Tobi Prel

Nachttrip

Knatternd und rumpelnd zog der rote Ford Fiesta über die nächtliche Autobahn. Gerade so schaffte er es das nötige Tempo zu halten.

Rebecca war noch voller Adrenalin nach dem Konzert. Der Lärm des Fahrtwindes klatschte, wie verzerrte Stimmen gegen die Scheiben des Wagens. Doch das klappernde Auto machte ihr nichts aus. Es war schon kurz vor zwei Uhr und die Autobahn in Richtung Hamburg noch ein weiter Weg, gerade erst hatte sie Berlin ein Stück hinter sich gelassen. Rebecca musste also konzentriert bleiben.

Mit ihrem Zeigefinger tippte sie den Takt von 'Kurz vor Malmö' auf das Lenkrad und summte leise die Melodie mit. Zwar hatte sie den Song schon hundertmal über Stereoanlage gehört, doch ihn live zu erleben, wie er direkt vor ihr aus dem gemeinsamen Spiel der Musiker entsteht und dies gleichzeitig mit hundert anderen Personen in einem Raum, war ein ganz besonderer, unvergesslicher Moment. Freudig begann Rebecca ein Lächeln zu formen. Dann griff sie nach rechts zur Beifahrerseite um die Colaflasche aus dem Fussraum aufzuheben. Mit einer geschickten Handbewegung drehte sie den Verschluss auf und trank einen großen Schluck daraus. Die Cola schmeckte abgestanden, die Kohlensäure hatte sich teilweise schon aufgelöst und den süß saurer klebrigen, fast schon geleeartigen Saft darin, konnte Rebecca nur mit etwas Ekel herunter bekommen. Doch jedes bisschen Koffein, das sie nur etwas wacher hielt, war ihr in diesem Moment willkommen.

Jenseits der Windschutzscheibe verschwommen die Lichtkegel des roten Ford Fiestas in der Ferne der Dunkelheit. Man konnte in der nebligen Nacht nur wenige Meter weit sehen, doch voraus waren nur vereinzelt rote Lichter erkennbar. Offenbar waren die jungen Mädchen also nicht die einzigen Reisenden auf dieser Strecke. Links und rechts des Wagens gaben die weißen Fahrbahnmarkierungslichter ihnen zudem die stille Gewissheit, noch auf der richtigen Spur zu sein. „Die Dinger sind fast wie kleine Leuchttürme“, verlor sich Rebecca einen Moment lang in ihren Gedanken, „Es ist fast schon romantisch.“ Für einen Augenblick lang fühlte sie sich geborgen und sicher, dann schüttelte sie sich, um ihre Träumerei abzuwedeln. „Du musst weiter fokussiert bleiben“, redete sie sich ein.

Rebecca warf einen Blick auf die Rückbank, ihre beiden Freundinnen lagen wie ein abstraktes Gemälde übereinander bzw. ineinander verknäult. Tina hatte über ihrem Bein ein riesiges Loch in den Leggins, ein Stück Stoff war herausgerissen. „Sie musste wohl irgendwo hängen geblieben sein. Kein Wunder bei dem Spaß, den sie gestern Abend hatte und vor allem bei dem, was sie gebechert hatte“, wunderte sich Rebecca.

Susanne gähnte laut und streckte sich, dann wischte sie sich den Sabber weg, der aus ihrem Mund geflossen war. „Nicht sehr sexy“, murmelte sie, während sie den Versuch unternahm sich aufzurichten und ihre zerzausten blonden Haare mit einem Zopfgummi zusammen zu binden. Ihre Brille hatte sich verselbstständigt und hing etwas verbogen und nur noch mit einem Bügel über ihrem Ohr von ihrem Gesicht herunter. Sie blickte kurz nach links und rechts, um sich zu orientieren und die Brille zu richten. Als ihr die schräg auf der Rückbank hängende Tina auffiel, musste sie Lächeln. Doch als Susanne an sich herunter sah und bemerkte, dass sie auf ihr weißes Top mit der Aufschrift 'Dorfdisko' gespeichelt hatte, drang ein lautes „Ach Scheiße“ aus ihr hervor. Tina raunte ihr müde entgegen, „Halt die Klappe ich will schlafen“. „Hej ihr seid ja wach“, rief Rebecca ihnen fröhlich von vorne zu. Sie hatte das Spektakel durch den Rückspiegel beobachtet und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ja, nee, geht schon“, erwiderte Susanne. „Oh, warte kurz, oh nein“. Hektisch kurbelte sie an dem Fensterheber, um etwas frische Luft in das stickige Auto hinein strömen zu lassen.

