Johann Hayer

Das gestohlene Manuskript

„So läuft das nicht“, sagte Jonathan und sog genussvoll an der Zigarette. „Du musst dir schon etwas einfallen lassen“.

Jerome saß ihm gegenüber, er war an den Küchenstuhl gefesselt.

„Hör zu“, versuchte Jerome den anderen zu beschwichtigen, „ich helfe dir schon. Kleinstein wird dich nicht kriegen, glaub mir, du…„

„Halts Maul Calcul“, schnitt ihm Jonathan das Wort ab, „das hast du mir immer und immer wieder versprochen, aber ich kenne den Vertrag, den Vertrag, mit dem du mich verkauft hast.“

Irgendetwas tut man immer als Letztes im Leben ging es Jerome durch den Kopf als Jonathan die Pistole aus der Jacke zog und ihn erschoss.

 

*

Schweißgebadet wachte Jerome auf. Wieder ein Alptraum. Wieder Jonathan. Der Mann machte ihn noch fertig. Aber er war der Killer, der Antagonist. Er durfte nicht gewinnen. Er würde geschnappt werden. Jörg würde ihn kriegen. Jörg war besser. Jörg musste besser sein. So stand es geschrieben. In dem Konzept. Dem Konzept dass er Thorsten, seinem Verleger, präsentiert hatte. Dem Konzept, für das ihm Thorsten einen großzügigen Vorschuss gewährt hatte. Dem Konzept weswegen er, Jerome, jetzt in der Klemme saß. Er stand auf und ging zur Toilette. Während er gedankenverloren dem Urinstrahl nachsah überlegte er, was er tun sollte. Hatte er gestern zu viel oder zu wenig getrunken? Es war drei Uhr morgens. Was nun? Direkt ins Bett konnte er nicht, dazu war der Traum noch zu gegenwärtig. Nein, besser eine kurze Zwiesprache mit Johnnie.

Er ging ins Wohnzimmer an die Bar und machte sich einen Whisky. Wo stand er? Wie konnte Jonathan nur so gerissen sein, dass er jede Falle des Kommissars durchschaute. Die Antwort war einfach. Er war zu gerissen. Jerome hatte mit Jonathan eine Figur geschaffen, die zu intelligent war. Jonathan würde davon kommen. Der Mord war perfekt gewesen. So wie er die Figur 200 Seiten lang entwickelt hatte war sie nicht zu fassen. „Verdammt“, dachte Jerome, „wie bekomme ich den Schluss hin“. Er musste die Gerechtigkeit siegen lassen wie in allen seinen Büchern aber Jonathan wollte nicht mitspielen. Der Abgabetermin stand vor der Tür. Es war aussichtslos. Er brauchte eine Lösung.

Wenn er damals nicht den Vorschuss genommen hätte wäre es einfacher gewesen. Jetzt konnte er diesen nicht mehr zurückzahlen. Die 10.000 Euro waren längst ausgegeben. Nein, er musste eine Lösung finden.

Er nahm einen Schluck Whisky. Jonathan musste kooperieren. Schließlich war er, Jerome Calcul, der Autor also der Boss, oder? Aber Jonathan hatte nach den ersten hundert Seiten angefangen ein Eigenleben zu führen. Er diskutierte mit Jerome, machte Vorschläge, verhielt sich anders als vorgesehen.

Nicht dass Sie jetzt denken Jerome Calcul ist verrückt. Es ist vielmehr so dass es viele Autoren gibt, die mit ihren Figuren reden. Nicht richtig natürlich, nur so in Gedanken. Aber wenn man eine Figur beschreibt, wenn man sie wirklich gut charakterisieren will, dann muss man sich in sie hineinversetzen, sie zum Leben erwecken.

Und so waren sie entstanden:

Jonathan Weiss. 30 Jahre alt. Der Böse. Das Genie.

Jörg Kleinert. 35 Jahre alt. Der Kommissar. Der Gute. (Leider) kein Genie.

Jeromes Glas war leer. Irgendjemand musste es ausgetrunken haben. Es war inzwischen kurz vor vier und er ging zurück ins Bett. Morgen ist auch noch ein Tag.

*

Die Strahlen der Sonne krochen in das Zimmer, erreichten das Bett, leckten an seinem Gesicht.

