Johann Hayer

Die wunderbare Haut

Speciality sind jetzt seit über einer Stunde auf der Bühne. Hämmernder Beat. Herzbeklemmende Bässe. Elektronisch verzerrte Stimmen. Laserstrahlen die das nächtliche Dunkel zerschneiden. Inmitten des tosenden Gewühls von tausenden tanzenden und schwitzenden Körpern bewegen sich Melissa und Alex im Takt der Musik, stoned von Gras, Rotwein und Rhythmus.

Ein weiteres Stück…

Eat your heart out Satan …

Die Musik scheint sich direkt in Alex‘ Körper zu materialisieren. Seine Augen saugen sich am Strobo-Light fest.

Melissa wirft den Kopf zurück, die Augen fest geschlossen sieht und fühlt sie die Laserstrahlen auf ihrem Körper.

 

….

 

Alex wachte auf. Im dunklen Zelt tastete er nach seinem Handy. Acht Uhr. Melissa neben ihm schlief noch. Sie war nackt wie er. Hatten sie gestern miteinander geschlafen? Er hatte keine klare Vorstellung wie der Abend geendet hatte. Das machte ihm Angst. Zu viele Drogen, zu viel Musik. Irgendwie schade. Da hatte man vielleicht großartigen Sex gehabt und dann wusste man am nächsten Morgen nichts mehr davon. Heute war Montag, Dark Sun, das grandiose Festival zu dem sie, wie schon auch die Jahre zuvor, zusammen hingefahren waren, war zu Ende. Melissa würde bestimmt noch eine Weile schlafen wollen. Sie war nie so früh wach wie er. Und wehe, er weckte sie. Nein, er würde jetzt ganz vorsichtig aus dem Zelt kriechen, durchs vom Morgentau nasse Gras laufen, die ersten Sonnenstahlen genießen und Kaffee holen. Die letzten Tage war immer ein Verkäufer unterwegs gewesen, aber heute bestimmt nicht mehr. Jetzt war schon wieder alles in Aufbruchstimmung. Er zog die Jeans über, schloss vorsichtig den Reißverschluss um nichts einzuklemmen, schlüpfte in Schuhe und Shirt und kroch ins Freie. Genussvoll streckte er sich. Camping war unbequem. Wahrscheinlich wurde er langsam zu alt dafür.

Die Zelte vor ihm waren schon weg. Er stand auf und drehte sich um. Moment, alle waren schon weg. Was heißt alle Zelte, alles, einfach alles war weg. Alex rieb sich die Augen und drehte sich im Kreis. Einzig der alte Flughafentower und der daran angrenzende Hangar waren in der Ferne noch zu erkennen. Überbleibsel aus einer Zeit, in der das Gelände ein Flughafen gewesen war. Die Zelte und Buden, die sich dazwischen befunden hatten waren verschwunden. War er noch high? Er zwickte sich, schüttelte den Kopf, es half nichts, ihr Zelt war das einzige, das noch da war. Aber das war noch nicht alles. Kein Müll, keine Begrenzungsbänder. Er fiel auf die Knie. Nicht mal zertrampelte Grashalme waren da. Nein er stand inmitten in einer endlosen unberührten Wiese durchzogen von alten Teerstraßen und der Landebahn.

Er nahm das Handy aus der Hosentasche, Montag, 10. August, kurz nach acht Uhr morgens und kein Netz. Das letzte allerdings überraschte ihn nicht.

Er ging zurück ins Zelt um Melissa zu wecken. Diesmal würde sie bestimmt nicht sauer sein.

„Melissa, wach auf!“

„Noch ein bisschen.“

Er tippte ihr leicht auf die Schulter. „Melissa, wach auf“, wiederholte er um dann energischer hinzuzufügen, „schnell. Es ist etwas passiert.“

Vorsichtig öffnete sie die Augen. „Wo ist der Kaffee?“

Melissa. Die Welt konnte um sie herum untergehen, Zigaretten und Kaffee waren immer ihre ersten Gedanken. Und manchmal noch Sex.

