Claudia Ramm

Prinzessin Jasmina und der Drache

Auf einem Schloss im Märchenland lebte einmal eine wunderschöne Prinzessin mit dem Namen Jasmina.
Prinzessin Jasmina hatte seidige, dunkelblonde Haare, die ihr bis auf die Schultern fielen, und leuchtend blaue Augen.
Ihr Gesicht strahlte Liebreiz und Glück aus. Zu allen Menschen und Tieren, die ihr begegneten und mit denen sie zusammen auf
dem Schloß wohnte, war sie stets freundlich und immer bereit für eine Gefälligkeit.
Häufig hörte man die Prinzessin vor sich hin summen oder fröhliche Lieder singen.
Der König und die Königin liebten ihre Tochter über alles und waren sehr stolz auf sie.
Im ganzen Königreich verehrte und lobte man die Güte und den Liebreiz der schönen Prinzessin.
Eines Tages, als Prinzessin Jasmina gerade einen Spaziergang über eine der Schloßwiesen machte und sich dabei die wunderschönen Blumen ansah, die dort wuchsen,
flog ein Drache über sie hinweg.
Als dieser die schöne Prinzessin sah und hörte, wie sie eines ihrer fröhlichen Lieder sang, da drang ihm ihre liebliche Stimme tief ins Herz.
Er hatte nur noch einen Gedanken. Er musste dieses schöne Mädchen für sich haben!
Also stürzte er sich auf Jasmina herab und trug sie in seinen Fängen mit sich fort.
Weit über Berge und Wälder ging ihr Flug, und so sehr sich die Prinzessin auch wehrte und versuchte sich aus dem Griff des Drachen zu befreien,
es gelang ihr nicht.
Der Drache brachte sie zu seiner Höhle, mitten in einem von Dornenhecken umrankten, unzugänglichen Tal.
Dort setzte er Jasmina behutsam ab und sprach zu ihr :"Wunderschönes Mädchen, du sollst für immer bei mir bleiben!
Hier, wo ich wohne, ist nichts so schön wie du! Ich möchte dich jeden Tag bewundern und mich an deiner Stimme erfreuen.
Ich werde für dich sorgen und dir alle Wünsche erfüllen, so gut ich dies kann. Nun bist du mein und ich werde nie mehr einsam sein!"
Prinzessin Jasmina sah den Drachen traurig an und sprach:" Guter Drache, ach bitte, bringe mich doch wieder zurück nach Hause. Meine lieben Eltern werden traurig sein,
wenn ich nicht mehr bei ihnen sein kann und ich möchte so gerne wieder auf mein Schloß und zu den grünen Wiesen und Wäldern, wo alles blüht und so schön ist.
Hier, bei dir, ist es trocken und kahl! Keine Blume blüht in diesem Tal, nichts Grünes sprießt hier. Hier kann ich niemals glücklich sein!
Bitte habe Erbarmen und bring mich wieder heim!"
Doch der Drache wollte Jasmina nicht mehr gehen lassen und so musste sie in der Drachenhöle bleiben.
Wenn der Drache morgens weg flog um Beute zu machen, fegte die Prinzessin die Höhle aus und sammelte Reisig um ein Feuer zu machen.
Danach setzte sie sich auf einen Stein vor der Höhle und sang traurige Lieder.
Kehrte der Drache Heim, bereitete sie ein Essen aus der mitgebrachten Beute zu und wenn sie gegessen hatten, mußte sie dem Drachen so lange vorsingen, bis dieser einschlief.
So vergingen viele Wochen und zu Hause im Märchenland weinten Jasminas Eltern bitterlich um ihre Tochter.
Ein Bauer hatte beobachtet, wie der Drache die Prinzessin gepackt und mit ihr fort geflogen war.
Eilig war er zum König gelaufen und hatte ihm von der Entführung berichtet.
Daraufhin lies dieser im ganzen Lande verkünden, dass derjenige, der die Prinzessin aus den Fängen des Drachen befreien und wieder heim bringen
würde eine fürstliche Belohnug und die Hand Jasminas bekäme.
Viele Prinzen und Edelmänner machten sich auf die Suche nach der schönen Prinzessin.
Sie durchquerten Wälder und überstiegen Berge, bis sie an den Rand eines von riesigen Dornenhecken umrandeten Tales stießen.
Erst versuchte jeder für sich die Dornen mit seinem Schwert zu durchtrennen, doch als dies niemandem gelang, schlugen sie gemeinsam auf
die Dornenhecke ein. Doch diese war undurchdringlich.
So gaben sie schließlich, völlig erschöpft und mutlos auf und machten sich unverrichterter Dinge traurig auf den Heimweg.
So kam die Schar der Prinzen und Edelmänner auch an einem kleinen Bauernhof vorbei. Dort beschlossen sie zu übernachten und ein Mahl zu halten.
Der Bauer, der dort lebte, war damit einverstanden, denn sie gaben ihm einen guten Lohn für das Essen und ihr Nachtlager in seiner Scheune.
