Sabine Brauer

Böses mit Bösem vergolten?

Erna, Käthe, Almut und Gerti, vier unzertrennliche Freundinnen, sind mit ihren E-Bikes unterwegs. Erni will unbedingt mal die Ehe mit der Kurbelfähre von Filsum nach Holtland überqueren. Das ist eine Fähre, die jeder kostenlos nutzen kann, er muss nur selber die Kurbel bedienen. Das Wasser ist ziemlich hoch angestiegen und die Uferränder sind glitschig. Doch rauf kommen sie noch problemlos. Ein junger Mann gesellt sich zu ihnen und nun geht es los. Unter viel Geschnatter und Gelächter erreichen sie die andere Seite. Hier steht das Wasser über dem Steg und die alten Ladys müssen Schuhe und Strümpfe ausziehen, um durch den Matsch zu kommen. Zusätzlich müssen die Fahrräder getragen werden. Ratlos sehen sie sich an und dann geht ein flehentlicher Blick zu dem jungen Mann, der unbeteiligt am Geländer lehnt. Ob er nicht mal mit anpackt? Schließlich hat er sich ja schon von den Damen übers Wasser schippern lassen.

 

Der denkt nicht im Traum daran, Hilfe zu leisten. Vielmehr amüsiert er sich köstlich über die Omis. Erna sammelt nun Socken und Schuhwerk ein und bringt alles aufs trockene Land. Dann werden mit vereinten Kräften die E-Bikes herunter gehieft und auf den Weg getragen. Der Flegel hüpft ohne Schwierigkeiten hinterher und geht, die Hände in den Taschen vergraben, laut pfeifend von dannen.

 

Das Quartett macht sich lautstark Luft über die Unverschämtheit der heutigen Jugend. Haben die denn keinen Anstand mehr gelernt, schließlich sind die Frauen alle schon Ende siebzig, da ist doch wohl ein wenig Ehrerbietung zu erwarten. Natürlich nicht zu viel, denn zum alten Eisen gehören sie ja auch noch nicht. Gerti meint, sie sollten erst mal Rast im nahegelegenen Gasthaus machen und sich mit Kaffee und Kuchen verwöhnen. Gesagt, getan.

 

Eine Stunde später…

 

Almut bleibt fast der Bissen im Mund stecken, als sie gewahr wird, wer dort eng umschlungen mit seiner Liebsten um die Ecke geschlendert kommt. Ihre Gesichtsfarbe wird um einige Nuancen dunkler. Dann rennt sie auf die Straße, baut sich vor dem Fiesling auf und brüllt ihn an: „ Ja, da ist ja unser Galan von der Fähre, der nicht helfen konnte, weil ihm beide Hände in den Hosentaschen festgewachsen sind. Musst du uns jetzt auch noch hier in die Quere kommen und uns den Tag vermiesen?“ Dem jungen Mann ist jetzt mulmig, da er vor seiner Freundin so bloßgestellt wird und bringt keinen Ton heraus. Käthe gesellt sich zu dem Trio, nimmt das Mädchen freundlich beim Arm und lädt diese ein. Mädelchen, setze dich zu uns und bringe den Unnutz von Jungen mit. Wollt ihr Kaffee oder lieber Cola? Hier habt ihr beide ein Stück Schwarzwälderkirschtorte. Eigentlich hat er es ja nicht verdient, doch sollte man nie Böses mit Bösem vergelten." Ob es ihm eine Lehre war?

© Sabine Brauer

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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