„Melissa komm bitte mit nach draußen, du glaubst es mir sonst doch nicht.“

„Haben wir den Tag verschlafen?“ Jetzt war sie doch neugierig. Er kroch wieder hinaus. Sie suchte nach ihrem Slip und streifte ihn über. Dann folgte sie ihm, etwas beunruhigt vom drängenden Tonfall seiner Stimme.

Draußen sah sie sich hastig um.

„Wo sind die denn alle hin?“, murmelte sie ungläubig. „Sag mal, was ist hier los. Hey Mann, das gibt’s doch gar nicht. Alex, was ist hier los?“

„Ich habe keine Ahnung. Gestern ein Festival mit tausenden von Menschen und jetzt… Nichts. Als ob das alles nie existiert hätte.“ Alex holte tief Luft. „Es sieht fast so aus, als ob wir eine Woche geschlafen hätten und alles abgebaut wurde ohne dass wir etwas mitgekriegt haben. Aber das ist natürlich Blödsinn. So high können wir gar nicht gewesen sein, mal abgesehen davon, dass man uns geweckt hätte. Und irgendwelche Spuren müssten immer da sein. Aber hier ist gar nichts. Und hier war auch die letzten Monate nichts. Jedenfalls keine Menschen. So was Verrücktes habe ich überhaupt noch nicht erlebt.“

Alex machte eine weit ausholende Geste.

Melissa folgte ihm mit den Augen. „Und was machen wir jetzt?“

„Ich würde vorschlagen, du ziehst dich jetzt an. Und dann, dann gehen wir los und sehen nach ob unser Auto noch da ist.“

Melissa ging ins Zelt. Kurze Zeit später kam sie wieder heraus, immer noch nur mit ihrem Höschen bekleidet, eine nicht angezündete Zigarette im Mund.

„Ich brauch jetzt erst mal eine Zigarette. Hast du Feuer?“

Er holte sein Zippo heraus und hielt ihr die Flamme hin. Sie zog und inhalierte tief.

„Schmeckt nicht.“ Angewidert schnippte sie die Glutspitze weg und warf die Zigarette auf den Boden.

Alex sah sie überrascht an. Das war das erste Mal, dass ihr die Morgenzigarette nicht schmeckte. „Gut. Gehen wir zum Wagen.“

Sie kroch zurück ins Zelt, diesmal um sich vollständig anzuziehen. Als sie schließlich vor ihm stand war sie in Jeans und Shirt gekleidet. „Kaffee fällt heut wohl aus. Egal. Ich habe auch gar keine Lust auf Kaffee. Ist wie mit der Zigarette. Was machen wir mit dem Zelt?“

Alex zuckte die Achseln. „Wir lassen es hier. Wenn wir unser Auto finden sollten, was ich eigentlich nicht glaube, fahren wir einfach hierher zurück und holen es ab. Ordner gibt es ja keine mehr.“

Zum ersten Mal wurde sich auch Melissa der möglichen Konsequenzen bewusst. Was war, wenn das Auto auch weg war, wenn überhaupt alles… Sie wagte es nicht den Gedanken weiter zu spinnen. „Gut gehen wir los.“

 

Sie gingen wortlos über die unberührte Wiese auf der sich gestern (wirklich gestern?) noch Zelte dicht an dicht gedrängt hatten. Jeder in Gedanken versunken. Endlich kamen sie auf die asphaltierte Straße, der sie bis zur ehemaligen Landebahn folgten und wandten sich dann nach links. Der Asphalt wies Risse auf in denen Unkraut wucherte. Überall das gleiche Bild. Keine Menschen. Keine Lebewesen. Rein gar nichts.

Als sie an die Stelle kamen, an der sich der Zugangsbereich mit Zaun und Kontrollhäuschen befunden hatte war auch da nichts mehr davon vorhanden. Ohne viel Hoffnung folgten sie der Straße.

