Wolfgang Küssner

Blöde Lage

Wir kennen nicht immer die Sachlage; meinen manchmal, eine Auflage, Vorschrift negieren zu können und geraten schnell in eine leichte Schieflage. Was wäre ein Beamter ohne seine Unterlagen; was ein Gourmet ohne Kenntnis guter Weinlagen? Der Alkoholiker nennt seinen Zug durch die Gemeinde niemals ein Saufgelage. Der Norddeutsche bevorzugt die „lüttje Lage“ (Korn und Bier). Autoren wissen engagierte Verlage, genaue  Angestellte eine gute Ablage zu schätzen. Schichtarbeiter hoffen auf Zulagen; interessierte Käufer auf ansprechende Auslagen. Sparsame bilden eine Rücklage; der Fußballprofi bietet hoffentlich immer eine genaue Vorlage und ein Sammler erwartet eine kostendeckende Geldumlage. Der Schreiber dieser Zeilen wohnt weder in Braunlage noch in Dinklage und führt mangels Masse keine Hunde in irgendeine Grünanlage. Der Musiker sucht die richtige Tonlage und der Geizige die günstige Preislage. Vermögende betreiben gern Kapitalanlage; andere Mitmenschen befinden sich dagegen eher in einer monetären Notlage. Der Segler sollte die Takelage, der bildende Künstler die Collage beherrschen. Halt! Etwas stimmt hier nicht, denn diese beiden Lagen sprechen sich französisch aus, also kola:ȝǝ bzw. takela:ȝǝ. Doch zurück zur ursprünglichen Lage. Dort gibt es beispielsweise eine Kakerlake (allerdings mit k statt mit g) und die erlebt gerade eine besonders blöde Lage. Hier die kleine Geschichte mit den Details:

Was hätte der Mensch, als er endlich den aufrechten Gang beherrschte, darum gegeben, wenn er nicht nur krabbeln und klettern und laufen und gehen, sondern auch fliegen könnte. Ein enormes Maß an Energie hat er in diverse, ungezählte Experimente, enorme Summen in die Entwicklung von Fluggeräten gesteckt. Vor gut 1000 Jahren dann ein erster Gleitflug; 1783 transportieren Ballone erstmals Menschen; 1852 das erste motorgetriebene Luftschiff; 1891 beginnt Otto Lilienthal erste systematische Flugversuche und erreicht Weiten von 25 Meter. Für die Distanz benötigte Bob Beamon 1968 drei Sprünge mit reiner Muskelkraft. 1900 startete Graf Zeppelin sein erstes Starrluftschiff über dem Bodensee und so ging es in vielen kleinen Schritten weiter. Während diese Zeilen geschrieben werden, befindet sich das Bordpersonal der Billig-Airline Ryanair im Streik und läßt der Welt wissen, wie es hinter den Kulissen, z.B. für die Mitarbeiter, aussieht: Der geizige Fluggast spart und die Mitarbeiter von z.B. Ryanair zahlen die Zeche: Ausbeutung, Rechtlosigkeit, niedriegste Löhne. Diese Entwicklung soll angeblich technischer Fortschritt sein. Der Traum vom Fliegen für alle.

Die Kalerlaken hatten es da deutlich einfacher. Sie wurden von der Evolution nicht nur mit sechs Beinen zum Krabbeln, Gehen, Klettern, Laufen ausgestattet, sondern auch mit zwei Flügeln zum Fliegen. Das mit der Flugfähigkeit trifft allerdings nicht für die kleine, deutsche Küchenschabe und auch nicht für die etwas größere, orientalische Schabe zu, wohl aber für die große, amerikanische Schabe, die es auf eine Körperlänge von bis zu 44 Milimetern bringen kann. Ohne Fühler, versteht sich. Sie kann fliegen, wenn auch nicht gut.

Ein Sprichwort besagt: „Schuster, bleib bei deinem Leisten.“ Der amerikanischen Kakerlake möchte man sagen: „Schabe, bleibt bei deinen Beinen.“ Sie hat sechs davon und kann recht zügig damit laufen. Immer wieder wird auch sie vom alten Schabentraum gepackt und unternimmt einen kurzen Flug. Nennen wir es mal Flug, denn es gibt des Fliegens fähigere Tiere, die sich deutlich eleganter durch den Luftraum bewegen.

