Helga Asmuß

Witz oder Wunder

Witz oder Wunder

 

(Von Freud und Leid mit einem eigenwilligen Navi)

 

 

Ich sage: „Es war ein Wunder.“

Er meint: „Es war ein Witz.“

Wunderbarer Witz oder witziges Wunder – wie man es auch dreht, die eigene Sichtweise macht es. Und Wunder wärmen meine Seele, also bleibt es für mich beim Wunder. Denn wir sind heute ja schon fast auf dem „Camino“, dem Weg, der Wunderbares verspricht - wenn auch zur Zeit noch im Auto. Unsere eigentliche Wanderung beginnt erst übermorgen.

Heute schreiben wir den 13. September 2018. Von Berlin sind wir mit unserem kleinen Auto, dem „Trolly“ bis hierher, nach Gijon, an die bergige Küste Asturiens gereist, und ehe wir uns nun zu Fuß in Richtung Santiago aufmachen, wollen wir den Freund Alberto besuchen, der just hier, hoch oben auf dem Berg, seine von den Großeltern geerbte Villa in dem winzigen Ort V i l l e s c u s a bewohnt. Im Winter allerdings kehrt er „heim“ nach Berlin, dann wird es hier oben in der einsamen Bergwelt etwas ungemütlich.

Alberto hat uns also zum traditionellen Frühstück geladen – eine große Freude für uns, denn übermorgen begeben wir uns auf den entbehrungsreichen Fernwanderweg entlang der Küste Spaniens, bekannt als der „Camino del Norte“.

 

Soweit der Rahmen. Und nun folgt die Geschichte, diese wunderbare….

 

Villaescusa ist wie gesagt ein winziges Nest hoch oben in den Bergen Asturiens. Bei gutem Wetter kann der gute Alberto von seiner Höhe das blaue Meer sehen. Zum Einkaufen hat er zwei Möglichkeiten: Zur einen Seite liegt im Tal die mittlere Kleinstadt Colunga und zur anderen Seite das bezaubernde Städtchen Villaviciosa. Durch beide führt der Jacobsweg, daher sind uns beide Orte wohlbekannt. Im letzten Jahr hatten wir ein nettes, bescheidenes Hotel gefunden, von dem aus wir problemlos auf Albertos Berg gelangen konnten. Stand das nun in Villviciosa oder in Colunga? Es will uns einfach nicht einfallen. Wir würden schon

gern dort nächtigen, um morgen pünktlich bei Alberto zu erscheinen Aber das Teil ist auch beim besten Willen nicht auffindbar. Wir blättern die Seiten der Erinnerung durch, suchen krampfhaft nach Anhaltspunkten, taxieren die verstreuten Höfe, ob sich darin vielleicht das bescheidene Hotel verbergen könnte, nichts! Schon verlassen wir die kleine Stadt – erfolglos.

„Laß uns nach Villaviciosa fahren und von hinten auf den Berg, dabei entdecken wir es bestimmt, Marcel!“

Gut, versuchen wir es.

Und nun wird bitte der Navi seinen Job antreten, denn unsere Spanienkarte ist uns hier leider keine Hilfe. Mit derartig kleinen Orten gibt sie sich nicht ab.

Und unser Navi – Freund oder Feind? – beginnt zu arbeiten. Wir geben ihm etwas Zeit, denn er bekommt seine Order von „oben“, das dauert schon mal. Und nun lenkt er mit stets gleich bleibender Frauenstimme den Fahrer auf immer kleinere Straßen und Sträßchen, asphaltiert zwar, aber so schmal, dass eventueller Gegenverkehr kaum eine Chance hat. Der aber ist so selten auf dieser abgeschiedenen AS 330, dass man ihn kaum fürchten muß.

„In 200 Metern links halten“, flötet die Stimme, „und auf die unbefestigte Straße fahren!“. Das scheint zwar sehr gewagt, aber unser Navi kennt sich aus, und in den meisten Situationen hat er sich als sehr hilfreich erwiesen.

