Bernhard Pappe

Ich nehme mir die Freiheit oder was sagt Sartre?


Ich nehme mir die Freiheit und natürlich die Zeit, meine Gedanken aufzuschreiben.

Hinter dieser Aussage verbirgt sich eine Entscheidung. Was tun? Tun – ein Unwort für Deutschlehrer. Das Tun, es ist nicht näher spezifiziert. Es ist der Spiegel der Möglichkeiten - das Spiel mit den Möglichkeiten.

Ich müsste oder könnte eine meiner angefangenen Geschichten zu Ende bringen. Ich müsste oder könnte eines meiner ausformulierten Gedichte veröffentlichen. Ich müsste oder könnte in der Urbanität umherschlendern, die Sonne des Herbsttages genießen. Wer weiß, vielleicht entstünde ein neues Gedicht daraus.

Ich müsste oder könnte… Ich kann mir die Freiheit nehmen, zu entscheiden, oder? Sartre sagt, der Mensch sei zur Freiheit verdammt. Ergo, wo liegt das Problem?

Wenn ich mir die Freiheit nehme, was nehme ich mir dann? Ist es meine persönliche, meine mit meinem Körper, mit meinem Bewusstsein verbundene Freiheit? Freiheit ist nicht etwas, was man vom Kleiderhaken nimmt, wie einen Mantel. Sartre grüßt freundlich herüber. Ich habe meine Freiheit schon, ich muss sie mir nicht nehmen.

Wenn ich mir die Freiheit nehme, nehme ich mir mehr von ihr, okkupiere ich damit vielleicht die Freiheit der Anderen? Logischerweise hätten die Anderen hernach keine mehr oder weniger davon. Wenn jedoch jedermann zur Freiheit verdammt ist, wie könnte ich sie dann okkupieren? Ist Freiheit in unbegrenzter Menge vorhanden und ich muss nur in den großen Topf greifen, mir vom großen Stück eine gehörige Portion abschneiden? Besitz von Freiheit – Freiheit ist keine Lagerware!

Freiheit impliziert, frei von irgendetwas oder irgendwem zu sein. Wenn ich mir die Freiheit nehme, meine Gedanken zu notieren, dann bin ich frei von der Vorstellung, meine angefangenen Geschichten zu vollenden. Das heißt am Ende nicht zwingend, dass es das den Schlussakkord der Geschichten niemals geben wird. Sind Freiheit und Entscheidung ein Verschieben von Vordergrund und Hintergrund – ein Bäumchen wechsle dich-Spiel?

Ich nehme mir die Freiheit, anders zu sein! Ich traue mich, anders zu sein! Beide Aussagen korrespondieren miteinander. Jeder von uns wird das für das Alltagsleben bestätigen können. Ich traue mich heißt im Klartext: Ich habe den Mut, um…. Der Mut als Sahnehäubchen der Freiheit oder als zwingende Voraussetzung? Anders sein, ich hätte Punkgedichte schreiben können. Dahingerotzte Worte, die sperrigen Widerstand symbolisieren, frei von allen Konventionen. Ich schrieb ein paar davon. Warum auch nicht. Eines habe ich mal unter einem Pseudonym veröffentlicht. Die Freiheit leben – Punkdichter sein. Wenn ich ein Punkdichter sein will, dann muss ich danach leben, ein Klischee erfüllen. Wo bleibt die Freiheit? Ich präge mal einen Aphorismus: Freiheit ist, so zu bleiben, wie man ist oder sich radikal zu verändern, wenn einem danach ist (oder man sich das (zu)traut).

Ich könnte diesen Text beliebig fortsetzen. Ich nehme mir hier und jetzt die Freiheit, das Textende einzuläuten. Ich winke freundlich zu Jean-Paul Sartre hinüber, der auf dem Cover einer Zeitschrift mit seiner Pfeife prangt und lasse Simone de Beauvoir schön grüßen. Meine Gedanken sind gewiss unausgegorener als die seinen. Ich will niemand den reinen Wein einschenken, in dem vermeintliche Wahrheiten und Erkenntnisse auf dem Boden mit ihm gefüllter Kelche liegen, die es bis zur Neige zu leeren gilt. Mir genügt es, mit dem Text ein kleines Steinchen auf das Mosaik des Denkens zu werfen. Vielleicht findet es darin (s)einen Platz.

© BPa / 10-2018

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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