Schließlich unterbrach Alex die Stille. „Ist dir eigentlich was aufgefallen?“

„Was?“

„Pass auf, wenn du morgens aufwachst, was kommt als Erstes? Ich meine neben Zigarette und Kaffee, wobei du heute weder das eine noch das andere hattest…“ Er zögerte und fuhr dann fort, „na sag schon …“

„Irgendwie steh ich jetzt auf dem Schlauch. Und die Zigarette vorhin hat echt scheiße geschmeckt.“

„Pinkeln.“

„Wie Pinkeln?“ Melissa sah ihn ungläubig an. „Was soll das jetzt…, Moment mal…“

„Genau, dass meine ich. Ich war heute auch noch nicht. Musste nicht. Und das nach all dem was ich gestern getrunken habe. Ich muss auch jetzt nicht. Und weißt du was. Ich habe weder Hunger noch Durst.“

„Ich auch nicht.“

Sie setzten den Weg fort. Als sie später stehenblieben und zurückschauten war der Tower nur noch ein kleiner Punkt am Horizont.

Alex hob den Kopf nach oben. Wenigstens die Sonne war noch da. Es musste Mittag sein. Jegliches Zeitgefühl war verloren gegangen. So weit weg konnte es niemals gewesen sein. Er blieb stehen. Melissa sah ihn fragend an.

  • M: „Was nun?“

Alex war überrascht. Hatte sie eben etwas gesagt? „Machen wir mal Pause.“

Sie setzten sich ins Gras. Weiterzugehen machte keinen Sinn. Wohin auch. Interessanterweise spürte er trotz des langen Marsches keinerlei Erschöpfung. Auch von einem Kater war keine Spur. Das war ihm noch gar nicht aufgefallen. Wieder hatte er das Gefühl der Unwirklichkeit.

„Es ist wie in einem Traum, aus dem man nicht mehr aufwachen kann“, sinnierte Melissa, „Aber ich schlafe nicht. Ich fühle es, wenn ich mich berühre…“

„Geht mir genauso. Und da ist noch was. Du weißt, ich liebe dich. Aber was ich jetzt fühle, geht weit darüber hinaus. Ich empfinde eine wahnsinnige Zärtlichkeit für dich. Es hört sich vielleicht kitschig an, wenn ich sage, dass du für mich die Luft bist, die ich atme. Nein das kann man mit Worten nicht ausdrücken, das klingt immer blöd.“

Seine Hand näherte sich ihrem Gesicht, der Zeigefinger berührte ihre Wange. Da geschah es. Er erhielt einen winzigen, aber doch schmerzhaft spürbaren elektrischen Schlag. Instinktiv zuckte er zurück. Als er sie berührt hatte, hatte es eine leichte elektrostatische Entladung gegeben. Sie war im gleichen Augenblick zurückgezuckt. Also hatte sie es auch gefühlt.

  • M: „Was war das jetzt? Hast du das auch gespürt?“ Melissa sah ihn erschrocken an.
  • A: „Ja. Wie eine Entladung. Aber wovon. Das muss die Luft sein, oder…“
  • M: „Oder?“
  • A: „Oder wir…“

Einen Augenblick herrschte Stille. Dann begann Melissa erneut zu sprechen „Was haben wir gestern eigentlich geraucht? War in den Joints noch was drin? Oder waren es die Drinks. Meinst du da war was drin, LSD oder so was?“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Drogen derartige Wirkungen haben.“ Alex versuchte selbstsicher zu klingen. „Es muss etwas anderes sein. Wir nehmen doch nicht das erste Mal was.“ Er holte tief Luft. „Erstens. Wir wachen auf, offenbar am gleichen Ort aber, von mir aus zu einer anderen Zeit.“

„Andere Zeit, “ Melissa lachte hysterisch, „na klar, warum nicht gleich Paralleluniversum. Ich habe auch schon Science-Fiction gelesen.“

„Zweitens, “ fuhr er mit ruhiger Stimme fort ohne auf ihren Einwand einzugehen, „wir sind ganz allein. Es scheint weder Menschen noch andere Lebewesen zu geben. Ich höre nicht mal das Summen von Insekten. Drittens. Wir fühlen weder Hunger noch Durst, müssen nicht pinkeln…“

„Also kein Stoffwechsel. Aber wir atmen. Oder?“

Alex war nicht ganz sicher ob er atmete. Das ging doch automatisch. Wie der Herzschlag. Schmerz hatte er aber gefühlt als er sich gekniffen hatte. Oder war das nur eingebildet. War die Atmung nur eingebildet?