Er hatte einen Sohn mit dem Namen Andor. Dieser bewirtete die Gäste und brachte ihnen die Speisen.
Als er bemerkte, in welch trauriger Stimmung alle waren, wurde er neugierig und fragte sie nach dem Grund ihres Kummers.
"Ach", antwortete da einer der Edelmänner," wir waren auf der Suche nach der schönen Prinzessin Jasmina. Diese ist vor Wochen von dem Drachen
entführt und in sein Drachental verschleppt worden. Wir fanden das Tal, doch es ist umringt von einer undurchdringlichen Dornenhecke. Wir versucheten
sie zu durchbrechen, doch es gelang uns nicht! Nun kehren wir heim ins Märchenland um dem König und der Königin die traurige Botschaft zu überbringen,
dass sie ihre geliebte Tochter wohl nie mehr wiedersehen werden!"
"Dies ist eine wirklich traurige Geschichte!" erwiederte der junge Mann und ging nach getaner Arbeit grübelnd in seine Kammer.
Dort legte er sich auf sein bett und dachte nach.
Der Edelmann hatte ihm auf von dem Preis für die Rettung der Prinzessin berichtet und der Bauerssohn hätte diesen natürlich sehr gerne gehabt.
Doch wie sollte er die Prinzessin befreien können, wenn es die ganzen Edelmänner und Prinzen zusammen nicht geschafft hatten?
Nun war Andor ein ziemlich kluger und gewitzter Bursche. So dauerte es auch gar nicht lange, da fiel ihm etwas ein, womit es ihm gelingen könnte zu Prinzessin Jasmina zu gelangen und sie nach Hause zurück zu bingen.
Am nächsten Tag, als alle Edelmänner und Prinzen abgereist waren, machte er sich auf den Weg.
Er ritt mit seinem Pferd tief in den nahe gelegenen Wald bis zu einer Höhle.
Dort wohnte, seid ewigen Zeiten, ein Drachenweibchen. Dieses war harmlos und tat keinem Menschen etwas zu leide, denn es kannte keine anderen Drachen.
Andor hatte schon öfter mit ihr geredet und sich darüber unterhalten wo es gute Beute zu machen gab. So hörte sie ihm bereitwillig zu, als er ihr die Geschichte von Prinzessin Jasmina und dem Drachen erzählte. Als er zu dem Drachen kam, lauschte das Drachenweibchen auf.
"Ein Drache?" , sagte sie," ich wußte gar nicht, dass es außer mir noch einen anderen Drachen gibt! Ach wäre das doch schön, wenn ich ihn kennen lernen könnte!"
"Aber, das kannst du doch!", sagte der Bauerssohn. "Du nimmst mich auf deinen Rücken und wir fliegen zusammen ins Drachental! Der Edelmann hat mir den Weg beschrieben und ich denke,
ich werde ihn finden. Wenn wir dort sind, werden wir weiter sehen!"
Gesagt, getan! Das Drachenweibchen war mit dem Vorschlag einverstanden und Mensch und Drache machten sich voller Tatendrang auf den Weg zum Drachental.
Ohne große Mühe fanden sie das Tal und die riesige Dornenhecke überwanden sie im Flug.
Als sie vor der Drachenhöhle landeten waren Prinzessin Jasmina und der Drache gerade beim Abendessen.
Beide sahen erstaunt auf, als das seltsame Gespann landete. Denn wann sieht man schon mal einen Mann auf dem Rücken eines Drachen reiten?
"Wer seid ihr und was wollt ihr?", fragte der Drache und betrachtete neugierig das Drachenweibchen. Ich habe gar nnicht gewusst, dass es ausser mir noch andere Drachen gibt, dachte er bei sich.
"Oh, wir wollten euch nur einen Besuch abstatten und ein wenig schwatzen", antwortete Andor listig. "Ist es euch recht, wenn wir uns zu euch setzen?"
"Ja, aber natürlich! Setzt euch und esst etwas mit uns"; erwiederte der Drache. Er sagte dies zu dem jungen Mann, hatte dabei aber nur Augen für das Drachenweibchen.
Wie schön sie ist und wie prächtig ihre Schuppen im Abendlicht glitzern, dachte er
Jasmina aber brachte vor Staunen kein Wort über die Lippen.
Sie dachte nur, wie mutig und klug der junge Mann doch sei und wie gut er aussehe, auch wenn seine Kleidung ein weinig ärmlich wirkte.
Der Bauerssohn wiederrum betrachtete die Prinzessin voller Verlangen, denn nun, da er sie endlich vor sich sah, verzehrte sich sein Herz vor Liebe zu ihr und er war betäubt von ihrer Schönheit.
Endlich gelang es ihm wieder zu sprechen und seinen Blick von Jasmina abzuwenden.
Er sprach:" Guter Drache, was machst du hier allein mit diesem Mädchen? Ich glaube, sie ist nicht die rechte Frau für dich! Sie sieht mir nicht besonders glücklich aus!"
