Hans Fritz

Die Tauchfahrt


Vorlese

Eine Klimaänderung schreitet unaufhaltsam fort und in der Folge dürften weite Landstriche der Erde für den Menschen unbewohnbar werden. Da scheinen auch die ausgefallensten Ideen zur Rettung der Menschen nicht von vornherein abwegig. Dass dabei das Genre Science Fiction einschliesslich worst-case-Szenarien strapaziert wird versteht sich fast von selbst. Gerade die zur Zeit in unseren Breiten herrschende aussergewöhnliche Trockenheit eines Nachsommers mit massiven Ernteausfällen mag dazu beitragen.
Die Landung auf einem erdfernen, in exogalaktischem Spiralnebel heimischen Planeten, von dem gerade einmal vage, schemenhafte Vorstellungen existieren, wird anscheinend selbst von Wissenschaftlern nicht ganz ausgeschlossen. Die vielleicht Jahrzehnte dauernde Fahrt eines Raumschiffs mit mehrere Generationen umfassenden Besatzungen wird stillschweigend vorausgesetzt.
Dem Zwang «weg von der Erdoberfläche, aber nicht vom Planeten Erde» gehorchend, böte sich als Alternative zum Aufbruch in fremde Welten beispielsweise die Unterkunft in fest verankerten Unterwasserstädten* an. Das käme allerdings besonders im Fall von vorhersehbaren, zeitlich einigermassen überschaubaren Naturkatastrophen grösseren Ausmasses infrage.
Riesenhafte, die dunklen Tiefen der Ozeane durchkreuzende Uboote wären auch eine Option. Um ein solches Megatauchboot geht es im folgenden Text.

* Vgl. meine Kurzgeschichte «Morledong»

 

Der Gedenkstein

Das Ausflugsschiff Laguna III legt in einer durch schroffe Felswände geschützten Bucht an. Gut hundert Ausflügler begeben sich über den improvisierten Pier auf den mit grobem Kies aufgeschütteten Strand. Hier sollen einst die Passagiere der Abyssoica, eines Uboots der Superklasse, nach siebenmonatiger Reise an Land gegangen sein. Ein dankbarer Stoff für einen Roman, denken die Publizisten Bert Schönnenblum und Gerhild Bargedorn. Sie entdecken eine steinerne Tafel mit der Aufschrift in mehreren Sprachen ‘Zum Gedenken derer, die die Tauchfahrt der Abyssoica im Jahre 2054 nicht überlebt haben’. Darunter befinden sich 38 zum Teil schon recht verblasste Namen. ‘Karl Josef Bargedorn’ liest Gerhild. «Das könnte mein Grossvater mütterlicherseits gewesen sein, der lange als vermisst galt und dann für tot erklärt wurde», vermutet sie. «Er gehörte zur Besatzung eines Tauchboots, das sich auf einer Probefahrt befand, die acht Monate dauern sollte». «Ging er als Freiwilliger auf das Boot?» fragt Bert. «Kurz nachdem meine Grossmutter gestorben war meldete er sich beim Schiffbau und arbeitete dort in der Planung», erklärt Gerhild. Bert meint dazu: «Fragen wir doch die letzten Überlebenden, ob sie etwas wissen. Unser Konkurrenzunternehmen veröffentlichte kürzlich einen Artikel: Ehepaar Lindenwirth aus dem deutschen Elbstadt verbrachte sieben Monate auf der Abyssoica».

 

Die Tauchfahrt der Abyssoica

Bert und Gerhild finden die Adresse der Lindenwirths heraus und kündigen ihren Besuch an. Darüber hält sich die Freude der Elbstädter erst einmal sehr in Grenzen, dann willigen sie aber nach zweitägiger Bedenkzeit ein.
Das Gespräch verläuft zunächst zäh und unergiebig. Nach dem Genuss eines Tees, den die ‘Lindenwirthin’ aus derben Kräutern zubereitet hat, läuft die Sache besser und der ‘Lindenwirth’ gerät schon bald ins Plaudern. Er gestattet Bert sein Aufnahmegerät von Taschenuhrgrösse zu benutzen.