„Hej, mach das Fenster wieder hoch, das ist doch kalt“, stöhnte ihr erneut die schlafende Tina vom anderen Ende der Sitzfläche entgegen und warf genervt ihre Handtasche in Susannes Richtung. „Ah jetzt ist es besser, für einen Moment dachte ich, ich müsste mich übergeben“, beruhigte sich Susanne.

 „Alles in Ordnung bei dir Susi?“, Rebecca war etwas besorgt um den Zustand ihrer Freundin. „Ja, alles gut“, entgegnete ihr diese. „Ich habe wohl etwas viel getrunken.“ Ihr zerknautschtes Gesicht unterstrich die Aussage. Rebecca grinste ihr zu, „dafür hast du aber auch ein paar echt coole Dance-Moves hingelegt.“ Susanne nahm das Kompliment freudig an, „Merci, du hast dich aber auch heiß bewegt. Danke auch nochmal das du fährst, mit meinen Kopfschmerzen gerade, würde ich das nie und nimmer hinbekommen.“ Die beiden Mädchen lachten sich zu. „Kein Problem, du weißt doch Alkohol und sowas vertrag ich sowieso nicht, davon bekomm ich immer so komische Träume.“ Rebecca konzentrierte sich wieder auf den dunklen Asphalt vor sich. „Hast du vielleicht ne Aspirin oder so da vorne?“, fragte Susanne. „Nein aber ich kann dir was zu trinken ...“ „Könnt ihr eure Teeparty auf ein anderes Mal verschieben, manche Mitfahrer versuchen noch ihren Rausch auszuschlafen“, raunte es von der anderen Seite der Rückbank. Susanne zerrte an ihrem T-Shirt und an ihrer Hose, um wenigstens etwas Grazilität zu bewahren. Dann lehnte sie sich nach vorne zu Rebecca und begann  ihr leise zu zu Flüstern. „Was ist nur los mit ihr?“, Rebecca zuckte mit den Schultern. „Komm schon du weißt doch was, ihr seid schließlich enge Freundinnen.“ Susanne war neugierig und Rebecca war gerade jede Ablenkung von der monotonen Autofahrt recht, also flüsterte sie zurück.

„Tina ist krass drauf zurzeit, ich weiß. Aber nicht nur heute hat sie sich so abgeschossen, erst letzten Donnerstag als wir nach der ersten Abi Prüfung abends noch in der 'Alten Laterne' feiern waren, hat sie sie schon genauso verhalten. Sie hat voll viele Cocktails und Mischen getrunken und dann auf einmal so nen Typen aus der B-Klasse angequatscht. Tom glaube ich.“ Susanne hockte fasziniert und gespannt auf dem Schulterstück von Rebeccas Sitz. „Boar, wie aufregend, sie will es wohl zur Zeit echt wissen?“ Rebecca fuhr fort. „Am nächsten Tag kam Tina jedenfalls völlig verkatert zum Frühstück vorbei und berichtete dann voll relaxed, wie fantastisch sie mit Tom gevögelt hat. Heute weiß sie garantiert nicht mal mehr seinen Namen. Irgendwie tut mir der Typ jetzt leid ...“ Susanne haute Rebecca gegen die Schulter und kicherte, „Nein ehrlich, unglaublich!“  Rebecca war jedoch etwas besorgt, um ihre Freundin „Aber keine Ahnung warum sie so drauf ist, vielleicht versucht sie damit den Prüfungsstress abzubauen oder so, sie hat bestimmt was verhauen.“

„Ich weiß, dass ihr über mich lästert!“, sagte Tina launisch. Ein starkes Lallen klang in ihrer Stimme mit, „toll jetzt kann ich auch nicht mehr schlafen.“ Susanne lehnte sich wieder zurück auf die Rückbank und machte es sich bequem. Dann sah sie aus dem Fenster und versank in den vorbei ziehenden Lichtern.

