Monika Litschko

Pakt der Nebelfrauen

Wir sollten uns entspannt zurücklehnen und ganz in die Geschichte eintauchen. Vielleicht ist es gerade dunkel und wir zünden eine Kerze an. Wie wäre es mit einem Gläschen Wein? Ich möchte mit euch gemeinsam diese Geschichte erleben. Kopfkino kann genau so inspirierend wie Kino oder ein guter Film sein, den wir uns im TV anschauen. Vielleicht sogar besser, da wir alle die gleiche Geschichte lesen, aber verschiedene Filme vor unseren Augen ablaufen. Wir lesen von Personen, die jeder von uns anders wahrnimmt. Wir lesen von Gegenständen und Begebenheiten, die ein jeder von uns anders sehen wird. Ein jeder von uns führt Regie in seinem eigenen Film.

 

Pakt der Nebelfrauen

Ich richtete meine Kamera in den schwarzen kalten Nachthimmel. Es war eine kalte Dezembernacht. Kein Stern war zu sehen, nur bedrückende Schwärze. Ganz behutsam senkte ich die Kamera nach unten. Und je tiefer ich sie senkte, um so mehr sah ich. Weiße Schneeflocken fielen lautlos vom Himmel ins Nichts. In der Ferne erkannte ich Lichter. Ich zoomte mit meiner Kamera das Licht heran und sah ein gutbürgerliches Haus, das eingebettet von mächtigen Bäumen, vor einem verlassenen Feld stand. Hinter jedem Fenster brannte Licht, welches gelblich schimmerte. Ich bekam das Gefühl, als würden mich wütende Dämonen ansehen und eine leichte Gänsehaut kroch über meinen Körper. Wer wohnte in diesem Haus? Ich wollte es wissen und bewegte mich dort hin. Die Neugier trieb mich voran und ich setzte mich ins Auto. Es schneite und schneite. Im Licht der Scheinwerfer tanzten wilde Schneeflocken auf und ab. Die Scheibenwischer bewegten sich monoton von rechst nach links, wurden der Masse aber nicht Herr. Wenn ich den Blick zur Seite wandte, sah ich noch etliche Häuser, deren Lichter in die Dunkelheit drangen. Aber sie interessierten mich nicht. Nur dieses eine Haus, zu dem ich unterwegs war. Die Straße war schmal, aber nicht gefährlich. Es schien hier viel Weideland zugeben, denn ich fuhr immer wieder an eingezäunten, verschneiten Grundstücken vorbei. Bald musste ich abbiegen, um mein Ziel zu erreichen. Noch fünf Minuten, dann würde ich da sein.

Na endlich. Ich parkte etwas entfernt und ging das letzte Stück zu Fuß. Eigentlich war das nicht nötig, aber ich brauchte frische Luft. Musste meinen Kopf freibekommen, denn meine Anspannung bereitete mir Kopfschmerzen. Mein eiskalter Atem schlug mir ins Gesicht, als ich durch den Schnee stapfte, aber es tat mir gut.

Das Ziel war erreicht.

Ich sah das Haus jetzt in seiner ganzen Größe und filmte. Es war einfach gebaut auf zwei Etagen, aber dafür besaß es eine große überdachte Holzveranda, zu der ungefähr sechs Stufen führten. Eine verwitterte Holzbank, die neben dem Eingang stand, lud nicht gerade zum Verweilen ein. Auch der schäbige Schaukelstuhl war irgendwie überflüssig. Alles in allem, wirkte die Veranda bizarr. Was aber wohl an dem nach draußen dringenden Licht lag. Und dennoch wirkte es wie aus einem Weihnachtsmärchen. Ein Haus am Wald im rieselnden Schnee, mit einem Dach aus Puderzucker.