Und so erhob sich unsere Kakerlake aus der Gosse und begab sich auf luftige Entdeckungstour. Ein kleiner Windstoß brachte sie ins Taumeln. In diesem Element ungeübt, versagten schnell die Kräfte und sie musste zur Notlandung ansetzen. Auch hier landen ein Albatros oder Pinguin deutlich eleganter, als die große Schabe. Da lag sie nun im Windschatten auf dem Flur in der dritten Etage eines Hotels. Rückenlage, auf den Flügeln. Strampelte mit den sechs Beinen. Sie fanden keinen Halt. Versuchte sich mit den Fühlern zu orientieren. Kein Kontakt. Eine schlechte Lage, eine verdammt blöde Lage. Es gab kein Vor und kein Zurück, nicht einmal eine Windböe, der sie sich hoffnungsvoll hätte aussetzen können.

Unsere Kakerlake verspürte in ihrer windfreien Lage leichte, sich langsam nähernde, heftiger werdende Erschütterungen. Zwei Hotelgäste auf dem Weg zum Frühstück. Sie sahen die Schabe in ihrer Rückenlage; fanden es ekelerregend und statt mit einem kleinen Fußstoß dem Tier auf die Beine zu helfen, musste unsere Kakerlake sich noch Worte wie „das hätte ich in diesem Hotel nicht für möglich gehalten“ anhören. Schon am Duft der Hotelgäste hatte die Großschabe wahrgenommen, dass es sich wohl um Menschen aus Europa handelt, die bestenfalls die flugunfähige deutsche Schabe kennen. Die Erkenntnis half nichts. Denn eines blieb: Die blöde Lage.

Die amerikanische Schabe verspürte die durch Schritte weiterer Passanten ausgelösten Vibrationen. Einige nahmen sie und ihre Lage gar nicht wahr; aus der Situation befreiende Hilfe gab es nicht. Ein Mann wollte sie einfach zertreten, doch die Frau warnte, man würde damit die danach am Schuh klebende Eier verbreiten, für Nachwuchs sorgen. Das war offensichtlich überzeugend. Sie durfte weiter in Rückenlage mit ihren Beinchen strampeln. Dann entdeckte ein vorbeilaufendes Kind die Schabe und wollte sie gerade zum Spielen aufheben, als die Mutter der Kleinen diese energisch zurechtwies. Solche Kakerlaken könnten beim Menschen Krankheiten, schwere Ekzeme und Allergien und Asthma auslösen. Das sei kein Spielzeug für Kinder. Finger weg!

Unsere Großschabe hatte sich über ihr Schädlingspotential natürlich nie Gedanken gemacht. Warum sollte sie auch? Die Evolution hatte sie hervorgebracht und ihr einen Lebensraum zugeteilt. Sie lieben es warm und feucht, ernähren sich von abgestorbenen Pflanzenteilen und Früchten; zersetzen Bodenstreu und bilden Humus, sind Bestandteil vieler Ökosysteme. Vor Reptilien und Vögeln, vor Säugetieren und Menschen müssen sie sich allerdings in Acht nehmen. Sie stehen auf deren Nahrungsplänen. Bei den Menschen auch?

Auf der Insel Madagaskar, so konnte der Autor dieser Zeilen vor Jahren erleben, werden Kakerlaken gekocht und der Sud als Mittel gegen Erkältung getrunken. In Thailand werden fritierte Maden, Heuschrecken, Wasserkäfer, Skorpione und Schaben gern als kleinen Snack zwischendurch verzehrt. Vermutlich nur zwei Beispiele, von vielen.

Die Hotelgäste kamen vom Frühstück zurück. Die Kakerlake befand sich noch immer in ihrer blöden Lage. Wie gern hätte sie auch etwas Stärkendes zu sich genommen. Das Bewegen der Beine, die Kontaktsuche der Fühler kosten jedenfalls Energie. Später gingen die Urlauber an den Strand und beachteten unsere Groß-Schabe kaum noch. Und folglich sah auch niemand der Vorbeigehenden, dass die Beinchen und Fühler langsamer und langsamer wurden. Eine knappe Stunde später versagten der Kakelake die Kräfte. Ihre vielleicht letzten Gedanken: Ist Fliegen wirklich von Vorteil? Blöde Lage.

Juli 2018

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