Für einen Moment herrschte eine beruhigende Stille im Auto.

„Habt ihr schon mal Arschsex gehabt?“, Tina versuchte etwas unbeholfen die Stimmung aufzubrechen. Sie sich streckte sich und versuchte sich nun auch langsam aufzurichten. Rebecca konnte nicht an sich halten und brach in Gelächter aus, doch Susanne war entsetzt. „Tina, echt jetzt?!“ „Was denn Mrs. Spießig? Ich kann nix dafür, dass du so verklemmt bist“, entgegnete ihr Tina mit Unverständnis. Susanne schüttelte ablehnend den Kopf und verschränkte ihre Arme. Dann wandte sie sich wieder zum Fenster und blickte in die Nacht.

„Ich mein ja nur, dass müsst ihr echt mal ausprobieren, mir wird ganz kribbelig wenn ich daran denke und das ist schon fast so gut wie ein vaginaler Orgasmus“, fuhr Tina fort. Rebecca blickte in den Rückspiegel, sie sah wie ihre Freundin versuchte sich leicht unkoordiniert an ihrem Hinterkopf zu kratzen. Dabei verwuschelte sie total ihre blau braune Mähne. „Meinte sie das jetzt ernst?“, fragte sich Rebecca.

Tina bemerkte ihren fragenden Blick und versuchte zurück zu lächeln, „also was ist mit dir Beccs und diesem Dobi, du willst mir doch nicht erzählen, dass er dich noch nicht danach gefragt hat.“ Rebecca antwortete gelassen, „Sein Name ist Bodi und er ist ein Gentleman.“ Tina verdrehte die Augen, „Ach herrje, sag nicht, dass du auch noch Jungfrau bist, wie unsere Oberlesbe hier?“ Susanne stieß einen genervten Laut aus und schüttelte abweisend den Kopf. Rebecca lächelte, „Nein Sex hatten wir natürlich schon jede Menge und auch unbeschreiblich guten, aber halt nicht von Hinten.“ Tina hatte die Stelle an ihrem Hinterkopf gefunden, an der sie der Juckreiz scheinbar plagte. Rebecca fuhr fort, „Ich stell mir das aber aufregend vor, ich meine das ist doch bestimmt viel intensiver, weil es enger ist und so.“ Tina fühlte sich verstanden, „Oh ja mein Mädchen, das ist es, vor allem wenn der Typ ihn ganz sanft und gleichmäßig, mit Gefühl einfü...“ Susanne warf ihr Kissen auf Tina, „Hast du irgendein Problem oder warum musst du immer so vulgär sein? So verhält sich doch kein normaler Mensch.“ „Was willst du denn von mir du kleine Streberin, ist doch ok offen darüber mit seinen Freundinnen zu sprechen, das ist was ganz natürliches“, wehrte sich Tina verständnislos. „Nein, irgendwas stimmt doch mit dir in letzter Zeit doch nicht. Sag es ihr Beccs, du denkst das doch auch.“ Tina und Susanne schubsten sich auf der Rückbank gegenseitig hin und her. Doch Tina wollte es nicht auf sich beruhen lassen. „Was meint sie damit Beccs? Denkst du auch ich sei komisch?“ Rebecca fühlte sich ertappt, „Nein das nicht, du bist eine meiner besten Freundinnen, das weißt du doch. Aber in letzter Zeit scheinst du etwas extremer ... nun ja ... die Sau raus zu lassen ... als sonst.“ Tina war verletzt und reagierte eingeschnappt. „Das ist doch nur weil dies vielleicht unsere letzten Tage zusammen sind. Dass ihr das nicht checkt, verstehe ich nicht. So jung werden wir nie wieder sein, also ist jetzt die Zeit in der wir das heftig Feiern sollten.“ Tina zog sich ruhig in ihre Ecke auf der Rückbank zurück. Rebecca fühlte sich mies, sie musste etwas sagen und ihre Freundin zu unterstützen, „... und ja Susi es ist übrigens ganz normal mit seinen Freundinnen auch mal über Sex zu sprechen.“ Susanne schüttelte fassungslos den Kopf und verdrehte ihre Augen, ansonsten blieb sie jedoch still. Die Blicke der Mädchen wandten sich  aus den entgegengesetzt voneinander liegenden Fenstern. Die Stimmung im Auto war unangenehm still. „Wenn ihr so spießig seid, brauch ich euch wohl auch erst garnicht von meinem neuen Tatoo erzählen“, versuchte Tina erneut die Stimmung durch ihre unbekümmerte Art aufzuheitern. Rebecca sah sie durch den Rückspiegel an und musste wieder lächeln, sie mochte die Lockerheit ihrer Freundin, doch kommentierte es nicht weiter. Susanne setzte sich jedoch komplett genervt ihre Kopfhörer auf und versuchte die anderen mit Hilfe von Musik auszublenden.