Meine Kamera wog schwer, als ich die Stufen zur Veranda hochstieg. Es war ein ungeheuerliches Erlebnis, ein unsichtbarer Fremder zu sein, der Leben festhielt. Dinge, Gegenstände und Personen. Aber was erwartete mich wirklich?
Ich zählte die Fenster. Es waren acht an der Zahl und zwei weitere oben in den Giebeln, deren Gauben etwas hervor standen. Fenster, sie sind wie Augen. Schaust du hinein, siehst du das Innerste oder das Verborgene. Schaust du heraus, siehst du dir Vertrautes oder etwas Unbekanntes. Die Wahrheit, die Lüge, die Angst und das Unbegreifliche. Ich schaute hinein und sah ein aufgeräumtes Wohnzimmer mit einem Kamin, einem gemütlichen Sofa und zwei schwere Ohrensessel, die neben dem Kamin positioniert waren. Bilder hingen an allen vier Wänden. Aquarelle, Ölbilder und Fotografien. Als ich zum nächsten Fenster gehen wollte, hörte ich ein Klopfen und wurde neugierig. Eigentlich hätte ich es ignoriert, aber die Monotonie des Klopfens zog mich an.

Sie stand am Fenster, den Kopf an die Scheibe gelehnt und klopfte mit den Knöcheln ihrer rechten Hand gegen das Glas. Immer und immer wieder. Das blonde Haar hing strähnig vor ihrer Brust und schaukelte im Rhythmus der Klopfgeräusche. Der Bademantel, der ihre zierliche Figur umschloss, war beige und mit aufwendigen Stickereien verziert. Wer war sie?

Ich lief zurück, öffnete die Tür und ging zu ihr. Die Küche, in der sie sich aufhielt, war eine typisch amerikanische Landhaus Küche. Die lattenähnlichen Vorderfronten waren in einem dunklen Holz gehalten. Auf der weißen Arbeitsplatte stapelte sich schmutziges Geschirr und auf dem Herd standen verkrustete Töpfe. Auch der Esstisch sah dementsprechend aus. In all dem Durcheinander stand eine angebrochene Flasche Whisky, die bis zur Hälfte geleert war. Ich sah mich weiter um und entdecke ein Foto, das in einem Holzrahmen steckte und auf einer Anrichte stand. Ein Mann und eine Frau die zwei Kinder auf ihren Armen hielten, lächelten in die Kamera. Der Haarfarbe nach musste es die Frau am Fenster sein. Der Junge war ungefähr drei Jahre alt und das Mädchen sechs oder sieben. Beide hatten das blonde Haar ihrer Mutter und blaue Augen. Beim Anblick des Mannes entwickelte ich eine enorme Antipathie, da seine Gesichtszüge hart und brutal wirkten. Die Lieblosigkeit seiner Augen ließ mich erschaudern. Sein Lächeln war gekünstelt und falsch. Aber da ich nicht hier war, um Fotos zu analysieren, richtete ich meine Kamera wieder auf die Frau am Fenster, die mittlerweile mit dem Klopfen aufgehört hatte.

Erst jetzt sah ich das Messer, welches neben ihr auf dem Boden lag. Blut klebte an ihm und an ihren Händen. Warum hatte ich nicht gesehen, dass die Scheibe des Fensters blutverschmiert war? Dort, wo sie geklopft hatte, war ein schmieriger blutiger Film. Was hatte sie getan? Endlich drehte sie sich zu mir und ich sah, dass es wirklich die Frau auf dem Foto war. Jedoch ungepflegt und mit blutverschmierten Händen. Ihr Blick wirkte glasig und mir wehte eine penetrante Whiskyfahne entgegen. Ich überlegte, wann ich das letzte Mal so betrunken war. Es fiel mir nicht ein, also musste es lange her sein.

Ihr Gang war schwankend und abgehackt. Fast wie ein Zombie. Ich änderte meinen Blickwinkel und filmte aus einer anderen Perspektive. Die Seitenansicht erschien mir wie geschaffen. Sie fuhr sich mit beiden Händen in die Haare und verharrte. Dann fiel ihr Blick auf das Telefon, das an der Wand angebracht war und ein Ruck ging durch ihren Körper. Mit dem Handrücken wischte sie sich eine Strähne aus der Stirn und torkelte zur Wand. Ich ging mit. Ihre Hände zitterten, als sie zum Telefon griff und wählte. Es dauerte eine Weile bis abgenommen wurde.

