Peter Biastoch

Ohne Waffe(l) wäre ich verloren!

Bei der diesjährigen Hobbyausstellung hatte ich auch wieder mein Bild mit einer Tigerspinne dabei. Die Leute meinten, dass müsse ein Bild vom vergangenen Jahr sein, da sie dieses Jahr noch kein solches Tier gesehen hätten. Aha! Also war 2017 das Jahr der Tigerspinne und dieses Jahr ist das Jahr der Wanzen.

Als ich demzufolge gestern an unserem Haus entlang ging und die weiß getünchte Südwand hinauf schaute, fielen mir die dort sitzenden Wanzen auf. Ich hatte gerade mein Smartphone bei der Hand und richtete die darin eingebaute Kamera auf eines dieser Tiere. Klick, klick, klick und schon hatte ich eine ganze Serie von diesem Insekt gemacht. Am PC sah ich dann, dass ein paar dieser Schnappschüsse recht gut gelungen waren. Also kitzelte ich noch ein wenig Farbe heraus und schärfte die Aufnahmen nach und nun kann ich zeigen, dass ich diese Tiere weder hässlich, noch eklig, sondern vielmehr interessant, spannend und faszinierend finde.

Für dieses Bild musste ich nicht sonst wo hinfahren, ich brauchte keine besondere und damit teure Kamera und selbst die unbearbeitete Aufnahme war schon zeigenswert! Doch, um noch eines drauf zu setzen, habe ich mich in die große Gefahr begeben und mich der Wanze entgegen gestellt! Das kostete mich lediglich ein paar Minuten, während denen ich ein Archivbild von mir, grob „frei stellte“. Das heißt, ich habe den Hintergrund dieses Bildes im Bildbearbeitungsprogramm ausradiert, dann die beiden Aufnahmen kombiniert und zum Schluss noch den Schriftzug hinzu gefügt. Alles zusammen in vielleicht zehn bis fünfzehn Minuten.

Natürlich werde ich auch dieses Bild für die nächste Hobbyausstellung ausdrucken. Vielleicht fällt mir auch noch eine kleine, haarsträubende Geschichte dazu ein?

Wir schreiben das Jahr der Riesenwanzen. In nur drei Jahren hat sich hier in Sachsen eine flächendeckende Steppe ausgedehnt. Nach dem Rekordsommer 2018 ging das Wetter nahtlos so weiter. Keine, oder nur minimalste Niederschläge. Wettermeldungen verkündeten fortlaufend: „Für die Jahreszeit zu warm.“ Die folgenden Sommer brachen weiterhin alle Temperaturrekorde, so dass man nicht mehr sagen konnte, es wäre der heißeste Sommer, seit dem Jahr…. Nein, es war der heißeste überhaupt! Die Bäche und Flüsse fielen trocken. Stauseen leerten sich und das Trinkwasser musste rationiert werden.

Es begann eine neue Völkerwanderung. Wer es irgendwie einrichten konnte, floh aus Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Die meisten wanderten nach Westen und nur wenige zogen in östliche Richtung. Die nördlichen Länder machten ihre Grenzen dicht. Es waren nur noch wenige, die blieben. Diese suchten ebenfalls fort zu kommen, als die Wasserlieferungen eingestellt wurden.

Diese übereilte Auswanderung hatte einen Vorteil für uns Hiergebliebenen. Die Leute waren in Panik geflohen und hatten praktisch alles in ihren Häusern und Wohnungen zurück gelassen. So ermöglichten uns diese Überreste, noch eine gewisse Zeit, unser Überleben. Ja, was? Natürlich gingen wir Woche für Woche auf Beutezug.

Die Häuser in unmittelbarer Nähe waren natürlich schnell geplündert. Dabei ging es allerdings keinem von uns darum, irgendwelche Möbel, oder Gegenstände der vergangenen Zeiten zu hamstern. Nein, zum einen hatten das die meisten Flüchtlinge doch mitgenommen und zum anderen war uns vorrangig an Lebensmitteln und Getränken gelegen! Dinge also, die uns ein weiteres Überleben sichern können. Ein Fund von Goldschmuck oder ähnlichen hätte uns natürlich ebenfalls geholfen, unserer ungastlich gewordene Heimat den Rücken zu kehren. Doch vor allem Wasser war jetzt wertvoller, als alles Andere!

So war ich also wieder einmal losgezogen. Limbach-Oberfrohna lag, von unserer Seite gesehen noch völlig unberührt. Ob es in anderen Orten noch Überlebende gab, entzog sich unserer Kenntnis. Spuren hatten wir von ihnen bisher noch keine gesehen.