„Pass auf. Ich mach jetzt einen Test. Ich werde die Luft anhalten und du schaust auf die Uhr. Nein warte. Wer weiß was mit der Zeit ist.“ Obwohl, auf seinem Handy war es heute Morgen acht Uhr gewesen und das Datum hatte auch gestimmt. Was immer man davon halten sollte.

„Nein besser du zählst die Sekunden. Los.“

Er hielt bewusst die Luft an. Presste die Lippen fest aufeinander und spannte die Bauchmuskeln an. Melissa begann zu zählen.

„Eins, zwei, drei…“ Sie zählte langsam, versuchte nach jeder Zahl eine Sekunde verstreichen zu lassen. Dabei hatte sie den Blick unverwandt auf ihn gerichtet.

„…sechsundzwanzig, siebenundzwanzig…“

Alex war nie sportlich gewesen. Er tauchte nicht und hatte auch sonst keine Kondition.

„…. achtundneunzig, neunundneunzig…“[1]

Es schien ihm offenbar nichts auszumachen.

  • A: Es macht mir nichts aus. Und du kannst aufhören. Ich muss nicht atmen.

Er hatte die Lippen nicht bewegt! Trotzdem verstand sie jedes Wort.

  • M: Gedankenlesen also auch?
  • A: Ich denke schon.

 

*

 

Alex wachte auf. Im dunklen Zelt tastete er nach seinem Handy. Acht Uhr. Melissa neben ihm schlief noch. Sie war nackt wie er. Hatten sie gestern miteinander geschlafen? Er hatte keine klare Vorstellung wie der Abend geendet hatte. Das machte ihm Angst. Zu viele Drogen zu viel Musik. Das war unlogisch. Da hatte man vielleicht großartigen Sex gehabt und dann wusste man am nächsten Morgen nichts mehr davon. Heute war Montag der 10. August, Dark Sun, das grandiose Festival, zu dem sie wie schon auch die Jahre zuvor zusammen hingefahren waren war zu Ende. Wieso fuhr man auf Festivals, wenn man schon mal dagewesen war? Melissa schlief noch. Sie war nie so früh wach wie er. Sie verschläft das halbe Leben. Er kramte nach seiner Unterhose und zog sich an. Dann weckte er Melissa auf. „Steh auf und zieh dich an. Ich hole Kaffee und dann bauen wir das Zelt ab.“ Ohne zu warten ob sie seine Anweisung befolgte kroch er nach draußen. Er wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte. Sie waren das perfekte Paar. Ein Team bei dem jeder optimal seine Aufgaben erfüllte. Eilig ging er zum Kaffeezelt, stieß einen Punker, der ihn anschnorren wollte ärgerlich zur Seite, achtete nicht auf das ihm nachgerufene „Fuck you“ des anderen und reihte sich in die Schlange der Wartenden ein. Ärger war unlogisch.

Melissa zog sich mechanisch an und begann dann einzupacken. Geistig plante sie bereits die Route. Am Boden lag eine ihrer Zigaretten. Noch fast ganz, also offenbar angesteckt und dann gleich gelöscht und weggeworfen. Welche Verschwendung. Sie hob sie auf. Dabei verspürte sie ein eigenartiges Kribbeln in den Fingerspitzen. Sie zuckte mit den Schultern und steckte die Kippe in die Schachtel zu den anderen.

Als Alex etwas später mit dem Kaffee kam war alles bis auf das Zelt eingepackt und auf die Sackkarre montiert. „Bauen wir jetzt das Zelt ab oder wollen wir vorher noch ficken?“

Alex dachte kurz nach. Mit ihr zu schlafen würde etwa zehn Minuten in Anspruch nehmen und sie waren danach sicher entspannter. Und da das Zelt noch aufgebaut war… „Gute Idee. Geh schon vor und zieh dich aus. Du kannst auch schon ein bisschen anfangen, dann kommst du nachher schneller.“

 

*

 

Metamorphose. Es wurde langsam dunkler, aber es machte keinen Unterschied. Er sah sie deutlich vor sich. Gesprochen hatten sie schon lange nicht mehr, der Austausch ihrer Gedanken war unmittelbar. Sie fühlten keine Müdigkeit und fragten sich, was wohl als nächstes kommen würde.