„Hier ist Anna. Ihr müsst kommen. - Ich konnte nicht warten. - Ich weiß, aber es ging nicht. Bitte rufe du die anderen an. Bitte Sam, bitte bitte bitte.“

Ohne den Hörer aufzulegen, schwankte sie durch die Küche bis in den Flur. Es war ein schmaler trostloser Flur, in dem eine Treppe in die nächste Etage führte. Sie starrte nach oben und drückte eine Hand gegen ihre Brust. Anna, so war wohl ihr Name, griff in die rechte Tasche ihres Bademantels und zog ein Päckchen Zigaretten heraus. Rückwärts, den Blick nach oben gerichtet, bewegte sie sich vorsichtig zur Eingangstür. Sie musste furchtbare Angst haben, die sich erst löste, als sie die Tür hinter sich aufzog und auf die Veranda ging.

Ich folgte Anna nach draußen, setze mich in den Schaukelstuhl und suchte mit meiner Kamera die weitere Umgebung ab. Es schneite immer heftiger, aber ich fing die Umrisse eines weiteren Gebäudes ein. Es musste eine Scheune sein. Wahrscheinlich hatten sie einen langwirtschaftlichen Betrieb. Ich schwenkte auf die andere Seite und erkannte in einiger Entfernung die Lichter eines Wagens, der immer näher kam. Anna sprang auf und warf die angerauchte Zigarette in den Schnee. Fröstelnd zog sie den Bademantel vorne zusammen und wartete ungeduldig auf irgendwas und irgendwen. Ich konnte noch nicht wissen, wer es war und wie viele. Auch wusste ich noch nicht, was in diesem Haus passiert war. Meine Spannung stieg langsam aber stetig.

Der Wagen, ein schwarzer Subaru fuhr vor und Anna trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Ihr Rausch schien durch die eisige Kälte verflogen. Endlich öffneten sich die Türen des Subaru und drei Frauen entstiegen ihm. Ich richtete meine Kamera auf sie und schaute mir ihre Gesichter an. Alle fünf mussten in Annas Alter sein, so zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahren. Jede von ihnen schien mir aufgewühlt und nervös, als sie die Veranda hochstiegen. Umarmungen und Mitgefühl Anna gegenüber, Fehlanzeige. Sie standen da, die Hände in den Manteltaschen vergraben, und starrten sie mit nicht sagenden Blicken an.

„Es ging nicht anders, das müsst ihr mir glauben“, stotterte Anna.
„Wir hatten eine Absprache“, antwortete eine blonde rundliche Frau.
„Sam, was hätte ich tun sollen? Was hättest du getan?“
Die Blonde starrte auf den Boden und schien keine Antwort zu haben. Ich betrachtete sie näher. Sie war keine echte Blondine, das sah ich sofort, denn der Haaransatz war schon ziemlich dunkel. Eigentlich hatte sie ein Allerweltsgesicht, wie die anderen auch. Was verband diese Frauen nur? Eine hochgewachsene schlanke Brünette ergriff das Wort.
„Anna, wir sollten hineingehen, mir ist kalt und dann erzählst du uns alles. Du wirst deine Gründe gehabt haben.“
Anna nickte und öffnete die Haustür. Ich ging hinter ihnen her und stellte mich neben Anna.
„Wir sollten sofort nach oben gehen“, sagte die Brünette mit müder Stimme.
„Also gut“, antwortete Sam, „lasst uns gehen. Es bringt nichts, die Sache hinauszuzögern. Sandra hat recht.“

Wir gingen gemeinsam nach oben. Irgendwie fehlten Bilder an den Wänden des Treppenaufgangs. Er war nackt und kahl, wie der Flur auch. Es wunderte mich, dass von drei Frauen nur zwei redeten. Die Dritte hatte noch kein einziges Wort gesagt. Sie war klein, sehr zierlich und hatte das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ich sah erste graue Strähnen in ihrem naturbraunen Haaren, also war sie schon etwas älter. Oder auch nicht. Ich war nicht gut im Schätzen.