Ich sollte doch abends die Vorhänge zuziehen, dachte Calcul. Vorhänge, die er nicht hatte. Verschlafen sah er auf sein Handy. Zehn Uhr. Höchste Zeit aufzustehen. Er musste zurück an die Arbeit und sich mit Jonathan und Jörg auseinandersetzen. Da er nichts Essbares im Haus hatte, beschloss er ins „Jean-Paul“ frühstücken zu gehen. Das war noch ein Kaffeehaus der alten Sorte. Nicht eins dieser neumodischen sterilen Aufenthaltsorte wie die der Sterntaler-Kette in denen es alles gab, nur keinen Cognac.

*

Es war elf Uhr und nur wenige Tische waren besetzt. Jerome setzte sich an einen der frei war und wartete. Die Bedienung kam und er bestellte französisches Frühstück und einen Cognac. Er dachte zurück an die alten Zeiten als man in einem öffentlichen Lokal noch rauchen durfte. „Das gestohlene Manuskript“, sein Buch, spielte in den 8zigern (wie fast alle seiner Geschichten) und da durfte man das noch. Das Frühstück kam. Croissants die er mit Marmelade tränkte, Orangensaft den er genussvoll schlürfte, der Cognac war für nachher, schließlich war er kein Alkoholiker, oder? Seine Gedanken gingen zurück zum „gestohlenen Manuskript“. Wie konnte er Kleinstein auf die Sprünge helfen? Während er so vor sich hin grübelte, fiel sein Blick auf den Nachbartisch. Dort saß ein junges Pärchen das sich angeregt unterhielt. Beide rauchten. Rauchten? Zigaretten? Er sah sich verwundert um. Überall standen Aschenbecher, auch bei ihm. Warum war ihm das nicht gleich aufgefallen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Es war das Jahr 2014 und in Bayern herrschte in Gaststätten Rauchverbot. Trotzdem schien sich hier niemand daran zu halten.

Er winkte der Bedienung und bat sie ihm eine Packung Gitanes zu bringen. Wenig später hatte er eine Zigarette zum Cognac.

Der Lösung des Problems Jonathan brachte ihm das allerdings keinen Schritt näher. Er rauchte, trank den Cognac, bezahlte und ging.

Er schlenderte die Straße entlang und kam an der „Lesestunde“, einer seiner bevorzugten Buchhandlungen, vorbei. Um auf andere Gedanken zu kommen ging er hinein. Es waren ziemlich viele Leute da, die meisten standen um den Aktionsstand herum an dem offenbar eine Neuerscheinung angeboten wurde. Ein großes Schild verkündete: „Das gestohlene Manuskript“. Jerome stutzte, drängte sich durch die Menge und war schließlich direkt davor. Ungläubig nahm er das Buch in die Hand. Das war sein Buch, das an dem er gerade schrieb, die Story, zu der er keine Lösung fand.

Seine Hände fingen an zu zittern. Die Frau die neben ihm stand sprach ihn an. „Das Buch ist wieder ganz fantastisch. Ich habe alle Bücher von Calcul gelesen. Das hier habe ich vorgestern gekauft und konnte es bis zum Schluss nicht aus der Hand legen. Der Mann ist ein Genie.“

Er sah sie erstaunt an. Was sollte das? Er war der Autor. In jedem seiner Bücher war ein Bild von ihm. Wieso erkannte sie ihn nicht?

„Ja, ja..“ Er wusste nicht weiter und wandte sich ab. Mochte sie ihn für unhöflich halten. Er schlug das Buch auf und starrte auf die Innenseite des Umschlags. Über den Autor stand da, Jerome Calcul und darunter war ein Bild. Aber das war nicht er. Eine entfernte Ähnlichkeit war da, sicher, aber der Mann war mindestens 10 Jahre älter, hatte eine beginnende Glatze und einen Ziegenbart. Was war hier los.

In diesem Moment traf es ihn wie ein Blitz. Das war die Lösung. Egal wer dieser andere Calcul war, ER hatte das Buch zu Ende geschrieben, ER hatte offenbar eine Lösung gefunden, und damit er jetzt auch. Calcul nahm das Buch und ging zu einer der Leseecken, in denen man in den Büchern schmökern konnte bevor man sie kaufte. Hastig blätterte er zum letzten Kapitel und begann zu lesen.…

*

Mit zunehmender Spannung verfolgte Jerome wie der Kommissar die Falle plante und schließlich Jonathan überlisten und verhaften konnte. Das Ende war genial. Dass er da nicht selbst darauf gekommen war. Das heißt, eigentlich war er (oder wird er?) darauf gekommen. Es war alles sehr verwirrend, aber egal, jetzt hatte er die Lösung.