  • M: Was glaubst du ist passiert?
  • A: Ich glaube wir haben unseren Körper verlassen. Ich meine es ist vielleicht im weitesten Sinne eine Art Astralwanderung.
  • M: Astralwanderung?
  • A: Na man geht aus seinem Körper heraus und sieht sich von außen.
  • M: Du redest als ob so etwas Gang und gebe wäre.
  • A: Das nicht gerade. Aber es gibt Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen. Im Internet gibt es jede Menge Stoff darüber. Ich will damit eigentlich nur andeuten, dass so etwas nicht unmöglich ist.
  • M: Und wo bitte sind unsere Körper?
  • A: Das würde mich auch interessieren.
  • M: Gut nehmen wir mal an, du hast recht, was ist dann das. Sie berührte ihren Arm. Der ist doch fest. Nach deiner Aussage sind wir doch nicht stofflich, also reine Energie.
  • A: Ich glaube nicht, dass wir in der Lage sind das beurteilen zu können. Da müsste schon ein, ein, wie soll ich es nennen, na eben ein „echter“ Mensch kommen. Und nebenbei, ein wenig aufgeladen sind wir ja schon.
  • M: Ach so. Du meinst wegen vorhin. Der Entladungsblitz. Aber bis zu einem gewissen Grad sind wir körperlich. Wir mussten hierher gehen.
  • A: Ja, das war heute Morgen. Und da konnte ich dich auch noch berühren…

Eine Weile herrschte Stille. Dann setzten sie das Gespräch auf der geistigen Ebene fort.

  • A: Möchtest du wieder zurück?
  • M: Ich weiß nicht. Das hier, das hier ist doch wie unsterblich sein, oder?
  • A: Ja. Aber ohne physische Erlebnisse.
  • M: Physische Erlebnisse?
  • A: Sex, Kinder, Alter und Tod. Glaubst du, du bist bereits reif dafür auf all das zu verzichten?

Wieder schwiegen beide eine Weile.

  • M: Ich glaube ich möchte zurück. Nein, ich will zurück. Lass uns versuchen zurück zu kommen.
  • A: Das, glaube ich, ist das eigentliche Problem. In den Berichten die ich bisher über „Astralwanderung“ gelesen habe, war das immer das gleiche. Man liegt auf einer Couch, meditiert, und irgendwann schafft man es, den Körper zu verlassen. Man geht vielleicht ins Nebenzimmer, aber irgendwie gibt es immer eine Art, wie soll ich sagen, energetische Nabelschnur, die dich mit deinem Körper verbindet. Der liegt reglos da und man kann immer wieder zurück. Aber hier sind mindestens zwei Dinge anders.
  • M: Nämlich?
  • A: Erstens ging das Ganze nicht von uns aus. Wir waren passiv. Und zweitens wissen wir nicht wo unsere Körper sind, was mit ihnen geschehen ist …
  • M: Du meinst die liegen irgendwo?
  • A: Die müssten eigentlich noch auf dem Festivalgelände sein, auf dem echten, dem mit den Leuten.

Sie standen auf. Alex begann auf und ab zu gehen. „Ich glaube es wird stärker.“ Der Gedanke beunruhigte ihn zunehmend.

  • M: Warum redest du wieder?

„Solltest du auch tun. Was ich sagen will. Dieser Prozess, oder was immer es sein mag, ist noch nicht abgeschlossen. Heute früh konnten wir noch nicht Gedankenlesen. Ich konnte dich berühren ohne dass es diese elektrostatischen Entladungen gab. Dann kam heute Mittag dieser Schlag. Ich frage mich ob der jetzt heftiger wäre.“ Er näherte die Hand ihrem Körper. Er war noch zehn Zentimeter von ihrer Haut entfernt als ein greller Blitz erschien. Schmerz verspürte er nicht, aber die ausgestreckte Hand wurde heftig zurückgeschleudert.