Die Fahrt ging nur langsam voran, mittlerweile häuften sich jedoch die Autos um sie herum. Eine Fahrbahnseite war auf einmal gesperrt und nach einer Weile fand sich der rote Ford Fiesta schließlich in einem Stau wieder.

„Oh nein, wir stecken fest“, informierte Rebecca die anderen. „Irgendwas muss da vorne passiert sein? Vielleicht ein Unfall oder so?“ Susanne nahm neugierig ihre Kopfhörer ab, ihr Blick richtete sich nach vorne, um besser sehen zu können, huschte sie vorwärts und streckte ihr Haupt zwischen die beiden Vordersitze. „Ich seh jedenfalls keine Blaulichter, vielleicht nur eine Baustelle?“ Mit einem enttäuschten Stöhnen fiel Susanne zurück auf ihren Sitz. Tina war ebenfalls neugierig, sie löste ihren Schneidersitz, kurbelte das Fenster herunter und hängte sich aus dem Seitenfenster. „Oh fuck, das sieht aus, als würde es etwas dauern. Die stehen bis hinter der Kurve.“  Enttäuschung machte sich im Wagen breit. Tina kletterte zurück in die Kabine und versuchte optimistisch zu bleiben. „Dann kann ich wenigstens mal eine Rauchen gehen.“ Einen kurzen Moment später stand sie bereits draußen und zündete sich eine an. Rebeccas Blick war voller Fragen, „Wie lang würde das wohl dauern?“ Sie schaltete den Motor aus, nahm ihr Handy und tippte ein paar Zeilen für ihren Freund, um ihm mitzuteilen, dass sie noch etwas länger brauchen werden. Mit einem tiefen Stöhnen fuhr sie sich anschließend durch die Haare und warf das Handy auf den Beifahrersitz. Sie bemerkt wie ihre Freundin Susanne sich auf dem Rücksitz zusammen gekauert hatte. Sie wirkte deprimiert und etwas glitzerte in ihren Augen.