Die ganze Sache kommt uns allerdings doch mehr als spanisch vor! Aber noch haben wir eine gute Portion Wagemut und holpern artig weiter auf der unbefestigten Straße. Das passt schon!

Nur leider wird unsere unbefestigte Straße nun zusehends schmaler, hohe Büsche verhindern die Sicht, wüst wächst das Gras von beiden Seiten in unseren eh schon schmalen Pfad hinein und unsere Zweifel wachsen mit. Wie einsam ist es hier, weder Mensch noch Tier, nicht mal Hunde verbellen uns!

„Nein, du, da fahren wir nicht weiter! Komm, dreh irgendwo um! Hier gibt’s mit Sicherheit kein Hotel!“

Also zurück das Ganze.

Wieder auf der bescheidenen Asphaltstraße fahren wir einfach vorwärts, mal sehen, was unser Navi dazu sagt. Der muß sich offensichtlich kurz sammeln, aber dann ertönt seine bekannte Stimme, freundlich, geduldig wie immer, die Mißachtung seines Vorschlages hat er offenbar schon verkraftet.

„Der Straße folgen. In zwei Kilometern an dem alten Steinhaus links abbiegen auf die unbefestigte Straße!“

Das halte ich nicht aus! „Du, da biegen wir n i c h t ab. Wenn er kein besseres Angebot als unbefestigte Straßen im Kasten hat, können wir ihm nicht mehr folgen! Schalte ihm am besten den Saft ab, dann kann er uns nicht mehr nerven!“

Nun fahren wir planlos ins Nirgendwo. Auf unser Hotel dürfen wir wohl nicht mehr hoffen. Hoffen wir lieber, dass wir hier heil herauskommen. Wir streunen nämlich seit einer guten Stunde auf namenlosen Hinterwaldgassen herum, immer irgendwie am Berg, aber bislang noch nicht drüber. Links halten war des Navis zweitwichtigste Ansage, nicht wahr? Links ist also unsere Richtung. Gut zu wissen. Wählen wir demnach ein linkes Sträßchen, lieber Marcel!

Das entspricht ganz entfernt auch meiner Vorstellung.

Auf unserer Irrfahrt passieren wir durchaus winzige Ortschaften. Begierig suche ich deren Namen auf der Autokarte. Erfolg gleich null, was umso fataler ist, weil sich die Sonne seit geraumer Zeit abgemeldet hat, und die Dunkelheit es hierzulande immer reichlich eilig hat. Und merkwürdig, im Vorbeieilen erkenne ich dieselben Ortsschilder mehrmals! Auch manche dekorative Villa - o ja, man lebt hier sehr edel! – erkenne ich wieder. Sehr verdächtig, nicht wahr Marcel! Hast du wenigstens die große Richtung noch drauf? Ich würde in dieser Lage weder Colunga noch Villaviciosa wiederfinden!

Lassen wir also doch noch einmal den Navi zu Wort kommen. Ohne Hilfe kommen wir heute nicht mehr raus!

Hier seine Ansage: „Auf die AS 258 fahren, dann links halten auf die CL 1, in anderthalb Kilometern links auf die unbefestigte Straße abbiegen.“ Kein Mitleid in der Stimme, keine andere Option. Also muß es wohl so sein. Vielleicht weiß er ja doch mehr….

Jetzt also links ab. Holpernd und krachend folgen wir dem steinigen Weg. Luft anhalten und durch! Alle Wege führen irgendwo hin. Sicher auch dieser. Doch wie um uns zu verhöhnen teilt sich der Weg urplötzlich und bietet nun drei Möglichkeiten zur Wahl, eine immer grausiger als die andere. Nicht viel mehr als steinreiche Fußpfade. Was sagst du nun, Navi?