Der Drache wandte sich  erstaunt zu dem jungen Mann um. Er hatte die ganze Zeit das Drachenweibchen angestarrt und ganz vergessen, dass er auch noch da war.
"Was sagst du da?", fragte er und legte seine Stirn ich gewaltige Falten. Er grübelte eine Weile und sagte dann:" Ja! Ich glaube, du hast recht! Wenn ich es so überdenke, Jasmina ist wirklich nicht besonders glücklich bei mir! Aber ich war so einsam und traurig und sie hat mein Leben mit ihrer Schönheit und ihrem Gesang aufgehellt! Doch wäre ich bereit sie ziehen zu lassen,wenn du, schöne Frau", damit wandte er sich dem Drachenweibchen zu, " bei mir bleiben und meine Frau werden würdest! Du würdest mich zu dem glücklichsten Drachen der Welt machen und ich würde dich auf meinen Fängen tragen und dir jeden Wusnch von deinen herrlich roten Augen ablesen! Bitte, bleib bei mir. Mein Herz steht in Flammen, seid meine Augen dich das erste Mal erblickten!"
Da lachte das Drachenweibchen schallend und antwortete glücklich:" Mir geht es ganz genau so! Ja, ich will bei dir bleiben!"
Der Drache wusste gar nicht mehr aus noch ein vor lauter Freude, er wandte sich an die beiden Menschen und sagte:" Es tut mir unendlich leid, schöne Jasmina, dass ich dir so viel Kummer bereitet habe! Verzeih einem einsamen, alten Drachen! Ich weiß nun, dass Drachen und Menschen nicht als Paar zusammen passen. Geh nur heim mit diesem jungen Mann und werde glücklich! Ich habe jetzt eine Frau die zu mir passt, die mich ebenso liebt wie ich sie. Ich werde nun niemals mehr einsam sein und dies verdanke ich euch Menschen! Das werde ich niemals mehr vergessen!"
Da lachte Jasmina zum ersten Mal wieder seid Wochen glücklich auf, umarmte ihren Retter und drückte sogar den Drachen einmal fest an sich.
"Danke, oh danke!",rief sie," endlich kann ich wieder nach Hause! Wie werden sich meine armen Eltern freuen!" Doch dann stockte sie;" nur, wie kommen wir aus diesem Tal heraus?"
Da lachte der Drache. "Das ist nun wirklich kein Problem! Steigt auf meinen Rücken, ich fliege euch nach Hause!"
Und so geschah es!
Auf dem Rücken des Drachen flogen Jasmina und Andor heim ins Märchenland.
Als der König und die Königin am Himmel den Drachen erblickten, wollten sie ihn zuerst von ihren Bogenschützen abschießen lassen.
Doch dann sahen sie ihre gliebte Tochter und einen jungen Mann auf dessen Rücken sitzen und ließen den Drachen unversehrt im Schloßhof landen.
Jasmina sprang von dessen Rücken, lief auf ihre Eltern zu, umarmte und küsste Beide und erzählte ihnen alles, was sich zugetragen hatte.
Daraufhin ließen der König und die Königin den Drachen unbehelligt abfliegen. Dieser schwang sich glücklich in die Lüfte und flog zurück zu seinem Weibchen, das bestimmt schon sehnsüchtig auf ihn wartete.
Bald darauf wurde im Märchenland eine große Hochzeit gefeiert.
Prinzessin Jasmina heiratete ihren Andor und das ganze Volk jubelte ihnen zu.
Niemals hatte es eine prächtigere Hochzeit gegeben und das Glück des jungen Paares erhellte das Leben aller Menschen im Märchenland.

Für meine Tochter Jasmina.

(c) C.Ramm 1994

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Claudia Ramm).
Der Beitrag wurde von Claudia Ramm auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Zwei Märchen-Romane: Cinderellas Wahl und Leon, der gestiefelte Kater von Stephan Lill



Cinderellas Wahl

Cinderella liebt den Prinzen. Oder bildet sie sich das nur ein? Was ist mit Tim, dem Stallburschen? Er war ihr treuester Freund in all den Jahren, als sie zu leiden hatte unter den Schikanen von ihrer Stiefmutter und ihren zwei Stiefschwestern.

Leon, der gestiefelte Kater

Wie kann ein Müllersbursche eine Prinzessin erobern? Braucht er ein Schloss dafür, einen Grafen-Titel, die Begabung eines Hofmalers oder ist sein größter Trumpf: Leon, der gestiefelte Kater?

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Märchen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Claudia Ramm

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ein ganz normaler Nachmittag von Claudia Ramm (Leben mit Kindern)
Die fünf Hühner von Christa Astl (Märchen)
Die Baum unter Bäumen von Nika Baum (Autobiografisches)