„Hej, wir sind kurz vor Malmö, fast in Kopenhagen was?“, versuchte sie Rebecca sie aus der Reserve zu locken. Susanne bemerkte dies und lächelte etwas, „Wohl eher in der Nähe von Kappstadt unterm großen Wagen.“ Beide Mädels kicherten. „Tina kann ganz schön nerven nicht wahr, aber bald haben wir es geschafft und sind zu Hause.“ Rebecca wollte ihre Freundin etwas aufmuntern. „Ja, so ist sie, aber das ist es nicht, was mich nervt.“ Susanne malte etwas verlegen mit ihrem Finger Kreise auf ihrer Hand, sie hatte tatsächlich eine Träne in den Augen. Sie holte tief Luft, es wirkte so als würde sie Kraft sammeln wollen, um etwas mitzuteilen. „Hör mal Beccs“, sagte sie schließlich, „ich weiß ich kann dir vertrauen, ich würde dir gern etwas erzählen, aber du musst mir versprechen es für dich zu behalten.“ Rebecca war überrascht, aber stimmte zu. „Natürlich, du kannst mir alles erzählen.“ Susanne rang noch einmal nach Luft, es schien ihr schwer zu fallen, doch schließlich fuhr sie fort. „Ich glaube, ich ... habe Gefühle für Tina, Gefühle wie Liebe.“ Ihre Stimme zitterte, aber nach dem es ausgesprochen hatte, wirkte sie erleichtert. Rebecca war perplex, sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Also blieb sie ganz ruhig und wollte weiter den Worten ihrer  Freundin lauschen. Diese fummelte nervös an ihren Händen herum. „Ja und es macht mich wahnsinnig. Ich meine ihre rüde Art ist genau das, was mich an ihr so fasziniert, aber auch das was mich so fertig macht.“ Susanne fuhr sich mit einer Hand Bewegung durch ihre Frisur und stieß ein lautes Raunen aus. Es schien sie zu erdrücken. „Ich meine, ich weiß nicht, ob du das nachvollziehen kannst Beccs. Es ist zum Haare raufen, ich versuche immer alles akkurat und ordentlich zu machen und sie hat diese ... chaotische Leichtigkeit, das ist sehr anziehend für mich.“ Susanne lächelte als sie dies sagte, sie wirkte so unschuldig und so verletzlich in diesem Augenblick. Rebecca lächelte, auch sie hatte nun ein paar Tränen in den Augen. Sie löste ihren Gurt und drehte sich mit einem Satz zu ihrer Freundin um, damit sie sich dieser nun vollständig zuwenden konnte. Sie sah Susanne verständnisvoll in die Augen. „Ich wusste ja nicht ...“ Doch Susanne unterbrach Rebecca bevor sie ausreden konnte, ihr Blick wandte sich zum Boden, es war ihr etwas unangenehm. „Ja, aber sie behandelt mich wie Dreck und nimmt mich nur als blöde schwache Streberin wahr. Oh Gott, das ist so frustrierend.“ Susanne lief eine Träne über die Wange und sie begann zu schluchzen. Rebecca umarmte sie. „Du bist alles andere als schwach, du bist die geerdetste und erwachsenste Person die ich kenne.“ Susanne versuchte sich die Tränen zu verkneifen und schluchzte noch mehr. „Danke, aber bitte behalte das für dich Beccs, ja? Versprich es mir!“ Sie nickte, „Natürlich und alles wird gut, du wirst schon sehen.“ Dann lösten die beiden ihre Umarmung. Rebecca drehte sich wieder zum Fahrersitz und suchte die Cola, um Susanne einen Schluck anzubieten. Nachdem sie diese gefunden hatte, hielt sie ihrer Freundin die Flasche hin. Susanne hatte sich wieder zusammen gekauert, schien aber deutlich gefasster als noch vor ein paar Augenblicken zu sein. Sie schaute den Nieselregentropfen zu, die auf dem Seitenfenster ihre Bahnen nach unten zogen. Als sie das Angebot von Rebecca bemerkte, schüttelte sie ablehnend den Kopf und wischte sich ihre letzte Träne aus dem Auge. „Ist das eigentlich die Cola von Tina?“, fragte sie nach. „Ja wieso? Hast du Angst vor ihrem Speichel?“, Rebecca wollte die Stimmung wieder etwas auflockern. Susanne ignorierte dies. „Nein, aber du solltest vielleicht nicht zu viel davon ...“ Tina betrat das Auto und knallte gewohnt trampeltierartig die Tür zu. Sie war durchnässt und roch nach Zigarettenqualm. „Es geht weiter Bitches, da vorne tut sich was.“ Rebecca wischte sich mit dem Handrücken die Augen aus, dann startete sie den Motor. Noch einmal wandte sie sich Susanne zu. „Alles Ok bei dir? Willst du vielleicht auch noch einmal kurz Luft schnappen?“ Susanne antwortete gereizt, „Nein alles gut, ich bin doch kein kleines Kind, das man immer an die Hand nehmen muss.“ Rebecca war verwundert, doch bevor es ihr möglich war zu reagieren, konnte Tina es nicht lassen einen Kommentar dazu abzugeben, „Ok ... Mädels, es scheint als wäre die Stimmung hier etwas angespannt, habt ihr etwa rumgemacht, als ich draußen war und jetzt hab ich euch unterbrochen? Lasst euch von mir nicht stören, macht einfach weiter.“