Melissa sah ihn entsetzt an. Ihr Gesicht war kreidebleich. „Deine Hand war vorhin einen Moment unsichtbar. Ich glaube du hast Recht. Irgendetwas passiert hier mit uns.“

Nachdenklich sagte Alex, „Wie viel Zeit bleibt uns wohl noch?“

„Für was?“

„Einen Rückweg zu finden bevor wir uns ganz in Energie verwandeln.“

Melissa überlegte eine Weile um dann fortzufahren. „Ich versuche mich zu erinnern, was das Letzte war, das passiert ist als wir noch WIR waren.“

„Speciality hat gespielt.“

„Ja, aber die haben schon eine ganze Weile gespielt. Was war das letzte Lied? Ich meine das Lied, ab dem wir keine Erinnerung mehr haben. Vielleicht liegt da der Schlüssel. Vielleicht haben die uns ja rübergeschickt!“

„Ich glaub jetzt gehst du zu weit. Wieso sollten die so etwas können“, versuchte Alex sie zu beruhigen. „Aber in einem Punkt hast du Recht. Irgendetwas hat uns während des Auftritts verändert.“

 

*

 

Der Sex war gut gewesen. Melissa war schnell gekommen und so hatten sie nicht allzu viel Zeit verloren. Jetzt fuhren sie schon eine ganze Weile. Alex steuerte das Auto und sie hatte die Landkarte in der Hand. Die Autobahn war noch nicht stark befahren und es ging flott voran. Sie dachte an den letzten Gig von gestern. Speciality. Was hatten die eigentlich zum Abschluss gespielt. Da war irgendwo ein Blackout. Ein Schwarzes Loch. Sie holte ihre Zigaretten raus und öffnete die Schachtel. Natürlich würde sie im Auto nicht rauchen. Alex mochte das nicht, schließlich ist Rauchen in kleinen, abgeschlossenen Räumen noch ungesünder als es sowieso schon war. Eigentlich ist es überhaupt unlogisch zu rauchen. Ihr Blick fiel auf die etwas kürzere Zigarette. Die würde sie nachher als erstes verwenden. Sie nahm sie heraus und schloss die Packung wieder. Nachdenklich drehte sie sie zwischen den Fingern. Sie warf einen Seitenblick auf Alex. Er war schön. Aber irgendetwas fehlte. Wann hatte er zum letzten Mal gelächelt? Sie schüttelte den Kopf. Wieso sollte er das tun. Sie hatte doch keinen Witz erzählt. „Machen wir mal Pause? Ich würde gern Kaffee trinken und eine rauchen.“

Alex dachte kurz nach. „Ich auch. Kaffee trinken, mein ich. Bei der nächsten Raststätte fahren wir raus. Tanken muss ich auch.“

Sie hatte Lust ihn zu streicheln, war aber nicht sicher wie er darauf reagieren würde. Sie seufzte und steckte die Zigarette zurück in die Box.

 

*

 

„Wenn wir hier wirklich in einer anderen Welt sind, brauchen wir eine Verbindung. Wir sollten zurück zum Zelt gehen. Vielleicht finden wir da was.“ Alex hatte das Gefühl, das jetzt alles sehr schnell gehen musste.

„Haben wir noch so viel Zeit? Wir sind heute Morgen einige Stunden gelaufen bis wir hier waren.“

  • A: Ich glaube das geht schneller. Konzentrier dich einfach auf das Zelt und wünsche dir du wärst da.
  • M: Du meinst so wie Teleportation?

Unwillkürlich waren sie in den Gedankenmodus zurückgefallen. Sie hatten nicht einmal den Unterschied bemerkt. Die Verwandlung ging immer schneller voran. Das machte Alex mehr Angst als er bereit war sich einzugestehen. Er zwang sich wieder laut mit ihr zu reden.

„Ich denke schon, dass wir das können.“ Er hoffte, dass seine Stimme überzeugend genug klang.