Wir waren oben und ich sah mich um. Meine Kamera sollte jedes Detail erfassen. Es war ein langer Flur und L – Form. Der Boden war naturbelassen und die Dielen glänzten. Ein altes Gemälde der Farm hing übergroß an der Wand. Früher hatte die Farm noch einfach ausgesehen. Die Scheune, die ich vorhin aufgenommen hatte, existierte noch nicht, dafür aber ein riesiger Holzschuppen. Neben dem Gebäude stand ein Pferdegespann, auf dem ein Mann saß. Ich schaute mich weiter um. Fünf Türen führten in verschiedene Zimmer. In was für welche wusste ich nicht. Drei Wandlampen sorgten für ein anheimelndes Licht, das war aber auch alles.

„Wo ist er?“, fragte Sam.
„Anna blickte nach hinten. „Im letzten Zimmer.“
„Dann sollten wir es jetzt erledigen. Angela hast du alles dabei?“
Die Zierliche mit Namen Angela nickte. Erst jetzt sah ich, dass sie eine handliche schwarze Tasche bei sich trug.
„Lasst uns zu ihm gehen“, sagte Angela. „Anna gehe bitte voran.“

Zusammen gingen sie zu dem Zimmer, hinter dem die Ursache allen Übels verborgen war. Ich folgte ihnen mit meiner Kamera. Meine innerliche Unruhe wuchs zunehmend. Was erwartete mich nun? Was würde meine Kamera einfangen? Gutes? Schlechtes? Wie sie sich wohl verhalten würden, wenn sie wüssten, dass ein unsichtbarer Fremder sie filmte? Ein Mann mit einer Kamera, der ihre Geheimnisse einfing wie das Licht den jungen Tag?

Anna öffnete zögernd die Tür und wir traten ein. Das Zimmer war dunkel und ein süßlicher Geruch schlug mir entgegen. Eine Welle des Unbehagens kroch in mir hoch. Was war das hier? Und warum betätigte niemand den Lichtschalter? Ich hatte diesen Gedanken gerade gedacht, als ich das Klicken eines Feuerzeugs hörte. Es war Angela, sie zündete erst eine Kerze und dann noch fünf weitere an, die sie aus ihrer Tasche holte. Schwarze Kerzen. Wieso? Es hätte eine gemütliche Runde werden können bei diesem Licht, wäre da nicht das Bett gewesen, auf dem ein halb nackter Mann lag, der mit glasigen Augen zur Decke starrte. Wer war das?

„Gib ihm Riechsalz“, flüsterte Sam.
Angela öffnete abermals ihre Tasche und holte ein kleines Fläschchen Riechsalz heraus, dass sie ihm unter die Nase hielt.
Ich kannte den Mann von dem Bild, welches ich in der Küche gesehen gesehen hatte. Die harten, brutalen Gesichtszüge waren verschwunden, stattdessen spiegelte sich Furcht in seinen Augen. Mit flackernden Lidern schaute er die Frauen an. Beide Hände waren ans Bett gefesselt und aus seinem Oberschenkel quoll Blut. Er hatte eine Stichwunde, die aber nicht lebensbedrohlich war. Wie hatte diese zierliche Frau das nur geschafft? Halb nackter Mann, Frau im Bademantel, gleich Liebesspiel. Ich verstand. So kam es zu den am Bett gefesselten Händen und natürlich auch zur Stichwunde.

„Anna“, sagte er mit krächzender Stimme, „denke an die Kinder.“
Anna lachte böse und baute sich vor ihm auf.
„Ich denke an die Kinder. Ich habe immer nur an die Kinder gedacht. Was meinst du, warum ich das alles ertragen habe? Deine Tritte, deine Schläge, deine bösen Worte. Ernesto, jetzt ist Schluss mit alledem. Es ist aus. Du wirst sterben.“ Sie öffnete ihren Bademantel und ließ ihn fallen. "Schau es dir an, Ernesto. Das ist verbrannte Haut. Es waren unsagbare Schmerzen, als du mir das siedende Wasser über den Schoß gekippt hast. Obendrein hast du mir ärztliche Hilfe untersagt. Du hast es nicht verdient zu leben."

 
Ich schluckte, als ich Annas von Narben entstellten Unterleib sah. Was hatte sie wohl schon alles ertragen müssen? Mein leichtes Mitgefühl für Ernesto schwand nun endgültig.
Ernesto zerrte an seinen Fesseln, als Anna nach dem Bademantel griff und ihre Nacktheit verhüllte. Er schien zu begreifen, dass hier alles enden würde. Und ich sah ihm an, dass er wusste, dass er keine zweite Chance bekommen würde.