Susanne steckte sich erneut genervt ihre Kopfhörer in die Ohren, dann drehte sie die Musik laut auf, um alles um sich herum auszublenden. Nach ein paar Minuten war sie schließlich eingeschlafen.

Rebecca war geladen und schrie Tina wütend an „Was ist nur los mit dir, jetzt mal ehrlich? Ich meine selbst für deine Verhältnisse und versteh mich nicht falsch du bist meine beste Freundin und ich mag dich wie du bist, aber selbst für dich, bist du in letzter Zeit etwas extrem unterwegs. Kannst du Susi nicht mal in Ruhe lassen oder versuchen sie als Menschen, als deine Freundin ernst zu nehmen? Hä? Kannst du nicht mal überhaupt irgendetwas ernst nehmen?“ Tina war überfordert von der Reaktion ihrer Freundin, so hatte sie Rebecca noch nie erlebt. Wie überfahren stammelte sie ein paar Worte vor sich hin, „Ich, ähm Nein, oh es tut mir Leid, ich wollte nicht.“

Der Stau auf der Fahrbahn ging nur schleppend voran, doch nach ein paar hundert Metern begann er sich schließlich aufzulösen. Rebecca nutzte die Gelegenheit und trat das Gaspedal voll durch. Sie musste ihrem Ärger Luft zu machen und blendete alles um sich herum aus. Der rote Ford Fiesta begann jedoch nur langsam an Fahrt aufzunehmen, nach einigen Minuten des lauten Motorgrollens und voll Adrenalin begann sich Rebecca schließlich wieder zu sammeln. Sie atmete ein paar Mal tief durch und realisierte, was sie getan hatte. Um die Wogen zu glätten, wollte sie sich bei Tina entschuldigen, also warf sie einen Blick zu ihrer Freundin in den Rückspiegel.