Nichts sagt er, da bleibt ihm wohl die Spucke weg. Aber einen Platz zu Wenden gibt es bei der Enge des Weges auch nicht. Also wählen wir die sympathischste der drei Möglichkeiten aus (sofern ein steiniger Feldweg überhaupt sympathisch sein kann) und holpern einfach weiter, jetzt eigentlich nur noch zum Zwecke eines Wendemanövers. Dabei landen wir letztlich vor einem großen, hölzernen Gartentor und hier hat unsere Fahrt denn notgedrungen ein Ende! Mit dem letzten Schwung sind wir leider scharf bergab auf das Tor zugefahren, Das bedeutet natürlich, dass wir diesen Buckel wieder hochfahren müssen, um auf den elenden Pfad zu gelangen. Marcel flucht, der Motor heult, die Reifen spucken Steine und schwarze Erde und dann stehen wir in der rechten Richtung, um die rettende Asphaltstraße schließlich wiederzufinden.

Und wir haben es geschafft! Durchatmen. Nun haben wir wenigstens eine saubere, wenn auch enge Straße unter den Rädern. „Wohin fahren wir jetzt eigentlich, Marcel?“ „Ist doch egal. Einfach weiter!“

Die Dunkelheit schreitet voran, schneller als uns lieb ist. Also bleiben wir besser auf der Straße und warten, wohin sie zu bringen beliebt. Deinem Angebot der nächsten unbefestigten Straße, lieber Navi, folgen wir nun bestimmt nicht mehr!

Hätte ich nur einen bekannten Ortsnamen, ich wollte uns schon heraushelfen aus dieser kniffligen Lage. Aber nun deckt die Dunkelheit endgültig ihr Tuch über diesen Wirrwarr von Wegen und Sträßchen und Resignation macht sich breit. Immer abwärts rollen wir. Das ist irgendwie merkwürdig. Colunga und Villaviciosa liegen doch in der Ebene. Wohin hat es uns um Gottes willen verschlagen? Jetzt führt der Weg gar durch einen Wald und wenn ich das Glitzern vom letzten Licht auf der Wasserfläche richtig deute, dann sind wir am Meer angekommen. Wie konnte das denn passieren?

Durch die schwarzen Stämme erkennt man den hellen Sandstrand, sportliche Menschen mit bunten Surfbrettern streben der großen Wiese zu, Camper haben die Tische fürs Abendbrot gedeckt, Kinder rennen mit Hunden um die Wette – ein echte Idylle! Aber hier können wir nicht bleiben. Wir brauchen ein Hotel, klein und bescheiden, Hauptsache ein Dach über dem Kopf….

„Ehe wir jetzt die ganze Strecke zurückfahren, Marcel, gib doch den Namen „Colunga“ ein. Damit kann der Navi sicher etwas anfangen!“

Und wie er das kann! Er hat doch den besseren Überblick, denn seine Orientierungsgabe hat er wie gesagt von ganz oben. Er führt uns geduldig durch Straßen und Sträßchen, geschätzte 16 Kilometer zum gewünschten Ziel, bis denn sein letztes Angebot erfolgt: „Nach hundert Metern rechts abbiegen auf die unbefestigte Straße….“

Laß stecken, Navi! Ob rechts oder links, wir drehen dir jetzt endgültig den Saft ab und vertrauen dem alten Saint Jacques, zu deutsch „Jakobus“, der soll uns hier rausholen! Wir fahren einfach und warten.

Und dann das! Kein Witz, hier steht urplötzlich das Hotel, das so lang gesuchte! Unvermittelt, unerwartet, einfach so. An der bewussten Ecke. Das Bild, das wir so lange im Kopfe herumgetragen hatten. Wir erkennen es beide im selben Moment, wie vom Donner gerührt. Sogar die junge Wirtin erkennt uns sofort. „Werden Sie wieder zu Ihrem Freund auf dem Berg gehen?“ Sie hat Alberto nicht vergessen.

Wir aber werden nie erfahren, auf welchen verschlungenen Pfaden wir letztlich ans Ziel gelangt sind. Das weiß nur der Navi oder der Heilige Jakobus, eben Saint Jacques, auf dessen Wegen wir ab übermorgen wandeln werden. Der hat immer ein paar Wunder in der Tasche für die Wanderer, die an seine Wunder glauben.


Helga Asmuß, im Oktober 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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