Herr Lindenwirth berichtet: «Die Teilnahme an der Tauchfahrt der Abyssoica auf Freiwilligenbasis war in den Medien ausgeschrieben worden. Zweitausend Männer und Frauen im Alter von zwanzig bis fünfzig Jahren waren aufgefordert, sich nach einem Eignungstest innert drei Tagen zu melden. Sonderbarerweise hatten sich bis zum Terminende erst rund 1600 Personen angemeldet, sodass die Frist um einen weiteren Tag verlängert wurde. Zum Schluss waren es dann knapp zweitausend. Die Besatzung bestand aus 180 Personen. Nicht viel, mögen Sie denken. Aber von 850 Interessenten erwiesen sich lediglich jene 180 Männer und Frauen als geeignet. Ich selbst gehörte einer Betreuergruppe an, die dem dritten Offizier unterstellt war.
Nun lag die Abyssoica an der Aussenreede eines französischen Hafens bereit zum Ablegen. Als die letzten Container mit Nahrungsmitteln und Sonstigem an Bord gehievt waren, ging es los. Nach etwa zwölf Meilen gemächlicher Fahrt begann der Tauchgang. Hinab zunächst auf 300, dann auf 600 Meter. Tiefer als 800 Meter durften wir nicht tauchen, aus drucktechnischen Gründen.

Über die Technik an Bord möchte ich Folgendes sagen.
Zum Antrieb des Boots, zur Speisung der Kühlaggregate, der Beleuchtung und so weiter benötigte Strom wurde von Brennstoffzellbatterien erzeugt. Dazu benötigter Wasserstoff und Sauerstoff wurden aus einer Elektrolyse gewonnen. Mit Sauerstoff musste jedoch auch die Atemluft angereichert werden. Um einem Engpass in der Stromversorgung vorzubeugen, befand sich für alle Fälle ein Mini-Kernreaktor an Bord, für die Öffentlichkeit als batteriebetriebener ‘Desinfektor’ deklariert.
Die Wasserversorgung geschah mittels Ultrafiltration und Entsalzung des Meerwassers. Abwasser wurde grob vorgereinigt, dann sehr energieaufwendig gereinigt und nach aussen gepumpt. Das Meer sollte nicht durch unser Zutun noch mehr verschmutzt werden.
Acht ‘unbemannte’ Erkundungsdrohnen sowie vier Mini-Uboote für je drei Mann sollten in bestimmten Abständen registrieren, was über dem Meeresniveau und an Land geschieht. Direkte Funkverbindungen und dergleichen mit der Oberwelt gab es nicht. Im Boot hatten wir so etwas wie ein Intranet, das gut funktionierte.
Auf dem Mitteldeck gab es neben dem Gesundheitszentrum mit Arztpraxen und einer Krankenstation die Zentrale des Wachdienstes, aber auch kleinere Konferenzräume und die Unterkünfte der Besatzung.
Das Oberdeck zeichnete sich durch die Speisesäle, Gymnastikstudios, Meditationsecken und Kleinbühnen aus. Prunkstück war jedoch der Grosse Saal, offen für allerlei Veranstaltungen.
Die Wohn- und Aufenthaltsräume der Passagiere befanden sich im Unterdeck.» «Wo waren die Lager für Esswaren untergebracht?» möchte Gerhild wissen. «Die waren über die drei Decks verteilt, ebenso die Tanks für Trinkwasser. Allen Annehmlichkeiten, die die Abyssoica bot zum Trotz, verspürten viele Passagiere Langeweile und es kam immer öfter zu teils gewalttätigen Ausbrüchen, untermalt von Rassismus. Die Wachleute waren mit Strahlenwaffen ausgestattet und konnten so das Schlimmste verhindern. Ich muss noch betonen, dass Alkohol und Drogen als unentdeckte Schmuggelware an Bord gelangt waren.
Im sechsten Monat unserer Odyssee, wie wir unsere Reise bereits nannten, nahm die Zahl der Störfälle in der Versorgung rapide zu, die Nahrungsmittel wurden knapp. Ein Zwischenstopp in einem Hafen, wo Reparaturen vorgenommen und Nahrungsmittel zugeladen werden könnten, war im Konzept der Probefahrt nicht vorgesehen. So wurde beschlossen, das Experiment nach sieben Monaten Tauchfahrt abzubrechen. Als es dann soweit war, gingen die Passagiere und ein Grossteil der Besatzung an einer ligurischen Küste an Land. Das Tauchboot wurde dann in einen schottischen Hafen überführt. Warum gerade dorthin, weiss ich nicht.
Alles in allem war die Probefahrt der Abyssoica aus meiner Sicht nicht ganz erfolglos. Es wurde klar, welche Mängel in der Technik, in der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und in der Betreuung der Passagiere bei künftigen Fahrten, sollte es die jemals geben, vermieden werden müssten».