Tina wirkte wie abwesend. Sie malte mit ihrem Finger Kreise in das beschlagene Seitenfenster und war sehr still, eine Seite, die man nicht oft von ihr sah. Rebecca drehte sich in ihre Richtung und warf ihr einen skeptischen Blick zu. Dann fragte sie, „Hej tut mir leid, ich wollte nicht gemein ...“ „Schon gut Beccs“, unterbrach Tina sie, „du hast ja komplett recht.“ Rebecca war verwundert. „Ist es wegen der Prüfungen? Ich meine da brauchst du dir echt keine Sorgen machen, in Mathe fallen wir wahrscheinlich alle durch.“ Tina veränderte ihre Haltung, nun wirkte sie eher angespannt und als ob sie etwas belastete. Schließlich antwortete sie leicht irritiert, „Nein, nein ... das ist es nicht. Auch wenn die Nervi hier, dass gerne hören würde, damit sie sich noch erhabener fühlt.“ Rebecca hackte weiter nach, „Aber was ist es dann?“ Tina antwortete etwas verzögert, als wüsste sie nicht was sie dazu sagen sollte. Auf ihrem sonst so fröhlichen Gesicht zeichnete sich eine eher nachdenkliche Falte. „Danke übrigens ... weißt du, du bist auch meine beste Freundin.“ Tränen bildeten sich in Tinas Augen, doch trotzdem wirkte sie kalt und emotionslos. Es tat Rebecca leid sie so zu sehen. Doch Tina begann sich zu erklären. „Ach, es ist ... es war wegen diesem Typen neulich, Tom. Ich war schon länger hinter ihm her, weil ich ihn, nun, unglaublich heiß fand und an dem Abend der ersten Abiprüfung in der 'Alten Laterne'“, Rebecca lauschte gespannt den Worten ihrer Freundin, „naja an dem Abend hab ich meine Chance genutzt, um mit ihm Geschlechtsverkehr zu haben. Das war auch super, irgendwie ... ich meine wir haben viele Arten ausprobiert, aber es war auch ... beängstigend.“ Rebecca war verdutzt über die ehrliche Antwort ihrer Freundin, doch wollte sie nicht unterbrechen. „Du weißt schon, da ist so ein Typ, jemand Fremdes im Prinzip, ihr macht rum und es herrscht diese elektrisierende Spannung zwischen euch. Dann wird es heißer, du lässt dich darauf ein, vertraust dem Moment, lässt dich fallen und teilst deinen Körper mit ihm. Es macht Spaß, tut aber auch ein bisschen weh und dann, dann kommt er in dir und auf einmal ist das alles weg, wie verflogen. Er ist fertig mit dir und du bist nur noch eine Art nasser Sack, der neben einem Unbekannten liegt, die aufregende Atmosphäre ist verbraucht, man fühlt sich so benutzt, wie ein Gegenstand, der nach seiner Verwendung einfach weg geworfen wird. Als wäre das alles nichts wert gewesen. Das ist doch, das ist so oberflächlich und erbärmlich.“ Rebecca runzelte die Stirn, sie war nach wie vor perplex. War Tina wirklich so viel naiver als sie immer dachte? „Also beschwerst du dich über einen spaßigen One-Night-Stand? Dann war der Typ wohl doch nicht so gut.“ Rebecca hoffte durch einen dummen Spruch die Stimmung etwas heben zu können, doch Tina begann zu schluchzen und zu weinen, jedoch tat sie dies leise, scheinbar wollte sie nicht, dass Susanne etwas davon mitbekommt. „Ich fühl mich so kaputt und so dumm.“ Rebecca war überfordert. Mit dieser Reaktion ihrer Freundin hätte sie nicht gerechnet. Sie fuhr etwas langsamer, um sich zu Tina umdrehen zu können. „Hej tut mir leid. Ich ... ich wollte dich nicht beleidigen und das mit Tom tut mir auch voll leid. Der hat dich doch gar nicht verdient.“ Tina rang sich ein Lächeln ab, doch es hielt nicht lange an. Sie nahm Rebeccas Hand, damit sie ihr zur Beruhigung über die Wange streicheln konnte. Tina wirkte frustriert, fast schon zerstört, „Ich will nur einmal etwas tief Ehrliches erleben und nicht nur diese oberflächlichen Kurzbeziehungen, aber das liegt wahrscheinlich an mir, ich bin beziehungsunfähig, wer würde so jemanden wie mich schon lieben.“ Rebecca nahm ihre Freundin in ihren rechten Arm, um sie zu beruhigen. „Das stimmt nicht, du bist eine tolle Person. Zwar meist das pure Chaos, aber das macht dich ja gerade so liebenswert. Es gibt da Draußen viele die das zu schätzen wissen, glaub mir. Manchmal muss man seinen Weg erst eine Weile gehen, um der richtigen Person zu begegnen, du musst nur noch etwas durchhalten.“ Tina schien etwas beruhigt zu sein. Rebecca begann nun auch feuchte Augen zu bekommen. „Du weißt doch, Mut belügt dich nicht und Träume sind verbindlich.“ Tina lächelte ihrer Freundin über beide Wangen zu und streichelte sanft über ihre Wange. „Danke für die deine netten Worte. Ich werde mich nachher mal bei Susi entschuldigen, ich bin wohl echt eine Zumutung zurzeit.“ Rebecca löste ihren Arm von Tina und wandte sich wieder komplett der Fahrbahn zu. Sie war geschafft und ausgelaugt, mit so einer emotionalen Nachtfahrt hatte sie nicht gerechnet. Rebecca schüttelte  sich und wischte mit der Hand über ihr Gesicht, um sich wieder voll fokussieren zu können. Tina schien es deutlich besser zu gehen, Rebecca nutzte den Moment um ihr ein Kompliment zu machen. „Deine Jeansjacke ist übrigens cool, passt zu deinem Rocker-Chic Outfit.“ Tina erwiderte dies freudig „Danke, deine Boots sind aber auch echt scharf.“ Beide Mädchen lachten verlegen, dann sagte Tina, „Scheiß Alkohol was? Als Fahrer muss man sich immer den ganzen nerv tötenden Ballast der Trunkenbolde aufladen.“ Rebecca zuckte mit den Schultern, doch sie war froh, dass Tina wieder ihre Leichtigkeit zurück hatte. „Ach das geht schon.“ Tina lag auf ihrer Seite und träumte etwas vor sich hin. „Weißt du, sollte heute unser letzter gemeinsamer Abend gewesen sein, bin ich echt glücklich, dass wir ihn zusammen erlebt hatten. Der Trip und vor allem das Konzert war super, mit euch Mädels.“