„Wie soll ich mich konzentrieren? Ich meine, auf was soll ich mich konzentrieren. Ich mache so etwas schließlich zum ersten Mal.“

Er warf ihr einen genervten Blick zu.

„Witz. Aber ernsthaft was meinst du, soll ich einen Ort nehmen oder das Zelt? Oder einen Teil des Zeltes?“

„Probieren wir das Zelt. Einfach das Zelt. Stell es dir vor. So genau wie möglich.“ Alex überlegte. Wenn sie beide an das Zelt dachten, kamen sie dann wirklich zusammen dort an? Wenn in Science-Fiction Storys die Leute teleportierten hielten sie sich meistens an den Händen. Aber wenn seine Hand sich der ihren nur näherte gab es einen Überschlagblitz. Alex erkannte jetzt das Problem. Es war nahezu unmöglich, dass sie sich beide dasselbe Zelt vorstellten. Das Objekt, auf das sie sich konzentrierten musste einfach sein. Es musste so einfach sein, dass kein Irrtum möglich war. Bei der Vorstellung sie könnten nachher getrennt sein brach ihm der kalte Schweiß aus.

„Melissa, wir brauchen etwas von dem wir beide gleiche Vorstellung haben. Es muss etwas Einfaches sein und einmalig. Fällt dir da etwas ein?“

 

*

 

Gaia hatte lange gewartet. Allerdings spielte Zeit keine Rolle für sie. Die Metamorphose war fast abgeschlossen. Belustigt registrierte sie die Versuche der Astralkörper die Verbindung zu ihren Ätherkörpern herzustellen.

 

*

 

Alex verschloss den Tankdeckel und ging zur Kasse um zu bezahlen. Schon kurz nachdem er den Vorschlag gemacht hatte, waren sie zu einer Tankstelle gekommen. Er war wie vorgesehen von der Autobahn heruntergefahren. Sie war auf den Fahrersitz gewechselt und wartete auf seine Rückkehr. Mit zwei Bechern Kaffee kam er und stieg ein. Sie ließ den Motor an und fuhr weiter bis die Parkplätze auftauchten. Sie nahm die erste freie schattige Stelle und hielt an. Neben dem Wagen setzten sie sich ins Gras. Melissa holte die Zigaretten aus ihrer Tasche.

 

*

 

„Nehmen wir die Zigarette“, schlug Melissa vor, „du weißt schon, die die ich heute Morgen angeraucht und dann ausgemacht habe. Die liegt direkt vor dem Zelt. Du weißt welche Marke ich rauche, und die Zigarette ist einmalig. Sie ist kürzer als die anderen.“

„OK. Mir fällt jedenfalls nichts Besseres ein. Riskieren wir es. Und wenn wir beim Zelt sind gehen wir zum Tower. Ich habe da so eine Idee. Es ist das einzige Gebäude, das wir bisher gesehen haben. Wenn es hier irgendwas gibt, dann sollte es da sein.“

„OK. Ich zähle auf drei.“

„Eins. Zwei. Drei.“

 

*

 

Melissa nahm die Zigarette aus der Schachtel. Sie betrachtete Alex nachdenklich. Wie schön er war. Sie warf ihm einen Kuss zu. Er sah sie an und gab ihr Feuer. „Habe ich dir schon gesagt, dass du heute mal wieder fantastisch aussiehst?“

„Nein“, lächelte Melissa zurück. Sie inhalierte tief.

Er beugte sich ein wenig vor. Seine Hand näherte sich ihrem Gesicht um sie zu streicheln, wie er es schon so oft gemacht hatte. Melissa zuckte zusammen. Für einen kurzen Moment hatte sie Angst vor der kommenden Berührung gehabt. Eigenartig. Sie schüttelte den Kopf wie um einen Traum abzuschütteln. Dann berührte der Zeigefinger ihre Wange. Und er streichelte wieder und wieder ihre wunderbare Haut.

 

*

 

Gaia nahm zur Kenntnis, dass die Wesen sich intelligenter als vermutet erwiesen hatten. Nun gut. Speciality würden noch öfter auftreten.

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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