Bernhard Pappe

Herbst – Laub – Erinnerung


Mittagspause. Spaziergang nach dem Essen. Meine Füße betreten bekannte Wege.

Mein Gang über den herbstlichen Weg kreiert Geräusche und Düfte. Mit meinen Schuhen durchquere ich Stellen trockenen Laubes. Der Sound raschelnder Blätter steigt auf. Ich erwische mich dabei, dass ich durch meine Gangart dies gar provoziere. Den Geräuschen haftet ein Duft an. Es ist der Geruch nach Staub und trockenem Laub - jeder kennt ihn, jeder nimmt ihn anders wahr. Schwer zu beschreiben, selbst wenn Beschreibungen von Düften und Aromen oft in ihrer Schwülstigkeit sinnlose Ausmaße annehmen, die Individualität jeder Wahrnehmung ignorierend.

Ich gehe meiner Wege in diesem Augenblick. Da ist die Präsenz eines weiteren Augenblicks. Hier fährt ein Junge auf einem blauen Fahrrad durch den Herbsttag. Er freut sich über das Rascheln von Blättern und atmet den Duft des Weges ein. Es riecht intensiv nach Herbst. Der Junge wollte zu den Apfelbäumen fahren, die, nicht weit entfernt am Flussufer stehen, um für sich ein paar aromatische Früchte zu holen. Seine Vorstellung von einer möglichen Zukunft in diesem Augenblick. Noch raschelt das Laub unter den Reifen seines blauen Fahrrades. Noch entströmt ihm der charakteristische Duft eines staubigen Herbstweges.

Ich bin der Junge auf dem Fahrrad. Wie viele Jahre mögen zwischen den Augenblicken liegen? Ich lege der Einfachheit halber die Zahl 50 fest. So falsch kann sie nicht sein, auch wenn ich Tag, Monat und Jahr nicht benennen könnte. Es ist nicht wichtig. Meine Füße tragen mich weiter. Haben Gedanken Füße? Sie tragen mich weiter und laden mich in einem Weltenmodell ab, welches die Gleichzeitigkeit der Dinge als Fundament hat. Die Zeit verliert hierin ihren angestammten, uns gewohnten Charakter. Der junge Teenager auf seinem blauen Fahrrad und der alternde Mann in seiner Mittagspause existieren parallel, verbunden durch den Duft des Herbstes. Jeder zieht seine Kreise. Der alternde Mann kann sich an die Zukunft des Jungen erinnern. Kann sich der Junge an die Zukunft des alternden Mannes erinnern? Erinnerungen an die Zukunft – ein faszinierender Gedanke.

Der Junge auf dem Fahrrad hat gewiss nicht über die kommenden 50 Jahre nachgegrübelt. Er erfährt, und das sehr wörtlich, den Augenblick. Seine Phantasie hätte für die Zahl der Zukunftsmöglichkeiten nicht ausgereicht. Ein Physikstudium war noch nicht einmal eine verschwommene gedankliche Option. Der alternde Mann kennt den Jungen und seine Zukunft gut, schließlich hat er sie gelebt. Auch er hat eine Zukunft. Will er sich an sie erinnern?

Meine Schuhe berühren längst andere Orte auf dem bekannten Weg. Ich schaue auf die Uhr. Zeit für den Rückweg. Der Junge fährt auf dem blauen Fahrrad davon, wohl zu seinen Äpfeln – es riecht nach trockenem Laub und Herbst.

 

Ein drohender Wadenkrampf schreckte mich im Bett auf. Er war schnell überwunden. Hernach einschlafen – schwierig. Gedanken des Heute verwoben sich zu einer Geschichte über das Gestern. Ich sitze am Laptop und schreibe sie auf, die Erinnerung an die Erinnerung. Ich erinnere mich spontan daran, dass ich mein Fotobuch über den Herbst finalisieren will. Natürlich will ich auch die Geschichte im Forum veröffentlichen, um meiner Spontanität mal das Feld des Handelns zu überlassen. Zwei Vorhaben für diesen Samstag oder doch nur eine Erinnerung aus dem Augenblick heraus an die Zukunft?

 

© BPa / 10-2018

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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