Jürgen Morgenstern

Auf dem Dachboden

Hierher verzog er sich immer, wenn er sauer war. Dann musste er allein sein und über alles nachdenken, seine wirren Gedanken ordnen. Seine Mutter sprach ihn in solchen Momenten oft an, wenn er besorgt aus der Schule kam: "Junge, was ist los? Irgendwas ist mit dir, ich merk das doch." Er blieb dann stumm und ging in sein Zimmer, oder eben, wie heute, auf den Dachboden.
Ja, heute war es heftig über ihn hereingebrochen. "So jemand wie du gehört nicht hierher!" Ja, das hatte sein Religionslehrer zu ihm gesagt, als er vor der Klasse stehend kein Wort herausbrachte, um die biblische Geschichte zusammenzufassen, die sie als Hausaufgabe zuhause hatten lesen sollen. Er war als einziger aus seinem Dorf hier am städtischen Gymnasium und litt eh unter heftigen Minderwertigkeitsgefühlen, inmitten der vielen Lehrer-, Rechtsanwalts- und Arztkinder. Immer wieder hatte er selbst Zweifel, hier überhaupt richtig zu sein. Otto, mit dem er vier Jahre lang die Bank in der Grundschule teilte, war viel besser als er, in allen Unterrichtsfächern. Aber kein Gedanke daran, an das Gymnasium in der 15 km entfernten Kleinstadt zu wechseln. "Das ist was für die besseren Leute", hatten dessen Eltern gesagt. Und jetzt das: Dieser gemeine Gluck, das war der Name dieses Lehrers, den er zum Glück nur in einem Fach erleiden musste, dieser fiese Typ sagte es laut: "So jemand wie du gehört hier nicht her." Jakob war völlig erschüttert, als er diese Worte hörte. Er sah dem Erzürnten dabei ins aufgedunsene Gesicht, das sich in Falten legte und zitterte. Auf der riesigen Stirn standen Schweißperlen, eine Haartolle fiel darüber. Ja, er musste es ernst meinen, musste ihn richtig hassen, in ihm einen Dorftrottel sehen. Jakob erzitterte am ganzen Körper, konnte nichts sagen. Sollte er sich entschuldigen, sollte er weinen, sollte er aufschreien? Er wand sich zu seinem Platz, noch bevor Gluck sein "Setzen!" herausschrie, ergriff seinen Ranzen und verlies in Windeseile den Klassenraum und das Schulgebäude. Er machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle, verlief sich, landete im Stadtpark und spürte, wie sich in ihm die Verletztheit in Wut verwandelte. 
Er nahm den frühen Bus zurück in sein Dorf, schlich sich, von seiner im Garten arbeitenden Mutter unbemerkt an seinem Zimmer vorbei direkt auf den Dachboden, den sie gerade vor einigen Wochen entrümpelt hatten. Nur noch ein altes Fahrrad, ein zum Trocknen aufgehängtes Badetuch und ein Stuhl standen dort. Jakob öffnete das trüb gewordene Giebelfenster, ging zum Dachfenster, um auch dieses zu öffnen. Die einströmende klare Luft vertrieb die typische Dachbodenstickigkeit. Das tat gut. Unter dem Fenster standen die gesammelten Weinflaschen, die sein Großvater im Herbst wieder mit Obstsäften füllen würde. Er fand noch eine volle vom letzten Jahr, öffnete sie und trank den Apfelsaft in zwei riesigen Zügen, als wollte er sich Kraft einflößen. Die leere Flasche stellte er zurück zu den anderen und setzte sich auf den Stuhl neben der Dachluke. In ihm rumorte es, die Wut wuchs, irgendwie musste da was raus. Sein Blick fiel auf die Flaschenansammlung und auf seiner inneren Kinoleinwand erschien Gluck, riesig vor ihm stehend, mit seinem wütenden Gesichtsausdruck. Plötzlich merkte Jakob, wie dieser Widerling kleiner wurde, schrumpfte. Ja, er wurde zum Zwerg mit riesigem Kopf. Mit diesem Bild im Kopf trat Jakob zu den Flaschen, nahm eine in die Hand, justierte das Bild so, dass Gluckis Kopf noch größer und schärfer wurde. So stand er ihm gleichgroß gegenüber. Auf seinem Rücken hatte sich ein Buckel gebildet, Buckel-Glucki! Jakob umfasste die Flasche fest, holte aus und schlug sie mit aller Wucht auf den Buckel-Glucki-Wicht. Sie zerschellte auf der offen stehenden Dachluke. Die Scherben polterten und klackerten ins Treppenhaus. "Junge, bist du schon da? Was ist los? Irgendwas ist mit dir, ich merk das doch."

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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