Wolfgang Florian Berger

harald umgebracht

...harald umgebracht.

so viel ist klar. obwohl es sich, bei dem im titel dieser kurzgeschichte implizierten sachverhalt – spätestens am ende der kurzgeschichte – um ein faktum handelt, ist vorsicht angebracht, wenn es heißt, das thema der geschichte auf den punkt bringen zu können.

sonst hieße es ja von vornherein, harald sei umgebracht und punkt.

diese wahrheit, so trivial sie einem, der sie als solche erkannt, auch erscheinen mag, ist an sich uninteressant und langweilig. viel spannender erscheinen die antworten auf die fragen, weshalb die fähigkeit haralds, details bis ins letzte detail studieren zu können, ihn nicht gerettet hatte, ihn an und für sich niemand so richtig kannte und was geschehen sein musste, dass es überhaupt dazu hatte kommen können, dass sich auch dann noch niemand dafür interessierte, als er als leichnam, hunderten von leuten quasi vor den füßen lag.

insofern wäre das thema mit: harald umgebracht und punkt, am feinsten umrissen, wäre da nicht, bildlich gesprochen, ein satz nach dem punkt zu stehen gekommen, einer jener sätze nämlich, der das ganze ins ungewisse gerückt, und damit das thema der geschichte umständlich verändert und damit alles wieder in die schwebe gehoben hätte.

...harald umgebracht. und konrad war schon betrunken erschienen.

zwar lenkte sein äußeres, im falle angemessenen abstands, von seinem inneren zustand ab, sprach man ihn jedoch an, war klar, dass konrad nicht nur wasser getrunken haben konnte. dementsprechend roch konrad nach zigaretten und bier, war aber – vermutlich gerade deshalb – außer stande sich und allen anderen diese tatsache einzugestehen. nach seiner zweiten rückkehr von der toilette spätestens war wohl auch ihm selbst bewusst geworden, dass er seine lüge weder glaubhaft noch von ungefähr weiter als wahrheit würde verbreiten können. alles an ihm roch – spätestens mit dieser zweiten rückkehr von der toilette – falsch.

von interesse ist nun aber vielmehr, was auf der toilette geschehen war; dieses zweite mal, sodass er sich selber einzugestehen hatte, dass er seine lüge weder glaubhaft noch von ungefähr weiter als wahrheit würde weitererzählen können. denn die relevanten geschehnisse waren es, die licht in den fall bringen sollten, um den es hier geht. gehen wir zunächst also ein paar minuten zurück im geschehen.

konrad – zum gegebenen zeitpunkt bereits einigermaßen und aus sicht der anderen erheblich geschwächt – tastete sich zum zweiten mal zur herrentoilette vor. diese war offensichtlich besetzt. die offensichtlichkeit ergab sich jedoch weder aus dem, was konrad sah, noch aus dem, was er für bruchteile zu sehen glaubte. sie ergab sich schlicht daraus, dass sich die türe nicht öffnen ließ, und aus den geräuschen, die den gesamten vorraum – der den damen- vom herrenbereich schied – dominierten. und hätten die geräusche mit gerüchen zu tun gehabt, konrad hätte sie zu diesem zeitpunkt als ausgesprochen belanglos wahrgenommen.

das interessante an diesem umstand ist aber nicht konrads unfähigkeit gerüche richtig wahrzunehmen, sondern die tatsache, dass es keine gerüche gab, die wahrnehmbar gewesen wären. und hier beginnt die kurzgeschichte, denn seine schwierigkeiten, die tür elegant zu öffnen, hinderte ihn nicht daran, die toilette unbedingt aufzusuchen.

konrad warf sich also beim zweiten anlauf mit aller wucht gegen die türe und stürzte, ohne damit gerechnet zu haben, so abrupt mitsamt derselben in den raum, über die bereits kalte leiche haralds.

