatte gelegentlich mit ihm zu tun, doch die damit verbundenen Gespräche fanden nur auf der höchsten Managerebene statt. Gelegentlich hatte sie schon auf dem Flur im Vorübergehen einen Blick auf den Mann erhascht.

Manchmal las sie auch Artikel über diesen erfolgreichen, sich stets der Hamburger Kaufmannsehre verpflichtet fühlenden Unternehmer in der Zeitung. Auf den damit verbundenen Fotos sah Dr. Schulte immer wie ein steifer Geschäftsmann aus, doch nun sah sie einen sportlichen, lässigen, viel jünger wirkenden Mann vor sich. Sie wusste auch, dass er vor zwei Jahren Witwer geworden war. Vielleicht hatte er deswegen immer so ein ernstes Gesicht auf den Bildern gezeigt. Hier auf der Brachwiese angesichts der spielenden Hunde wirkte er gut gelaunt und zufrieden.

„Ich weiß wer sie sind.“, begann Dr. Schulte ein Gespräch. „Ihr Name ist Dorit Neuhaus und sie arbeiten bei der Spedition „Wackersdorf“. Dort sind wir uns auch schon begegnet.“

Dorit errötete leicht angesichts der Vorstellung, dass dieser erfolgreiche Unternehmer sie bemerkt hatte.

„Natürlich habe auch ich sie sofort erkannt, Dr. Schulte.“, log die Frau.

„Aber hier an diesem Ort mit unseren fröhlichen Hunden sind wir nur Menschen, oder?“ antwortete der Mann.

Dorit nickte und ihre anfängliche Schüchternheit verflog.

Munter und zwanglos begannen beide zu plaudern. Anfangs tauschten sie ihre Erfahrungen mit ihren Hunden aus, was zu was zu manchem Gelächter führte. Dann sprachen sie über Gott und die Welt, verstanden sich prächtig. So entwickelte sich langsam eine Nähe zwischen ihnen, die jede Scheu vertrieb, ungeahnter Vertrautheit Platz machte. Mittlerweile lagen die Hunde hechelnd im Gras. Das drängte beide zum Aufbruch.

„Darf ich Sie morgen Abend zum Essen einladen?“, fragte Dr. Schulte mit einem aufmunternden Lächeln.

„Gern.“, antwortete Dorit und sie verabredeten sich für den nächsten Tag um 20 Uhr in einem teuren Restaurant. Dann tauschten sie noch die Nummern ihrer Handys aus.

Die Frau streckte ihm zum Abschied die Hand entgegen. Der Mann nahm diese, doch anstatt sie zu drücken, beugte er sich etwas vor und hauchte einen Kuss auf deren Rücken. Anschließend sahen sich beide tief in die Augen. Dabei umspielte ein Lächeln des gegenseitigen Wissens ihre Lippen.

Wieder daheim brodelten aufgeregte Gefühle in Dorit. Sie betrachtete Dr. Schulte, diesen angesehenen, erfolgreichen Unternehmer plötzlich als ganz normalen Mann von stattlicher Erscheinung, Humor und Großzügigkeit, der die Natur und die Tiere achtete. Er scheute sich nicht, seine Hände schmutzig zu machen, wenn er Äste von der ungepflegten Brachfläche aufhob, sie den Hunden zuwarf, die sich dann darum balgten. Wenn sein Ben oder Amara an ihm hoch sprang und seine Kleidung besudelte, streichelt er die Tiere, kraulte sie, wobei Teile ihres Fells an ihm haften blieben. Dieser ausgelassene, lockere Mann hatte Dorits Herz erobert.

Plötzlich riss das Klingeln an der Tür die Frau aus ihren Erinnerungen. Sie fühlte sich gestört, doch wollte nicht unhöflich sein. Sonja stürmte herein und polterte gleich los:

„Dieser Kerl ist ein hinterhältiger Schurke.“

Damit meinte sie wohl ihren Neuen. Dorit schenkte ihr in vorauseilendem Gehorsam einen Cognac ein.

„Der hat mich doch einfach abserviert, durch eine Jüngere ersetzt.“

Sonja stürzte den Cognac runter, machte aber nicht den Eindruck großer Trauer sondern eher wütender Empörung. Dorit setzte sich, während ihre Besucherin aufgebracht im Zimmer hin und her ging.

„Stell Dir mal vor, die ganze Zeit als wir zusammen waren, traf er auch andere Frauen aus dem Partnerschaftsportal. Angeblich musste er viel geschäftlich reisen, doch stattdessen wühlte er sich durch die Betten anderer Weiber. Und ich vertrauensseliges Huhn ahnte das nicht. Ich werde in unserem Portal diesen hinterhältigen Typ bloßstellen.“

Bei der Vorstellung beruhigte sich Sonja langsam. Sie setzte sich neben Dorit auf das Sofa und fuhr listig grinsend fort:

„Aber ich war auch nicht untätig und habe schon Kontakt zu einem anderen Kandidaten aufgenommen. Der sieht ganz gut aus, aber ist als Steuerberater vermutlich sterbenslangweilig. Ich treffe mich Morgen mit ihm. Wer nicht am Ball bleibt, hat schon verloren.“

Dorits Handy gab das Signal von sich, dass sie eine SMS erhalten hatte. Sie verließ das Wohnzimmer, während sich Sonja noch einen Cognac einschenkte.

Dr. Schulte schrieb:

„Ich habe unser zufälliges Treffen und die Gespräche sehr genossen. Liebe Frau Neuhaus, sie sind eine wunderbare, kluge und sehr gut aussehende Frau. Voller Ungeduld sehe ich unserem morgigen Treffen entgegen. Ich wünsche Ihnen und Amara eine gute Nacht und sende mit Vorfreude herzlich Grüße. Ihr Eckhard Schulte.

Dorit antwortete:

Lieber Herr Schulte, auch ich denke mit Wohlgefühl an unsere Begegnung, freue mich auf Morgen und wünsche Ihnen und Ben eine gute Nacht. Ihre Dorit Neuhaus.“

Dann kehrte sie zu Sonja zurück. Diese fragte gleich, wer eine Nachricht geschickt hatte und Dorit log, es sei ihre Mutter gewesen. Diese Antwort reichte der Besucherin und sie plapperte weiter:

„Für Dich wüsste ich auch einige Kandidaten in unserem Portal. Du solltest Dich endlich dort anmelden. Nur so kannst Du einen neuen Partner finden. Glaube mir! Du willst doch nicht als alte Jungfer enden.“

„Nein, danke.“, antwortete Dorit schmunzelnd. „Ich brauche so eine Kontaktbörse nicht. Ich habe einen Hund.“

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Die Töchter der Elemente: Teil 1 - Der Aufbruch von Christiane Mielck-Retzdorff



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