Er musste jetzt nur noch das Buch fertigschreiben und alles war gut. Er legte das Exemplar, das er gelesen hatte auf den Aktionstisch zurück und verließ den Laden.

Während er so ging geriet er ins Grübeln. Gut, er hatte jetzt eine Lösung. Aber woher kam die eigentlich. Was war das für ein Laden, in dem ein Buch verkauft wurde das es noch gar nicht gab? Je näher er seiner Wohnung kam desto mehr wich die Euphorie der Realität. Wieso war er nicht er? Oder war er er und nicht er? Er versuchte den Tag zu rekonstruieren. Ab wann war die Normalität verschwunden? Es war alles wie immer gewesen bis zu dem Zeitpunkt als er das rauchende Pärchen gesehen hatte.

Was war zuvor passiert? Hatte sein Nacken geschmerzt und er war an einen anderen Ort gebeamt worden? Hatte die Luft geflimmert und er war in ein Paralleluniversum gefallen?

Nein es war nichts dergleichen geschehen. Also war er übergeschnappt. Zuviel Phantasie. Zuviel Alkohol. Realitätsverlust.

Er beschloss eine Zigarette zu rauchen, schließlich hatte er gerade eine Packung gekauft. Er griff in die Jackentasche aber sie war nicht da. Mist. Die hatte er wohl im „Jean-Paul“ vergessen.

Er drehte sich um und ging zurück zum Café. Als er bei der „Lesestunde“ vorbeikam war die Werbung im Schaufenster verschwunden. Er hastete in den Laden. Keine Promotionsveranstaltung stattdessen ein Plakat mit der Aufschrift: „Noch zwei Monate bis zum nächsten Calcul.“

Im „Jean-Paul“ angekommen sah er sich um. Keine Aschenbecher auf den Tischen und auch niemand da der rauchte und natürlich keine Zigarettenschachtel an dem Platz, an dem er gesessen hatte.

*

Als er zu Hause war holte er eine Flasche Johnnie Walker aus der Bar, ein Glas, einen Aschenbecher und Zigaretten und ging zum Schreibtisch, auf dem das Notebook schon auf ihn wartete. Er würde jetzt hier sitzenbleiben bis er die Story im Kasten hatte. Jetzt keine Verzögerungen mehr.

*

Es war fast Mitternacht als er fertig war. Zigaretten waren alle, ein kleiner Rest Whisky, grad mal ein halber doppelter war noch da, aber egal, er war fertig. Er würde jetzt schlafen gehen und dann morgen früh das Kapitel noch mal durchlesen bevor das Buch zum Verlag ging. Das war eine eiserne Regel bei ihm. Immer nochmal eine Nacht darüber schlafen. Zufrieden ging er zu Bett.

*

Das Läuten an der Haustür weckte ihn unsanft aus seinen Träumen. Er stand auf, schlüpfte ihn Jeans und T-Shirt und öffnete schlaftrunken die Tür.

Da war ein Mann. Ziemlich groß und breitschultrig. Dunkle Lederjacke und eine verspiegelte Sonnenbrille. 3-Tage Bart. Irgendwie kam er Calcul bekannt vor.

Der Mann sprach ihn an. Herr Calcul, ich will es kurz machen. Sie haben gestern etwas gestohlen und dass kann ich nicht zulassen. Der Mann hatte plötzlich eine Pistole gezogen und auf ihn gerichtet.

Irgendetwas tut man immer als Letztes im Leben. Jerome erkannte Jonathan im gleichen Moment als dieser den Abzug betätigte und ihn erschoss.

*

Zwei Monate später kam „Das gestohlene Manuskript“ heraus. Zum ersten Mal unterlag das Gute in den Romanen von Jerome Calcul.

Der Erfolg des Buches übertraf den seiner Vorgänger bei weitem was möglicherweise der Tatsache geschuldet war, dass es auch das Letzte des Autors sein würde, da dieser kurz vor Vollendung bei einem Einbruch in seiner Wohnung ermordet worden war.

Das Werk wurde von dem aufkommenden Autor Jonathan Weiss posthum zu Ende geschrieben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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