Es gab allerdings eine echte Gefahr für uns urbanen Explorer – die Riesenwanzen. Bereits im Jahr 2019 hatten die Medien gemeldet, dass irgendein Stoff in der sogenannten Mikroplastik, also im Abrieb von Autoreifen, auf die Gene der gemeinen „Grauen Gartenwanze“ (Rhaphigaster nebulosa) eingewirkt hätte. Das Resultat war ein abnormes Größenwachstum. Damals berichtete man von drei, bis fünf Zentimeter großen Exemplaren. Wurde so ein Tier gesehen, machten sich viele Leute einen Spaß daraus, es zu zertreten. Was für ein hässliches Geräusch!

Es dauerte allerdings nicht lange, da brach die Auswanderungswelle los. Die Städte leerten sich und von den Wanzen war keine Rede mehr. Wer sollte denn schließlich auch noch davon reden, wenn kaum mehr jemand da ist?

Nun gingen die Jahre ins Land und es wurden immer weniger von uns. Von einigen hatte man gehört, dass sie genügend Wertgegenstände angesammelt hatten, um zu verschwinden. Andere gingen auf Beutezug und kamen nicht wieder. Schließlich sahen meine Jagdfreunde, auf einer Sammeltour in Limbach-Oberfrohna eine solche Riesenwanze. Für einen von Beiden war es die einzige und letzte Begegnung mit so etwas. Der andere berichtete mir, mit wilden Augen, was geschah.

„Hans hatte sich einer Tür genähert, das kam ihm diese Wanze, die Wand entlang entgegen. Er blieb erstarrt stehen. Die Wanze verharrte ebenfalls regungslos, dann ging sie in die Hocke, streckte ihre Beine und landete mit ihrem harten Chitin gepanzerten Körper auf Hans, der wohl sofort tot war. Die Wanze wiederholte ihren Sprung noch zwei Mal. Bei jedem Aufprall wurde Hans mehr zu Brei. Dann begann sie Hans aufzusaugen. Karl schüttelte es, als er das erzählte und somit das Erlebte wieder bewusst wurde. Eine weitere Wanze hatte sich mir inzwischen genähert…“

Ich unterbrach ihn und meine Frage war natürlich, wie er entkommen ist? Karl übertreibt gelegentlich ein wenig. Denn dass so ein Exemplar über zwei Meter lang werden soll, ist doch unmöglich! Und die nun folgende Erklärung erschien mir dann doch wie eine Mischung aus Seemannsgarn und Jägerlatein.

Er erzählte: „Wir hatten ja bereits eine Wohnung ‚besichtigt‘. Dort fand ich eine Packung Waffeln. Diese steckte ich ein, hatte mir allerdings schon eine Hand voll davon herausgenommen, um sie zu essen. Als nun dieses Untier so unmittelbar vor mir stand und ich jeden Moment damit rechnen musst, dass sie in die Knie geht, um sich auf mich zu werfen, da habe ich ihr diese Waffeln hingeworfen und bin gerannt. Gerannt,  wie ich noch nie in meinem Leben gerannt bin. Nach dem nächsten Block schaute ich mich um. Und was soll ich dir sagen. Die Wanze hat mich nicht verfolgt, sondern war voll damit beschäftigt, die Waffel einzuspeicheln und aufzusaugen.“

Ich dacht, bei mir: Ja, alles klar, du Spinner! Allerdings war dies auch das Letzte, was mir mein Freund mitteilte. Am Tag darauf verließ er mich, panisch aufgelöst, in Richtung Westen. Nun war ich wohl der letzte Sachse im Lande Sachsen.

Ich war also unterwegs in Limbach- Oberfrohna. Es war Routine. Die Haustüren der Stadthäuser sind selten verschlossen, weil bei ihrer Flucht niemand genau wusste, ob da noch einmal jemand etwas holen kommt. Die Wohnungstüren ließen sich in der Regel leicht aufbrechen. Dann konnte man nach den Vorräten sehen. Man nahm nur das Wichtigste mit und ging zur nächsten Tür.

Als ich, voll bepackt, das Haus verlassen hatte, stellten sich mir die Nackenhaare auf. Ein unheimliches Geräusch drang an meine Ohren. Ein Klappern und Klacken, wie wenn man Knochen aufeinander reibt und schlägt. Da sah ich sie. Wir starrten uns an. Ich hob meine Waffel.

Du willst wissen, wieso ich eine Waffel in der Hand habe? Das ist doch ganz einfach. Ich nahm ein Päckchen Waffeln, vom letzten Ausflug mit, auf meine Tour und eine davon hielt ich ständig in der Hand. Karl mag zwar ein Spinner sein. Aber, wenn er doch Recht gehabt hätte, wollte ich nicht der Dumme sein.

Ich hob also meine Waffel. Dann warf ich sie dieser furchteinflößenden Gestalt zu. Ohne nachzudenken, drehte ich mich um und rannte…

Dass ich dies hier berichten kann, beweist, dass ich es geschafft habe. Beweist, dass mich dieses Tier nicht verfolgt und zermatscht hat! Was meine Erzählung allerdings nicht erklärt? Wer hat mich in diesem Moment fotografiert?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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