Dann richtete sich Tina auf und nahm ihre Handtasche, um darin herum zu wühlen. Nach einer Weile zog sie eine kleine leere Plastiktüte heraus. In ihrem Blick zeichnete sich Verwirrtheit ab. „Hast du eigentliche meine funky Cola gesehen Beccs?“ Die Müdigkeit begann Rebecca mittlerweile deutlicher zu schaffen zu machen, sie reagierte nur noch affektiv auf die Frage ihrer Freundin. „Ja, klar die liegt hier vorne auf dem Beifahrersitz.“ Tina war perplex, „Was macht sie den da vorne bei dir? Oh, du hast doch nicht etwa daraus ...“

Rebecca viel es mittlerweile deutlich schwerer sich zu konzentrieren. Ihr Kopf begann immer stärker zu pochen und sie hörte nur noch ein merkwürdiges Rauschen. Es fühlte sich an als würde sie von innen ausbrennen. Rebecca schüttelte sich, doch es half nicht. Dann für einen kurzen Moment kniff sie ihre Augen zusammen, vielleicht würde es danach ja besser sein und tatsächlich, auf einmal herrschte komplette Stille. Die Lichter um sie herum begannen zu verschwimmen und sich ineinander in verschiedenen Gebilden zusammen zu finden. Das helle Weiß der Sterne und der Fahrbahnmarkierungen vereinten sich und formten glitzernde, durchsichtige geometrische Formen, die graziös und mystisch direkt vor dem roten Ford Fiesta ihre Bahnen zogen. Galant schwebten diese von Recht nach Links langsam über die Fahrbahn, fast zum Greifen nahe. Plötzlich begann auch der Wagen voller Leichtigkeit ab zu heben und dem verzerrten Lichtspektakel am Nachthimmel zu folgen. Gemeinsam mit den Lichtern tänzelte er eine Weile durch den nächtlichen Himmel. Es war ein bezauberndes und hypnotisches Ereignis. Rebecca war vollkommen fasziniert und konnte nicht begreifen, was sich um sie herum abspielte. Noch einen Moment lang konnte sie es genießen, doch dann verschwanden die Lichter plötzlich wieder und die Autobahn war komplett finster.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Tobi Prel).
Der Beitrag wurde von Tobi Prel auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Klima - Wandel Dich! von Torsten Jäger



Das Buch ist ein kreativer Gegenwandel zur drohenden Klimakatastrophe. Teil eins enthält fachliche Infos rund um das Thema und praktische Tipps, wie man persönlich das Klima schützen kann. Teil zwei ist eine Sammlung kreativer Werke - Lyrik, Prosa, Fotografien, Zeichnungen. Das Motto des Buches: „Wir sind Kyoto!“

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Freundschaft" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Tobi Prel

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Geschichte von Ihr und Ihm von Tobi Prel (Zwischenmenschliches)
Muschi von Norbert Wittke (Freundschaft)
Keine hundert Jahre für Dornröschen! von Jürgen Berndt-Lüders (Drama)