„Ernesto Dagera, du wirst diese Welt nun für immer verlassen“, sagte Sam mit fester Stimme. "Es wird nicht leicht für dich werden, da du unter Schmerzen gehen wirst. Du sollst fühlen, was Anna tausendfach gefühlt hat.“
„Wir werden dir sagen, wie du sterben wirst“, sagte Sandra ungerührt. „Wir haben es allen anderen auch gesagt, das ist nur fair.“
„Weißt du Ernesto“, sagte Angela, „niemand hilft uns, wenn wir euren Fäusten und Tritten ausgesetzt sind. Das ist eine häusliche Angelegenheit, heißt es dann. Mit dem örtlichen Polizisten seid ihr per du und wir somit chancenlos. Eigentlich solltest du erst in ein paar Tagen sterben, aber Anna hat es nicht mehr ausgehalten und Vorarbeit geleistet. Nach dir werden die kommen, die noch nicht gegangen sind.“
Ernesto zitterte am ganzen Körper, als er fragte: „Ihr habt Jim und Albert umgebracht?“
„Nicht wir, sondern Sie“, antwortete Sam ungerührt. „Wir haben Bücher gewälzt über Schwarze Magie, obwohl wir gar nicht daran glaubten. Aber wir waren so verzweifelt. Monate lang haben wir das getan. Dann sind wir auf den Glauben der Ochchatateras gestoßen und haben ihr satanisches Ritual vollzogen. Sie traten tatsächlich aus der Dunkelheit in unseren Kreis ein und fragten nach unserem Begehren. Dann weihten sie uns zu Nebelfrauen, die jederzeit nach ihnen rufen dürfen. Unsere Opfergabe seid ihr. Nach euch werden noch viele kommen müssen, da sie sich sonst unserer Seelen bemächtigen werden. Aber das ist es wert. Ich meine, all diese armen Frauen aus ihrer Tyrannei zu befreien. Es tut ja sonst keiner.

Ernesto bäumte sich auf. „Ihr seid wahnsinnig. Eiskalte Mörderinnen. Deshalb mussten Cindy und Ben heute bei deinen Eltern schlafen, du Hure.“
„Ja, deshalb. Anna Dagera wird bald frei sein. Sie wird ihre Kinder zu guten liebenswerten Menschen erziehen, die ohne Angst leben können.“
Ich zoomte Ernesto ganz nah heran. Sah, dass Speichel aus seinem Mund lief, und hörte seinen schnellen Atem. Meine Hände zitterten ein wenig, denn so etwas hatte ich nicht erwartet, als ich zu diesem Haus fuhr.
Angela beugte sich über Ernesto. „Du wirst brennen, das wünschen wir uns. Sie werden deinen Scheiterhaufen errichten, dich dort festketten und das morsche Gehölz anzünden. Deine Schreie nähren ihre Seelen. Deine Seele wird mit ihnen gehen in das Tal der ewigen Qualen. Es kann beginnen.“

Ernesto lachte, als die Frauen sich bei den Händen fassten und in einen monotonen Sprechgesang fielen. Die Szene wirkte bizarr, gruselig und unwirklich. Die Flammen der Kerzen zuckten und ich spürte, irgendetwas würde passieren. Mir kam der Scheiterhaufen in den Sinn und ich ging zum Fenster. Was meine Kamera da einfing, raubte mir den Atem. Ich sah einen Scheiterhaufen und brennende Fackeln, die im Boden steckten. Mir wurde schlecht. Schlimm, dass ich nicht eingreifen und für Gerechtigkeit sorgen konnte. Eine andere Behörde hätte sich mit dem Fall beschäftigen und den Frauen helfen können. Aber ich war nur ein filmender Beobachter. Was jetzt geschah, zerstörte mein Weltbild. Alles, was ich je gelernt hatte, war plötzlich hinfällig. Hochgewachsene Männer mit einer aufwendigen Gesichtsbemalung traten aus den Wänden. Ihre nackten Oberkörper glänzten im Schein der Kerzen und auf den haarlosen Schädeln saßen eigenartige Kronen, die an dicke feste Nägel erinnerten. Die Frauen hielten sich weiter bei den Händen und den Sprechgesang aufrecht.
Diese Wesen lösten die Fesseln und hoben den schreienden Ernesto aus dem Bett. Sie umschlossen ihn mit ihren Körpern und verschwanden mit ihm. Einfach so. Plötzlich waren sie fort.