fast der gesamte höhlenartige raum war leer, als wörndle eintrat. kalter rauch und die durch vorabendliche drogen ins ungewisse gestellten ängste drängten ihn, das lokal nur kurz in augenschein zu nehmen, auf jeden fall aber möglichst bald wieder zu verschwinden. von irgendwoher schien seine neugierde zu kommen und er drang, um seinen aufrechten gang ringend, forschend weiter ins innere vor. eifrig griff er in die innentasche seines mantels, in welcher er für gewöhnlich seine taschentücher aufbewahrte: seine linke entnahm ihr einige gegenstände, nur eben ein taschentuch nicht. in der hoffnung, dass ihm niemand seinen ekel, den er in gegenwart der zwei furchtbar riechenden zeugen verspürte, übelnehmen würde, trat er an die bar, an den ort also, der den hauptgrund seines hierseins darstellte. barkeeper gustav hatte angerufen. er müsse sofort kommen, habe es geheißen und er – wörndle – war sofort losgefahren. seinen stock lehnte er an die theke und wartete, bis ihn jemand bemerkte.

whiskey?“

eiswasser mit zitrone.“

der barkeeper wirkte todmüde, nickte wörndle zu, zog sein dunkelgraues barett und verschwand, um den wunsch des ungewöhnlichen gasts zu erfüllen. etwas derartiges hatten mike und konrad nicht vor. sie glänzten durch ihre unabkömmliche anwesenheit und ihren penetranten gestank nach bier und zigaretten.

wörndles angewohnheit, sein gegenüber durch geschickte fragestellung aus der fassung zu bringen, wurde für gerade jene personen eine unangenehme tatsache, die sich durch ihr so-sein seine missgunst eingehandelt hatten.

ebenso gestaltete es sich in vorliegendem falle. da weder mike noch konrad in der lage zu sein schienen, eine konkrete antwort auf wörndles frage zu liefern, offenbarte er ihnen etwas anderes. er sprach abgehackt, aber deutlich.

wer wert darauf legt, in missgünstigen gesellschaften zurecht zu kommen, es gewohnt ist, nur auf die stimmen der personen zu achten, die es lieben, den ästhetischen klängen mehr wert zukommen zu lassen, als dem inhalt und diesen ignorieren, die form in den fokus rücken, diese im blickfeld behalten, weil sie den inhalt in den meisten fällen übertrifft, weiß, dass sich die un-form von der form nur durch ein kriteritum unterscheidet. das ekelerregendste detail aller details.

wie ein kojote, der auf seine noch lebende beute lauert, starrte er auf die stiefletten der beiden. stille.

einer der interessantesten künstler der letzten beiden jahrhunderte wusste dies bereits.

ein nachhall. und wieder stille.

manche menschen werden abgerichtet. die anderen hingerichtet.

keiner der beiden angetrunkenen und an sich hart gesottenen jungs hatte den mumm wörndle etwas zu entgegnen. und so wie zu diesem zeitpunkt fand sich wörndle häufig in der situation, auf antworten auf fragen zu warten, deren sprachmelodie viel mehr wert war, als deren wahrheitsgehalt. insofern war er sehr froh, dass die beiden einfach ihre klappe hielten. ihr alkoholatem erwärmte die umgebung ohnedies genug und allein das verrriet ihm sofort, was die beiden angestellt hatten. wörndle war eigen, hatte aber das außerordentliche gespür für die feinheiten der körpersprache anderer. bei den vier personen, die sich mit ihm zurzeit im lokal befanden, wusste er mit ziemlicher sicherheit, was in ihnen vorging. der unbeständige wimpernschlag der tänzerin, wenn sie jetzt, wo sie direkt vor ihm stand, ihre rechte augenbraue nach oben zog, fiel ihm schon bei der ersten begegnung auf. sie schnupperte kurz unbewusst an ihren fingern, nachdem sie wörndle die hand gereicht hatte. bevor sie sich überhaupt dem gedanken zuwenden konnte, wusste er, dass sie ihn nicht leiden konnte. abgesehen davon bebten ihre lippen wie gleise, sobald der zug darüber donnerte. ihre stimme überschlug sich beim reden und während er ihre kopfbewegungen studierte, fragte ihn irgendjemand schließlich, ob er nicht noch einen schluck trinken wolle. wörndle nahm aber nur wahr, dass irgendjemand irgendetwas gesagt und wie dieser irgendjemand dieses irgendetwas gesagt hatte.