Die Besucher bedanken sich aufs Herzlichste. Als sie sich schon erhoben haben, überreicht Herr Lindenwirth dem Bert einen roten Umschlag, der einen Datenstick enthält. «Darauf sind meine Aufzeichnungen, die ich in meiner Koje nach guter alter Sitte zu Papier gebracht habe», erklärt der Gastgeber. «Die Handschrift hatte ja damals eine Renaissance erlebt», meint Gerhild. «Nun, es waren alles lose Blätter, aber durchnummeriert», erklärt Herr Lindenwirth. «Unser ältester Enkel hat die dünnen, leicht vergilbten Papierbögen abgelichtet und den Text auf dem Stick gespeichert».

 

Aus Herrn Lindenwirths ‘privatem’ Logbuch

Die Einträge sind undatiert, scheinen nicht täglich, sondern in grösseren Abständen geschrieben worden zu sein.

Hier ist eine Auswahl.

  1. Es ist ein Morgen wie jeder andere. Gegen Mittag beginnt das Boot zu schwanken, erst schwach, dann heftig, schliesslich setzt ein unangenehmes Rütteln ein. «Wir halten uns wahrscheinlich hart an der Peripherie eines Seebebens auf», meint ein Kollege. Kleinere Schäden sind im Grossküchenbereich aufgetreten, aber leicht zu beheben. Was droben passiert ist, wissen wir nicht. Eine Erkundungsdrohne kehrt nach mehreren Stunden leicht beschädigt zurück. Das gelieferte Bildmaterial ist dürftig, da die Kameras wohl schon kurz nach dem Aufstieg ausgefallen waren.
  2. Im Grossen Saal geht eine bunte Revue mit ebenso exotischen wie freizügigen Tanzeinlagen über die Bühne. Während der Pause kommt es zu Tumulten, sodass die Ordnungskräfte einschreiten müssen. Ab nun sind solche Darbietungen verboten.
  3. Gegen Abend totaler Stromausfall. Angeblich wegen Überlastung des Netzes. Ein Notaggregat liefert ersatzweise Strom für die Kühlräume und wichtigsten technischen Einrichtungen. Erst gegen Mitternacht ist der Schaden behoben.
  4. Plötzlich begleitet uns ein Uboot der konventionellen Art. Als das Schiff nach Einschätzung der Bootsführer fast auf Kollisionskurs geht, macht der Erste Offizier auf unseren Mangel an Bordwaffen aufmerksam. Inzwischen hat der vermeintliche Angreifer abgedreht, um im Dunkel der Tiefe zu verschwinden.
  5. Ein mit zwei Erkundern besetztes Boot kehrt nach vier Stunden mit der Nachricht zurück, dass das Land bis gegen eine Hügelkette überflutet ist. Von Menschen keine Spur. Am Ufersaum befinden sich ramponierte Panzerfahrzeuge. Auf der höchsten Erhebung steht ein nach Norden hin leicht gekrümmter gelber Turm, der früher nicht da war. Am Horizont zeigte sich für Augenblicke etwas wie ein grosses Schiff.
  6. Die Versorgung mit vitaminreicher Kost wird zusehends schwieriger. Die Notfallapotheke gibt Kapseln aus mit, wie es heisst, den wichtigsten Substituenten. Probleme mit der Filteranlage zwingen zum Einschränken des Wasserverbrauchs.
  7. Das Boot gleitet durchs Mittelmeer. In den Saal projizierte Aussenaufnahmen zeigen seltsame Lebewesen, die zunächst nicht zu definieren sind. Nach altvertrauten Arten hält der Meereskundler vergebens Ausschau.
  8. Wir gehen an einer ligurischen Küste vor Anker. Bald werden alle die Abyssoica über einen Ponton verlassen.

Zusatz von Emilie Lindenwirth: Jetzt geht’s erst mal nach Hause, aber nicht per Schiff!


 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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