Die Frauen verstummten und gingen wortlos nach unten. Ich folgte ihnen. Ich musste ihnen folgen, das war meine Bestimmung. Ein angefangener Film musste immer ein Ende haben. Das war meine Aufgabe. Leben festhalten, egal wie unschön es auch war oder endete.

Wir standen draußen. Der Schneefall hatte nachgelassen. Ernesto stand auf dem Scheiterhaufen an einen Pfahl gekettet und blickte wirr um sich. Ich wünschte ihm, dass er den Verstand verlor. Sogar, dass er das Bewusstsein verlor. Die Ochchatateras standen mit verschränkten Armen da und blickten die Frauen an. Als Anna nickte, griffen zwei von ihnen nach den Fackeln und zündeten den Scheiterhaufen an. Die Flammen züngelten langsam nach oben. Ernesto röchelte, so eine Angst hatte er. Jetzt erreichten die Flammen seine Füße und er fing an zu schreien. Seine Hose, dann seinen nackten Oberkörper. Er schrie, es war grausam dieses zu hören. Ich wusste nicht, dass ein Flammentod so lange dauern konnte. Mir wurde schlecht und ich taumelte, aber ich filmte weiter. Sie ließen ihn brennen, bis nichts mehr von ihm übrig war. Die Ketten erinnerten an ihn. Sie lagen dampfend auf verbrannter schwarzer Erde. Zeugen eines makaberen Schauspiels. Die Ochchatateras verschwanden und mit ihnen der Scheiterhaufen. Der am Boden liegende Schnee wirbelte durcheinander und legte sich über die verbrannte schwarze Erde. Es sah aus, als wäre nie etwas geschehen.

Ich richtete meine Kamera auf die Frauen. Sie standen angespannt vor dem Haus und schauten sich an.
„Es hat endlich ein Ende gefunden“, flüsterte Anna.
„Das hat es“, antwortete Sam. „Wir müssen weiter machen, das ist unser Schicksal. Wir sind frei. Lasst uns die Farmen verkaufen und weggehen. Wir brauchen Opfergaben, das wisst ihr. Wenn sie sich unserer Seelen bemächtigen, sind wir verloren.“
„Warum haben wir sie nicht einfach verlassen?“, fragte Angela. „Wir werden nie mehr zur Ruhe kommen.“
„Ernesto hätte mich überall gefunden, das weißt du. Jim und Albert waren nicht anders.“
„Wir haben diesen Pakt geschlossen und waren uns der Konsequenzen bewusst“, sagte Sandra müde. „Es ist zu spät, wir können nicht mehr aussteigen.“
„Wir müssen ihnen dienen, das war die Bedingung“, sagte Angela. „Fangen wir mit der Arbeit an. Wir werden heute bei Anna bleiben und morgen reden wir weiter.“

Sie drehten sich noch einmal um und gingen ins Haus. Ich folgte ihnen nicht mehr. Der Schneefall hatte wieder eingesetzt und alles erinnerte wieder an ein Weihnachtsmärchen. Ein Haus am Wald im rieselnden Schnee, mit einem Dach aus Puderzucker. Der Film des Lebens war im Kasten. Ein Teil davon, denn andere vor mir hatten den Anfang gedreht. Ich das Ende.

Um Mitternacht zerstörte ein Feuer das wunderschöne Haus. Vier Leben gingen dahin. War es eine Erlösung? Ich weiß es nicht. Gleiches wurde mit Gleichem vergolten und zum ersten Mal war ich mir nicht sicher, ob es richtig war. Aber die menschlichen Seelen dienen nicht den dämonischen Mächten, die diese benutzen wollen, um ihre Kraft zu stärken. Sie dienen nur ihrem Wirt, der lernen muss, sein Innerstes zu verstehen. So steht es geschrieben. Die Klappe war gefallen.

Ende

©Monika Litschko

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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