die tänzerin belächelte ihn darum und hielt ihn zudem für etwas zurückgeblieben, weil er die angewohnheit hatte, vor sich hinzustarren und nun auch auf das zweite mal, dass ihn der barkeeper ansprach, nicht auf anhieb reagierte. zu beeindruckt von ihrer geschickten art ihre lügen zu kaschieren, die selbst dann noch präsent zu sein schienen, als sie sich bereits wieder auf dem weg zurück zur bühne befand, schüttelte er den kopf und der barkeeper verschwand, um gläser aus dem geschirrspüler zu räumen.

die folgenden minuten, oder waren es stunden, verbrachte wörndle allein auf dem barhocker. mit der zeit füllte sich die höhle, an dem bereits viele verbrechen geschehen waren, und immer mehr personen drängten sich in seine nähe. bald konnte er die eine nicht mehr vom anderen unterscheiden und ihm wurde etwas ungeheuer zu mute. was, wenn er hier nicht mehr heil hinauskäme, was, wenn niemand bemerkte, dass er seine umgebung nicht wie andere wahrnahm, was, wenn er in der masse unterginge? in fragen solcher nöte war er vertieft, als er plötzlich einen ihm bekannten, unglaublich tiefen bass ganz in seiner nähe vernahm.

mike, der allmächtige, rief nach ihm. der freund der freundin des freundes, der ihn zwar nicht sofort, aber ziemlich bald entdeckt hatte und nun auf ihn zusteuerte.

mike schien sehr erfreut, wörndle zu sehen und redete einige zeit auf ihn ein, bis mandi schließlich zu den beiden trat, um nach christian zu fragen.

christian komme etwas später, hörte sich wörndle sagen und schon waren die beiden wieder fort. ein knistern lag in der luft, wovon die anderen nicht viel zu bemerken schienen. die vorbereitungen für den auftritt waren in vollem gange und wie es schien, würde es nicht mehr lange dauern, bis mike das mikrofon ergriff. wie dem auch sei – wörndle wusste genug.

und gerade als er aufstehen und sich verabschieden wollte, kurz bevor das konzert begann, kam christian. und christian kam – wie immer, wenn er beteuerte, sich allein mit jemandem treffen zu wollen – in begleitung. die begleitung stellte sich als konrad vor und war, wie wörndle eindeutig feststellen konnte, schon ziemlich betrunken. christian holte drei bier und wörndle war einige zeit mit konrad allein. tatsächlich war es ihm peinlich, ein ernsthaftes gespräch mit einem ihm unbekannten betrunkenen zu führen, zumal er gerade arbeitete. „wie heißt du?“, lallte sein gegenüber, als zum glück das quietschen des mikrofons seine antwort verhinderte.

HARALD!“, donnerte mike und schaute in wörndles richtung, „DIESER SONG IST FÜR DICH!“ alle starrten auf wörndle und es schien ihm, als räche sich nun seine fähigkeit die umgebung zu inspizieren. peinlich berührt öffentlich diffamiert zu werden drückte wörndle den betrunkenen konrad zur seite und verschwand schnurstracks im wc, wo er bis zum eintreffen konrads, der nur mehr den tod wörndles festellen konnte, mit dem kopf voran nur mehr den refrain „seines“ songs vernahm.

 

und wie wurde ...harald umgebracht?“

gar nicht. aber tot ist er.“

scheiße.“

ja.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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